Einst war er Propagandabau in der NS-Zeit, später Geburtsstätte der „Tagesschau“ und des Springer Verlags, mittlerweile ist er Kulturzentrum und Club: Der Bunker an der Feldstraße hat eine bewegte Geschichte. Und die ist noch nicht zu Ende erzählt.

Grau in grau: In 47 Metern Höhe kratzt der Bunker Feldstraße am bewölkten Himmel Hamburgs. Sein Schatten fällt auf die Straßen und Gebäude, die ihn umgeben. Der klobige Bau aus der NS-Zeit wirkt bedrohlich, heute hat er seinen Schrecken vergangener Tage abgelegt. Hinter dem tristen Gestein steckt viel Buntes. Um ihn ranken sich mehr Geschichten, als Tom Hanks auf einer Parkbank sitzend zusammenkriegen würde.

Der Flak-(Flugabwehrkanone)bunker an der Feldstraße auf St. Pauli wurde von 1942 bis 1944 errichtet. In nur 300 Tagen stampften Zwangsarbeiter den Koloss aus dem Boden. In erster Linie sollte er dem Schutz der Bevölkerung vor Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg dienen.

10.000 Tonnen Stahl

Der Bunker in Zahlen

Gesamthöhe: 47 Meter
Gesamtfront: 70,50 m lang
Wandstärke: bis zu 2,60 m
Deckenstärke: 3,80 m

Außerdem diente er als Propagandamittel, um die Wehrhaftigkeit des NS-Regimes zu demonstrieren. Ein Vorgängerbau aus Berlin – ebenfalls von Architekt Friedrich Tamms entworfen und nach selbem Prinzip erbaut – hat laut Gutachten der Stadt Hamburg 45 Millionen Reichsmark gekostet. Die Summe hätte zur Errichtung von 180.000 bombensicheren Luftschutzplätzen, wie unterirdische Bunker und Kellerräume genannt werden, ausgereicht.

Stattdessen verbaute man circa 100.000 Kubikmeter Beton und 10.000 Tonnen Stahl. Und schuf eine Betonfestung ohne jegliche architektonische Schöngeistigkeit, die der Bevölkerung die Leistungsfähigkeit des Reiches vorführen wollte.

Gleichzeitig stellte sich der Klotz in der Luftabwehr als dysfunktional dar. Er konnte schnell vom Feind ausgemacht und deshalb leicht angegriffen werden. Sein Schutzzweck hingegen funktionierte: Zeitweise suchten bis zu 25.000 Menschen hier Schutz vor Luftangriffen.

Der Flakbunker an der Feldstraße kann auf eine bewegte Historie zurückblicken. Foto: Pixabay
Der Flakbunker an der Feldstraße kann auf eine bewegte Historie zurückblicken. Foto: Max Nölke

Nach dem Kriegsende wollten die Alliierten den Bunker ursprünglich sprengen. Die benötigte Kraft, um die 3,8 Meter dicken Decken zu zerstören, hätte allerdings auch die umliegenden Wohnviertel gefährdet. So entschied man sich dagegen, funktionierte den Bunker um und besiedelten ihn. Viele Hamburger, deren Häuser ausgebombt wurden, fanden hier einen Unterschlupf. Außerdem wurde er zum Lager für Tee und Gewürze.

Heute wummern Bässe aus dem Inneren, Bands spielen Konzerte, Lesungen finden statt. Es gibt Räume für Künstler, wie das Zentrum für transnationale Künste namens Hajusom, die Werkstatt eines Experten für Rahmen und Kaschierungen, Redaktionen und Promotionagenturen. Wenige Jahre nach Kriegsende wurde mit der vollständigen Umfunktionierung des ehemaligen Flakturms begonnen: Es entstand der Medienbunker.

Die Geburtsstunde der „Tagesschau“

1951 wurden zwei Filmstudios im Betonbunker eingerichtet. Ein Jahr später feierte hier die „Tagesschau“ ihre Geburtsstunde. Die erste Ausgabe vom 26. Dezember 1952 wurde aus dem Flak-Leitturm am südwestlichen Rand des Heiligengeistfeldes ausgestrahlt. Dieser Turm wurde in den Jahren 1973/1974 abgerissen.

Der NDR erzählt in der Entstehungsgeschichte der „Tagesschau“ von den Anfängen im Bunker: Damals hatte der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) einen Vertrag mit der „Neuen Deutschen Wochenschau“. Aus dem restlichen Filmmaterial, das die Sendung zur Verfügung stellte, produzierte ein einziger Redakteur zusammen mit zwei Schnittmeisterinnen eine Aktualitätenschau.

Der Redakteur war Martin Svoboda, er verwertete das Material im Keller eines Hauses in der Hamburger Heilwigstraße. Dort schrieb er die Texte an seiner Schreibmaschine, setzte sich mit den Filmrollen in die U-Bahn und fuhr zum Bunker. Von dort aus wurden die ersten Sendungen der „Tagesschau“ ausgestrahlt, ehe die Redaktion 1955 nach Hamburg-Lokstedt umzog.

Für die Sendungen wurde das Restmaterial aus den "Wochenschau"-Ausgaben verwendet. Ein einziger Redakteur modelte es zusammen. Foto: NDR Fotoarchiv
Für die ersten Sendungen der „Tagesschau“ wurde das Restmaterial aus den „Wochenschau“-Ausgaben verwendet. Foto: NDR Fotoarchiv

In Tagebüchern des Medienjournalisten Kurt Wagenführ heißt es über das kleinere der beiden Studios, es sei 4,5 mal 4,5 Meter groß und ausgestattet mit sieben Scheinwerfern, einer Kamera, einem Mikrofon und einem Feldtelefon. „Ein Klavier passte nicht mehr hinein, es steht auf dem Flur.“ Der große Senderaum sei etwa 11 mal 6,5 Meter groß. Dort befänden sich „technische Räume, eine Schminkecke und Ansätze für eine Kantine“.

Axel Springer und der Bunker

Auch der Axel Springer Verlag kann auf eine Vergangenheit im Bunker am Heiligengeistfeld zurückblicken.

Das Jahr 1945: Da ist eine Stadt in der Hand von Engländern. Ein junger Mann aus Altona. Und der Wunsch nach einer Zeitungslizenz. Der Unternehmensmythos ist in einer Doku von ZDF und Arte beschrieben: Demzufolge fragten die Engländer Axel Springer, um herauszufinden, ob er Nazi sei oder nicht, wer ihn verfolgt habe. Darauf habe dieser geantwortet: „Außer den Frauen, niemand.“ Damit habe er scheinbar zu gefallen gewusst und bekam die Lizenz.

Vorne der Leitbunker an der Budapester Straße. Hinten der große Bunker an der Feldstraße. Foto: NDR/Hans Cantzler
Vorne der Leitbunker an der Budapester Straße. Hinten der große Bunker an der Feldstraße. Foto: NDR/Hans Cantzler

Zu diesem Zeitpunkt stand in der Hamburger Innenstadt noch genau ein Gebäude: der Bunker. So erwuchs die erste Redaktion hinter zwei Meter dicken Wänden. 1946 wurde dort die erste Ausgabe der Programmzeitschrift „Hörzu“ produziert. Sie erreichte eine Millionenauflage und setzte damit den Grundstein für den Erfolg des Verlags.

In den Neunzigerjahren kaufte der Investor Thomas Matzen den Bunker, das Erbpachtrecht wurde bis ins Jahr 2053 an dessen Immobilien GmbH übertragen. Kostenpunkt: sechs Millionen Mark. Mittlerweile gilt das Erbpachtrecht bis 2093. Festgeschrieben wurde, dass das Bauwerk vorrangig Medienmachern und Kulturschaffenden bereitgestellt wird.

Anschlag am 29. April 2000

Im Bunker sind in den letzten Jahren weitere Agenturen, Redaktionen, Clubs und Bars entstanden. Unter anderem etablierte sich das J’s im vierten Stock, ein High-Society-Club, gegründet von Eventmanager Michael Ammer.

Am 29. April 2000 zündete ein Attentäter hier eine Splitterhandgranate und verletzte neun Menschen schwer. Um 3 Uhr nachts ging die Bombe zwischen den etwa 1500 Partygästen hoch.

Der Spiegel schrieb ein Jahr später, der 29-jährige Täter sei zu dem Anschlag gezwungen worden. Sein Auftraggeber sei ein gewisser „Mister X“ gewesen und der Anschlag habe dem Party-Veranstalter Michael Ammer gegolten. Der Attentäter wurde zu zwölf Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Der Anschlag beeinflusste die Sicherheitsvorkehrungen in Diskotheken deutschlandweit.

Der Bunker von unten. Foto: Max Nölke
10.000 Tonnen auf 47 Meter. Foto: Max Nölke

Mittlerweile befindet sich im ehemaligen J’s das Uebel & Gefährlich, ein Musikclub und Kulturtreff, den der Hamburger Schriftsteller Tino Hanekamp 2014 mitbegründete.

Bekannte Künstler wie Scooter oder Kettcar spielten im ausverkauften Konzertsaal. Auch weniger bekannte vor 50 Zuschauern. Manche lesen auf Veranstaltungen. Andere erzählen Geschichten beim Poetry Slam. Vor allem aber ist der Club bekannt für seine Electropartys. „Wir wollen versuchen, überall ein bisschen weiter zu gehen als normal“, sagte Hanekamp kurz nach der Eröffnung 2014.

Der grüne Bunker

Und der Mehrzweckbrocken hat noch lange nicht ausgedient, neue Pläne stehen bereits. 2016 stieg das Projekt Hilldegarden ein: Auf dem Dach des Bunkers soll ein urbaner Garten entstehen, das Gebäude um fünf Geschosse aufgestockt werden. Ein Hotel soll Platz finden, neben Flächen für Sport und Kultur. Außerdem ist eine Gedenkstätte für hier verstorbenen Opfer der NS-Zeit geplant.

Der Bunker soll begrünt werden. So plant es das Beteiligungsprojekt Hilldegarden. Foto: Planungsbüro Bunker
Der Bunker soll begrünt werden. So plant es das Beteiligungsprojekt Hilldegarden. Foto: Planungsbüro Bunker

Nach dem Umbau soll der Bunker 58 Meter hoch sein. Im Sommer 2019 haben die Baumaßnahmen begonnen. Das Projekt ist seit langer Zeit umstritten. Das als Beteiligungsprojekt vorgestellte Bauvorhaben wird als intransparent kritisiert. Der Investor Thomas Matzen ist mit dem Planungsbüro im Streit. Denkmalschützer*innen und Bewohner*innen befürchten eine „Event-Location“, ansteigende Mieten und, dass die Symbolhaftigkeit des Gebäudes verlorengeht. „Der Bunker ist eine Waffe, er stellt demonstrativ Wehrhaftigkeit dar, war ein Propagandabau. Seine massige stereometrische Form ist eine Aussage“, sagte Elinor Schües, ehemalige Vorsitzende des Denkmalrats Hamburg 2016 im Gespräch mit dem „Hamburger Abendblatt“. Der Charakter eines Mahnmals werde durch die Vorhaben unkenntlich gemacht.

Die Geschichte geht weiter

Der Bunker an der Feldstraße ist Gegenstand vieler Geschichten: Von grausamen aus dem Zweiten Weltkrieg. Schönen, wie die von der Geburt der Tagesschau. Von wilden Partygeschichten aus den Achtzigern und Neunzigern. Bald geht es weiter – in grüngrau.

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Harald Schmidt hat 1995 gesagt, dass Kinder nur noch Max, Paul oder Leonard heißen. „Namen wie blank geputzte Holztische“. Zu diesem Zeitpunkt war Max Paul Leonard Nölke seit zwei Monaten auf der Welt. Der Dortmunder Knirps teilt mit seinen Namensvettern Hobbys wie Fußball, Musik hören und Freunde treffen. Soweit, so blank geputzt. Markanter ist Max‘ Schreibe. Der herbe Ruhrpott-Schlag gepaart mit seinem Feingefühl brachten ihn in die Redaktionen der Dortmunder “Ruhr Nachrichten” und der Berliner “taz”. In Marburg hat er Sprache und Kommunikation studiert, kann auf Italienisch einen Ramazzotti bestellen und auf Niederländisch eine Frikandel Speciaal. Am liebsten sind ihm aber die Kohlrouladen von Mama. Irgendwann will er mal mit Olli Schulz ein Fischbrötchen verspeisen. Der ist sowieso lustiger als Harald Schmidt. Kürzel: max

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