Einmal im Jahr fliegen am Hamburger Hafen die Tannenbäume von Schiff zu Schiff – so kommt ein bisschen Weihnachten zu den Seeleuten, die über die Feiertage weit weg von zu Hause sind. FINK.HAMBURG hat die Aktion begleitet.

Mit lautem Hupen kündigt sich die Barkasse „Hafenperle“ bei den Schiffen an, die sie im Hamburger Hafen mit Tannenbäumen beliefert. Auf der Hafenperle fahren in diesem Jahr nur eine Handvoll Menschen mit – und rund 50 buschige Tannenbäume, die darauf warten, auf den Schiffen aus fernen Ländern ein neues Zuhause zu finden.

Unter einigem Rangieraufwand bringt sich die Hafenperle in Stellung. Dann geht es los mit der Tannenbaumübergabe. Bei den kleineren Hafen- und Binnenschiffen ist der Abstand von Reling zu Reling so gering, dass die Tannenbäume mit Schwung aufs andere Schiff geworfen werden. Bei den großen Container- und Kreuzfahrtschiffen ist das schon schwieriger. Hier kommt ein Seil zum Einsatz, an dem der Baum die Schiffswand entlang zur Crew schwebt, die ihn schon erwartet.

Jürgen Hagenkötter organisiert die Tannenbaumaktion am Hamburger Hafen.
Jürgen Hagenkötter organisiert die Tannenbaumaktion am Hamburger Hafen.

Im Dezember 2020 findet die Tannenbaumaktion schon zum 24. Mal statt. Seit 1997 organisiert Jürgen Hagenkötter vom Nordmann Informations-Zentrum das Event, um den Seeleuten etwas zurückzugeben, die Weihnachten und die Feiertage nicht bei ihren Familien verbringen können. „Als Hamburger hat man eine besondere Beziehung zum Hafen“, sagt er „Wir informieren im Informationszentrum über Traditionen und Ideen rund um die Nordmanntanne und da kam dann irgendwann die Idee auf, die Bäume auch auf die Schiffe im Hafen zu bringen und den Seeleuten so ein Stück Weihnachten zu bringen.“

Tradition in der Corona-Pandemie besonders wichtig

Aufgrund der Corona-Pandemie war lange unklar, ob die Aktion dieses Jahr stattfinden kann. In der zweiten Dezemberwoche geben die Hafenbehörde und der Hafenärztliche Dienst aber grünes Licht. Die Bedingungen, unter denen die Tannenbäume ausgeliefert werden dürfen: So wenig Menschen an Bord wie möglich und strenge Hygienemaßnahmen.

„Gerade in diesem Jahr ist es wichtig, den Seeleuten diese kleine Aufmerksamkeit zu überreichen – deshalb geschieht alles, um „in See stechen“ zu können!“

Hagenkötter erklärt im Vorfeld des Events, dass man in diesem Jahr ohne Gäste und ohne Gastronomie an Bord fahren werde. Überreicht werden die Bäume mit einem ganz kleinen Team – „wobei alle Hygienevorschriften exakt eingehalten werden“, so Hagenkötter. „Da die Tannen vom Außendeck und mit Masken überreicht werden und es keinerlei Aktivität im Schiffsinneren gibt, besteht keine Infektionsgefahr“, sagt er.

Für die beliebte Aktion haben die Organisator*innen ein kleineres Schiff als in den Vorjahren gechartert. Und nicht nur die sonst rund 150 Gäste fehlen, sondern auch ein ganz besonderer Gast ist dieses Jahr nicht an Bord: „In den letzten Jahren hat ein Weihnachtsmann die Tannenbäume geworfen und überreicht. Das ist natürlich immer sehr medienwirksam. Deshalb haben wir in diesem Jahr extra darauf verzichtet“, sagt Hagenkötter.

Polizeihauptkommissar Rüdiger Rohland lässt in diesem Jahr die Tannenbäume fliegen.
Polizeihauptkommissar Rüdiger Rohland lässt in diesem Jahr die Tannenbäume fliegen.

Die Übergabe liegt aber trotzdem in erfahrener Hand: Polizeihauptkommissar Rüdiger Rohland ist selbst schon seit 20 Jahren regelmäßiges Crewmitglied und schwingt die Tannenbäume dieses Jahr sicher übers Wasser.

Mit Herz und Tannenbaum

Trotz des typisch hamburgischen, grauen Schmuddelwetters – an Bord herrscht gute Laune und man merkt, wie sehr allen die Aktion am Herzen liegt. Zum Team gehört auch Ann-Marie Dieckmann, die der Maske zum Trotz mit Weihnachtsmütze und Tannenbaumohrringen weihnachtliche Stimmung verbreitet.

Ann-Marie Dieckmann ist seit 24 Jahren immer mit dabei.
Ann-Marie Dieckmann ist seit 24 Jahren immer mit dabei.

Ann-Marie ist die Tochter von Hagenkötter. Früher hat sie für die Tannenbaumübergabe sogar schulfrei bekommen: „Für mich läutet die Aktion immer die Weihnachtszeit ein und ich komme dann so richtig in Weihnachtsstimmung“, sagt sie. In diesem Jahr findet sie die Tradition ebenfalls besonders wichtig.

Ihr kommt dabei eine besondere Aufgabe zu: Um die Rundfahrt im Hafen dieses Jahr etwas abzukürzen, bringt eine kleine Delegation in Zodiacs – das sind kleine, motorisierte Schlauchboote – die Weihnachtsbäume zu den Schiffen, die nicht so zentral im Hafen liegen. Dazu gehört zum Beispiel das Museumsschiff Peking.

Zwischen Erwartung, Überraschung und Freude

Auf einigen Schiffen erwartet die Schiffsbesatzung die Hafenperle mit ihrer grünen, stacheligen Ladung bereits mit großer Vorfreude. Doch nicht jede Crew weiß sofort, was auf sie zukommt. Manchmal blicken der Hafenperle überraschte, vielleicht ein bisschen skeptische Gesichter entgegen. Aber allerspätestens wenn das Manöver glückt, der Tannenbaum auf der anderen Seite angekommen ist und sich die Hafenperle unter Winken und Merry Christmas-Rufen zum nächsten Halt aufmacht, sind die überraschten Mienen einem breite Lächeln gewichen.

Seeleute besonders von Corona betroffen
Aufgrund von Corona-Maßnahmen dürfen Seeleute oft ihre Schiffe nicht verlassen oder können nicht auf die Schiffe zurückkehren, auf denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Dadurch sitzen weltweit jeweils circa 400.000 Menschen fest, einige schon seit über 17 Monaten. UN-Organisationen bezeichnen die Zustände als unmenschlich und fordern Lösungen. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) hat zuletzt mehr Hilfe für die Seeleute verlangt.

Fotos: Eva Seuken