Erinnerungskultur am 9. November: Ein Spaziergang durchs Grindelviertel

83 Jahre nach der Pogromnacht

Eine Kerze an einem Stolperstein im Hamburger Grindelviertel, Foto: Ole-Jonathan Gömmel

Am neunten November wird in ganz Deutschland an die Pogromnacht 1938 erinnert. FINK.HAMBURG-Redakteur Ole-Jonathan hat sich auf einen Spaziergang durchs Grindelviertel begeben und mit verschiedenen Menschen über Erinnerungskultur gesprochen.

Es ist 15:30 Uhr. Die letzten Sonnenstrahlen des neunten November brechen sich in den Wohnungsfenstern des Grindelhofs und tauchen den Joseph-Carlebach-Platz in Hamburgs Grindelviertel in ein unwirkliches Licht. Mindestens vier Zivilpolizisten in unscheinbaren Cargohosen und Knopf im Ohr sichern an diesem Nachmittag den Ort, an dem bis 1938 das Hamburger Zentrum jüdischen Glaubens stand: die Bornplatzsynagoge. Ihnen zur Seite stehen sechs uniformierte Kolleg:innen. Wachsam bewegen sie sich durch die Menge von rund 200 Menschen, die zusammengekommen sind, um an einem der dunkelsten Tage deutscher Geschichte zu mahnen und zu erinnern.

Der Joseph-Carlebach-Platz am 9. November 2021, Foto: Ole-Jonathan Gömmel

In der Nacht vom neunten auf den zehnten November kam es vor 83 Jahren in ganz Deutschland zu massiven Gewalttaten gegenüber Jüd:innen, ihren Unternehmen und ihren Gotteshäusern (eine genaue Beschreibung der Ereignisse gibt es hier). Taten, deren Schwere Worte kaum Ausdruck verleihen können. Jedes Jahr am neunten November erinnert sich Deutschland an die Pogromnacht zurück.

Dass eine offene Erinnerungskultur bezüglich der NS-Zeit und Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft noch nicht vollends in der Gesellschaft angekommen sind, lässt nicht nur die große Polizeipräsenz erahnen. Steigende Zahlen antisemitischer Straftaten sowie offene Kundgebungen und Kulturveranstaltungen mit antizionistischen und antijudaistischen Inhalten zeigen ebenfalls, dass eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte wichtiger denn je ist.

Ein Besucher informiert sich auf der Mahnwache zum 9. November, Foto: Ole-Jonathan Gömmel

„Wer die Vergangenheit vergisst, muss es in der Zukunft noch einmal erleben“

Auch Norma van der Walde kämpft seit Jahren dafür, dass sich Deutschland generationen- und kulturkreisübergreifend mit der Shoah und mit jüdischem Leben auseinandersetzt. Ihr Vater war einst ein Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Heute steht die 78-Jährige vor dem Mikrofon und erinnert an sein Schicksal und das Millionen weiterer. Für die Mit-Initiatorin der Mahnwache ist das Erinnern die Basis, um den Weg in eine bessere Zukunft zu ebnen. „Es gibt einen Spruch, den ich bei einem Besuch in Auschwitz gefunden habe: Wer die Vergangenheit vergisst, muss es in der Zukunft noch einmal erleben“, sagt van der Walde nach der Gedenkveranstaltung.

Die steigenden Zahlen antisemitisch-motivierter Straftaten und der Missbrauch von jüdischer Symbolik, wie etwa dem Tragen des Davidsterns auf Corona-Demos, machen ihr Sorgen. „Ich glaube, dass man auf Verführer reinfällt, wenn man selbst glaubt, keine Zukunft zu haben. Jemand sagte mal: Wenn wirtschaftliche Krisen eintreten, ist jede Demokratie vergessen. Genau das sehen wir gerade.“ Um eine lebendige Erinnerungskultur auch Folgegenerationen zu vermitteln, besucht van der Walde regelmäßig Schulen und Jugendeinrichtungen. „Wenn ich in Schulen eingeladen werde, bin ich häufig immer ganz beglückt. Allerdings hängt es von den Lehrern ab, wie die Aufmerksamkeit wachgehalten wird – sie sind die Vorbilder.“

Norma van der Walde bei der Mahnwache zum 9. November am Joseph-Carlebach-Platz, Foto: Ole-Jonathan Gömmel

Dass die jüdische Gemeinschaft aktuell versucht, neue Ansätze der Erinnerung zu erschließen und dabei besonders auch auf junge Leute zugeht, sieht man an einem Informationsstand des WJC (World Jewish Congress). Statt schriftlicher Informationsplakate, wie sie über den Rest des Joseph-Carlebach-Platzes verteilt sind, wird es hier interaktiv. Zwei junge Männer mit Gucci-Kappen und modernen Daunenwinterjacken versuchen die Besucher:innen für eine Virtual-Reality-Erfahrung zu begeistern. Die anfängliche Skepsis weicht bald der Neugier. Wer sich traut, die VR-Brille aufzusetzen, sieht die Bornplatzsynagoge vor sich. Mächtig und groß baut sie sich computeranimiert vor den Augen der Betrachter:innen auf. Eine eindrückliche Erfahrung, die Historisches plötzlich lebendig werden lässt. „Diese Aktion gibt es heute auch in 13 anderen Städten, deren Synagogen einst vom nationalsozialistischen Mob zerstört wurden“, sagt einer der jungen Männer.

Jede Initiative ist gesegnet

Für den Hamburger Landesrabbiner Shlomo Bistritzky sind alle Formen der Erinnerungskultur wichtig. „Es gibt unterschiedliche Wege, wie man gedenkt. Für mich ist jede Initiative gesegnet“, sagt er. Besonders eindrücklich ist für ihn das Projekt „Grindel leuchtet“. Vor den 6193 Stolpersteinen, die in Hamburg an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern, sollen dabei heute, wie schon seit vielen Jahren, Kerzen angezündet werden.

Während sich um den Joseph-Carlebach-Platz bereits erste Menschengruppen um die kleinen Mahnmale auf Hamburgs Bürgersteigen sammeln und Kerzen niederlegen, wird Bistritzky nachdenklich – und übt Kritik: „Heute ist, glaube ich, das erste Mal, dass am neunten November in einer zentralen Zeremonie an 1918 (Ausrufung Deutsche Republik), 1938 und 1989 (Mauerfall) gedacht wird.“ Ein Fehler, wie er findet. „Der Pogromnacht als eines von drei Dingen zu gedenken, wird der Sache nicht gerecht.“ Dass die aktuelle Erinnerungskultur einen Einfluss auf die Zunahme antisemitisch-motivierter Straftaten oder dem Missbrauch jüdischer Symbolik zu tun hat, glaubt er jedoch nicht. „Diese Dinge passieren einfach aufgrund von Bösartigkeit und Dummheit einzelner.“

Schauspielerin und Autorin Peggy Parnass spricht auf dem Joseph-Carlebach-Platz im Grindelviertel mit Landesrabbiner Shlomo Bistritzky Foto: Marcus Brandt/dpa

Erinnerungskultur im Dienst

Mittlerweile ist es dunkel im Grindelviertel. Neben der Leuchtreklame von Buchläden, Imbissen und Bars flackern auf der Grindelallee an vielen Stellen Kerzen auf den Fußwegen. Aus der Melange grauer Mäntel, vereinzelt aufleuchtender Feuerzeuge und mit Bedacht gesenkter Köpfe sticht eine Gruppe Gedenkender besonders heraus. Grell reflektieren ihre neongelben Westen und die Reflektoren an ihrem Lastenfahrrad im Licht der vorbeirauschenden Scheinwerfer. „Ich habe Praktikantinnen und Praktikanten, die sich gerade bei uns in der Ausbildung befinden, dazu eingeladen, gemeinsam mit unserer Chefin, den bürgernahen Beamten und den Schülern einer Stadtteilschule bei ‚Grindel Leuchtet‘ mitzumachen“, erklärt Polizeihauptkommissar Wolfgang Koch. Seine Gruppe habe bereits einige Stolpersteine geputzt und 160 Kerzen im Viertel verteilt. „Wir machen das immer, weil auch Hamburger Polizeibeamte ihren Anteil am neunten November hatten. Die Polizeiakademie bewegt das Thema: Welche Rolle hatten Polizeibeamte eigentlich im Dritten Reich?“

Die föderalistisch organisierte Polizei wurde in der NS-Zeit als steuerbares Instrument der Machtausübung von Heinrich Himmler zentralistisch umstrukturiert. Einige Hamburger Polizisten erlangten als Mitglieder von Reservebataillonen unrühmliche Bekanntheit und ermordeten auf dem Gebiet des heutigen Polens Tausende Juden.

Es gab jedoch auch Schicksale wie das von Carl Riemann. Erst vor ein paar Wochen wurde sein Stolperstein an der Sedanstraße auf Initiative der Polizei Hamburg eingeweiht. Als Ehemann einer Jüdin wurde der Polizeileutnant aus dem Offizierscorps angefeindet. 1930 trat er aufgrund psychischer Probleme aus dem Dienst aus und starb zehn Jahre später in der Euthanasie. „Ich fühle mich nicht dafür verantwortlich, was die Gesellschaft früher gemacht hat“, sagt Hauptkommissar Koch. Die gesellschaftliche Verantwortung, sich einzubringen, um über den Holocaust aufzuklären, ist für ihn jedoch wichtig. „Es ist unsere Aufgabe, bezüglich dieses Themas an bestimmten Punkten zu sensibilisieren und darauf zu schauen, was wir (in Bezug auf Erinnerungskultur, Anm. d. Red.) noch besser machen können.“

Polizeihauptkommissar Wolfgang Koch am Stolperstein von Carl Riemann, Foto: Ole-Jonathan Gömmel

Aus Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft lernen

Auch abseits des Grindelviertels sind Menschen an diesem Abend auf den Straßen und erinnern sich. Eine von ihnen ist Monika. In einer kleinen Seitenstraße kurz vor Eimsbüttel tritt sie aus ihrem Hauseingang und stellt zwei Kerzen vor die Stolpersteine, die an ehemalige Nachbar:innen ihrer 90-jährigen Mutter erinnern. „Meine Mutter war damals zwar noch ein Kind, aber noch heute erinnert sie sich an diesen ‚Und plötzlich waren sie weg‘-Moment“, erklärt sie. In Monikas Schulzeit sei zu wenig über den Holocaust aufgeklärt worden. „Viele Lehrer waren damals noch selbst Nazis“, erinnert sie sich. Auch wenn dies bei ihren Söhnen schon anders war, wünscht sie sich, dass in Deutschland wieder ein stärkerer Fokus auf eine lebendige Erinnerungskultur gelegt wird. „Bei der rechten Szene, die mittlerweile in Deutschland hochkommt, ist das Gedenken und die Aufklärung wichtiger denn je.“

Zwei Kerzen erinnern in einer kleinen Straße in Eimsbüttel an ehemalige jüdische Bewohner, Foto: Ole-Jonathan Gömmel

In Hamburgs Straßen sieht man an diesem neunten November viele ältere, aber auch junge Menschen, die sich mit ihrem geschichtlichen Erbe und der Verantwortung dessen auseinandersetzen. Auch wenn die Motivationen zum Gedenken verschieden sein mögen, scheint sie ein unausgesprochener gemeinschaftlicher Konsens zu verbinden. Vergangenes und Gegenwärtiges liegen heute spürbar nah beieinander. Sie bilden die Basis für alles Kommende. Rabbi Shlomo Bistritzky formuliert es so: „Nicht nur die Geschichte ist wichtig, auch die Zukunft. Denn je mehr man über die Geschichte erfährt, desto besser kann man die Zukunft gestalten.“

Mitarbeit Fotos: Chantal Seiter
Mitarbeit Recherche: Jan-Eric Kroeger

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