Catcalling ist eine Form verbaler sexueller Belästigung. Mit „Catcalls of Hamburg” positioniert sich Lena stark dagegen. Was hat sie dazu bewegt und wie geht man mit Catcalling um?

Foto: Leonie Alma / Instagram: @leoniealma_

Mit einer Schachtel Straßenkreide unter dem Arm sitzt die 22-jährige Lena Schäffken an einem Aprilnachmittag 2021 bei kühlen acht Grad auf einer Bank an der Außenalster. Selbst der Latte Macchiato mit Hafermilch kann sie bei diesem ungemütlichen Wetter nicht aufwärmen. Während der Wind immer stärker wird und die Wellen hörbar ans Ufer klatschen, ertönen Sirenen an der nächstgelegenen Straße. Lena zieht die Beine immer weiter an ihren Körper heran und mummelt sich in ihre viel zu große dunkelblaue Winterjacke ein.

„Ich wurde sogar schon fast geschlagen”, erzählt sie mit ihrem Kaffeebecher in der Hand. Wenn nicht gerade eine Pandemie um die Welt geht, arbeitet Lena in einer Bar in Berlin Wedding – dort wohnt sie neuerdings in einer WG mit zwei Freundinnen. Momentan vergibt sie jedoch deutschlandweit Corona-Impftermine per Telefon. Neben den Beleidigungen, mit denen sie täglich am Hörer konfrontiert ist, kann Lena einige Anekdoten aus ihrer Zeit in Hamburger Bars erzählen.

Pflege, Politik oder Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senior:innen kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als langweilig, Ehrensache.

Sie berichtet von einem Mann, den sie beim unerlaubten Fotografieren junger Frauen gestoppt hat, der ihr als Reaktion darauf Prügel androhte. Dieses eine Erlebnis war aber nicht der ausschlaggebende Moment, sondern zahlreiche weitere Belästigungen verbaler Art, die sie dazu bewegt haben, im September 2020 mit einer Freundin die Instagram-Seite „Catcalls of Hamburg” zu gründen. Catcalls steht dabei für den Begriff „Catcalling”, der als eine Form verbaler sexueller Belästigung wie Nachpfeifen oder Hinterherrufen durch Männer gegenüber Frauen definiert ist.

Was macht Catcalls of Hamburg?

Auf der Instagram-Seite erhalten sie täglich Geschichten von Frauen, die Catcalling erlebt haben. Diese unerwünschten Erfahrungen kreiden Lena und ihre Freundin an den Orten des Geschehens an. Im Anschluss posten sie ein Bild von den Kreideschriftzügen auf dem Asphalt auf Instagram. So weisen sie auf den Missstand hin und versuchen, gegen Catcalling vorzugehen. Denn in Deutschland kann diese Art von Belästigung nicht rechtlich verfolgt, sondern lediglich als Beleidigung geahndet werden.

Lena greift nach der Packung Straßenkreide. Ihre Hände sind aufgeraut vom vielen Desinfizieren und der blaue Nagellack auf ihren Fingernägeln ist nur noch teilweise zu sehen. Die bunten und hellen Farben der Straßenkreide wirken paradox, im Vergleich zu den drei Geschichten, die Lena in diesem Moment vorliest. Der Ort des Geschehens aller drei: der Hamburger Hauptbahnhof. Auf dem Weg dorthin steigt unsere Nervosität immer mehr. Um sich nicht beirren zu lassen und von den Blicken ungestört zu bleiben, hört sie meistens Musik. Bevor es jedoch ans Ankreiden geht, muss der genaue Ort am Hauptbahnhof ausgewählt werden. Es darf nicht zu viel los sein, sodass zu viele über den Schriftzug laufen, aber auch nicht zu wenig, damit ihn genügend Leute sehen.

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„Du bist so schön, dich könnte man glatt vergewaltigen.“

So lautet ein Spruch, den eine Frau am Bahnhof zu hören bekommen hat. Die Blicke der Passanten, als sie diese Zeilen auf der Straße in bunter Kreide lesen, sind gespannt, geschockt, betroffen, aber zum Teil auch gleichgültig. Lena erzählt, dass sie auch gerne die Reaktionen beobachtet. Immer in der Hoffnung, dass wenigstens einige sich damit auseinandersetzen und verstehen, dass so die Realität vieler Frauen aussieht.

Man kann erkennen, dass Lenas Blick immer schärfer wird und es scheint so, als ob die Augen im Vergleich zum schwarzen Mund- und Nasenschutz zunehmend hervorstechen. Ihre Stimme klingt ruhig, aber überzeugend. Lena hat anscheinend die Kälte, den Wind und ihre gesamte Umgebung vergessen.

„Erste Erfahrungen mit Belästigungen habe ich im Alter von elf gemacht.“

Nur in einem Nebensatz erwähnt Lena, dass ihr damals in der Bahn nach Eppendorf ein Mann gegenübersaß und öffentlich onanierte. Selbst während des Ankreidens hat sie viele negative Erfahrungen gemacht. Inzwischen ist Lena auf „Krawall” eingestellt, wie sie sagt. Nach jahrelangem Stillschweigen duldet sie keinerlei weitere Belästigungen: „Viele [Männer] meinen es vielleicht nicht mal bösartig und denken, es sei ein Kompliment.” Man müsse den Männern „vor Augen führen wie es sich anfühlt” und klarmachen „wo die Grenze ist”. Vollstes Verständnis hat Lena aber auch für die Frauen, die sich in dieser Situation nicht trauen zu reagieren. Gerade deswegen existiert „Catcalls of Hamburg”. Die Botschaft ist: Du bist nicht allein. Wir hören dir zu und versuchen, diesen Erniedrigungen ein Ende zu setzen. Denn gemeinsam sind wir stärker.

„Man kann mit einem Müllsack durch die Gegend laufen und die Leute würden einen trotzdem noch anmachen”, sagt Lena verärgert. Es ist klar, dass es ihr nicht um ein paar Pfiffe und Zurufe geht. Vielmehr geht es darum, dass Frauen noch immer als Objekte betrachtet werden.

Zum Abschied empfiehlt sie ihren aktuellen Lieblingstrack „doing it wrong” von oaf1 und Dreamcache. Passend auch für viele Männer, die definitiv etwas falsch machen, wenn sie Frauen „liebgemeinte” Sprüche hinterherrufen.

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Welche Stars gerade bei 13- bis 16-Jährigen beliebt sind, kann Lukas Barth, Jahrgang 1998, sofort beantworten. Das liegt an seinen Erfahrungen bei der Plattform Digster Pop, wo er beispielsweise mit Nico Santos TikTok-Challenges gedreht und mit Lena Meyer-Landrut Song-Tindern gespielt hat. Ursprünglich kommt Lukas aus der Kleinstadt Hermeskeil bei Trier. Um Media Management zu studieren, zog er nach Wiesbaden. Anschließend ging es nach Berlin, wo er bei Universal Music Layouts erstellt und Videos geschnitten hat. Aber Lukas hängt nicht nur vorm Bildschirm: 2015 gewann er mit seiner Hip-Hop-Tanzgruppe Divanity die saarländischen Meisterschaften. Heute tanzt er immer noch gerne – allerdings als Gast auf Partys, ausgestattet mit Notfallglitzer. (Kürzel: lub)