Weil er dort endlich laut sein kann, eröffnete Marlon Fertinger seine Musikschule direkt an einem U-Bahnhof. Mit FINK.HAMBURG hat der Rantanplan-Drummer über die Musikbranche in Corona-Zeiten und altbackenen Unterricht gesprochen.

Marlon Fertinger am Schlagzeug, Foto: Marie Filine Abel
Marlon Fertinger am Schlagzeug, er trägt fast immer ein Gehörschutz. Foto: Marie Filine Abel

Als Schlagzeuger weiß der 33-jährige Marlon Fertinger: „Du bist zu laut – egal wo du in der Stadt bist.“ Vor circa sieben Jahren eröffnete er deshalb seine eigene Musikschule an einem ungewöhnlichen Ort. Wo sonst eher Kioske oder Blumengeschäfte ihren Platz haben, befindet sich die Musikstation Eimsbüttel – direkt am U-Bahnhof Emilienstraße. Hier ist es laut, fast immer. Und: „Direkte Nachbar*innen, die eine Körperschallübertragung abkriegen würden, gibt es keine“, so der in der Nähe von Kassel geborene Musiker.

Der Raum am U-Bahnhof Emilienstraße gehört der Hamburger Hochbahn. FINK.HAMBURG hat nachgefragt, wie es dazu kam: „Tatsächlich wollte die Hochbahn auch mal einem kreativen Konzept die Möglichkeit bieten, und gerade Marlon Fertinger hatte sich damals sehr dafür eingesetzt. Das haben wir dann ausprobiert und sind bis heute zufrieden“, so Pressereferentin Saskia Huhsfeldt.

Vorteile einer lauten Umgebung

Die Musikstation liegt nicht nur neben einem U-Bahnhof, sondern auch an der sechsspurigen Fruchtallee. Mittlerweile hat die Musikschule drei Standorte, alle befinden sich in fußläufiger Nähe zueinander. Straße und U-Bahn bilden eine beachtliche Geräuschkulisse. Können die Musiker*innen hier überhaupt arbeiten? „Die U-Bahn hörst du. Auch im Studio in der Fruchtallee, weil sie einfach darunter langfährt. „Aber das stört nicht“, erklärt Fertinger. „Wir machen Punkrock, von daher ist das nicht so schlimm.“

Aber nicht nur Punkrock: Die rund 200 Schüler*innen können ganz verschiedene Genres erproben. „Wir sind viele Lehrer*innen und machen ganz verschiedene Mucke“, so Fertinger. Er selbst spielt in der Hamburger Band Rantanplan Skapunk. Und Hardcore bei Narcoleptic. „Und dann mache ich noch Countryrock-Zeug mit meinem Vater zusammen“, sagt er. Der ist in die Musikschule seines Sohnes miteingestiegen. Alles an Equipment und Instrumenten finanzieren sie gemeinsam.

Schuhe im Proberaum der "Musikstation", Foto: Marie Filine Abel
Schwarze Chucks und Kabel: Proberaum in der Musikstation oder Albumcover einer Indie-Band? Foto: Marie Filine Abel

„Du Hast die ganze Zeit keine kohle und bist nur unterwegs“

Wenig Geld und immer auf Achse: Dieses Bild von Musiker*innen bestätigt sich, wenn Fertinger von seinem Alltag vor der Musikstation erzählt, als er noch woanders unterrichtet hat: „Wenn du an einer normalen Musikschule unterrichtest, gibst du viel Geld von dem, was die Schüler*innen bezahlen, an die Musikschule ab.“ Viele Musiker*innen würden drei oder vier Tage in der Woche unterrichten, davon leben könnten sie aber nicht. Freitag und Samstag stehe man dann oft selbst auf der Bühne, ist auf Tour. Sonntags geht es zurück nach Hause. Dort angekommen, beginnt das Szenario wieder von vorne.

Das könne man nur eine gewisse Anzahl an Jahren durchhalten. „Du hast die ganze Zeit keine Kohle und bist nur unterwegs. Ein Privatleben gibt es dann auch nicht mehr“, so Fertinger.

Die Corona-Pandemie trifft Musiker*innen hart

In Aktion: Midi probt mit seinem Lehrer Christian in der "Musikstation", Foto: Marie Filine Abel
In Aktion: Midi probt mit seinem Lehrer Christian in der Musikstation. Foto: Marie Filine Abel

Marlon Fertinger und seine Musikschule reagierten schnell, als der erste Lockdown n der Corona-Pandemie verkündet wurde: Die Lehrer*innen, die großenteils Freund*innen und Bekannte von ihm sind, stiegen auf Onlineunterricht um. Weil sie eine Bildungseinrichtung sind, durften sie auch noch bis in den Januar 2021 hinein weiterhin Präsenzunterricht anbieten.

Natürlich mit Hygieneschutzmaßnahmen: „Wir achten auf Abstände, tragen Masken, wir haben ein Raumluftgerät, das die Viren herausfiltert und sind durch Aufsteller voneinander getrennt. Wir lüften und halten uns an alles, was möglich ist“, so Fertinger. Weil beim Singen das Tragen eines Mund-Nasenschutzes unmöglich ist, werden die Abstände zueinander beim Proben erhöht. Die Schüler*innen können zwischen Präsenz- und Onlineunterricht entscheiden. In allen Räumlichkeiten der Musikstation gibt es WLAN, die Lehrer*innen sind flexibel und können auch im Wechsel arbeiten.

Fertinger weiß, dass die Corona-Pandemie viele Musiker*innen hart getroffen hat: „Du darfst nicht mehr live auftreten. Ich kenne Musiker*innen, die vom Spielen in erfolgreichen Bands zu Hartz IV gekommen sind“, sagt er mit Bedauern in der Stimme. Einige hätten im letzten Jahr nur 4.500 Euro eingenommen: In Hamburg gab es die einmalige Soforthilfe von 2.500 Euro und weitere 2.000 Euro über die Künstlersozialkasse, schildert Fertinger.

„Bei uns werden keine Noten auswendig gelernt“

Fertinger hat Glück: Keine*r seiner Schüler*innen ist aufgrund der Corona-Pandemie abgesprungen. Die meisten sind im Grundschulalter. Er möchte gerne auch musikalische Früherziehung anbieten. Eine seiner Gesangslehrerinnen wollte das Projekt angehen, doch dann kam Corona. Seinem Konzept bleibt Fertinger trotzdem treu: „Bei uns gibt es kein altbackenes Notenauswendiglernen. Wir versuchen unseren Schüler*innen gerecht zu werden, auch auf welche Musik sie Bock haben.“ Kinder lernen schnell, oft müsse er nur etwas zeigen. Das sei sehr schön an diesem Job.

Einer der Proberäume der "Musikstation" in der Fruchtallee, Foto: Marie Filine Abel
Noch ein Schlagzeug, mindestens acht Stück sind in der Musikstation aufgebaut. Foto: Marie Filine Abel

Aber auch Erwachsene proben in der Musikstation. „Zum Beispiel habe ich den Vater eines Schülers unterrichtet. Der habe irgendwann gefragt: Kann ich auch mal eine Zehnerkarte machen?“ Seit circa drei Jahren wird er nun von Fertinger unterrichtet. „Der hat sich ein Schlagzeug gekauft und übt mehr als sein Sohn“, so der Lehrer lächelnd.

„Lass das Kind das Instrumente lernen, was es will“

E-Gitarren in der Fruchtallee, Foto: Marie Filine Abel
E-Gitarre war nicht so Marlons Ding, trotzdem können seine Schüler*innen hier schrammeln. Foto: Marie Filine Abel

Nicht jede*r bleibt so konstant dabei. Sei es, weil das Instrument uninteressant wird, oder keine Zeit mehr fürs Proben da ist. „Warum jemand aufhört, ist immer schwer zu sagen“, so Fertinger. Er kennt Eltern, die denken, das Kind müsste erst klassische Gitarre lernen, bevor es mit E-Gitarre beginnt. Aber Kindern Instrumente aufzudrücken, bringe nichts.

„Lass das Kind das Instrument lernen, was es will. Denn dann übt es auch wirklich, hat Spaß und bleibt vielleicht dabei.“ Aber Anschubsen funktioniere auch: „Meine Eltern haben mir damals ein Keyboard geschenkt, das war nicht so richtig mein Ding. Dann habe ich eine Kinder-E-Gitarre bekommen, da haben mir die Finger immer so wehgetan.“ Mit sechs Jahren hat Fertinger ein Schlagzeug bekommen und das spielt er immer noch so gerne wie damals.

Als Kind fand FINK.HAMBURG Redakteurin Marie Filine Abel Spaziergänge schrecklich langweilig. Seit der Corona-Pandemie ist sie ein großer Fan von ihnen. Dabei lassen sich interessante Orte und Menschen finden, die sie sonst nicht entdeckt hätte. Dazu gehören auch Marlon Fertinger und seine Musikschule.

Titelbild: Marie Filine Abel