Der Student Hans Leipelt wurde 1945 hingerichtet, weil er Flugblätter der Weißen Rose vervielfältigte. Klaus Möller hat sein Leben dokumentiert und mit Weggefährten gesprochen.

Es ist ein für Hamburg typischer Wintertag. Feiner Sprühregen fällt vom dichten und grauen Himmel herab auf die Einfamilienhäuser der Mannesallee in Wilhelmsburg, das Thermometer zeigt 5 Grad an. Nur wenige Menschen spazieren an diesem Vormittag im Januar auf den Straßen unweit der Emmaus-Kirche. Vor der Hausnummer 20 sind drei bronzene Stolpersteine in den Bürgersteig eingelassen. „Hier wohnte Hans Konrad Leipelt, Weiße Rose, hingerichtet am 29.01.1945 in München-Stadelheim“, steht auf einem.

Hans Leipelt Porträt.
Hans Leipelt studierte Chemie in Hamburg und München, später entschloss er sich Widerstand gegen das Regime zu leisten. Foto: Archiv Klaus Möller/Angela Bottin

Hans Leipelt: Hingerichtet drei Monate vor Kriegsende

Hans Leipelt wurde im Alter von 23 Jahren hingerichtet, weil er regimekritische Flugblätter der Widerstandsgruppe Weiße Rose kopierte und verteilte. Knapp drei Monate bevor Nazi-Deutschland kapitulierte und seine Schreckensherrschaft über Europa engültig endete. An der Stelle der Mannesallee, an der nun ein Einfamilienhaus mit weißer Fassade steht, lebte Leipelt von 1937 bis zu seinem Abitur ein Jahr später mit seinen Eltern Katharina und Konrad Leipelt und seiner Großmutter, Hermine Baron.

1939 überfällt das faschistische Deutschland Polen und der Zweite Weltkrieg nimmt seinen Lauf. Mittendrin: Der 18-Jährige Leipelt. Er absolviert zu dieser Zeit seinen Wehrdienst in Wandsbek, der Voraussetzung ist, um studieren zu dürfen. Das ist Hans‘ eigentliches Ziel. Mit seinem Regiment muss er in Polen kämpfen, dann beim siegreichen Frankreich-Feldzug. Für seinen Einsatz erhält er Auszeichnungen, darunter das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. Es wurde Soldaten verliehen, die durch „hervorragende Handlungen, Gehorsam und Mut“ aufgefallen waren.

Im August 1940 wird er trotz seiner Erfolge bei der Wehrmacht unehrenhaft aus dem Militär entlassen. Die Begründung: Er sei „Halbjude“. Hermine Baron und ihr Mann kommen aus jüdischen Elternhäusern, doch schon seine Mutter Katharina wird evangelisch erzogen. So wie Hans. In der Nazi-Ideologie macht das keinen Unterschied. Hans‘ Großeltern und seine Mutter sind nach der nationalsozialistischen Ideologie „Volljuden“. Sein in Wien lebender Onkel Otto Baron, der Bruder seiner Mutter, bringt sich um, nachdem das Deutsche Reich in Österreich einmarschiert. Der Auftakt einer immer schlimmer werdenden Verfolgung seiner Familie. Auch Hans spürt schon in der Schule Feindseligkeit ihm gegenüber, als er mehrfach von außerschulischen Aktivitäten ausgeschlossen wird. Er beginnt, die Diktatur abzulehnen.

Hans Leipelt in Wehrmachtsuniform 1939.
Hans Leipelt bei der Wehrmacht 1939. Mit seinem Regiment nahm er an den Feldzügen in Polen und Frankreich teil. Foto: Archiv Klaus Möller

Klaus Möller: Chronist von Leipelts Leben

Dass Hans Leipelts Lebensweg heute so gut dokumentiert ist, verdankt die Nachwelt vor allem Klaus Möller. Bis 1999 lehrte der 86-Jährige Geschichte und Englisch am Heisenberg-Gymnasium in Harburg. „Ich habe mich als Lehrer immer sehr intensiv mit Zeitzeugen befasst und habe sie in meinen Unterricht eingebunden. Und so bin ich auch auf Hans Leipelt gestoßen“, erzählt er.

2019 erhielt Möller für die Betreuung mehrerer Schulprojekte, beispielsweise über das Schicksal Harburgs jüdischer Familien, von Schulsenator Ties Rabe das Bundesverdienstkreuz.

Klaus Möller (rechts) erhält von Ties Rabe das Bundesverdientskreuz.
Klaus Möller (rechts) bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch Schulsenator Ties Rabe (SPD). Foto: Klaus Möller

Seine Schüler:innen nahmen 1982 an einem bundesweiten Geschichtswettbewerb teil, Möller unterstützte sie dabei. Über einen Kontakt, den der Lehrer herstellen konnte, nahmen sie Kontakt zu Maria Leipelt auf. Sie war die Schwester Hans Leipelts und lebte mittlerweile in den USA. Dort studierte sie nach dem Krieg Biochemie, heiratete und lehrte als Dozentin in Harvard. Möller traf sie mehrfach, sprach mit ihr über das Erlebte und trug über die Jahre viele Informationen über Leipelt zusammen.

Härtere Repressionen und ein Schicksalsschlag

1940 will Hanswie später seine Schwester Chemie studieren. Er beginnt sein Studium an der Universität Hamburg, wenige Tage nachdem ihn die Wehrmacht ausgeschlossen hat. Sein Vater, technischer Direktor der Zinnwerke Wilhelmsburg, setzt sich an der Universität für ihn ein. Ein knappes Jahr später schließt ihn die Universität ebenfalls aus. Zum Wintersemester 1941/42 wechselt er an die Ludwig-Maximilians-Universität nach München zu Prof. Heinrich Wieland, Nobelpreisträger für Chemie. Wieland scheut nicht den Konflikt mit dem Regime und nimmt auch Menschen jüdischer Herkunft in seinem Institut auf. In München lernt Leipelt Marie-Luise Jahn kennen. Die beiden Studierenden entwickeln eine enge Freundschaft.

Während Hans‘ akademische Laufbahn in München gerettet scheint, leidet die Familie in Hamburg im Sommer 1942 unter den Repressionen. Maria wird aus der Oberstufe ihrer Schule ausgeschlossen. Im Juli deportieren die Nazis die 76-Jährige Großmutter Hermine Baron in das KZ Theresienstadt und ermorden sie ein halbes Jahr später.

1942 stirbt der Vater Konrad Leipelt völlig unerwartet an einem Herzinfarkt. Unter die Trauer um ihn mischt sich Angst. Die „Mischehe“ mit Konrad schützte Katharina und die Familie bislang vor weiteren Verfolgungen. Mit seinem Tod erlischt dieser Schutz. Katharina wird kurz darauf zur Zwangsarbeit in einer Futtermittelfabrik in Harburg verpflichtet.

„Sie waren herzensgute Menschen und wurden so von diesem System verfolgt und letztlich getötet“, sagt Klaus Möller. „In ihm kam zweifellos die Wut darüber auf, was seiner Großmutter und seiner Mutter passiert ist. Das war es auch, was ihn später zum Handeln trieb.“

Leipelt und die Weiße Rose

Februar 1943: Der deutsche Siegeszug im Osten findet ein jähes Ende. Nachdem das Deutsche Reich im Juni 1941 die Sowjetunion überfallen hatte, erfährt die 6. Deutsche Armee in Stalingrad nun eine vernichtende Niederlage. Ein Wendepunkt des Krieges.

Unter diesem Eindruck stehend, macht an der Universität in München ein Flugblatt die Runde. Das 6. Flugblatt der Weißen Rose. Das an die Studierenden gerichtete Papier findet auch Hans Leipelt in seiner Post. Sein Inhalt kritisiert die nationalsozialistische Führung aufs Schärfste, ruft die Studierenden zum Widerstand auf und fordert Freiheit: „Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir von dem Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen, zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat.“

Die Alliierte Kopie des 6. Flugblatts der Widerstandsgruppe Weiße Rose.
So sah das 6. Flugblatts der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ aus. In Möllers privatem Archiv befindet sich diese Kopie aus alliierter Hand. Deutschlands Kriegsgegner warfen Exemplare mit einer Einleitung auf deutsch zu Propagandazwecken aus der Luft über dem Reichsgebiet ab.

Leipelt und seine Freundin Jahn sind beeindruckt von so viel Mut und Courage, die die Verfasser:innen unter Lebensgefahr zum Ausdruck brachten. Wer für den Inhalt verantwortlich ist, erfahren sie erst, als am 18. Februar die Geschwister Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst verhaftet werden und der Volksgerichtshof sie vier Tage später zum Tode verurteilt.

Ohne die Mitglieder der Weißen Rose oder ihre Hintergründe zu kennen, entschließen sich Leipelt und Jahn, das 6. Flugblatt zu vervielfältigen. „Wer sollte jetzt die Wahrheit sagen über das verbrecherische Regime? Die, die es gewagt hatten, waren nicht mehr am Leben. Aber wir hatten das Flugblatt. Was sollten wir tun? Wir wussten es. Ganz spontan entschlossen wir uns: Wir müssen weitermachen. An die Gefahr dachten wir nicht“, erinnert sich Marie-Luise Jahn Jahre später in ihrer Autobiografie.

Widerstand im Untergrund

„Leipelt ist sehr spontan in seinen Äußerungen gewesen. Einige sagen auch, dass er unvorsichtig war, weil er alles riskiert hat. Er war nicht zu bremsen. Das hat auch Marie-Luise Jahn gesagt“, erinnert sich der pensionierte Geschichtslehrer. Die beiden Anfang-20-Jährigen tippen das Flugblatt mit einer Reiseschreibmaschine ab, wieder und wieder. Dazu versehen sie die Schrift mit dem Zusatz: „Und ihr Geist lebt trotzdem weiter“. In den Osterferien 1943 begleitet Jahn Leipelt nach Hamburg, zahlreiche Abschriften des Flugblatts im Gepäck. Sie verteilen es unter Freunden in der Hansestadt.

Im Herbst 1943 fliegen sie auf. Leipelt und Jahn werden denunziert, im Oktober verhaftet sie die Geheimpolizei Gestapo. Im Freundeskreis der beiden kommt es in München und Hamburg zu weiteren Verhaftungen. Auch Hans‘ Mutter Katharina und seine Schwester Maria werden verhaftet und in das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel gebracht. Katharina weiß bei ihrer Festnahme, dass sie aufgrund ihres jüdischen Elternhauses keine Chance auf einen Prozess bekommen wird. Schon ein Jahr zuvor gab Heinrich Himmler, Chef der SS und des gesamten Polizeiapparats, den Befehl, alle jüdisch stämmigen Insassen in Konzentrationslager zu deportieren. Katharina Leipelt nimmt sich zwei Tage nach ihrer Verhaftung in der Gefangenschaft das Leben.

Der Prozess gegen Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn, sowie weitere Münchner Vertraute, beginnt genau ein Jahr später, im Oktober 1944. „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Feindbegünstigung und Rundfunkverbrechen“ lautet die Anklage. Zwischen 1941 und 1943 soll Leipelt ausländische Rundfunksender gehört haben. Er nimmt in der Scheinverhandlung alle Schuld auf sich, um Jahn zu retten. Der Volksgerichthof verurteilt sie trotzdem zu 12 Jahren Gefängnis. Leipelt wird zum Tode verurteilt.

Anonym im Reihengrab begraben

„Hans Leipelt ist in der Haft ein sehr religiöser Mensch geworden. Auch, weil er eingesehen hat, dass er seine Familie in Gefahr gebracht hat“, vermutet Möller. Aus Abschiedsbriefen an seine Schwester geht hervor, dass er sich bewusst darüber war, für ihre und die Verhaftung seiner Mutter verantwortlich gewesen zu sein. „Auch Dich bitte ich nun zum Schluss, Du möchtest (…) meinen maßlosen Mangel an Selbstbeherrschung vergeben, durch den ich auch Dich ins Unglück gestürzt habe“, schreibt er an Maria. Hans versucht nach seiner Verurteilung, seinem Schicksal mit einem Gnadengesuch zu entgehen, er verweist auf seine Verdienste als Soldat. Vergeblich.

Hans Leipelts Gnadengesuch nach seiner Verurteilung zur Todesstrafe.
Das handgeschriebene Gnadengesuch Leipelts nach seiner Verurteilung zum Tod durch den Volksgerichtshof. Kopie: Klaus Möller/Bundesarchiv

Was mit Leipelts Leiche geschehen war, war zunächst unklar. 1996 fand Maria Leipelt heraus, dass ihr Bruder anonym in einem Reihengrab begraben wurde*. „Die Nazis haben hingerichtete Menschen normalerweise in Massengräbern oder namenlos bestattet“, sagt Möller. „Über Katharina Leipelt gibt es keine Unterlagen.“

Klaus Möller hat sich der Aufgabe verschrieben, an Hans Leipelt und seine tapferen Mitstreiter:innen zu erinnern. Bis heute engagiert sich der 86-Jährige in der Initiative Gedenken in Harburg. Unter anderem sorgte die Initiative zusammen mit dem Künstler Gunter Demnig dafür, dass diverse Stolpersteine an Opfer des Nazi-Faschismus erinnern. So, wie die drei Gedenksteine vor der Mannesallee 20 in Wilhelmsburg.

*In einer vorherigen Version hieß es, dass der Verbleib der Leiche ungeklärt sei. Dies haben wir korrigiert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

1 KOMMENTAR

  1. Es ist wichtiger denn je, dass an Menschen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus öffentlich erinnert wird. Dazu zählt Hans K. Leipelt auch deshalb, weil seine Biografie durch seine jüdischen Wurzeln und die entsetzliche Verfolgungsgeschichte seiner Angehörigen gleich in mehreren europäischen Regionen mit-geprägt ist.
    Ein Hinweis: Der Verbleib des Leichnams von Hans Leipelt ist keineswegs ungeklärt. Seit ihrer Befreiung im April 1945 suchte seine überlebende Schwester Maria Leipelt, später verheiratete Maria Leipelt Bade, nach dem Grab ihres Bruders. Niemand konnte ihr im frühen Nachkriegsdeutschland weiterhelfen, weil Leipelt in einem Reihengrab anonym auf dem Friedhof am Perlacher Forst nahe seiner Hinrichtungsstätte mehr oder weniger verscharrt wurde. Dieses Schicksal teilte er mit weiteren über 90 politisch Verfolgten aus mehreren europäischen Ländern, deren Todesurteile in den letzten Monaten des Krieges in München-Stadelheim ermordet wurden.

    Maria Leipelt Bade erfuhr erst sehr viele Jahre später davon. Im Juli 1996 wurde auf das Betreiben von Leipelts Schwester und seiner mitverfolgten Freundin, Marie-Luise Schultze-Jahn, nach zwei Umbettungen der sterblichen Überreste dieser Menschen ein Gedenkstein mit ihren Namen, auch dem von Hans Leipelt, auf einem Ehrenhain des Friedhofs platziert.

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