Sandra Kupilas hatte immer einen Traum: Soziale Arbeit studieren und den Menschen am Rand der Gesellschaft helfen. Auch über Umwege hat sie ihn nicht aus den Augen verloren. Heute arbeitet sie im „Drob Inn“, einer Suchtberatungsstelle.

Titelbild: Lea Hanke

Drogen, Sucht und Hoffnungslosigkeit: ein alltägliches Bild auf dem Besenbinderhof in unmittelbarer Nähe des belebten Hamburger Hauptbahnhofs. Hier spielt sich die offene Drogenszene Hamburgs ab. Es gibt hier aber auch Hilfe: im „Drob Inn“, einer Kontakt- und Beratungsstelle mit integriertem Drogenkonsumraum des Trägers Jugendhilfe e.V..

Hinter einem verglasten Schalter ähnlich dem einer Tankstelle sitzt Sandra Kupilas an ihrer Lieblingsstation im „Drob Inn“: dem Spritzentausch. Hier können Konsument:innen ihre benutzten Spritzen gegen frische eintauschen. „Hier stehe ich im direkten Kontakt mit den Klient:innen auf dem Vorplatz“, erzählt sie. Besonders gefalle ihr der Kiosk-Charme. „Beim Tausch von gebrauchten Spritzen komme ich gern in ein kurzen Plausch mit den Klient:innen“, erzählt sie.

Ins „Drob Inn“ kommen Menschen, die unsere Gesellschaft oft missachtet. Sandra nicht. Mit ihrer freundlichen, empathischen Art setzt sich die 35-Jährige seit Jahren für sozial Benachteiligte ein. Schon vor ihrer Arbeit im „Drob Inn“ war sie bei der Hannoveraner Tafel und einem Wohnprojekt für obdachlose Frauen tätig.

Über Umwege zum Studium

Pflege, Politik oder Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senior:innen kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als langweilig, Ehrensache.

Sandra ist 1986 in Salzgitter geboren. Bevor es sie nach Hamburg verschlug, verbrachte sie ihr Leben hauptsächlich in Hannover, Salzgitter und Braunschweig. Für Sandra war schon immer klar, dass sie sich in irgendeiner Weise sozial engagieren möchte. Ihr Traum anfangs: Streetworkerin in der Jugendarbeit. Ein Studium der Sozialen Arbeit war direkt nach dem Schulabschluss aber nicht möglich. Ihre Noten waren schlecht, ihre Eltern keine Akademiker, die Hochschulwelt für sie fremd. Sie entschied sich, eine Ausbildung zur Industriemechanikerin zu machen.

Ihren Traum, Soziale Arbeit zu studieren, hat sie dennoch nie aus den Augen verloren. Dafür machte sie ihre Weiterbildung zur Meisterin. Mit dem Meistertitel in der Tasche konnte sie sich endlich auf den lang ersehnten Studienplatz bewerben. Endlich ins Traumstudium, endlich die Leidenschaft zum Beruf machen. Zunächst sollte es jedoch wieder nicht der direkte Weg sein. „Ich habe keinen Studienplatz für Soziale Arbeit bekommen und dann erstmal Soziologie mit Nebenfach Politikwissenschaft studiert. Das fand ich damals noch total interessant“, sagt sie.

„Bock, mit Betroffenen zusammenzuarbeiten“

Während ihres ersten Studiums konzentrierte sie sich in ihrer Freizeit weiter auf die Arbeit mit Menschen, die ihr am Herzen liegen. Den „Verlierer:innen unserer kapitalistischen Gesellschaft“, wie sie sagt. Sie arbeitete bei der Hannoveraner Tafel und begleitete eine Selbsthilfegruppe für Eltern mit Kindern, die von starken Nervenerkrankungen betroffen sind. Mit der Selbsthilfegruppe organisiert sie Ferienfreizeiten für die Kinder. Zuerst als Betreuerin, später als Koordinatorin.

Auf Dauer war Sandra in ihrem Soziologie- und Politikstudium allerdings nicht glücklich. Die Arbeit mit dem einzelnen Menschen fehlte ihr. „Ich bin keine Politikerin und keine Wissenschaftlerin. Ich habe einfach Bock, mit den Betroffenen zusammenzuarbeiten, mit ihnen Einzelgespräche zu führen. Das ist meine Stärke.“

Endlich das Traumstudium

2019 bekam sie einen Studienplatz für Soziale Arbeit und zwar in Hamburg an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). Schnell wurde Sandra auf ein Kooperationsprojekt der HAW mit dem deutschen Caritasverband aufmerksam. Nicht nur das Containerprojekt für wohnungslose Frauen an sich, sondern vor allem auch die Leiterin des Projektes – eine starke, empathische Frau, wie Sandra erzählt – haben sie überzeugt.

Das Containerprojekt für Frauen bietet individuellen Raum für zehn Personen. Weitere Informationen zum Projekt findest Du in diesem  FINK.HAMBURG Beitrag.

Fast eineinhalb Jahre engagiert sie sich für das Containerprojekt. An der HAW belegte sie Seminare mit dem Thema „Existenzsicherung für Obdachlose“. Danach begleitete Sandra die Frauen, führte Gespräche mit ihnen, beriet sie und koordinierte das Zusammenleben im „Big-Brother-Dorf ohne Kameras“, wie sie es gerne nennt. Es gehe bei dem Projekt darum, Schutzräume für Menschen zu schaffen, die ein Schattendasein fristen.

„Einige Frauen haben mir erzählt, dass sie jahrelang im Wald gelebt haben. Die Anfrage von neuen Bewohnerinnen am Containerprojekt ist riesengroß.“

Solche Schutzräume für obdachlose Frauen sind bitter nötig. Sie leben in täglicher Angst vor Gewaltakten und sexuellen Übergriffen. Viele der Frauen sind auf öffentlichen Plätzen nur in Gruppen unterwegs. Doch das Angebot an Wohn- und Schutzräumen sei leider in der Stadt viel zu gering, sagt Sandra.

Panik im Druckraum

Seit anderthalb Jahren ist sie nun im „Drob Inn“. Menschen mit Suchterkrankungen werden hier beraten, an weiterführende Hilfen vermittelt und in einem sogenannten Druckraum unter Aufsicht mit sauberem Material zum Drogenkonsum versorgt. Hier erfahren sie nicht wie vielerorts Verachtung und Ablehnung, sondern Zuwendung und Wertschätzung als Mensch. Als Hilfskraft ist Sandra nicht in beratender Funktion unterwegs, sondern hauptsächlich als Ansprechpartnerin. Ein offenes Ohr bieten. Menschen am äußersten Rande unserer Gesellschaft das Gefühl geben, gehört zu werden. Das ist ihr Ding.

Schon bevor Sandra nach Hamburg zog, war ihr klar, dass sie sich in der offenen Drogenarbeit betätigen will. Eine Herausforderung war es anfangs dennoch. „Ich kannte das ‚Drob Inn‘ vorher nur aus Reportagen.“ Dann stand sie das erste Mal selbst im Druckraum. „Das löste erstmal ein Gefühl von Panik in mir aus“, erzählt sie. „Kann ich das Blut sehen? Kann ich den Anblick ertragen, wie Menschen sich selbst intravenös Drogen verabreichen?“ Um diese Fragen kreisten ihre Gedanken. Doch sie hat die Herausforderung gemeistert.

Ausnahmesituationen sind hier alltäglich

„Es schwebt oft eine Wolke der Hoffnungslosigkeit im Raum“, sagt Sandra. Sie selbst muss belastbar sein. Ausnahmesituationen gehören hier zum Alltag. Drogennotfälle im Druckraum, verbale Auseinandersetzungen und überkochende Emotionen außer- und innerhalb des „Drob Inn“. Angst hat Sandra nie. „Ich habe Respekt, aber keine Angst. Sonst wäre es der falsche Arbeitsplatz“, sagt sie.

Sucht ist eine Krankheit. Eine Krankheit, die jeden treffen kann. Sandra erzählt von Menschen aller Bevölkerungsschichten, die sie im „Drob Inn“ schon vor sich hatte. Akademiker:innen, Handwerker:innen, Arbeitslose – es geht quer durch alle Schichten.

Die wertschätzende und herzliche Art, die Sandra diesen Menschen entgegenbringt ist selten und deshalb so wertvoll. Was sie am meisten bei ihrer Arbeit betrübt: „Wenn Klient:innen erzählen, dass sie in Krankenhäusern und anderen Institutionen immer abgewiesen und verurteilt wurden, ihnen nie Glauben geschenkt wurde, sie überall abwertend behandelt wurden.“ Das will sie anders machen.