Die digitale Welt überschwemmt uns mit Angeboten zur Selbstoptimierung. Der Pulsmesser in der Smartwatch, die Meditationsapp auf dem Tablet oder Schrittzähler auf dem Handy. Können wir da noch mithalten? Anfang November veranstaltete die Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll in Hamburg zu diesem Thema ein Event auf Kampnagel. 

Ein Beitrag von Michelle Albert und Marieke Weller

Erfolg und Misserfolg werden in den sozialen Medien ganz klar definiert: Sport treiben, erfolgreich sein im Job, gesunde Ernährung und reine Haut sind der Standard, an dem es sich vermeintlich zu orientieren gilt. Dabei ist der Grat zwischen motivierenden und inspirierenden Inhalten und der Nachahmung schädlicher Verhaltensmuster sehr schmal. In einer zunehmend digitalisierten Welt scheint die optimierte Selbstinszenierung über gut und schlecht, unten und oben, Erfolg und Misserfolg zu entscheiden. Ob man dem gesellschaftlichen Leistungsdruck erliegt oder sich davon abgrenzen kann, ist individuell verschieden.

„Meine Vorstellung vom Leben passt vielleicht nicht in das System, das sich an der Stelle in der Gesellschaft geschaffen hat. Ich kann und ich möchte nicht mehr mithalten müssen. Ich wünsche mir viel eher, dass gegenseitiger Respekt und Rücksichtnahme statt Leistungsdruck wieder in Mode kommt.“ – Lara B. 

Das schreibt Lara B., sie war Anfang November auf der Veranstaltung „reden! statt schweigen“ der Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll in Hamburg. Dort diskutierten Dr. Vera King, Professorin für Soziologie und Sozialpsychologie an der Goethe-Universität und Geschäftsführende Direktorin am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main, und Melanie Schlotzhauer, Hamburger Staatsrätin für Gesundheit in der Behörde für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Familie und Integration über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Trend zur Selbstoptimierung.

Lara B. war als Betroffene einer psychischen Erkrankung geladen. Für die Veranstaltung schrieb sie einen Erfahrungsbericht mit dem Titel: „Über Digitalisierung und Selbstoptimierung im Zeichen einer Depression“. 

Mehr Digitalisierung – mehr Selbstoptimierung?

Es scheine fast so, als müssten wir uns selbst digitalisieren, schreibt schreibt Lara B. in ihrem Erfahrungsbericht. „Das Schlagwort hier lautet: Selbstoptimierung. Eine Idee, die unter anderem durch die sozialen Medien in die Welt hinausposaunt wird. Höher, schneller, weiter. Das am besten sofort.“

Für ihre psychische Erkrankung ist der Selbstoptimierungsdrang und die Social-Media-Scheinwelt kontraproduktiv. Hier eine Grenze zu ziehen, sei nicht immer leicht. Doch es gebe auch sinnvolle Anwendungen und Informationsangebote, sagt sie, um sich etwa mit Gleichgesinnten zu vernetzen.

Die Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll ist einer der großen Träger im (sozial-) psychiatrischen Bereich in Hamburg. Sie will die Lebensbedingungen von Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder seelischen Behinderung verbessern und engagiert sich mit verschiedenen Projekten für mehr Austausch zu psychischer Gesundheit und für Kinder psychisch kranker Eltern.

Digitale Verbundenheit

Wissenschaftlerin King ging in ihrem Vortrag „Psyche und Kultur in Zeiten der Optimierung und Digitalisierung“ unter anderem folgenden Fragen nach:

Wie verändern sich Psyche und Kultur im Zeitalter der digitalen Medien? Wie wirken sie sich aus auf soziale Beziehungen und individuelle Entwicklungen?

King hat in ihren Forschungsarbeiten herausgefunden: Wie wir Verbundensein und Getrenntsein wahrnehmen, verändert sich durch die Digitalisierung. Viele Teilnehmer:innen ihrer Forschungsprojekte gaben an, dass sie körperlich eine digitale Verbundenheit mit anderen spüren. Selbst wenn sie sich zu Hause einsam fühlen. Auch würden psychische Krankheiten in der digitalen Welt zunehmend offen thematisiert. Dadurch findet laut King eine kulturelle Normalisierung und damit Entstigmatisierung statt.

Lernen, auch mal abzuschalten

Melanie Schlotzhauer plädierte auf der Veranstaltung ebenfalls dafür, offener über Themen wie psychische Krankheiten zu sprechen. Und dafür, ein gewisses Maß an Resilienz in der Gesellschaft zu erreichen. Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit oder auch die Fähigkeit, mit Stress und Krisen umzugehen.

Schrittzähler in Smartphones, Menstruationskalender als App und Puls an der Smartwatch: Die Digitalisierung macht es immer leichter, Daten zu sammeln, zu messen und zu analysieren. Wir müssen lernen mit dem Überangebot an digitalen Möglichkeiten klarzukommen und auch mal abzuschalten, so Schlotzhauer. Wer sich zu sehr dem Optimierungsdrang hingebe, könne psychisch daran zerbrechen.

Entwicklungen zu verhindern, die die Resilienz überhaupt erst notwendig machen, sieht  King als eine der Aufgaben unserer Zeit an. „Das Netz ist unendlich“, sagte die Wissenschaftlerin bei der Veranstaltung in Hamburg. Die Frage sei auch, wer eigentlich entscheide, was man selbst mache. Gehe ich joggen, weil ich es will? Oder weil das Smartphone beziehungsweise die Smartwatch zur nächsten Joggingrunde aufruft? Habe ich noch Hunger obwohl mein Tagesbedarf laut Kalorientracker schon gedeckt ist?

Social Media: Fluch oder Segen?

Sportlich sein, reisen, Mode, Kosmetik – auch das sind Themen, die im digitalen Raum stattfinden, durch Smartwatch und Gesundheits-Apps, aber auch über Social Media. Diese Vergleichskultur in den sozialen Medien hat auf jede:n eine andere Wirkung. Sie kann motivieren, desillusionieren, deprimieren.

Öffne ich heute meine Social Media Apps, um mir die Zeit zu vertreiben, oder, um neue Anregungen für ein angenehmes Leben mit Depression zu erfahren oder um Kontakt zu halten, erhalte ich konsequent und ungefragt Tipps und Anregungen, wie ich mein Leben am heutigen Tag verbessern soll. – Lara B.

Aber es gibt auch immer mehr Accounts und Kanäle, die bewusst Tabu-Themen wie psychische Krankheiten aufgreifen und ihre Follower:innen darüber informieren. Diese Profile möchten damit meist ihren Follower:innen zeigen, dass es völlig in Ordnung ist, in unserer Leistungsgesellschaft auch mal nicht zu 100 Prozent zu funktionieren.

Digitale Hilfsangebote können eine Unterstützung darstellen, jedoch niemals eine Therapie ersetzen. – Lara B.

Hier findest Du Hilfe
Du leidest unter Ängsten, Depressionen oder gar suizidalen Gedanken? Die Telefonseelsorge erreichst du unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 rund um die Uhr. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen ist unter 0 800 / 777 22 44  täglich von 8 bis 20 Uhr in Corona-Krisenzeiten erreichbar und berät. Alle Angebote sind anonym und kostenlos. Auf der Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung findet sich zudem ein Überblick über Unterstützungs- und Beratungsangebote.

Illustration: Charlotte Götze