Alle elf Sekunden wird ein Mädchen an ihren Genitalien beschnitten. Weibliche Genitalverstümmelung und Beschneidung sind Gewalttaten, auf die der Film „The other vulva“ aufmerksam macht. Menschenrechtsverletzungen, die auf der ganzen Welt passieren auch bei uns.

„Die Mädchen kommen auf diese Welt wie alle anderen Mädchen. Und sie gehen zurück unter die Erde mit dieser Narbe“, sagt eine Stimme. Dazu sieht man verschiedene Früchte: Eine Mango, eine Kiwi, eine Grapefruit, eine Erdbeere. Sie sind halbiert, erinnern in ihrer Form an Vulven. Sie stehen stellvertretend für die 200 Millionen Mädchen und Frauen weltweit, die beschnitten sind. 

Der Begriff FGM/C

Betroffene identifizieren sich selbst oft nicht mit dem Begriff Genitalverstümmelung, da sie sich nicht als „verstümmelt“ sehen. Häufig bevorzugen sie den Begriff „beschnitten“. Die Personen werden daher als beschnitten angesehen, der Prozess an sich als Verstümmelung. In diesem Zusammenhang müssten beide Begriffe jeweils gemeinsam genannt werden, abgekürzt FGM/C.

Der zweiminütige Film „The other vulva“ erzählt von Female Genital Mutilation/Cutting (FGM/C). Auf Deutsch: Weibliche Genitalbeschneidung und Verstümmelung. Das Video soll aufklären, Aufmerksamkeit schaffen, das Thema aus der Ecke holen.

The other vulva

Die Hamburger Filmschaffende Sarah Fürstenberg produzierte den Film im Rahmen ihres Masterstudiums. Am vergangenen Freitag, einen Tag vor dem internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung, ging „The other vulva“ online. Gemeinsam mit den beiden Organisationen Plan International und Nala e.V. präsentierte Fürstenberg den Film auf einer Facebook Live-Veranstaltung

Was bedeutet FGM/C?

FGM/C ist ein viele Jahrtausende alter Brauch, bei dem Mädchen die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane weggeschnitten oder zugenäht werden. Für die Betroffenen ist das eine traumatische Erfahrung, unter der sie ihr Leben lang leiden.

FGM/C ist weltweit verbreitet und kommt besonders häufig in west- und ostafrikanischen Ländern vor. Die Gründe für die Praxis variieren je nach Kultur, in der sie ausgeübt wird. Oft geht es um Religion und Tradition, immer aber geht es um Macht über den weiblichen Körper und die weibliche Sexualität. Und immer ist es Kindesmissbrauch. Obwohl FGM/C in knapp der Hälfte aller afrikanischen Ländern gesetzlich verboten ist, wird es von Teilen der Gesellschaft weiterhin als Pflicht gesehen.

Ist die Vulva zugenäht, gilt dies als Beweis für die Jungfräulichkeit. Beschnittene Frauen gelten als „rein“. Nicht-beschnittene Frauen müssen Ausgrenzung und Diffamierung fürchten. In einigen Kulturen richtet sich das Brautgeld nach dem Grad der Beschneidung.  Ebenfalls von Kultur zu Kultur variiert das Alter. Einige Mädchen werden schon im Säuglingsalter beschnitten, andere im Laufe der Kindheit oder mit Eintritt der Pubertät. 

Die Weltgesundheits-organisation (WHO) unterscheidet:

Typ 1 Die Klitoris wird teilweise oder ganzheitlich entfernt.

Typ 2 Die Klitoris und die inneren oder auch die äußeren Schamlippen werden entfernt.

Typ 3 Klitoris und Schamlippen werden entfernt und die Vulva wird, bis auf eine kleine Öffnung zum Ablassen von Urin und Blut, zugenäht.

Typ 4 Weitere nicht medizinische, Eingriffe zur Verstümmelung der weiblichen Genitalien.

Die Folgen können tödlich sein

Fadumo Korn ist Vorsitzende und Mitgründerin des Vereins Nala e.V. Sie kommt gebürtig aus Somalia und wurde im Alter von sieben Jahren beschnitten. „Es ist wichtig, dass auch ich als eine vollständige Person angesehen werde“, sagt sie in der Facebook Live-Veranstaltung. „Man hat mir ja nicht das Gehirn oder die Zunge rausgeschnitten. Mir fehlt ein wichtiges Organ, das man mir gestohlen hat.“ Seit 26 Jahren setzt sie sich öffentlich für die Bekämpfung von FGM/C ein. 

Die Genitalverstümmelung hat direkte und indirekte Folgen. Während der Beschneidung können Arterien und Venen verletzt werden, es kann zu starken Blutungen kommen. Bis zu zehn Prozent der Mädchen sterben noch während der Prozedur. Zwanzig Prozent der Betroffenen sterben an den Spätfolgen. Infektionen, Entzündungen, Geburtskomplikationen, Zysten und Abszesse, Angststörungen oder Depressionen sind nur einige Beispiele. Mittlerweile können die Geschlechtsorgane chirurgisch rekonstruiert werden, doch die psychischen Schäden bleiben oft ein Leben lang.

Weltweit ein Thema

Seit 2003 gilt der 6. Februar weltweit als Gedenktag.Einige sagen, jeder Tag sollte internationaler Tag gegen FGM/C sein“, sagt Edell Otieno-Okoth, Referentin bei der Kinderhilfsorganisation Plan International. Im Alltag der meisten Menschen werde FGM/C jedoch viel zu wenig wahrgenommen. Deshalb sei es wichtig, die Aufmerksamkeit am Gedenktag bewusst auf dieses Problem zu richten. „Weltweit ist das Thema ein Frauenproblem, in Deutschland ein Migrantinnenproblem“, so Otieno-Okoth. Darüber zu sprechen sei für alle Menschen unangenehm. 

Schutz gewähren und überzeugen

„Hier in Deutschland ist das Ziel, den Kindern Schutz zu gewähren. Aber das können wir nur leisten, wenn die Menschen aufgeklärt und aufmerksam sind und wissen, worauf sie achten müssen“, erklärt Otieno-Okoth. Im Ausland arbeitet Plan International gemeinsam mit lokalen Organisationen gegen FGM/C. 

Der Grundgedanke der Auslandsarbeit sei, die Menschen dazu zu bewegen, ihre Praxis und die eigene Kultur zu hinterfragen. Sie sollen die weibliche Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung anerkennen und nachhaltig abschaffen. Das funktioniert laut Otieno-Okoth aber nicht mit Zwang oder Verboten, sondern nur mit Überzeugung.

FGM/C auch in Deutschland 

In Deutschland ist die Beschneidung der weiblichen Genitalien eine Menschenrechtsverletzung, die mit einer Freiheitsstrafe geahndet wird. Und doch: Etwa 70.000 in Deutschland lebende Mädchen und Frauen sind laut Unicef beschnitten. Otieno-Okoth glaubt, dass die Dunkelziffer viel höher liegt.

Am 25. Juni 2020 reichte Fadumo Korn eine Petition bei Familienministerin Franziska Giffey (SPD) ein. 125.000 Menschen hatten diese zuvor unterzeichnet. Das Ziel: Weibliche Genitalbeschneidung in der Aus- und Weiterbildung von deutschen Ärzt*innen, Richter*innen, Polizist*innen und Hebammen thematisieren.

Ein Stück Papier soll schützen

Die Petition zeigte einen ersten Erfolg: In einer Videobotschaft hält Giffey einen blauen Pass in der Hand. Es ist ein Schutzbrief. Dieses Papier soll in Deutschland lebende Mädchen und Frauen vor einer Beschneidung in ihrem Heimatland schützen. Laut Otieno-Okoth passiert es nicht selten, dass junge Mädchen bei einem Auslandsbesuch von der Großmutter zu einer Beschneiderin gebracht werden. Die Mutter des Mädchens müsse nur kurz einkaufen sein und schon setze die Großmutter ihre Tradition durch.

Wenn die Familie allerdings einen offiziellen Schutzbrief vorlege, könne dies die Mädchen vor einem Eingriff bewahren. Die in Deutschland lebenden Familienmitglieder haben „auch ihre ganz wichtige Funktion und Rolle in der Familie. Sie sind meistens diejenigen, die ein bisschen Geld haben“, sagt Otieno-Okoth. Wenn der Großmutter bewusst sei, dass ihrer Familie in Deutschland Sanktionen und eine Gefängnisstrafe drohten, so sei dies eine Abschreckung. 

Das kollektive Bewusstsein stärken

Für Sarah Fürstenberg war „The other vulva“ der Abschlussfilm ihres Masterstudiums „Werteorientierter Medienfilm“ an der Hamburg Media School. Auf das Thema brachte sie ein Professor. „Ich war direkt eingenommen und als ich angefangen habe darüber zu lesen, wusste ich: Das ist das Thema, welches ich unterstützen möchte.“ 

Mit dem Film will Fürstenberg das kollektive Bewusstsein für das Thema stärken: „Wenn mehr Menschen ihren Blick darauf richten, können wir gemeinsam etwas ändern.“

Beitragsillustration: Paula-Lu Wiedeking