Mutationen, Impf-Privilegien, „No-Covid“-Strategie: Der Corona-Alltag ist um einige Schlagworte reicher. Was bedeuten sie für den Kampf gegen die Pandemie? FINK.HAMBURG sprach darüber mit dem Epidemiologen Prof. Dr. Reintjes.

Prof. Dr. Ralf Reintjes ist Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung – unter anderem an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg. Er war bereits als Berater für die Weltgesundheitsorganisation und die Europäische Union tätig.

Schon im Sommer 2020 sprach er mit FINK.HAMBURG über die relevanten Corona-Begriffe. Aktuell wird die öffentliche Debatte dominiert von neuen Schlagworten wie Mutation, Impfungen und „No-Covid“-Strategie. FINK.HAMBURG hat bei dem Epidemiologen nachgefragt, wie er die aktuelle Situation bewertet.

FINK.HAMBURG: Inzwischen sind mehrere Mutationen des Coronavirus auch in Hamburg angekommen. Was bedeutet das für den Kampf gegen die Pandemie insgesamt und für jede*n Einzelne*n?

Prof. Dr. Ralf Reintjes: Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass die britische Variante sich ausbreitet. Die Frage ist nur, wie schnell das passiert und welche Folgen es hat. Die Auswirkungen könnten sich im Rahmen halten, wenn möglichst wenige Personen sich anstecken und möglichst viele geimpft werden. Dank unserer Maßnahmen sinkt die Zahl der Neuinfektionen aktuell. Unsere bisherigen Maßnahmen helfen also relativ gut gegen die alte Variante des Coronavirus, doch die neuen sind teils deutlich stärker übertragbar.

FINK.HAMBURG: Das heißt: Die Maßnahmen reichen dagegen nicht aus?

Mit seiner hohen Übertragungsrate wird die britische Variante die Infektionszahlen in die Höhe treiben. Im Rahmen unseres Corona-Projekts an der HAW Hamburg hat die Gruppe um Prof. Dr. Peter Möller berechnet, dass die Infektionszahlen innerhalb weniger Wochen wieder steigen würden, wenn wir die Maßnahmen so ließen, wie sie aktuell sind. Je weniger Kontakte das Coronavirus braucht, um sich zu verbreiten, desto mehr müssen wir Kontakte reduzieren. Wenn wir stattdessen Maßnahmen reduzieren – und damit Kontakte erhöhen – rechne ich schon ab März wieder mit steigenden Infektionszahlen.

FINK.HAMBURG: Bekannte Wissenschaftler*innen fordern in einem Papier eine „No-Covid“-Strategie. Was halten Sie davon?

Die „No-Covid“-Strategie ist ein Vorschlag zur radikalen Ausrottung des Coronavirus, d.h. die Infektionszahlen sollen auf Null gesenkt und ein Wiedereintrag möglichst vermieden werden. Dabei sollen eine deutschlandweite Strategie, die Einteilung in lokale grüne und rote Zonen und eine Motivationskampagne helfen. Unterstützung käme von Expert*innen aus Australien und Neuseeland, wo die Strategie erfolgreich war. Die „Zero-Covid“-Initiative verfolgt einen ähnlichen Ansatz.

Diese Strategie wird zurzeit kontrovers diskutiert. In Deutschland ist sie wahrscheinlich schwer umzusetzen – wegen der geografischen und politischen Lage. Ich selbst bin weder dafür noch dagegen. Aus meiner Sicht ist es vor allem wichtig, die Infektionszahlen so weit wie möglich zu senken. Ob das jetzt nach einer „No-Covid“-Strategie oder auf anderem Wege passiert, ist dem Virus – und dem Epidemiologen – ziemlich egal. Wenn uns nur allen bewusst wäre, dass es eben nicht egal ist, ob der Inzidenzwert 10 oder 100 beträgt. Das macht einen riesengroßen Unterschied.

Ideal wäre, alle Bürger*innen zeitnah zu impfen

FINK.HAMBURG: Welches alternative Vorgehen fänden Sie sinnvoll?

Nach so langer Zeit wünschen sich natürlich viele Leute ein Ausstiegsszenario, also das Ende der einschränkenden Maßnahmen. Das kann ich psychologisch, soziologisch und gesundheitspolitisch absolut verstehen. Das ideale Ausstiegsszenario wäre, wenn wir davon ausgehen könnten, dass zeitnah alle Menschen geimpft sind – so wie es in Israel und Großbritannien gerade aussieht. Da die Politik das in Deutschland nicht so gut geregelt hat, muss eben ein anderer Ansatz her, der meines Erachtens nur halb so gut ist. Nämlich die Infektionszahlen durch Kontaktbeschränkungen zu senken.

FINK.HAMBURG: Stand heute (18.02.21) sind etwa zwei Prozent der Hamburger*innen geimpft. Wie viele müssten es sein, damit der Lockdown gelockert werden kann?

Das Lockern des Lockdowns ist eine politische Entscheidung. Aus epidemiologischer Sicht sollten Kontakte so stark und so lange wie möglich reduziert werden. Bislang lief es so, dass Maßnahmen gelockert wurden, sobald die Zahl der Neuinfektionen gesunken war. Und anschließend gingen die Zahlen natürlich wieder rauf – das ist kein Ausstiegsszenario, sondern ein Denkfehler.

FINK.HAMBURG: Was sollten wir also tun?

Zunächst müssten wir es schaffen, die Infektionszahlen wieder auf das Niveau vom Sommer 2020 zu bekommen. Und dann dürften die Menschen eben nicht wieder in den Urlaub fahren und derartige Dinge tun, durch die sich das Virus verbreitet. In dieser Phase wäre es wichtig den R-Wert im Blick zu behalten. Der R-Wert gibt an, wie viele andere Personen durchschnittlich von einer infizierten Person angesteckt werden. Bei einem R-Wert unter eins sinken die Infektionszahlen, bei einem Wert über eins steigen sie. Am Ende des Sommers lag der R-Wert die meiste Zeit über eins. Somit war absehbar, dass die Zahl der Neuinfektionen wieder steigen würde. Aber wir haben nichts dagegen getan. Wir haben gewartet und gewartet, bis dann im Oktober die Explosion begann.

Auch Geimpfte könnten das Virus verbreiten

FINK.HAMBURG: Mancherorts wird gefordert, dass Geimpfte bestimmte Privilegien bekommen sollten – wieder ins Restaurant gehen, reisen, etc.. Wie stehen Sie dazu?

Dieses Thema ist zum jetzigen Zeitpunkt aus meiner Sicht nicht relevant, da bislang sehr wenige Personen geimpft sind. Es ist wichtig zu verstehen, dass auch eine Impfung nicht vollständig schützt. Im allerbesten Fall gehen wir zum Beispiel bei dem Biontech/Pfizer-Impfstoff von einer 95-prozentigen Effektivität gegenüber der alten Virusvariante aus. Selbst wenn Geimpfte zu 95 Prozent vor einer Infektion geschützt sind, könnten sie also weiterhin erkranken. Und je mehr Infizierten sie begegnen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert. So oder so ist es also wichtig, die Infektionszahlen zu senken.

Bislang wissen wir außerdem noch nicht, inwiefern Geimpfte andere Personen anstecken könnten. Wir gehen davon aus, dass das weniger wahrscheinlich ist als bei Nicht-Geimpften. Schon allein, weil Geimpfte wohl nicht oder weniger stark erkranken als Nicht-Geimpfte. Aber verlässliche Aussagen darüber werden wir erst treffen können, wenn mindestens ein Drittel der Bevölkerung geimpft ist, schätze ich. Dann könnte das Thema Impf-Privilegien relevant werden und wir hätten eine bessere Entscheidungsgrundlage.

FINK.HAMBURG: Wie lange müssen wir noch mit all dem leben?

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Die Entwicklung in Deutschland, in Europa und weltweit hängt sehr stark von unserem Verhalten und den Entscheidungen der kommenden Monate ab. Auch hier ist die Vorgehensweise bei den Impfungen und deren Erfolg wegweisend. Wie schon häufig gesagt wurde: Niemand ist sicher, bevor alle sicher sind.


Titelbild: Paula Markert / HAW Hamburg

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