Der heutige Energiebunker in Wilhelmsburg diente im Zweiten Weltkrieg als Flak- und Luftschutzbunker. Nach dem Krieg stand er Jahrzehnte lang leer. Über die Nutzung des Bunkers gab es viele Diskussionen, vor allem aber herrschte Ratlosigkeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Briten Hamburg zu entmilitarisieren – das betraf auch den Bunker in Wilhelmsburg. Um den weiteren Gebrauch des Bunkers zu verhindern, sprengten sie am 17. Oktober 1947 das Innere. Die 1.000 Kilogramm Sprengstoff sorgten dafür, dass alle Stützpfeiler brachen und fünf der acht inneren Etagen samt Wänden, Einbauten und Treppen einstürzten. Auch außen waren Schäden zu sehen, die Mauern hatten überall Risse.

Energiebunker
Der Geschützturm am 17. Oktober im Dunst der Explosionswolke. Foto: Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen

Ein Teil der Bevölkerung sah die scheinbar misslungene Sprengung als Erfolg an, da die Briten es nicht geschafft hatten, den Bau der Deutschen zu zerstören. Die „Hamburger Freie Presse“ berichtete am 18. Oktober 1947: „Nachdem sich die Qualmwolken verzogen hatten, bot sich den Schaulustigen der Anblick eines äußerlich fast unversehrten Turms. Daher skandierten Jugendliche selbstbewusst „Made in Germany, Made in Germany!“ Fakt ist aber, dass die Briten gar nicht den ganzen Bunker zerstören wollten. Sie befürchteten, dass durch eine vollständige Sprengung und der damit verbundene Druckwelle umliegende Wohngebiete zerstört würden. Das Ziel war, den Bunker unnutzbar zu machen, was ihnen gelang.

Die Bunkerruine weckt Neugierde

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„Bild“ berichtete: 1959 rettete die Feuerwehr zwei Jugendliche aus dem Bunker. (Foto: Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen)

Zehn Jahre nach der Sprengung begutachtete das Bauordnungsamt den Bunker und stellte fest, dass von diesem in der nächsten Zeit keine Gefahr ausgehe und dass er daher auch nicht abgerissen werden müsse. Der große Klotz mitten im Park weckte aber das Interesse einiger Bürger*innen. Obwohl der Bunker nach der Sprengung gesperrt wurde, hatten zwei Jugendliche versucht, die Ruine von innen zu erkunden. Wie die „Bild“ am 27. Oktober 1959 berichtete, kletterten die vierzehnjährigen Schüler Georg K. und Jürgen B. über Steigleitern und eingestürzte Treppen in den sechsten Stock des Bunkers. Dort ging plötzlich ihre Lampe aus und sie standen im Dunkeln. „Sie tasteten sich an feuchten Wänden entlang, stolperten über Trümmer und Schutt. Sie ließen Betonbrocken, die sie in der Finsternis aufgelesen hatten, vor sich in die Tiefe fallen. Am Aufschlaggeräusch merkten sie, ob sie am Abgrund standen oder nicht“, heißt es in dem Artikel. Letztlich gelangten sie zu einer Öffnung und konnten nach Hilfe rufen. Nach dem Ereignis war klar, es musste etwas mit dem Bunker geschehen.

Diskussionen über die Zukunft des Bunkers

Von 1954 bis 2011 hatte Getränke-Meerkötter seinen Laden im Bunker. (Foto: Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen)

Der Energiebunker wurde über Jahrzehnte nicht genutzt, außer von einem Getränkehändler namens Meerkötter, der die Nebenflächen des Sockels für sein Geschäft nutzte. Um die Außenwände des grauen und zerstörten Bunkers zu verschönern, entschied sich 1980 das Ordnungsamt Wilhelmsburg dazu, ihn mit Pflanzen zu begrünen. Doch die heranwachsenden Pflanzen beschleunigten die Zerstörung der Betonoberfläche. 2004 hatte die Zersetzung der Außenwände ein so großes Problem dargestellt, dass der Bunker mit einem Netz umrüstet werden musste.

Nachdem 1957 das Bauordnungsamt entschieden hatte, den Bunker nicht abzureißen, wurde der Gedanke nun wieder aufgegriffen. Ein Gutachter veranschlagte Kosten zwischen fünf bis 12,5 Millionen Euro – eine teure Angelegenheit. Das Vorhaben vom Abriss des Bunkers wurde somit verworfen.

Getränkehändler Meerkötter vor dem Bunker. (Foto: Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen)

Die Hamburger Bürgerschaft setzte sich dafür ein, dass der Bunker unter Denkmalschutz gestellt wird – mit Erfolg. Das Denkmalschutzamt Hamburg erklärte den Bunker 2001 zum Monument. Um aber die Anwohnerschaft sowie Passanten zu schützen, musste die Bunkerruinen saniert werden.

Vom Mahnmal zum Energiebunker

Pläne vom Wohnhäuserbau an den Seiten des Bunkers bis hin zum Wanderweg auf das Dach inklusive Café mit Aussicht entstanden – und wurden wieder verworfen. Ein tragfähiges Konzept wurde dann im Zuge der Internationalen Bauausstellung Hamburg (IBA) 2007 entwickelte: das Konzept eines Energiebunkers.

Einer der Väter der Energiebunkeridee war Dr. Matthias Sandrock vom Hamburg Institut. Von ihm stammt das Konzept von solarer Fernwärmeversorgung des Quartiers durch den Bunker – insbesondere dessen Speicherung von Wärme, erinnert sich Simona Weisleder, Projektkoordinatorin für das Leitthema „Stadt im Klimawandel“ der IBA Hamburg.

„ein besonderer ort mitten im Quartier. Als wir vor dem bunker standen, wussten wir, dass die idee eine chance hat. es war die geburtsstunde des energiebunkers.“

Simona Weisleder, Projektkoordinatorin

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Aufnahme des zerstörten Innenraums aus dem Jahre 2009 Foto: Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen

Im März 2011 begannen die Sanierungs- und Umbauarbeiten. Über 25.000 Tonnen Trümmer wurden aus dem Bunker geborgen. Die schwere Masse und die Einsturzgefahr erschwerten die Arbeiten. „Die Umbauten waren eine große Herausforderung, da die Statik total zerstört war. Das Wahnsinns-Vorhaben Tonnen von Schutt aus dem Gebäude herauszukriegen, die Statik wiederherzustellen und einen Speicher einzubauen, war nicht einfach, aber wir haben es geschafft“, so Weisleder.

Der Energiebunker: Ein Projekt für die Zukunft

In Zusammenarbeit mit Hamburg Energie wurde aus dem Nazibunker ein Ort der erneuerbaren Energieversorgung – ein Projekt mit Vorbildcharakter. Nachdem Bunker für Jahrzehnte düster und ungenutzt mitten im Quartier stand, dient er heute als Energiequelle für den Stadtteil Wilhelmsburg. Gleichzeitig ist der Energiebunker ein Denkmal an den Zweiten Weltkrieg – ein Teil unserer Geschichte, der uns immer in Erinnerung bleiben soll. „Es ist wirklich eines der besonderesten Projekte, das ich je gemacht habe. Architektonisch ist der Bunker sehr schön geworden – also im Sinne von feinsinnig. Es gibt immer noch Hinweise auf das, was es mal war, obwohl wir ihn fast komplett wieder herrichten mussten. Es ist ein toller Ort entstanden“, sagt Weisleder. 


Historische Aufnahmen und Informationen wurden uns von der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Vor fast 80 Jahren wurde er als Kriegswerkzeug in der NS-Zeit gebaut: Der Flakturm VI in Hamburg-Wilhelmsburg. Heute produziert der Betonwürfel klimafreundliche Nahwärme und Strom für die Elbinsel. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichte des Energiebunkers in drei Teilen.


Titelillustration: Annika Wrede

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