Saisonales Obst und Gemüse vor der Haustür – das geht mit einer Biokiste, die ganz komfortabel nach Hause geliefert wird. Aber ist das wirklich eine nachhaltige Alternative zum Super- oder Wochenmarkt?

Super-, Bio- oder Wochenmarkt: Obst oder Gemüse kaufen wir in der Regel hier. Doch es gibt noch eine weitere, ziemlich komfortable Alternative: Eine Biokiste direkt vor die eigene Haustür bestellen. In Hamburg gibt es circa 16 Anbieter, die das möglich machen. Das Versprechen dabei ist, dass man sich gesünder und abwechslungsreicher ernährt und der Umwelt etwas Gutes tut. FINK.HAMBURG hat sich gefragt, wie nachhaltig diese besondere Art des Lebensmitteleinkaufs ist und hat dafür mit einer Konsumentin, einem Produzenten und einer Expertin gesprochen.

Immer mehr Menschen möchten sich nachhaltig ernähren. Das zeigt das Ökobarometer 2019, eine Umfrage des Ministeriums für Landwirtschaft und Ernährung zum Konsum von Biolebensmitteln. Demnach gab jede*r zweite Befragte an, regelmäßig Bioprodukte zu kaufen. 80 Prozent der Befragten legen Wert darauf, dass die Produkte regional sind. Die Gründe für den Kauf von Bio-Produkten reichen von artgerechter Tierhaltung über Regionalität und Beitrag zum Umweltschutz bis hin zur Unterstützung und Verbreitung des ökologischen Landbaus.

Vom Feld direkt vor die eigene Wohnungstür

Eva Schlüter hat sich für eine Biokiste entschieden. Jeden Freitagnachmittag liefert ihr ein Bauer aus ihrer Region Obst und Gemüse direkt vor die Haustür. Das erleichtert ihr nicht nur den Alltag, sondern ist ihr Ansatz, nachhaltiger zu leben. Die Biokiste bestellt sie ganz einfach über die Internetseite des Bauernhofs. Dort wählt sie aus dem Sortiment, was in ihre Kiste kommen soll.

Sie muss sich bei ihrem Einkauf nicht einschränken, denn die Auswahl ist ähnlich groß wie im Supermarkt – allerdings dann auch nicht immer regional: „Es gibt verschiedene Kisten, zwischen denen man wählen kann“, erklärt die 28-Jährige. „Ich kann zum Beispiel sagen, ich möchte nur das Obst oder nur das Gemüse haben, das der Bauer selbst anbaut.“ Obst und Gemüse können zusammen in der Kiste landen. Wenn sie nicht explizit regionale Ware auswählt, ist gerade im Winter auch mal eine zugekaufte Ananas dabei.

Kurze Wege für frische Ware

Dieses Problem kennt auch Jura Nordhausen. Seit 18 Jahren beschäftigt sich der 36-Jährige mit gesunder Ernährung. Er hat seine Ausbildung in ökologischer Landwirtschaft gemacht und 2009 den Lieferservice Biokiste Hamburg gegründet. Nachhaltigkeit, insbesondere in der Landwirtschaft, ist für ihn selbstverständlich. Zuerst baute er Gemüse in seiner eigenen Gärtnerei an. Heute setzt er auf die Zusammenarbeit mit Gärtnereien aus Norddeutschland, aber auch auf einen Großhändler, um der Nachfrage seiner Kund*innen nach Tomaten und Bananen gerecht werden zu können. Und um die norddeutsche Obst- und Gemüseflaute im Winter zu überbrücken.

Seine Strategie sind kurze Bestellwege zwischen seinem Unternehmen und den Partnergärtnereien, damit das Obst und Gemüse auch immer frisch bei den Kund*innen ankommen und möglichst nichts verschwendet wird: „Wir bestellen mehrmals die Woche und planen eigentlich auch immer nur einen oder zwei Tage im Voraus,“ so Nordhausen. Manchmal kommt es vor, dass Kund*innen etwas bestellen, das aufgrund eines Lieferengpasses oder anderer unvorhersehbarer Probleme nicht lieferbar ist. Dafür sind die Produkte immer so frisch wie möglich.

Nichts verschwenden, weniger Plastik

Mit dem Lieferservice von dem Bauern aus ihrer Region hat Eva Schlüter in dieser Hinsicht auch schon andere Erfahrungen gemacht: „Es kann passieren, dass man Ware bekommt, die schon sehr reif ist,“ so Schlüter, „und weil man das Obst und Gemüse nicht wegschmeißen möchte, muss man sich richtig beeilen, es zu essen.“ Dann ist eine Lieferung schon nach zwei Tagen aufgegessen – und für die nächsten Tage bleibt nichts mehr übrig.

Das stört sie jedoch nicht besonders, denn gleichzeitig rettet sie so auch Lebensmittel, die im Supermarkt wahrscheinlich liegen geblieben wären. Außerdem spart sie Verpackungmüll. Denn die meisten Obst- und Gemüsekistenlieferanten arbeiten mit einem Pfandkistensystem und verzichten auf einen Großteil des Plastiks, das im Supermarkt oft anfällt.

Biokiste bis in den sechsten Stock

Ziel der Biokiste Hamburg ist es, komplett plastikfrei zu sein. „Wir arbeiten mit hochwertigen, lebensmittelechten Pfandkisten. Und für ein paar Artikel, wie beispielsweise Feldsalat, haben wir uns für Maisstärkebeutel entschieden“, so Nordhausen.

Sind die Kisten fertig gepackt, liefern die Mitarbeitenden sie an die Kund*innen aus. Bei kurzen Strecken mit dem Lastenfahrrad oder dem Elektroauto, für längere Strecken mit dem Auto. Vor allem für Alleinerziehende, Menschen die lange arbeiten oder kein Auto haben, könne die Lieferung einer Obst- und Gemüsekiste eine enorme Entlastung sein. Denn sie werden laut Jura Nordhausen gerne mal bis in den sechsten Stock geschleppt.

Auch bei Eva Schlüter steht die Kiste jeden Freitag vor der Wohnungstür, während sie noch bei der Arbeit ist. Das erspart ihr zwar nicht weitere Einkäufe, erleichtert diese aber. So hat sie immer eine Grundausstattung zu Hause – und muss kreativ werden. Denn anstatt zu entscheiden, was sie kochen möchte und die Zutaten dann im Supermarkt zu besorgen, überlegt sie sich Rezepte zu den Lebensmitteln, die in der Biokiste auf sie warten. Das sei auch eine gute Möglichkeit für Familien, um Kindern einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln beizubringen: „Man kann den Kindern zum Beispiel sagen: Das ist sehr reif, das sollten wir schnell verbrauchen“, so Schlüter.


„Mein Lieblingsgemüse ist die Kartoffel, weil man die so vielfältig zubereiten kann. Im Winter mache ich damit besonders gerne Kartoffelsuppe und das ziemlich frei Schnauze. Ich brate Zwiebeln und Kartoffeln an, manchmal kommt noch Kürbis dazu oder anderes Gemüse wie Sellerie, je nachdem was gerade so da ist. Das koche ich für 15 bis 20 Minuten. Dann püriere ich die Suppe, gebe Kokosmilch oder Kochsahne dazu, schmecke das ab – fertig!“


Wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin

Den kreativen Ansatz sieht auch Jana Fischer von der Verbraucherzentrale Hamburg als großen Vorteil von Biokisten. Sie arbeitet im Bereich Ernährung und Lebensmittel und hat Nachhaltigkeitswissenschaft studiert. Im Hinblick auf Nachhaltigkeit hält sie Biokisten grundsätzlich für eine gute Idee: „Viele Anbieter von solchen Kisten produzieren Bioware, was aus einer ökologischen Sicht zu bevorzugen ist. Und viele sind eben auch regional.“

Worauf Verbraucher*innen achten sollten, ist der Preis. Oft schließe man bei einem Biokisten-Lieferservice nämlich ein Abo ab, weiß Fischer. „Und da kauft man eben nicht das einzelne Produkt, sondern in vielen Fällen die Kiste“, so Fischer. Hier ist es wichtig, dass jede*r die Preise vergleicht und dann für sich selbst schaut, ob man sich die Kiste leisten möchte oder das Produkt doch günstiger auf dem Wochenmarkt oder im Supermarkt kauft.

Alternative: Solidarische Landwirtschaft

Bei Betrieben der solidarischen Landwirtschaft kann man ebenfalls Abonnements abschließen, zum Beispiel für ein ganzes Jahr. Abonnent*innen zahlen jedoch nicht den Preis für eine bestimmte Menge, sondern pauschal den Preis für ein Jahr Gemüse. Das heißt: Fällt die Ernte schlecht aus, kann auch der Anteil am Gemüse geringer ausfallen. Das System hilft den Höfen, denn sie können für ein Jahr sicher kalkulieren. Außerdem gibt es häufig Tage, an denen Abonnent*innen selbst auf dem Feld stehen und mit anpacken  – und so miterleben, wie Obst und Gemüse auf dem Hof angebaut werden.

Der große Vorteil der einer Obst- und Gemüsekiste ist auch, dass man sich explizit den passenden Anbieter aussuchen kann – und dann den nimmt, der auf regionale Bioprodukte spezialisiert ist. Denn wenn sich ein Betrieb mit den Begriffen Bio oder Öko bezeichnet, können sich die Verbraucher*innen sicher sein, dass die Lebensmittel auch nachhaltiger produziert sind: „Die Begriffe Bio und Öko sind in Deutschland geschützt, das heißt wenn Bio oder Öko irgendwo draufsteht, dann muss das auch den Richtlinien entsprechen“, so Fischer. Der Anbau von Obst und Gemüse unter dem Biosiegel unterliegt strengeren Auflagen und Gesetzen, als die konventionelle Landwirtschaft: So dürfen beispielsweise bestimmte Pestizide und Düngemittel nicht verwendet werden, was für die Umwelt vorteilhaft ist.

Es muss nicht immer ein Siegel sein

Egal welches Siegel drauf ist, ob das EU-Bio-Siegel, Demeter, Naturland oder Bioland – alle stehen für strengere Produktionsrichtlinien verglichen mit den gesetzlichen Vorgaben für herkömmlichen Anbau. Für das EU-Bio-Siegel müssen im Vergleich allerdings die niedrigsten Auflagen erfüllt sein, es ist also schwächer als die anderen. Und ein weiterer Aspekt muss laut Fischer beachtet werden: „Sehr kleine Anbieter produzieren manchmal auch sehr ökologisch, auch ohne dass ein Siegel drauf ist.“

Die Siegelzertifizierungen und damit verbundenen Kontrollen kosten den Betrieb Geld. Das lohnt sich für kleinere Betriebe oft nicht, muss aber kein Ausschlusskriterium sein: „Ein Anbieter kann auch ohne Biosiegel eine sehr gute Wahl sein, wenn er transparent zeigt, welche Düngemittel, welche Pestizide ausgeschlossen werden.“ Siegel helfen dabei, dass Konsument*innen nicht selber kontrollieren müssen und auf einen Blick nachvollziehen können, nach welchen Kriterien der Anbieter produziert.

Hauptsache regional und saisonal

„Je weiter das Obst und Gemüse transportiert werden muss, desto größer ist natürlich auch der ökologische Fußabdruck von diesem Produkt. Denn Transport erzeugt immer CO2“, so Fischer. Deshalb spielt es eine große Rolle, wie regional und saisonal eine Biokiste ist und welche Transportwege sie zurücklegt. Überregional erzeugt der Transport mit dem Schiff weniger CO2 als mit dem Flugzeug. Regional sind Lieferungen mit dem Auto umweltschädlicher als mit dem Lastenrad.

Obst und Gemüse müssen nicht unbedingt vom selben Hof kommen. „Es bringt aber auch nichts, wenn man sich in Hamburg eine Kiste mit Gemüse aus Baden-Württemberg bestellt.“ Das ist nicht besser als das Obst und Gemüse, das im Supermarkt mit dem Herkunftsland Deutschland bezeichnet wird – denn es kann trotzdem noch durch ganz Deutschland transportiert worden sein.

„Ein Produkt sollte durch die Wärme der Sonne wachsen“

Für den ökologische Fußabdruck spielt neben der Regionalität auch eine Rolle, ob ein Produkt innerhalb der passenden Saison angebaut wird. Entscheidend ist, wie lange ein Produkt gelagert und somit gekühlt werden muss: Je weiter außerhalb der Saison etwas angebaut wird, desto mehr Energie muss aufgewendet werden, um das Produkt frisch zu halten. Außerdem muss ein Produkt gewärmt werden, das außerhalb der Saison angepflanzt wird. „Gewächshäuser müssen geheizt werden, damit man zum Beispiel Erdbeeren im Winter anbauen kann. Das ist natürlich alles andere als ökologisch,“ erklärt Fischer.

Transportwege kann jede*r kurz halten: „Bei einigen Biokisten ist es so, dass man das Obst und Gemüse an einem zentralen Ort selber abholt.“ Das geht am besten zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Lastenrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln – aber nicht mit dem Auto.

Kohl ist nicht gleich Kohl

In der Regel sind die Informationen zu Produktionsweisen, Regionalität, Saisonalität und Transport bei den meisten Anbietern transparent dargestellt. Oft kann man auch eine regionale und saisonale Kiste auswählen. Dann ist besonders im Winter oft Kohl in der Kiste – und der kann überraschend vielfältig sein.

Jana Fischer sieht auch das als Vorteil der Biokiste: „Man merkt dann, dass ein Spitzkohl ganz anders schmeckt, als ein Grünkohl und der ganz anders schmeckt als Chinakohl.“ Ausprobieren, in Berührung kommen, gezwungen sein, sich mit saisonalem Gemüse zu beschäftigen – für Jana Fischer kann eine Biokiste ein langfristiger Schritt in Richtung umweltbewusstere Ernährung sein. 


„Mein absolutes Lieblingsgemüse ist definitiv Spitzkohl, und zwar weil das ein super Vitamin C-Lieferant ist. Mein Lieblingsrezept ist ganz einfach: Den Spitzkohl ganz fein schneiden und zusammen mit Zwiebeln in einer Pfanne mit Deckel dünsten. Dann mit Kreuzkümmel würzen, und wer mag gibt noch einen kleinen Schuss Sahne dazu. Dazu Reis oder Kartoffeln und wenn man möchte Tofu, Fisch oder Fleisch zubereiten.“


Abgesehen von aller Nachhaltigkeit: Eine Obst- und Gemüsekiste kann das Leben bereichern. Eva Schlüter hat dadurch zum Beispiel Fenchel kennen- und lieben gelernt. Und auch für Jura Nordhausen ist die Biokiste viel mehr als nur eine Geschäftsidee. Es gefällt ihm, Menschen zu motivieren, sich wieder leidenschaftlicher mit ihrem Ess- und Konsumverhalten auseinanderzusetzen und dazu beizutragen, dass sie vielleicht sogar ihre Kochfaulheit überwinden. Denn: „Sich selbst Essen zuzubereiten, ganz genau das, was man mag und genau die Menge, die man mag – das kannst du nur, wenn du das selbst machst. Und das macht einfach glücklich.“

Titelbild: Pexels

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