Achtung, Triggerwarnung: Dieser Artikel handelt von Fehlgeburten. Der Text enthält Schilderungen und Beispiele zu dem Thema. Bei manchen Menschen kann das negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.

Rund jede sechste Frau weltweit erleidet in ihrem Leben eine Fehlgeburt. Betroffene suchen oft die Schuld bei sich und schweigen. Warum wir offener über Fehlgeburten sprechen sollten, zeigt die Geschichte einer Hamburgerin.

Von Marie Filine Abel und Maja Andresen

Fast genau vor einem Jahr wäre der „kleine Stern“ von Rea* und ihrem Mann auf die Welt gekommen. Immer wieder laufen ihr Tränen über das Gesicht, wenn sie darüber spricht. „Es ist schon deutlich besser als in der Zeit danach. Es kommen aber immer wieder Situationen, in denen ich daran zurückdenke“, sagt sie.

Die Tage um den errechneten Geburtstermin ihres Kindes sind für Rea besonders schlimm. Die heute 35-Jährige hatte vor etwa genau einem Jahr eine verhaltene Fehlgeburt, eine sogenannte Missed Abortion. Sie verläuft eher asymptomatisch: Ungefähr zwischen der siebten und achten Schwangerschaftswoche hörte das Herz des Kindes auf zu schlagen. Körperlich spüren konnte Rea das nicht, sie hatte keine Blutungen und keine Schmerzen. Erst bei einem Vorsorgetermin erhielt sie die traurige Nachricht.

Fast jede*r kennt eine Person, die eine Fehlgeburt hatte

Mit ihrer Erfahrung ist Rea nicht alleine. Laut Quarks, dem wissenschaftsjournalistischen Format des Westdeutschen Rundfunks, erlebt jede sechste Frau in ihrem Leben eine Fehlgeburt. Die Dunkelziffer ist noch höher. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass jede*r eine Person kennt, die schon einmal eine Fehlgeburt hatte. In den meisten Fällen bedeutet das: Der Embryo entwickelt sich nicht weiter und ist somit nicht lebensfähig. 80 Prozent der Schwangerschaftsverluste kommen in den ersten zwölf Wochen vor. Deshalb wird oft dazu geraten, erst nach Abschluss des dritten Schwangerschaftsmonates öffentlich über die Schwangerschaft zu sprechen.

Die ersten zwölf Wochen sind heikel, denn dann nistet sich beispielsweise die befruchtete Eizelle ein und die Plazenta entwickelt sich, so Dr. Larisa Arefieva. „Passiert eine Fehlgeburt nur einmal, gehen wir davon aus, dass dies natürlich geschehen ist. Wir sprechen dann von Selektion“, sagt die Gynäkologin, die in Hamburg-Wilhelmsburg arbeitet. Gründe für Frühaborte sind laut dem Uniklinikum Heidelberg unter anderem eine Fehlverteilung der Chromosomen, Auffälligkeiten im Bereich der Gebärmutter oder Störungen im Bereich des Gerinnungssystems oder des Hormonspiegels. Auch die Qualität der Spermien können das Risiko erhöhen.

Erst bei wiederkehrenden Aborten ist eine intensivere gynäkologische Untersuchung notwendig. „Wenn es innerhalb eines Jahres oder von zwei Jahren ein zweites Mal passiert, dann stellen wir die Diagnose ‚Neigung zum wiederholten Abort‘ und dann dürfen wir die Frau weiter untersuchen“, erklärt Arefieva.

Unbelegte Annahmen rund um Schwangerschaften

Viele Betroffene suchen die Schuld bei sich. Auch Rea kennt dieses Gefühl. „Ich glaube, dass es Frauen unangenehm ist, dass sie dem Bild nicht gerecht werden, gesunde Kinder zur Welt zu bringen. Sie geben sich auch ein wenig die Schuld dafür“, sagt sie. Die Sorge sei groß, nicht gut genug zu sein.

Psychotherapeutin Dr. Almut Dorn erkennt dieses Muster auch bei vielen ihrer Patient*innen wieder. In einer privaten Gemeinschaftspraxis in Hamburg-Blankenese berät und begleitet sie Menschen rund um die Themen der gynäkologischen Psychosomatik. „Wenn ich der Meinung bin, dass ich richtig sein muss und nur dann das Kind bleibt, dann macht das natürlich einen enormen Druck“, erklärt sie. 

Laut der Gynäkologin Arefieva spielt die Psyche beim Verlauf einer Schwangerschaft eine große Rolle. Es sei ihre Aufgabe als Frauenärztin, für eine positive Einstellung ihrer Patient*innen zu sorgen. „In einer Schwangerschaft müssen wir sehr, sehr vorsichtig sein“, sagt sie. Jedes Wort könne einen Einfluss haben. Mit schwangeren Patient*innen spricht sie deshalb nicht über die Risiken einer Fehlgeburt. „Wenn alles gut geht, fällt das Wort kein einziges Mal“, so Arefieva.

Ob Gespräche über Fehlgeburten eine Gefahr für schwangere Personen sein könnten, ist wissenschaftlich nicht belegt. Starker Stress während der Schwangerschaft könne das Risiko erhöhen, heißt es zum Beispiel in einer unveröffentlichten Studie der Berliner Charité, über welche Deutschlandfunk 2007 berichtete. Aus der Studie geht hervor, dass bei Schwangeren, die vermehrt Stress empfinden, der Progesteronspiegel (das Hormon Progesteron ist für den Schwangerschaftserhalt verantwortlich) sinke und somit das Zusammenspiel von Hormonen und Immunsystem störe – jedoch wird dieses vermutlich nicht von einem reinen Aufklärungsgespräch ausgelöst. Ziel der Forschung sei es, möglichst frühzeitig Schwangere zu identifizieren, die von einer Einnahme des Hormons Progesteron profitieren würden.

Laut Psychotherapeutin Dorn gibt es viele unbelegte Annahmen rund um das Thema Schwangerschaften: „Manche denken, dass sie die richtige Einstellung brauchen oder entspannt sein müssen, damit alles gut geht.“ Aus wissenschaftlicher Sicht gebe es keine gut durchgeführte Studie, die zeige, dass Frauen, die Angst vor einer Fehlgeburt haben, auch mehr Fehlgeburten erleiden. In ihrer Praxis betreue sie Angstpatientinnen oder depressive Frauen, die gesunde Kinder zur Welt bringen. 

„Leider muss ich sagen, dass diese Mythen auch bei Gynäkolog*innen und Hebammen immer noch vorkommen“, so Dorn. Es sei deshalb wichtig, sich als Fachpersonal mit wissenschaftlichen Studien auseinanderzusetzen. Aktuell gebe es keine Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass eine positive psychische Einstellung notwendig sei, um schwanger zu werden und auch zu bleiben.

Die verschwiegene Diagnose

Betroffene wie Rea, die die Erfahrung einer Fehlgeburt hatten, hätten sich vorherige Aufklärung gewünscht. Schwangere sollten mehr über das Risiko von Fehlgeburten Bescheid wissen, sagt sie. „Ich denke, es ist gut zu wissen, was auf einen zukommen kann – wie häufig eine Fehlgeburt passiert und wie viele Schwangerschaften nach einer Befruchtung nicht funktionieren“, sagt sie.

Rea hat bereits ein gesundes Kind zur Welt gebracht. Ihre Gynäkologin begleitete sie bereits bei dieser Schwangerschaft, deshalb war das Vertrauen groß. Bei ihrer zweiten Schwangerschaft wurde sie sich schnell unsicher: Nach eigenen Recherchen hätte der Embryo schon größer sein müssen. Zudem litt sie zwischen der fünften und sechsten Schwangerschaftswoche an einem Magendarmproblem. In Rea machte sich das Gefühl breit, dass etwas nicht stimmte.

Reas Frauenärztin versicherte ihr, dass alles gut laufen würde. „Besonders schwierig war für mich, dass sie mich sehr in Unsicherheit hat stehen lassen. Sie wollte mir, glaube ich, auch immer wieder Hoffnung machen“, erzählt Rea. Doch die Unsicherheit blieb. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Frauenärztin nicht ganz ehrlich zu ihr war – Rea holte sich eine Zweitmeinung und damit die traurige Gewissheit: Das Herz ihres Kindes schlug nicht mehr.

Als Privatpatientin konnte Rea in ihren Rechnungen einsehen, dass die erste Gynäkologin bereits von einem „Missed Abort“ ausgegangen war. „Ich glaube, Frauen sollten wirklich früh aufgeklärt werden – auch wenn es nur eine Vermutung ist und sie vielleicht damit verunsichert werden. Sie fallen sonst sehr tief hinterher.“

Jeder Schwangerschaftsverlust ist anders

Zeit, die traurige Nachricht zu verarbeiten, bleibt meist nicht. Die Betroffenen müssen eine Entscheidung treffen, wie es weitergeht. Das Entzündungsrisiko ist hoch. Der abgestorbene Embryo muss aus dem Körper raus. Entweder durch eine Ausschabung im Krankenhaus oder medikamentös über eine sogenannte Stille Geburt zu Hause. Auch wenn es heutzutage bei einer Ausschabung kaum mehr zu Schleimhautverletzungen kommt, entschied sich Rea für die Medikamente. Sie wollte dabei sein und nicht nach einer Narkose aufwachen, wenn der Eingriff schon passiert ist. „Ich hatte Angst, dass mein Kopf oder auch mein Bauch da nicht hinterherkommen. Und so habe ich dieses Kind, wie auch immer man das sagen will, geboren und gehen lassen“, erzählt sie.

Diese Entscheidung müssen alle Betroffenen treffen. Da gibt es kein richtig und kein falsch. Keine Geschichte gleicht der anderen. Nicht alle Frauen fallen nach einer Fehlgeburt in ein tiefes Loch. „Zwei Frauen können in derselben Situation sein, und die eine haut es um und die andere nicht“, erklärt Psychotherapeutin Dorn. Ausschlaggebend sei dabei die individuelle Lebenssituation. Habe eine Person schon lange einen Kinderwunsch, dann wirke eine Fehlgeburt oft anders nach, als wenn die Schwangerschaft eintritt, direkt nachdem die Verhütung abgesetzt wurde. Auch spiele mit rein, ob die Person vor Kurzem andere Verluste erlebt habe oder psychisch vorbelastet sei.

Für Rea war die Fehlgeburt ein extrem einschneiendes Erlebnis. Schon ihre erste Schwangerschaft war mit vielen Unsicherheiten verbunden: Ihrem Mann und ihr wurde diagnostiziert, dass sie nie auf natürlichem Wege schwanger werden würden. Als dann die freudige Nachricht kam, war die Überraschung groß. Doch trotz aller Freude, blieb die Unsicherheit. Auch ihr Alter habe dabei eine Rolle gespielt: Mit 35 Jahren kommt die Angst, dass es gar nicht mehr klappt. „Auch die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt wird höher und deshalb macht man sich natürlich Gedanken“, sagt sie.

Rea hat einen Therapieplatz bekommen. Nicht jede*r braucht das nach einem Schwangerschaftsverlust. Manchmal reiche auch eine einfache Begleitung in Form von wenigen Beratungsgesprächen, erklärt Psychotherapeutin Dorn. Wichtig dabei sei es immer, die Trauer zuzulassen. Es gibt viele Gründe, nicht offen mit einer Fehlgeburt umzugehen, wie Unverständnis im Bekannt*innenkreis oder Konsequenzen im Job. Von einer Patientin weiß die Psychotherapeutin, dass diese nach der Offenlegung ihrer Fehlgeburt aus Projekten rausgezogen und schließlich gekündigt wurde. Trotzdem rät Dorn in allen Fällen dazu, zumindest den engsten Vertrauenspersonen davon zu erzählen.

Das Schweigen brechen

Mittlerweile sind einige prominente Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten haben, damit an die Öffentlichkeit gegangen. Zum Beispiel schrieb Model und Schauspielerin Marie Nasemann 2019 in ihrem Blog über ihre Verlusterfahrungen, sie teilte ihre Gedanken auch auf Instagram. Model und Autorin Chrissy Teigen, Ehefrau von Sänger John Legend, berichtete im Oktober 2020 auf Twitter – direkt aus dem Krankenhaus. Auch die Geschichte von Schauspielerin und Duchess of Sussex Meghan Markle stand im November 2020 in der „New York Times“. Sie alle haben das Tabuthema in den Fokus der Berichterstattung getragen. Als Personen des öffentlichen Lebens ebnen sie damit vielen anderen den Weg, sich ebenfalls zu trauen.

Die Psychotherapeutin Dorn sagt, dass es vielen ihrer Patient*innen hilft, von diesen Geschichten zu erfahren. Viele denken, dass das Unglück nur sie alleine treffe. „Wenn Prominente mit solchen Themen an die Öffentlichkeit gehen, die eben nicht nur von Erfolg geprägt sind, dann hilft es, Fehlgeburten zu normalisieren“, so Dorn. Und trotzdem würden sich die meisten erst dann zeigen, wenn ihnen wieder etwas Gutes passiert sei, wie zum Beispiel eine erneute Schwangerschaft. Sie hat Verständnis dafür, denn: „Die Angst, darauf reduziert zu werden, ist groß.“

Auch unbekannte Personen gehen mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit. Manchmal auch mit Klarnamen oder Foto, aber meistens anonym. Rea möchte unerkannt bleiben. Unter einem Pseudonym machte sie sich in verschiedenen Internetforen auf die Suche nach Gleichgesinnten: „Es hat mir geholfen mit Frauen zu sprechen, denen es auch passiert ist und die mich wirklich verstehen konnten.“ Sie suchte sich zudem Unterstützung bei Pro Familia in Hamburg. Wegen Corona konnte sie nur am Telefon beraten werden, trotzdem waren die Gespräche wertvoll. „Über eine Zeit von über vier Wochen begleitete mich eine Frau. Sie hat mich immer wieder nach schweren Frauenarztterminen angerufen und ist diese mit mir durchgegangen“, berichtet Rea.

Akzeptiert die Trauer

Mit Menschen zu reden, die noch keinen Schwangerschaftsverlust erlebt haben, ist nicht immer einfach. Viele Begegnungen außerhalb Reas virtuellen Rückzugsort waren sehr anstrengend. „Mir sind einige Gespräche über meine Fehlgeburt sehr schwergefallen“, erklärt sie. Rea hatte oft das Gefühl, dass ihre Traurigkeit nicht ausgehalten wird. Zu oft habe sie Floskeln gehört wie „Das wird schon wieder.“ und Lösungsvorschläge für ihre Lebenssituation. Aufmunterungsversuche, die gut gemeint waren, konnte sie nicht hören. „Jetzt seid doch mal still, ihr wisst doch gar nicht, wie sich das anfühlt!“ Sätze wie diese gingen Rea in solchen Momenten durch den Kopf.

Dass es uns als Gesellschaft so schwerfällt, Trauer zu akzeptieren, beschreibt Dorn als ein gesellschaftliches und kulturelles Problem. „Alle sind immer ganz schnell damit beschäftigt zu sagen ‚Aber du bist jetzt nicht zu traurig?‘ oder ‚Wann geht es weiter?‘ anstatt die Situation auszuhalten, und zu sagen, dass es in Ordnung ist, sich schlecht zu fühlen“, so die Psychotherapeutin.

Rea hätte sich gewünscht, erst einmal keine Vorschläge und auch keine Verallgemeinerungen zu hören. „Einfach erst einmal hören, wie es mir geht und meine Trauer wahrnehmen – vielleicht sogar mitzutrauern.“ Das hätte sie gebraucht. Psychotherapeutin Dorn rät zu mehr Akzeptanz: „Man muss die Situation nicht schlechter reden, als sie ist, aber auch nicht besser, als sie ist.“ Wichtig sei auch, dass die Angehörigen trauern, denn auch bei ihnen würden mit dem positiven Schwangerschaftstest sofort eine Verbindung zu diesem Kind entstehen. Sei es der oder die Partner*in, die Großeltern, Tanten und Onkel oder die engsten Freund*innen.

Unsere Gesellschaft möchte schnell nach Krisen wieder nach vorne schauen und Lösungen finden – die Trauer einfach auszuhalten, ist manchmal nicht so einfach, aber notwendig. Auch eine angemessene Aufklärung von Gynäkolog*innen kann helfen, damit sich Betroffene nicht alleine fühlen. Darüber respektvoll und auf Augenhöhe miteinander umzugehen, könnte den Prozess für Betroffene erleichtern.

Das Tröstliche nach einer Fehlgeburt sei meist eine erneute, unkomplizierte Schwangerschaft, sagt die Psychotherapeutin. Rea und ihr Mann versuchen gerade wieder schwanger zu werden. Sie holen sich dafür Hilfe bei einer Kinderwunschklinik in Hamburg.

*Name von der Redaktion geändert

Brauchst du Hilfe oder Unterstützung? In Hamburg gibt es kostenlose Beratungsstellen bei allen Themen rund um Schwangerschaft:
Pro Familia
Diakonie
Sozialdienst katholischer Frauen


Illustration: Marie Filine Abel