Kai Weise ist überzeugt davon, dass jede:r Einzelne die Welt zu einer besseren machen kann. Das können ganz basale Dinge sein. Bei seinem Ehrenamt merkt er immer wieder: einfach loslegen und mit anpacken.

Etwa sechs Jahre ist es nun her, als die ersten großen Gruppen von Geflüchteten in Deutschland eintrafen. Mehr als 1200 Menschen wurden damals provisorisch in den Messehallen Hamburg untergebracht, oft mit nichts außer dem, was sie am Leib trugen. Ein Wendepunkt für Kai Weise, an dem er der Ohnmacht und Fassungslosigkeit über den Zustand der Welt den Kampf ansagt.

Pflege, Politik, Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senioren kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als Langweilig, Ehrensache.

Während Kai von seinen Erlebnissen berichtet, geht er entspannt mit beiden Händen in den Jackentaschen. Er trägt einen hellen Hoodie mit der Aufschrift: „You´ll never help alone“ von Hanseatic Help. Seine Haare sind kurz geschoren, kürzer als sein Dreitagebart. Ein Ereignis prägt ihn besonders: Er sieht im Zuge der Berichterstattung einen Beitrag im Fernsehen. Ein Reisebus voller Menschen kommt in Freital an und wird von einer wütenden Meute attackiert, die sich gegen die Aufnahme der Geflüchteten stellt. Er wundert sich: „Was ist das für eine Welt? Haben die Menschen kein Herz?“ In den darauffolgenden Wochen plagt ihn ein bedrückender Klumpen im Bauch und er denkt sich: „Irgendwas müsste man mal machen.“ Also mistet auch er zu Hause aus und bringt Kleiderspenden an die Messehallen.

„Ich bin da irgendwie reingestolpert“

Nachdem das „Hamburger Abendblatt“ zur Spendenaktion für die geflüchteten Menschen in den Messehallen aufgerufen hatte, waren die Freiwilligen vor Ort schnell überlastet. Als Kai dort eintrifft, wird kurz Hilfe gebraucht und er bleibt. Zunächst bis 23 Uhr. „Wann kommst du morgen?“, fragt eine anwesende Helferin. Für Kai steht fest: Natürlich kommt er wieder. Auch am nächsten Tag. Und am übernächsten. Aus einer kurzfristigen Aushilfsaktion werden mehrere Monate Ehrenamt in den Messehallen. Er lächelt.

Eigentlich ist Kai Weise, 44 Jahre, selbstständig in der Produktionsleitung für Verlage tätig und organisiert die redaktionelle Arbeit für seine Kunden. Da sein Abitur für ein Medizinstudium nicht gut genug war, entschied sich der gebürtige Hamburger für eine Ausbildung zum Mediengestalter für digitale und Printmedien. Sein Zivildienst im Altenheim zeigt ihm durch die Begegnungen mit dem Tod das erste Mal, wie wertvoll das Leben ist. Eine harte, aber bereichernde Zeit. Geleitet wird Kai auch heute immer von dem Gedanken, dass jeder Einzelne etwas bewirken kann.

Momente der Wahrheit

Bereits vor 2015 erlebt Kai einen Schlüsselmoment, der sich in seinen Kopf eingebrannt hat. Nach einem Beinahe-Unfall mit einem Obdachlosen ringt er um seine Fassung. Zwar kann er dem durchgefrorenen Mann auf der Straße kurzfristig helfen, indem er Feuerwehr und Krankenwagen ruft, jedoch fehlt Kai die Perspektive. Er ist bestürzt darüber, wie hilflos er sich fühlt. Was aus dem Mann geworden ist, weiß Kai nicht. Für ihn ist es eine Art Weckruf, der ihm klarmacht: Es sind die kleinen Dinge im Umgang mit anderen Menschen, auf die es ankommt. Das mag der direkte Blickkontakt sein, der Menschen das Gefühl geben kann, wahrgenommen zu werden. Ein Lächeln oder ein kurzes Gespräch.

Vielleicht ist es genau das, was sein Ehrenamt ausmacht. Ganz viele Einzelne können ganz viel erreichen, wenn sie mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Wissen an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. So beschreibt er mit einem Funkeln in den Augen, wie sich die Arbeit in den Kleiderkammern entwickelt hat. Wie ein unorganisiertes Chaos durch die Selbstorganisation einer Gruppe Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen letztendlich zum Verein Hanseatic Help wurde, erfüllt ihn mit Hoffnung und Stolz. Die unverwechselbare Energie von damals, als sich Menschen mit der gleichen Motivation gemeinsam für eine gute Sache einsetzten, vermisst er heute.

Vergrößern

Kai Weise von Hanseatic Help e.V.
Kai Weise von Hanseatic Help e.V.

Michelle Albert

Das Erfolgsrezept lautet: Einfach machen

Mit einem Lächeln berichtet er von den vielen tollen Menschen, die er durch sein Engagement kennengelernt habe. Die Arbeit im Verein macht sein Leben wertvoller. „Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass die Welt eine bessere ist“. Zu sehen, wie der Grundsatz der Solidarität und Mitmenschlichkeit die vielen freiwilligen Helfer:innen vereint, macht für Kai den Unterschied. Er berichtet, wie selbstverständlich die Mithilfe von unterschiedlichsten Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten bei diesem Projekt ist. Er spricht von Empathie und Mitgefühl und einem vertrauensvollen Wissenstransfer und den Engagierten, die den guten Willen in den Menschen voraussetzen.

Seine Motivation verbirgt sich in der Einfachheit der Arbeit. Denn: Jeder ist willkommen und kann mit den eigenen Händen anpacken. Zunächst beschränkt sich Kais Engagement auf das Falten und Sortieren von Kleidung, später leitet er die Herrenabteilung. Den Wechsel von verkopfter Organisationsarbeit hin zum niedrigschwelligen Anpacken beschreibt er als erfrischend. Aktuell ist er im Kommunikationsteam des Vereins für Facebook und Instagram tätig und koordiniert Kampagnen. Außerdem kann er eine weitere Leidenschaft einbringen. Kai treibt gerne Sport, das sieht man ihm an. Er gründet eine Laufgruppe und sieht darin Potential für Spendenaktionen. Er selbst ist 2018 einen Marathon gelaufen und hat dabei Spenden für Schuhe gesammelt und eine Kooperation mit dem Hamburger Sportbund initiiert. Seine Devise lautet wie die von Hanseatic Help: Einfach machen.

Und jetzt?

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, bliebe Kai auf jeden Fall in Hamburg. Dabei lacht er kurz. Auch seinen Job würde er weiter ausüben. Oder sich ein wenig mehr auf die Fotographie konzentrieren. Vielleicht käme auch eine Waldhütte in Kanada in Frage, einfach, um es mal auszuprobieren und dem Trubel zu entfliehen. Ihn plagt kein Fernweh und die Corona-Einschränkungen tun ihm nicht besonders weh. Im Gegenteil: Für ihn bedeuten sie eher eine Erleichterung von all den Projekten, die er sich oft selbst aufhalst. Sowohl seine Arbeit als auch die Kommunikation für den Verein kann er überall ausüben.

Die Corona-Krise sieht Kai als Chance für die Menschheit zu lernen, dass ein rücksichtsvolleres Miteinander möglich ist. Außerdem wünscht er sich, dass sich die Menschen daran erinnern, dass unser komfortables Leben von einem Tag auf den nächsten vorbei sein kann. Für die Zukunft hofft er auf ein offeneres, vertrauensvolleres und empathischeres Gegenübertreten, denn er findet: Auf die kleinen Dinge kommt es an.

Foto: Janina Alff

Vorheriger Artikel6000. Stolperstein in Hamburg verlegt
Nächster ArtikelLockerung des Tanzverbots vom Senat beschlossen
Mit dem Abwasch von Tellern starten spannende Karrieren, so auch die von Michelle Albert, geboren 1996. In der „Krone“ zwischen Würzburg und ihrer Geburtsstadt Schweinfurt spülte sie vor dem Abitur regelmäßig Geschirr. Danach machte sie einen Bachelor in Medienkommunikation, Schwerpunkt Medienpsychologie, an der Uni Würzburg, mit einem Gastaufenthalt in Kolumbien. Erste redaktionelle Erfahrungen sammelte Michelle als Werbetexterin. Vor allem aber ist sie viel unterwegs: Sie schlief in einer Hängematte in Ruanda, sprang von der höchsten Bungeebrücke der Welt in Südafrika und beobachtete in Guatemala einen Vulkanausbruch. Auch ehrenamtlich fliegt sie viel, aber mit Kühlkoffer statt Backpack: Als Kurierin liefert sie weltweit Stammzellen für Krebspatienten aus. (Kürzel: mal)

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here