In Hamburg findet ab dem 29.10. das neunte Afrikanische Filmfestival statt – in einer gekürzten Corona-Edition. FINK.HAMBURG hat mit dem Initiator des Festivals über seine Geschichte und die afrikanische Filmszene gesprochen. 

Eigentlich wollten wir über das Afrikanische Filmfestival schreiben, ohne dass die Corona-Pandemie dabei eine große Rolle spielt. Wir trafen Hans-Jörg Heinrich, der seit 2012 gemeinsam mit einer kleinen Gruppe das Festival jährlich in Hamburg organisiert. Diesen Donnerstag startete die neunte Ausgabe. Kurz vorm Gespräch gab die Bundeskanzlerin dann die neuen Kontaktbeschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie bekannt.

Ab dem 2. November müssen Kinos geschlossen bleiben. Das stellt den Plan für das Festival völlig auf den Kopf: Es endet früher und nicht erst am 8. November. Ein Großteil der 26 Vorstellungen, die im Studio Kino laufen sollten, werden nicht stattfinden. Heinrich musste vielen eingeladenen Regisseur*innen absagen. Einen Flug aus London storniert er direkt nach unserem Gespräch.

Verzerrtes Bild in den Medien

Und trotzdem: Heinrich freut sich auf die wenigen Tage, die geblieben sind. Das Filmfest ist seine Herzensangelegenheit. Früher arbeitete er als Kunsterzieher. Nach seiner vorzeitigen Pensionierung versuchte er sich als Dokumentarfilmer. Zwei Filme drehte er. Einen fürs Fernsehen, der dann vom Sender letztendlich nicht gezeigt wurde. Den anderen produzierte, filmte, schrieb, schnitt und vertrieb er komplett selbst. „Es ging über Rapper im Senegal. Damit hab ich fünf Jahre zugebracht und würde so ein Projekt in der Art aber nicht nochmal machen, so komplett ohne zusätzliche finanzielle Mittel.“

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Hans-Jörg Heinrich (2.v.l.) und sein Team bei der Eröffnung des Festivals 2020. Foto: Maximilian Kaiser

Nachdem sein geplantes Nachfolgeprojekt über Jazzmusiker*innen keine finanzielle Unterstützung erhält, beginnt Heinrich erstmals über die Organisation eines Filmfests nachzudenken. „Seit 1995 bin ich in afrikanischen Ländern unterwegs und hatte gemerkt, dass die Vorstellung hierzulande über Afrika doch sehr einseitig ist“, so Heinrich. In den Medien würden hauptsächlich Bilder von Katastrophen, Hunger, Dürre, Armut, oder eben der Folklore, also tanzenden und lachenden Menschen gezeigt.

Heinrich verbringt einige Zeit in Kamerun, seine Leidenschaft fürs Trommeln bringt ihn schließlich nach Guinea. Dort lernt er auch seine Frau kennen. Mit seinem Festival über afrikanische Kultur möchte er den Leuten in Hamburg zeigen, dass Afrika keine Monokultur ist, sondern dass selbst innerhalb der Länder eine große Vielfalt existiert.

Hans-Jörg Heinrich bei seiner Ansprache zur Eröffnung des Filmfestivals. Foto: Maximilian Kaiser.
Hans-Jörg Heinrich bei seiner Ansprache zur Eröffnung des Filmfestivals. Foto: Maximilian Kaiser

Nachdem er ein Filmfestival in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos besucht, beginnt er eine Truppe zusammenzustellen. „Wir waren zu viert. Anfangs hatten wir alle nicht so viel Ahnung, wie man das macht“, erzählt Heinrich. „Wir haben uns dann in alles reingearbeitet: Was kostet das? Wie macht man das? Wie kommt man an Filme?“. In Köln gibt es bereits ein großes Afrikanisches Filmfest. Zu den Organisator*innen dort hat Heinrich ein gutes Verhältnis, profitiert von deren Know-how.

Viele Filme sind sehr politisch

Die Filmindustrie in vielen afrikanischen Ländern ist laut Heinrich schlecht entwickelt. Nigeria hat eine der größten Industrien des Kontinents, bekannt als „Nollywood“. Aber das seien eben Filme, die wir nicht zeigen und nicht den europäischen Geschmack treffen: „Das sind sehr einfach gemachte, also schnell produzierte Filme“, so Heinrich. Sie würden den typischen afrikanischen Humor zeigen, seien aber dramaturgisch eher langweilig.

Die Filme, die beim Afrikanischen Filmfestival in Hamburg laufen, sind eher im Stile europäischer Arthouse-Produktionen. Häufig werden sie laut Heinrich auch mit Geldern aus Europa finanziert. Thematisch sind sie höchst politisch: „Aus Nordafrika haben wir sehr viele Filme, die sich mit der Rolle der Frau beschäftigen. Frauen, die ihre traditionell zugewiesene Rolle nicht mehr einnehmen wollen und rebellieren. Es geht um Schwangerschaftsabbruch, Abtreibung oder Zwangsverheiratung“, sagt Heinrich.

Traditionalisten kritisieren das: Für die Filmemacher bliebe ihr Engagement nicht immer ohne Folgen. Der Film „Le Présidente“ von Jean-Pierre Bekolo aus Kamerun, in dem er mit den Machthabern des Kontinents abrechnet, die sich zu Präsidenten auf Lebenszeit ernennen, sei in seinem Land verboten worden und der Regisseur aus Angst um seine Sicherheit ausgereist, so Heinrich. Ein Filmemacher aus Burundi musste ebenfalls fliehen, weil seine Dokumentation thematisierte, wie das Regime seines Heimatlandes Menschen einsperrt und foltert.

Die Filme fürs Festival entdeckt Heinrich meistens über spezialisierte Verleiher. Filmemacher können ihre Arbeiten aber auch einreichen. Die Organisation nimmt viel Zeit in Anspruch. „Wir müssen eigentlich schon jetzt im November wieder den ersten Antrag für nächstes Jahr stellen“, sagt Heinrich. Sein Team ist klein. Über Leute, die sich bei ihm bewerben, um zu helfen, freut er sich sehr. Dass momentan niemand im Team afrikanische Wurzeln hat, bedauert er.

Aufklärungsarbeit durch Diskussionen

Miteinander zu reden ist Heinrich besonders wichtig. Je nachdem, welcher Film gerade läuft, findet er dann ganz unterschiedliche Ansprechpartner. „Wenn etwa ein äthiopischer Film bei uns läuft, dann kommen 10 bis 12 Leute, die auch aus dem Land stammen“, sagt er. Nach der Vorstellung diskutieren Heinrich und sein Team gerne noch mit dem Publikum – besonders gerne, wenn ein*e Regisseur*in oder Darsteller*in des gezeigten Films anwesend ist.

Der Film "You will die at twenty" wird zur Eröffnung gezeigt.
Der Film „You will die at twenty“ wurde zur Eröffnung gezeigt.

Obwohl das Filmfestival aufgrund der neuen Corona-Verordnung nun nur bis zum 2. November laufen wird, möchten Heinrich und sein Team bis dahin wie geplant das Programm zeigen. Eventuell möchte man für die restlichen Filme dann ein Ersatzfestival im Januar veranstalten, aber das ist alles noch unklar. 

Tickets für Filme des Festivals gibt es noch an der Abendkasse und online auf der Website des Kinos.

Beitragsbild: Daniel Kulle

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Wenn man Maximilian Kaiser, Jahrgang 1992, in der Bahn mit Kopfhörern trifft, nickt sein Kopf und die Lippen singen mit. Aber bloß keinen Schlager, denn obwohl er am 11.11. geboren ist, hasst er Fasching. Eigentlich wollte er nach seinem Abitur zum Film. Nach abschreckenden Einblicken in die Branche entschied er sich jedoch dafür, in seiner Heimatstadt München Mediadesign zu studieren. Während seines Studiums entdeckte er seine Liebe für die Fotografie, gerne schön nostalgisch analog. Nach seinem Bachelor bereiste er als Junior-PR-Manager einer Firma für Kommunikationstechnologie afrikanische Länder wie den Sudan und Ghana. In Hamburg will er wieder kreativer werden – für FINK.HAMBURG aber auch privat, wenn er mit Kopfhörern und Kamera die Stadt erkundet. Kürzel: mak
Maja Andresen, Jahrgang 1994, trainierte in Spitzenzeiten vierzehnmal die Woche für Spitzenzeiten. Mit 17 entdeckte sie jedoch die Welt jenseits des Triathlons. Nach einem Jahr Work & Travel in Neuseeland tauschte sie die Kleinstadtidylle in Schleswig-Holstein gegen das Großstadtleben in Wien ein. Dort studierte sie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Ihrem Interesse für Bewegtbild ging sie als Set-Runner beim Tatort Hamburg nach. Das gefiel ihr so gut, dass sie ihr Studium für zwei weitere Filmproduktionen unterbrach. Jetzt kennt sie auch die ausgefallenen Kaffeevorlieben von Bully Herbig und Matthias Schweighöfer. Nach dem Studium entwickelte und produzierte sie bei der ZEIT Akademie in Hamburg E-Learnings und schrieb für den dazugehörigen Blog. Sport macht Maja immer noch. Aber nur dreimal die Woche. Kürzel: man

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