Der Energiebunker in Wilhelmsburg ist mittlerweile ein Wahrzeichen erneuerbarer Energien in Hamburg. Während des Zweiten Weltkrieges war er als Flakbunker jedoch ein mächtiges Werkzeug der Propaganda des NS-Regimes.

1943 wurde in Hamburg-Wilhelmsburg ein sogenannter Flakturm gebaut. „Hamburg ist als größter deutscher Hafen, als bedeutender Verkehrsknotenpunkt und Standort kriegs-­ und lebenswichtiger Industrien durch die starke Zusammenballung von Arbeits­- und Wohnstätten und durch seine geographische Lage luftgefährdet.“ So begründete der Hamburger Senat in einer Stellungnahme von 1937 die Errichtung.

Ein Flakturm ist ein großer Hochbunker mit einer Gefechtsstation auf dem Dach. Flak steht für Flugabwehrkanone. Im Zweiten Weltkrieg waren diese Flakbunker sowohl als Schutzraum als auch zur Verteidigung des Luftraums konzipiert worden. Neben Hamburg gab es diese Türme auch in Berlin und Wien. Drei Stück waren geplant: Der Flakturm VI in Wilhelmsburg und der Flakturm IV an der Feldstraße stehen heute noch, ein dritter Turm wurde nie realisiert. Ähnlich wie in Wien und Berlin sollten die Bunker in Dreiecksform über das Stadtgebiet verteilt werden, um dadurch eine besonders koordinierte Flugabwehr zu gewährleisten.

„Sie ragen über das Geschachtel der Dächer wie Burgriesen einer sagenhaften Zeit. […] Mit ihrer furchtbaren Feuerkraft sind die Flak­türme ungeschminkte Wahrzeichen unserer kämpferischen Zeit.“

– „Die Woche“ vom 5.7.1944

Selbst nach dem Krieg hielt Friedrich Tamms, Architekt der Baupläne für die Flakbunker daran fest, dass seine Bauten „Schießdome“ gewesen wären, in denen das Aufsuchen der Schutzräume wie eine Andacht und die Arbeit an den Geschützen wie ein Gottesdienst gewesen wären.

Die Wahrheit ist jedoch, dass die Flakbunker ihre eigentliche Funktion weitgehend verfehlten. Der Wilhelmsburger Gefechtsturm hatte neun Stockwerke, einen quadratischen Grundriss von je 47 Meter Seiten­länge und eine Höhe von 44 Meter. Menschen, die den heutigen Energiebunker in Wilhelmsburg oder den Flakturm an der Feldstraße besuchen, wird es leicht fallen, zu verstehen, weswegen die Nationalsozialisten in diesen riesigen Bauten vor allem auch ein Prestigeobjekt sahen.

Zwangsarbeit war allgegenwärtig

Ohne den Einsatz von vermutlich tausenden Zwangsarbeitern auf den Baustellen wären die Hamburger Flakbunker kaum in dieser Geschwindigkeit fertiggestellt worden: Die Bauarbeiten liefen von Ende 1942 bis Oktober 1943. Die Häftlinge wurden aus Ländern, die von Deutschland besetzt waren, zur Arbeit deportiert. Allein in Wilhelmsburg gab es zu Kriegszeiten 72 Lager mit Baracken für Kriegsgefangene. Die Lager wurden direkt von den Baufirmen betrieben. Auf den Baustellen war es völlig normal, dass kaum Deutsche die Arbeit verrichteten: Die Zwangsarbeiter kamen etwa aus Frankreich, Belgien oder Dänemark. Zeitzeugen berichteten von „knochendürren Menschen”, die KZ-Häftlingskleidung trugen und schwere Arbeit verrichteten.

Mächtige Waffen der Propaganda – aber nicht der Luftabwehr

Energiebunker Bau 1943
Bunkeranlage im Bau 1943. Foto: Geschichtswerkstatt Wilhelmburg & Hafen

Die Flakbunker sollten aber nicht nur die Alliierten einschüchtern, sondern dienten auch zur Propaganda im Inland. Immerhin verzichtete das Regime auch auf Flakbunkeranlange im Ruhrgebiet, obwohl sich dort Deutschlands Industrie bündelte. Die Propagandazeitschrift „Die Woche“ schrieb 1944 unter anderem über die Türme: „… breiter als die ungeheuren Gasometer erheben sie ihre wehrhaften Häupter über das Gewirr der Städte – Titanen gleich, die für das Menschengeschlecht zu ihren Füßen mit den dunklen Geschwadern des Himmels kämpfen. Sie sind die Kastelle, an denen Sturm und Angriff des Feindes anprallen, hinter ihren massiven Mauern finden Bewohner der Stadt, die sie verteidigen, sicheren Schutz.“

Hitlers Lieblingsarchitekt und Generalbauinspekteur Albert Speer war höchst selbst für die Bunkerbauten verantwortlich, die vom Reichsluftfahrtministerium in Berlin befehligt und koordiniert wurden. Während des Krieges wurden in der NS-Propaganda die „heldenhaften“ Einsätze der Soldaten auf den Flakbunkern gefeiert. In Wirklichkeit war es den alliierten Flugzeugen ein Leichtes, dem Flakbeschuss auszuweichen: Sie vergrößerten einfach ihre Flughöhe.

Die in Hamburg angeordnete Verdunkelung, also das Löschen aller Lichter während eines Bombardements, war ebenso als Mittel gegen die Alliierten zu primitiv: Diese begannen ihre Angriffe nachts mit dem Abwerfen von Leuchtbomben. Diese Bomben enthielten einen Leuchtsatz, um die Ziele für andere Flugzeuge besser sichtbar zu machen.

Nach Fertigstellung der Schutzräume in der Flakbunkeranlage blieben alte Menschen, Frauen und kleine Kinder bei den Fliegerangriffen deshalb fast durchgängig im Bunker.

22 Mann für eine Flak

Soldaten am Geschützstand
Soldaten am Geschützstand. Foto: Geschichtswerkstatt Wilhelmburg & Hafen

Kreisrund waren die vier Gefechtsstände auf dem Dach des Flakbunkers. In jedem stand eine Flugabwehrkanone: Kaliber 12,8 Zentimeter. Das Größte, was damals gebaut wurde. Die Ränder waren überdacht, dort lag die Munition – oder der Flaksoldat, wenn mal Gefechtspause war. Um die 4.000 Schuss pro Stunde abzugeben, waren 22 Mann nötig, jede der Granaten war 50 Kilogramm schwer.

Der Flaksoldat Wilhelm Plog war 1945 auf dem Bunker stationiert und schrieb in seinem Tagebuch, dass die Geschütze kaum etwas gegen die feindlichen Bomber ausgerichtet hätten. Den Dienst im Flakbunker beschreibt er alles andere als heldenhaft: „Ich schob einsam und allein Wache auf der Plattform und erlebte von hier aus das gespenstische Spektakulum dieser Nacht, die grell erleuchtet war von Artilleriefeuer, Fallschirmen und Scheinwerfern. Der Lärm war so deutlich, als spielte er sich vor unserem Turm ab.”

In den letzten Monaten des Krieges beorderte die Wehrmacht viele der Soldaten des Flakbunkers an die Front. Die entstandenen Lücken in den Bunkerschießscharten füllten Schüler und Lehrlinge: Fünfzehn- und sechzehnjährige Jungen bekamen in kürzester Zeit die Ausbildung zum Einsatz auf dem Flakbunker. In Wilhelmsburg wurden ganze Schulklassen eingezogen.

Operation Gomorrha

Wilhelmsburg geriet ins Fadenkreuz: Von Juni 1944 bis Kriegsende wurde der Hamburger Hafen immer wieder bombardiert und mit ihm auch die nahegelegenen Wilhelmsburger Wohngebiete. Acht Mal wurde der Flakturm VI von Bomben getroffen. Eine besonders heftige Reihe von Luftangriffen auf Hamburg lief bei den Alliierten unter dem Namen „Operation Gomorrha“.

Dem martialischen Namen wurden die Angriffe durchaus gerecht: In der Nacht zum 25. Juli 1943 lösten die Alliierten ein Inferno aus, das große Teile Hamburgs in Schutt und Asche legte. Dies ging als „Feuersturm“ in die Geschichte ein.

„Der Koloss von Bunker fing an zu schaukeln”

Als 1944 die Alliierten weiter in Europa vorrückten, wurde Hamburg immer stärker das Ziel von Bombengeschwadern. Radio und Zeitungen informierten die Bevölkerung über Schutzmaßnahmen und Vorschriften. Eine Zeitzeugin beschreibt das Chaos im Bunker während eines Luftangriffs im April 1945:

Bombenangriff auf Wilhelmsburg 1944. Foto: Geschichtswerkstatt Wilhelmburg & Hafen

„Es war dunkel […] Dicht an dicht standen oder lagen Menschen. […] Es muss ein Bombenhagel niedergegangen sein, das Licht ging aus, der Koloss von Bunker fing an zu schaukeln und zu schwanken. Die Menschen schrien vor Angst.” 

Wilhelmsburg: ein Bild breiter Zerstörung

Die kriegswichtige Industrie auf der Elbinsel wurde 1945 weitgehend zerstört. Bis Kriegsende starben in Wilhelmsburg mehr als 600 Menschen durch Luftangriffe. Flaksoldat Plog schrieb im März 1945 in sein Tagebuch, Wilhelmsburg sei ein Bild breitester Zerstörung: „Kirche, Bahnhof, Hauptstraßen bis hinunter zu den Elbbrücken, alles ein Trümmerhaufen. […] Es ist schon grotesk, was sich alles hier zusammenballt. Die kriegerischen und die zivilen Erscheinungen. Soldaten, Ausgebombte, Flüchtlinge, Fahrgeräte aller Art.”

Am 3. Mai 1945 marschierten britische Soldaten in Hamburg ein. Die deutsche Führung in Hamburg war sich einig über die aussichtslose Situation der Stadt. Am Abend des 3. Mai, fünf Tage vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, übergab Kommandant Alwin Wolz die Stadt an die Alliierten. Damit endete der Zweite Weltkrieg für Hamburg.

„Dass wir nun in der Nacht ungestört schlafen konnten, schien uns Kindern zunächst gar nicht vorstellbar, denn solange wir denken konnten, war Krieg gewesen.” 

—Wilhelmsburger Schüler, 1948

Historische Aufnahmen und Informationen wurden uns von der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen freundlich zur Verfügung gestellt.

Vergrößern

Luftaufnahme-der-US-Airforce-5.6.-1945
Luftaufnahme der US Airforce, Juni 1945. Rechts im Hintergrund der Flakbunker VI. Foto: Geschichtswerkstatt Wilhelmburg & Hafen

Vor fast 80 Jahren wurde er als Kriegswerkzeug in der NS-Zeit gebaut: Der Flakturm VI in Hamburg-Wilhelmsburg. Heute produziert der Betonwürfel klimafreundliche Nahwärme und Strom für die Elbinsel. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichte des Energiebunkers in drei Teilen.


Titelillustration: Annika Wrede

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