Einfach mal abschalten und Corona entfliehen? Die Online-Serie „Druck“ macht’s möglich. FINK.HAMBURG hat mit Schauspielerin Rana Farahani darüber gesprochen, warum die Serie heute für Jugendliche relevanter ist, als es „GZSZ“ jemals war.

Seit Monaten sitzen wir Zuhause – tagein, tagaus. Wegen der Covid-19-Pandemie reduzieren wir unsere Kontakte, um andere und uns zu schützen. Kinos und Theater sind geschlossen. Bars, Restaurants und Clubs begegnen uns nur noch in unseren Gedanken und Träumen. Wir feiern keine Partys mehr und wir sitzen auch nicht mehr zu fünft oder sechst in einer Küche.

Ausflug in ein Leben vor Corona

In der Online-Jugendserie „Druck“ ist das ganz anders: laute Musik, Bierkästen und viele Menschen. Die Freund*innen aus Berlin feiern viel und gerne. Geselliges Beisammensein, Kuscheleinheiten und viel Nähe – alles Dinge, die in Zeiten von Corona kaum noch vorstellbar sind. Genau deshalb ist diese Serie so aufbauend: Sie zeigt sorgenfreie Treffen mit den besten Freund*innen ohne Kontaktbeschränkung. Wer ein wenig Motivation und einen Hoffnungsschimmer braucht, dem sind die 15- bis 30-minütigen Folgen sehr zu empfehlen – als Ausblick auf die Zeit nach Corona.

Interaktiv dabei sein:
Zuschauer*innen können allen Protagonist*innen von „Druck“ auf Social-Media folgen. Auf Instagram posten die Charaktere Fotos und Storys aus ihrem fiktiven Alltag. Es gibt einen Telegram-Bot, der die neuesten Entwicklungen in Form von Chatverläufen oder kleinen Videoclips teilt. Auf Spotify gibt es den Serien-Soundtrack, der von der Fangemeinde in den Youtube-Kommentaren immer wieder gefeiert wird.

Als Zuschauer*innen begleiten wir die Freund*innen in Echtzeit: Um 22:47 Uhr auf WG- oder Schulpartys, sind bei Liebeskummer und Unsicherheiten dabei, erleben Glücksmomente oder um 08:03 Uhr Abistress. Offen und ehrlich wird in der Serie über Sex, Liebe, Familie und Freundschaft gesprochen. Und auch über Homosexualität, Essstörungen, Drogenkonsum, Religion, Feminismus, psychische Krankheiten, Sucht, Rassismus oder Transfeindlichkeit – Themen, die in Jugendserien eher wenig bis gar nicht gezeigt werden. Das macht „Druck“ so besonders.

Einblick in die Dreharbeiten von „Druck“

Die 29-jährige Schauspielerin Rana Farahani hat in der vierten Staffel von „Druck“ mitgespielt. Farahani kommt aus Hamburg und lebt seit Juni vergangen Jahres in Berlin, in der Stadt, in der auch „Druck“ spielt. In der vierten Staffel steht Amira im Mittelpunkt der Serie, Farahani spielt ihre Freundin Nadia. FINK.HAMBURG hat mit Farahani darüber gesprochen, warum ihre Hamburger Abizeit anders war als die in „Druck“ und wieso die Serie süchtig macht – auch wenn man selbst die Schulbank gar nicht mehr drückt.

„‚Druck‘ ist eine Zeitgeist-Serie“

Schauspielerin Rana Farahani, Foto:
Schauspielerin Rana Farahani fühlt sich in Berlin sehr wohl. Gebürtig kommt sie aus Hamburg und schließt nicht aus, irgendwann wieder zurück in die Hansestadt zu ziehen. Foto: Tom Böttcher

FINK.HAMBURG: 2019 fanden die Dreharbeiten für „Druck“ statt. Denkst du heute noch gern daran zurück?

Rana Farahani: Ja, total. Das war eine sehr schöne Zeit, weil ich meine Spielpartner*innen sehr gern mochte. Ich habe hauptsächlich mit Tua El-Fawwal gespielt, die Amira verkörpert. Ich habe ihre alte Schulfreundin gespielt, die später erst wieder auftaucht und dadurch Sinn- und Existenzfragen bei Amira aufwirft. Die beiden Rollen waren wie Tag und Nacht, obwohl wir gleich alt waren und in der gleichen Hood aufgewachsen sind. Spannend und eine Herausforderung für mich war auch, dass ich in drei Folgen mit drei verschiedenen Regisseur*innen gearbeitet habe. Das war jedes Mal ein ganz anderer Schnack: Jede*r hat eine ganz andere Arbeitsweise. Ich fand alle drei super toll und habe mich mit allen sehr gut verstanden.

Gibt es eine Sache, die dir besonders gut gefallen hat?

Farahani: In der letzten Folge, die ich gedreht habe, hatte ich dieses unfassbar krasse rote Kostüm an. Das war völlig irre. Das bestand alleine aus vier Röcken und war sehr schwer. Draußen waren es um die 30 Grad. Wir haben drinnen gedreht, das heißt es war nochmal viel heißer. Trotzdem: Ich würde sagen, dass das bisher mein Lieblingskostüm in Dreharbeiten war, weil es sehr besonders ist, kein alltägliches Ding. Das meiste, was man in Film und Fernsehen trägt, ist ja doch gewöhnlich, oder oft auch sehr nah an einem selbst dran. Zudem habe ich die Dame kennengelernt, die das Kostüm selbst angefertigt hat. Auch den Kopfschmuck und die Armreifen.

Kanntest du „Druck“ schon vor deinen Dreharbeiten?  

Farahani: Ich habe das Format erst recht spät entdeckt, 2019, als ich angefragt wurde. Ich hatte vorher schon gehört, dass es eine Serie ist, die wahnsinnig durch die Decke geht. Auch durch soziale Medien bekommt man das mit. Ich bin da aber gar nicht so reingegangen, weil ich für mich sehr schnell dachte, dass das überhaupt nicht meine Zielgruppe ist. Ist es auf den ersten Blick auch nicht, die Rolle entsprach auch nicht meinem realen Alter und dem, was meine Generation beschäftigt. Ich habe dann aber viele Staffeln geschaut und muss sagen, dass ich „Druck“ total schön und total spannend fand. Das hat mich gepackt.

Unterscheidet sich „Druck“ von anderen deutschen Serien?

Farahani: Auf jeden Fall. Mir fällt spontan keine andere Teenie-Serie ein. Vielleicht stehe ich da aber auch auf dem Schlauch, weil das einfach nicht mehr meine Zielgruppe ist. Worin „Druck“ sich von anderen Formaten unterscheidet, ist diese Echtheit, die wahnsinnige Authentizität: Du kannst die Leute einfach wirklich greifen.

Interessant fand ich auch, dass Menschen Kommentare unter den Videos schrieben, die wesentlich älter waren als ich und die das total gerne gucken und verfolgen. Und dann habe ich mich natürlich auch gefragt: Was ist es, dass mich da so catched? Die Serie spiegelt für mich total den Zeitgeist wider. Sie ist sehr echt, wenig gespielt. Die Themen, die behandelt werden, finde ich sehr pur, sehr spannend und sehr wichtig.

Welche Themen meinst du?

Farahani: Transphobie, Homophobie und Rassismus, etwa. Klar, diese Themen gab es schon immer. Oder Sexismus oder Sexualität im jungen Alter, damit haben wir uns ja auch beschäftigt. Als „Druck“ 2018 gemacht wurde, hat das zeitlich einfach perfekt gepasst. Das ist auch der Grund, warum die Serie so gut funktioniert. Heute reden viele Menschen öffentlich immer mehr darüber, es gibt ganze Talkshows, die voll sind mit diesen ganzen Themen. Sie sind für alle zugänglich, deswegen passt die Serie so gut.

Hättest du dir in deiner Jugend ein Format wie „Druck“ gewünscht?

Farahani: Was habe ich so geguckt? „Schloss Einstein“, „Die Kinder vom Alstertal“, „Süderhof“ und „Fabrixx“ – das war das coolere Einstein. Ich habe wahnsinnig viel „GZSZ“ geschaut, aber da war ich teilweise viel zu jung, um zu verstehen, was da passiert. Also ja, ich hätte mir so eine Serie wie „Druck“ gewünscht. Und ich glaube, sie wäre damals auch sehr gut angekommen. Eine Serie, die unseren Zeitgeist aufgeschnappt hätte. Aber damals hat man diese Themen so noch gar nicht aufgegriffen oder besprochen. Gefühlt geht es seit circa drei bis vier Jahren total ab mit sehr viel hochsensiblen Themen, die auf allen möglichen Medien besprochen und dargestellt werden. Von Theater, Filmen über Serien und soziale Netzwerke.

Stimmt es, dass es bei „Druck“ nicht immer ein stringentes Drehbuch gibt und auch viel improvisiert wird?

Farahani: Ich habe als Schauspielerin natürlich Text, den ich lerne. Ich bin aber auch so gut vorbereitet, dass ich einfach Dinge verändern kann. Manchmal merkt man, dass Text und Spiel nicht zusammenpassen, dass es sich nicht so anhört, wie der Charakter reden würde. Was das betrifft, wurden den Schauspieler*innen bei der Serie noch viel mehr Freiheiten gelassen. Dass ich als Schauspielerin den Text im Spiel einfach ändere und dann wird genau dieser Take genommen – das passiert eher selten im Fernsehen.

In der vierten Staffel geht es hauptsächlich um die Rolle Amira, aber auch um Themen wie Identifikation und Religion. Wie würdest du deine Rolle Nadia dort verorten?

Farahani: Nadia sieht sich sehr stark als Muslima und ist sehr konservativ in bestimmten Denkweisen – hauptsächlich im Bezug aufs Heiraten, Kinderkriegen und Hausbauen. Das sind so ihre Lifegoals. Sie hat ihren Mann auch in der Moschee kennengelernt. Man könnte jetzt rein plakativ sagen, sie sieht sich als die krassere Muslima. Dann sitzt sie Amira gegenüber, die ein Kopftuch trägt, die diesen Glauben auch praktiziert. Hier wird deutlich, das Kopftuch sagt nicht aus, wie gläubig jemand ist. Amira möchte nach Australien und hat normale, fast banale Träume, die vielleicht jedes Mädel oder jeder Junge in ihrem Alter hätte. Die Religion spielt dabei überhaupt keine Rolle. Spannend war: Der ein oder die andere – das stand auch oft unter den YouTube-Kommentaren – fand es seltsam, dass Nadia sich als Muslima so aufspielt, aber selbst kein Kopftuch trägt. Ich finde diese Ansicht interessant.

Hippe Klamotten, fette Beats: Die Freund*innen in Berlin sind viel am Feiern. Du bist in Hamburg aufgewachsen, ein Unterschied?

Farahani: Meine Abizeit in Hamburg bestand nicht so viel aus Party. Ich habe 2010 Abi gemacht, ich habe das null Prozent so erlebt. Ich kann es mir nur so erklären, dass die jetzige Generation im Gegensatz zu uns viel digitalisierter ist. Also viel mehr Zugang zu Visuellem hat, und damit durch Instagram auch viel mehr zu Mode und Musik. Das spielt alles bei „Druck“ mit rein. In den letzten Jahren hat sich das digitale Vernetztsein echt krass geändert. Ich hatte 2010 gerade mal zwei Jahre Facebook. In einer Reportage haben Kids erzählt, wie sie „Druck“ gucken. Und zwar in der Schulpause auf dem Handy. ZDF Neo hat die Serie auch ausgestrahlt, aber was ist für die Kids zugänglicher?

Was würdest du heute der Rana raten, die kurz vorm Abitur stand?

Farahani: Ich würde ihr sagen, dass Sensibilität etwas Gutes ist. Dass es echt okay ist, sensibel zu sein. Aber dass sie sonst alles richtig macht. Ich habe das Gefühl, dass die Rana, die Abi gemacht hat, viel mehr diese Fuck-You-Haltung hatte. Die war nicht so leicht einzuknicken. Mehr so hinfallen, aufstehen und weitermachen.

Du lebst seit vergangenem Juni in Berlin. Vermisst du die Hansestadt?

Farahani: Ja und nein. Ich bin in Hamburg geboren und aufgewachsen. Die Stadt ist ein riesiger Teil von mir, der nicht wegzudenken ist. Aber ich habe gemerkt, dass es mir zu klein geworden ist, zu komfortzonig. Ich habe nichts Neues mehr entdeckt, im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, das Alte von mir und meine Vergangenheit sind hier viel zu viel präsent. Und ich wusste, wenn ich in Hamburg bleibe, bleibt das so. Dann mache ich ganz gemütlich weiter.

Ich hatte aber kein Bock mehr auf gemütlich. Ich mag es, immer mal zwischendurch etwas Neues zu erleben, es etwas wackelig zu haben. Mal etwas zu tun, wovor ich auch etwas Schiss habe. Deshalb habe ich mich für Berlin entschieden. Als dann ein wahnsinniges Wohnungsangebot kam, dachte ich, jetzt schreit alles danach, dass ich dahin muss. Ich hatte bisher nicht einmal das Gefühl, dass das keine gute Idee war. Und ich habe auch total Bock, hier länger wohnen zu bleiben. Ich kann mir aber vorstellen, dass ich irgendwann mal nach Hamburg zurückkomme.

Woher die Idee stammt:

„Druck“ ist die deutsche Adaption der norwegischen Originalserie „Skam“. Zahlreiche Länder wie Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlanden oder auch die USA haben die Serie bereits adaptiert.

Hinter „Druck“ steht Funk, das Content-Netzwerk von ARD und ZDF. Zielgruppe sind nach eigenen Angaben 14- bis 29-Jährige. Funk-Formate gibt es hauptsächlich online – zum Beispiel auf Instagram, Tiktok oder Youtube. Auf letzterem ist „Druck“ zu finden. Die Serie läuft schon seit 2018, seitdem gibt es sechs Staffeln. Das Besondere: Jede Staffel begleitet immer zehn Folgen lang eine*n Protagonist*in aus dem im Fokus stehenden Berliner Freund*innenkreis.

Titelbild: ZDF/Bantry Bay/Gordon Muehle

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