Jüdische Polizeibeamte, Polizei Hamburg, Polizeimuseum, jüdische Kultur, jüdisches Leben, Polizei Hamburg, Sonderausstellung
Kriminaldirektor a.D. Martin Bähr recherchierte drei Jahre zu Schicksalen von jüdischen Polizeibeamten. Bild: Jan-Eric Kroeger

Martin Bähr recherchierte drei Jahre zu Schicksalen von jüdischen Polizeibeamten zur Zeit des Nationalsozialismus. Seine Ergebnisse zeigt er noch bis zum 2. Januar im Polizeimuseum in Alsterdorf. FINK.HAMBURG traf Bähr in seiner Ausstellung.

Während auf dem Gelände der Polizeiakademie in Alsterdorf die Rekrut:innen draußen an einem grauen und feuchten Novembernachmittag ihre Manöver proben, deutet Martin Bähr hinter den Sprossenfenstern des Museums mit seinem Zeigefinger auf die ausgestellten Schwarz-Weiß-Fotos an der Wand. Die Schicksale von 47 jüdischen Polizeibeamten oder Polizeibeamten, die mit Jüdinnen verheiratet waren, sind im ersten Stock des Polizeimuseums in der Carl-Cohn-Straße nachgezeichnet. Die Ausstellung konzipiert hat Bähr. „Juden brauchen wir hier nicht“ lautet ihr Titel, der jüdische Polizeihauptwachtmeister Rudolf Cracauer wurde mit diesem Ausspruch gezielt diffamiert.

Der Eingang zum Polizeimuseum in Alsterdorf. Bild: Jan-Eric Kroeger

Der pensionierte Kriminaldirektor Bähr mag es nicht zu ruhig. Im Herbst 2018 ging er in den Ruhestand. Er könne nicht den ganzen Tag fernsehen, erzählt er. Also suchte er sich neue Aufgaben, denen er sich widmen konnte. Im Sommer vor seiner Pensionierung las er den Artikel einer Professorin aus Haifa über Stolpersteine. Er fragte sich, ob es auch Gedenksteine für ehemalige Mitglieder der Hamburger Polizei gebe. Keiner konnte ihm diese Frage so richtig beantworten. Und so machte sich der Pensionär fortan selbst auf die Suche nach Antworten.

Mühsamer Start mit zehn Namen

Für den ersten Schritt hatte ihm ein Historiker der Gedenkstätte Neuengamme einen Kontakt für eine Akte des Staatsarchivs vermittelt. Bähr, der selbst in Sichtweite des ehemaligen Konzentrationslagers aufwuchs, gelangte so an die ersten zehn Namen für seine Recherchen. „Anfangs kam ich nicht über diese zehn Namen hinaus. Ich dachte, wenn ich nicht weit komme, veröffentliche ich meine Ergebnisse einfach im Internet.“ Doch so sollte es nicht kommen.

„Im letzten Jahr fragte mich das Polizeimuseum, ob wir uns nicht an der Aktion 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland beteiligen wollen mit einer Ausstellung“, sagt Bähr. Die Ausstellung zeigt, wie systematisch Ausgrenzung funktioniert. „Viele Beamte wussten oft gar nichts von ihrer jüdischen Herkunft, weil es in der Weimarer Republik keine Rolle spielte“, erklärt der pensionierte Kriminaldirektor.

Hitler-Tagebücher und Reemtsma-Entführung

Martin Bähr hat in seiner 38-jährigen Laufbahn bei der Polizei viel erlebt. 1983 verließ Bähr die Fachhochschule und startete in seine berufliche Laufbahn bei der Kriminalpolizei. Sofort geriet er in eine erste spektakuläre und von Medieninteresse verfolgte Ermittlung: die gefälschten Hitler-Tagebücher. „Als wir dort im Keller des Fälschers standen und den ersten Zeichenblock mit Unterschriftsproben sahen – das sind so Momente, die vergisst man einfach nicht“, sagt er. Spätestens diese Ermittlungen waren es, die Bährs historisches Interesse an der Zeit des Nationalsozialismus weckten.

1996 wurde der Hamburger Mäzen und Zigarettenfabrikantensohn Jan Philipp Reemtsma entführt. Für seine Freilassung erpressten die Täter 30 Millionen Mark. Der Hauptverantwortliche der Entführung, Thomas Drach, konnte 1998 in Buenos Aires verhaftet werden. Drei Jahre später lieferte ihn Argentinien an Deutschland aus. Mittendrin in der „Soko Reemtsma“: Martin Bähr. „Das ist das Großartige am Polizeiberuf, man kann an verschiedensten Fällen arbeiten und erlernt jedes Mal einen neuen Beruf.“

Der dritte große Fall

Am 12. September 2001, Bähr war mittlerweile stellvertretener Leiter der Staatsschutzabteilung, sickerten FBI-Informationen an die Medien. Der Auslandsdienst des Springer-Verlags meldete, dass Mohammed Atta Verbindungen nach Hamburg habe. Atta flog eines der Flugzeuge, die einen Tag zuvor in die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York geflogen waren. Später wurde bekannt, dass er an der Technischen Universität Hamburg-Harburg Stadtplanung studierte, in der Marienstraße 54 im selben Stadtteil lebte und hier die berühmtesten Terroranschläge der Geschichte mitvorbereitete. Hamburgs Polizei war in Alarmbereitschaft, Bähr leitete die Ermittlungen und arbeitete 40 Stunden am Stück durch. „In diesen ersten zwei, drei Tagen habe ich wenig geschlafen. Da steht man so unter Adrenalin, man läuft zu Hochleistungen auf.“

Martin Bähr ist also selbst Teil einiger der bedeutendsten Ereignisse in Hamburgs Nachkriegsgeschichte. Historisches fasziniert ihn. Die Geschichte von jüdischen Polizeibeamten zur Zeit des Nationalsozialismus hat er nun in der Ausstellung aufgearbeitet.

Drei Gedenksteine durch Bährs Recherchen

Im Ausstellungsraum in der Carl-Cohn-Straße steht hinter einer Vitrine die aufgeklappte Ankündigung für ein Fußballspiel des SV Polizei Hamburg, daneben prangt Reklame für ein damaliges Geldinstitut. Otto Stern stürmte in den 1920er Jahren für den Verein und erspielte sich hamburgweit den Ruf eines exzellenten Spielers. Der Polizist musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft Zwangsarbeit leisten, später wurde er ins KZ Theresienstadt verschleppt, das er überlebte.

Der Stolperstein für Otto Stern ist der nächste, der aufgrund der Recherchen von Martin Bähr verlegt werden wird. Bisher führten die so ans Licht gekommenen Schicksale zu drei Verlegungen von Gedenksteinen in Hamburg. „Bei Stern wird es wohl erst nächstes Jahr was mit der Verlegung. Aber mich hat Peter Hess angesprochen, ob Otto Stern nicht auch jemand wäre, für den ein Stolperstein infrage käme.“ Hess initiierte 2002 die ersten Verlegungen von Gedenksteinen in Hamburg, nachdem Künstler Gunter Demnig das Projekt 1995 in Köln ins Leben rief.

Mehr als 6000 Stolpersteine mittlerweile in Hamburg verlegt

Auf Hamburgs Gehwegen finden sich seither fast 6200 Messinginschriften mit den Lebensdaten von Menschen, die ein Verfolgungsschicksal durchleben mussten. Auch Überlebende von Konzentrationslagern, wie Stern, können einen Gedenkstein bekommen. Finanziert werden sie durch Patenschaften und Spenden. Die Stolpersteine sollen Fußgänger:innen die Schicksale der Menschen reflektieren und erinnern lassen.

Bähr zeigt Bilder von Gedenksteinen auf seinem iPad. Bild: Jan-Eric Kroeger

Das Polizeibataillon 101

Erinnern ist auch für Martin Bähr ein zentrales Motiv, nicht nur bei der Recherche und Organisation der Ausstellung. Im Ausstellungsraum des Museums hält er ein iPad in seiner Hand. Mit strengem Blick sucht er auf dem Gerät gespeicherte Bilder, bis er fündig wird. Er zeigt eine aus weißen Steinen gemauerte Wand, daran befestigt ist ein Davidstern, in dessen Mitte eine dunkle Gedenktafel platziert ist. „Das ist ein Gedenkstein in Józefów, Polen. Der wurde 2016 eingeweiht“, sagt er. Im Juli 1942 verübte das Hamburger Polizeibataillon 101 ein Massaker an der jüdischen Bevölkerung der heute ungefähr 2500 Einwohner:innen zählenden Gemeinde. In einem Waldstück erschossen sie mindestens 1500 jüdische Männer, Frauen und Kinder.

Das Denkmal für die ermordeten Juden in Józefów. Bild: Martin Bähr

Erinnerungsbewusstsein in der Ausbildung

Das Bataillon wurde nach der Eroberung Polens zur Aufrechterhaltung der deutschen Besatzung eingesetzt. Das Massaker war der Auftakt weiterer Gräueltaten von Polizeibeamten, die aus Hamburg stammten. Im Erdgeschoss des Polizeimuseums sind die Kriegsverbrechen des Polizeibataillons 101 dokumentiert.

Hamburgs Polizei bekennt sich heute zu der Verantwortung. Auf einer Studienfahrt der Polizeiakademie entstand die Idee, ein Mahn- und Denkmal zu errichten. Die Kosten trug je zur Hälfte die Polizeiakademie und die Gemeinde. Bei der Einweihung nahm Bähr als Ausbildungsleiter der Akademie teil. „Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine Daueraufgabe. Wir versuchen auch in der Ausbildung darauf einzugehen, machen Studienfahrten nach Israel und zu den Vernichtungslagern in Polen. Wir versuchen hier in Hamburg sehr sensibel zu sein“, sagt Bähr. Sein Engagement zeigt, dass ihm Aufklärung, Erinnerung und Reflektion wichtig sind. Aus anfänglicher Neugierde für sein Projekt ist ein in die Zukunft gerichteter Appell geworden, nicht zu vergessen.

„Versuchen, den Menschen ein Gesicht zu geben“

Dazu trägt auch seine Sonderausstellung bei. Die Erinnerungskultur in der Gesellschaft aufrecht zu erhalten, werde zunehmend herausfordernd, meint Bähr. Besonders dann, wenn man nur über Zahlen von Ermordeten und Verschleppten, Vertriebenen und Befreiten spreche. Mit den dargestellten Biografien will er Einzelschicksale sichtbar machen, um Besucher:innen zum Nachdenken zu bringen. Was hat die Verfolgten miteinander verbunden? Hätte es auch mich treffen können?

Immer weniger Zeitzeug:innen können selbst über Erlebtes berichten. Doch darin sieht Bähr nicht die Ursache für die ansteigende antisemitische Gewalt der Gegenwart. „Wir befinden uns immer in einer Wellenbewegung, was Antisemitismus angeht. Momentan baut sich die Welle wieder auf, aber ich hoffe, dass sie auch irgendwann wieder bricht“, sagt er. Dennoch müsse man jetzt aktiv etwas dagegen tun. „Man muss versuchen, die Menschen aus der Anonymität zu holen. Den Opfern ein Gesicht geben. Und das versuchen wir hier.“

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here