Soziales Engagement neben Uni, Nebenjob und Privatleben? Cornelia Springer macht dies für Studierende an der Uni Hamburg möglich. Sie selbst geht mit gutem Beispiel voran und das, obwohl sie die Arbeit mit Gruppen durch ihr Asperger-Syndrom physisch anstrengt.

„Es war ein Unfall!“, Cornelia Springer klingt verblüfft, so als könne sie selbst kaum glauben, was sie da auf die Beine gestellt hat. Sie strahlt, ihre blauen Augen leuchten auf. Vor fünf Jahren wurde sie an der Uni Hamburg im Bereich Lehrer:innenbildung eingestellt. Weil die Stelle jedoch zwischen zwei Fakultäten schwebte, fühlte sich niemand zuständig für die neue wissenschaftliche Mitarbeiterin. Kurzerhand suchte sie sich ihre eigene Aufgabe und gründete das fakultätsübergreifende Projekt „Engagementförderung durch universitäre Lehre“.

„Einfach mal machen“, ist Cornelias Lebensmotto. Cornelia Springer ist 38 Jahre alt und zierlich. Zum Fototermin im Park am Osterbekkanal nimmt sie ihre Mütze ab: „Sonst will mich am Ende noch jemand adoptieren“, witzelt sie.

Gesellschaftlicher Gewinn durch Leistungspunkte

Auf den ersten Blick wirkt Cornelia ruhig, fast unscheinbar. Vielleicht liegt das auch an der Umgebung, denn Natur beruhigt sie. Nach der Arbeit geht sie oft zum Ausgleich am Kanal Spazieren. Doch als sie anfängt, über ihr Engagement zu sprechen, blüht sie auf und ist kaum zu stoppen: Das Projekt startete im Wintersemester 2015/2016. Damals mobilisierte die sogenannte ‚Flüchtlingskrise‘ viele Hamburger:innen zu spenden und sich sozial zu engagieren.

Deshalb richtete Cornelia den Praxisanteil als Herzstück des Uniprojekts aus: Die Studierenden konnten sich bei einer sozialen Organisation ihrer Wahl für ein Semester engagieren. Über tausend Studierende konnte Cornelia so in den vergangenen fünf Jahren in gemeinnützige Projekte vermitteln.

Wenn die Zeit für Soziales Engagement fehlt

Viele gaben an, sie hätten sich schon früher über soziales Engagement in Hamburg informiert und Interesse daran gehabt – ihnen fehlte aber die Zeit. Genau die wollte Cornelia den Studierenden mit dem Seminar verschaffen. Deshalb können sie bei ihrem Seminar fünf Leistungspunkte für das Ehrenamt erwerben. Cornelia ist sich sicher: Ohne Leistungspunkte würden viele Studierende das Angebot nicht wahrnehmen – nicht, weil es ihnen an Interesse mangelt, sondern an Zeit. Das sei am Ende ein gesellschaftlicher Gewinn dank Leistungspunkten: Viele ihrer Studierenden blieben auch nach Ende des Seminars in ihren Engagements.

Soziales Engagement: Mit gutem Beispiel voran

Mit sozialem Engagement kennt sich die gebürtige Fränkin aus: Sie selbst engagiert sich in ihrer Freizeit unter anderem als Integrationspatin bei der Diakonie und bei „Start with a Friend“, einem Tandem-Projekt für Einwander:innen und Einheimische. Ihr eigenes Engagement war ihr auch in Bezug auf ihr Uni-Seminar ein wichtiges Anliegen: „Wenn ich Studierende da ranführen will, dann muss ich das auch leben. Es bringt nichts, über Engagement zu sprechen, wenn man es nicht selber verkörpert“.

Bereits zu ihren eigenen Unizeiten lebte Cornelia nach ihrem Motto „einfach mal machen“: Weil es, trotz Interesse an brasilianischem Kampftanz, in ihrer Umgebung keinen Capoeira-Verein gab, gründete sie einen und trainierte so weit, dass sie Anfänger:innen selbst unterrichten konnte. Nach der Uni ging sie nach Südkorea, um dort am Goethe-Institut Deutsch zu unterrichten.

Soziales Engagement im Capoeira-Verein

Dieses Auslandsjahr bezeichnet sie heute als einen wichtigen Orientierungszeitraum. Sie kam nach Deutschland zurück, um hier gemeinnützige Arbeit zu leisten und fand eine Stelle bei einer Stiftung. „Ich möchte die Zeit, die ich hier habe, für irgendwas Sinnvolles einsetzen“, sie lacht laut. Doch auch die Arbeit in der Stiftung war nicht das Richtige für sie. Dass es dafür einen plausiblen Grund gab, fand sie erst Jahre später heraus.

So ging es für Cornelia auf der Suche nach einer sinnhaften Beschäftigung weiter an die Universität Hamburg, wo sie ihr unkonventionelles Projekt auf die Beine stellte. „Ich musste das auch so ein bisschen durchboxen. Das ist einfach im Rahmen Unilehre überhaupt nicht Standard, dass es solche Projekte gibt“, sagt sie.

„Ich brenne für die Zivilgesellschaft“

Cornelia investierte viel Zeit in das Projekt, weit mehr, als die Vierzig-Stunden-Stelle eigentlich vorsah. „Ich bin kein Nine-to-Five-Typ.“ Sie habe da auch einen Ehrgeiz entwickelt, besuchte abends Fortbildungen, um das neugewonnene Wissen für ihr Seminar einzusetzen. Das ging allerdings auch zu Lasten ihres Privatlebens. Wie hat sie das geschafft, über fünf Jahre lang? „Ich brenne für die Zivilgesellschaft. Die Begeisterung muss da sein und die Priorität muss darauf liegen“.

Trotzdem sei es wichtig, „dass man sich für ein Engagement nicht total aufreibt und kaputt macht“. Das war bei ihr aber nie der Fall: „Ich habe so viel Power und Energie zurückgekriegt, inspirierende Gespräche und Kontakte und fachliches neues Wissen, dass sich das nicht wie Arbeit anfühlte.“

Da die finanzielle Förderung nicht fortgesetzt wurde, endet das Projekt nach fünf Jahren. Cornelia blickt mit einer Mischung aus Wehmut und Dankbarkeit auf die Zeit zurück. Sie denkt einen Moment nach und wirkt traurig: „Für die Studierenden finde ich es total schade. Das Tolle an dem Programm war ja auch, dass alle Fakultäten teilnehmen konnten und auch Leute zusammenkamen, die sich sonst nie begegnet wären und das“, sie pausiert kurz, „das geht einfach kaputt.“

Eine Diagnose bringt Entlastung

Andererseits kommt das Ende der Unilehre für Cornelia genau zum richtigen Zeitpunkt, denn sie haderte schon seit längerem mit einem Aspekt ihres Jobs: „Dieses Performen vor Gruppen strengt sehr an, auch physisch. Da fängt Self-care an: Sich besser kennenzulernen und auf sich achtzugeben und das richtige Setting für sich zu finden.“

Vor einigen Wochen wurde bei Cornelia das Asperger-Syndrom diagnostiziert. „Ich habe im Laufe der Jahre alle möglichen Diagnosen bekommen, die nicht so richtig passten. Konstant begleitet hat mich eine Essstörung, Hypersensibilität und das Gefühl, nie so richtig in die Gesellschaft zu ‚passen‘. Das ist etwas, was Autist:innen oft haben, glaube ich.“

Die Diagnose bedeutet eine große Entlastung für Cornelia. “Ich selbst hab mir beruflich oft Tätigkeiten gesucht, die viel Kraft kosten: Für die Stiftung habe ich zum Beispiel große Veranstaltungen moderiert, also mit Kostümchen und Mikrofon auf der Bühne im Rampenlicht. Dabei merkte ich, dass solche Situationen mich wahnsinnig fordern.” Heute weiß sie, dass das am Asperger-Syndrom liegt.

Große Menschenmassen rauben ihr Energie, sie kann Hintergrundgeräusche nicht ausblenden, ihr Gehirn verarbeitet alle Sinneseindrücke gleichzeitig. Sie deutet auf die Gruppe an Männern, die ein paar Meter entfernt im Park sitzen und sich unterhalten. „Ich kann dieses Gespräch nicht ausblenden, sondern ich höre parallel halt diesem Gespräch zu oder zähle mit, wie viele Gänse und Enten da auf der Wiese sind und ob die in einer Proportion zueinander stehen oder nicht.“ Sie fängt an zu lachen. „Solche Dinge macht dann das Gehirn.“

„Mich faszinieren Menschen“

Wie lässt sich diese Hochsensibilität mit sozialem Engagement und der Arbeit mit Menschen vereinbaren? Für Cornelia liegt die Lösung in vielen Eins-zu-Eins-Gesprächen: „Mich faszinieren Menschen seither. Hochfunktionaler Autismus bedeutet, dass man wirklich ganz gut klarkommt und ganz gut angepasst ist und nicht so sehr auffällt.“ Die Frage sei bei jeder sozialen Interaktion: Wie viel Kraftaufwand bedeutet das und ist er das wert? „Ich habe in der Vergangenheit immer entschieden, dass es das wert ist. Mich hat es einfach irrsinnig interessiert und ich hab ja auch Sozialwissenschaften studiert. Und da kommt man nicht ohne Menschen aus.“

Und Cornelia wäre nicht Cornelia, wenn sie ihre Diagnose nicht getreu ihrem Motto „einfach mal machen“ direkt auch in soziales Engagement kanalisieren würde: Sie engagiert sich seit Kurzem beim gemeinnützigen Verein Aspies e.V., eine Selbsthilfeorganisation von und für Menschen im Autismusspektrum.


Foto: Marina Schünemann

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Es gibt keinen Gedanken, den Marina Schünemann, Jahrgang 1997, nicht jederzeit notieren kann: Sie besitzt 25 Notizbücher, thematisch geordnet. Neben ihrer Liebe zum Schreiben zeichnet sie gerne berühmte Frauen wie Amalie Sieveking, die Mutter der ersten Sozialhäuser in Hamburg. Marina liebt das Theater, sie näht dafür sogar selbst Kostüme. Weil es in ihrer Heimatstadt Salzgitter keine größeren Bühnen gibt, zog die Kulturliebhaberin nach Hamburg, um hier Medien- und Kommunikationswissenschaft zu studieren. Für ihre Bachelorarbeit beobachtete sie ein Jahr lang, wie rechte Influencerinnen auf Instagram Gleichgesinnte rekrutieren. Neben dem Studium arbeitete sie für das Hamburger Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“. Gerade setzt sie sich als Vizepräsidentin von Golden Z, einem jungen Netzwerk für Frauen, etwa für Geschlechtergerechtigkeit in der Politik ein. Kürzel: mar

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