Foto: Francine Sucgang

Am Welcome Point des Arbeiter-Samariter-Bundes wurden Geflüchtete aus der Ukraine am Hamburger Hauptbahnhof empfangen. Von Anfang März bis Ende Mai versorgten Freiwillige sie mit Essen und Trinken, und halfen ihnen bei der Planung ihrer nächsten Schritte.

Es ist ein kühler Dienstagabend Ende Mai. Am Hamburger Hauptbahnhof herrscht auch um 22 Uhr noch viel Trubel. Vor der großen Bahnhofstafel in der Wandelhalle stehen Reisende und blicken nach oben, suchen nach ihrer Zugverbindung und strömen Richtung Gleise. Normalerweise würde man an der unscheinbaren, grün-grauen Wand zwischen dem Aufzug und der Bierbar vorbei laufen, aber heute Abend steht wieder eine Traube von Menschen davor. Hinter dieser Wand verbirgt sich ein kleiner Raum, aus dem die ukrainischen Farben blau und gelb leuchten – der Welcome Point des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB).

Unter den Menschen vor dem Welcome Point sind auch Personen in neonfarbenen Warnwesten: ehrenamtliche Helfer*innen tragen gelb, Dolmetscher*innen orange. Sie haben ihre Namensschilder selbst beschriftet, teils in bekanntem lateinischen Alphabet, teils in kyrillischer Schrift, einige verziert mit selbst gemalten Blümchen.

„Du wirst gefragt und musst antworten.”

Gregor*, groß und schlank, trägt eine gelbe Weste über seinem schwarzen Hoodie. Sascha steht an seinen Rollator gestützt daneben, eine orangene Weste über seiner dunkelbraunen Lederjacke. Beide sind durch Zufall auf den ASB Welcome Point aufmerksam geworden. „Ich bin spontan hier vorbei gekommen, habe gesagt ich bin Russisch-Sprecher und sie gefragt, ob sie Hilfe brauchen,” erzählt Sascha. „Dann habe ich einfach eine Weste gekriegt und die Ansage war: du wirst gefragt und musst antworten. Dann hab ich gesagt: Das krieg’ ich hin!”

Russisch-deutscher Dolmetscher Sascha vor dem Welcome Point des ASB am Hauptbahnhof. Foto: Francine Sucgang
Russisch-deutscher Dolmetscher Sascha vor dem Welcome Point des ASB am Hauptbahnhof. Foto: Francine Sucgang

Für Sascha ist es eine gute Möglichkeit, seine Muttersprache wieder anzuwenden. Gebürtig kommt Sascha aus Sankt Petersburg, ist aber mit zwölf Jahren nach Hamburg gezogen und lebt nun schon seit 25 Jahren hier. Tagsüber arbeitet er im Qualitätsmanagement für Wohn- und Arbeitseinrichtungen für Menschen mit Handicap. Jetzt steht er fast jeden Abend gemeinsam mit Gregor, Erika* und anderen Freiwilligen am Bahnhof, oft von 20 Uhr abends bis ein Uhr nachts.

Zu zweit oder zu dritt laufen Helfer*innen mit einer Dolmetscherin oder einem Dolmetscher zu den Gleisen, um ukrainische Geflüchtete von den ankommenden Zügen abzuholen. Gemeinsam fahren sie die Rolltreppe wieder hoch: ganz vorne eine neongelbe Weste mit einem Schild in Ukraine-Farben, dazwischen Frauen mit kleinen Kindern, ältere Paare, ein Teenager mit seinen Eltern, und am Ende der Rolltreppe, eine orangene Weste.
Der Teenager winkt freundlich.

Nicht nur Ukrainer*innen wird geholfen

Zwischendurch fragen Touristen nach der U-Bahn, eine verloren-aussehende Reisende, mit welcher Regionalbahn sie nach Buxtehude kommt. „Wir kennen das deutsche Schienennetz mittlerweile auswendig,” sagt Gregor. Nicht nur Ukrainer*innen wird geholfen.

Inzwischen wächst die Gruppe vor dem Welcome Point. Im kleinen Raum hinter der grün-grauen Wand befinden sich eine Kaffeestation, kleine Eimerchen mit Süßigkeiten und eine Plastikbox mit Äpfeln. Auf einem Stehtisch liegen Flyer in kyrillischer Schrift, zur Verfügung gestellt durch die Bürgerinitiative Nordherz Hamburg. Die neu Angekommenen bekommen Wasser, Kaffee oder Tee, belegte Brote und Schokoriegel. 

Ein Wohnungsloser läuft an der Menschenmenge um den Welcome Point vorbei zum Mülleimer und durchsucht alle drei Fächer. Erika sieht ihn und gibt ihm zwei belegte Brote mit. Sie kommt mit noch einem Tetrapak Wasser heraus und drückt sie ihm in die Hand bevor er barfuß Richtung Ausgang humpelt. Nicht nur Ukrainer*innen werden versorgt.

Fünf Minuten Durchatmen in der Hektik des Bahnhofs

Manche Menschen wollen direkt weiterreisen. Dabei helfen die Freiwilligen, nach der nächsten günstigsten Verbindung zu suchen. „Der zweite Fall ist, dass viele erschöpft hier ankommen, sich erstmal hinsetzen müssen und ein Brot oder einen Kaffee haben wollen”, sagt Sascha. „Oder einfach mal fünf Minuten durchatmen wollen,” ergänzt Erika. 

„Dabei ist es wichtig, dass es einen Schutzraum für die Leute gibt. Die allermeisten sind unfassbar dankbar”, erzählt Gregor, „aber das kann nicht in dieser Hektik vom Bahnhof passieren.”

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine macht sich auch in Hamburg bemerkbar. FINK.HAMBURG hat dazu in der Serie „Ukraine in Hamburg“ Reportagen und Porträts von Betroffenen zusammengestellt. In der Schule und im Ballett, unterwegs mit einer geflüchteten Influencerin und einem Tennisprofi aus Kiew – FINK.HAMBURG zeigt unterschiedliche Herausforderungen und Perspektiven, die mit dem Krieg zusammenhängen.

Es ist 22:19 Uhr. Eine Helferin rennt vom einen Ende des Hauptbahnhofs zum anderen, um einen Bus zu organisieren, der die inzwischen etwa 30 Menschen zur Zentralen Erstaufnahme (ZEA) bringen soll, dem Ankunftszentrum für Geflüchtete in Rahlstedt. Unter den Freiwilligen wird koordiniert, wer die Geflüchteten begleitet – auf jeden Fall mindestens ein*e Dolmetscher*in.

Es herrscht unter einigen Freiwilligen etwas Unmut gegenüber der Stadt Hamburg. Sie habe Geflüchteten aus der Ukraine die Ankunft in Hamburg nicht so angenehm wie möglich gemacht. Zu Beginn des Ukraine-Krieges fuhren Shuttlebusse auf Abruf vom Hauptbahnhof zur ZEA. „Irgendwann wurden sie reduziert auf einen Stundentakt zwischen Viertel nach acht morgens und Viertel nach drei nachmittags”, erzählt Gregor, „das heißt ab 15:15 Uhr–”, „sind die Leute auf sich allein gestellt”, beendet Erika den Satz.

„Das machen wir alles gerne, aber das sind eigentlich Aufgaben der Stadt.”

Es kam schon häufiger vor, dass ASB Helfer*innen Geflüchtete um halb ein Uhr nachts noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Rahlstedt zur ZEA gebracht haben. Eine Fahrt, die eine knappe Stunde dauert. Ein ganz großes Problem sei laut Erika, dass keine Dolmetscher*innen vor Ort sind. „Damit auch die Leute, die nachts um eins dort ankommen – müde, kaputt, mit schreienden Kindern – verstehen, was jetzt passiert und wie es weitergeht, dass sie erst mal da schlafen und Morgen registriert werden.” 

Die neu Angekommenen können nach 17 Uhr zwar nicht registriert werden, aber müssen dort ihren Namen aufschreiben, „und zwar in unseren lateinischen Buchstaben”, fügt Gregor hinzu. „Wenn sie einen älteren Pass haben, wo das noch nicht draufsteht, sind unsere Dolmetscher wieder gefragt, zu übersetzen. Da sind wir locker wieder eine halbe Stunde weiter.” „Mindestens!”, wirft Erika ein.  „Und so waren wir alle schon mal um halb vier statt um halb zwei zu Hause”, sagt Gregor. „Das machen wir alles gerne, aber das sind eigentlich Aufgaben der Stadt.” 

Freiwillige vor dem Welcome Point des ASB am Hauptbahnhof. Foto: Francine Sucgang
Freiwillige vor dem Welcome Point des ASB am Hauptbahnhof. Foto: Francine Sucgang

Zu Beginn des russischen Angriffskriegs kamen täglich rund 1000 Menschen aus der Ukraine nach Hamburg. „Am Wochenende natürlich Tendenz steigend”, schätzt Erika. „Mittlerweile sind es im Schnitt um die 250 am Tag.” 

Ob auch jetzt im Juli noch so viele Menschen aus der Ukraine ankommen ist unklar. Aber mit der abnehmenden Zahl der Ankommenden wurde beschlossen, den Welcome Point des Arbeiter-Samariter-Bundes am 30. Mai zu schließen

Der kleine Raum zwischen dem Aufzug und der Bierbar wurde leer geräumt, die Danksagungen auf Ukrainisch und Russisch eingepackt, die Bilder, die Kinder für die ehrenamtlichen Helfer*innen gemalt haben, abgehängt. Übrig bleibt die unscheinbare grün-graue Wand. Laut Sascha aber auch Freundschaften unter den Leuten, die die Nachtschichten am Hauptbahnhof einst besetzten, und bleibende Erinnerungen: „Nie in meinem Leben werde ich das vergessen.”

*Name von der Redaktion geändert

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Francine Sucgang, Jahrgang 1992, hat in den USA schon einmal an einer Rollschuhdemo gegen Asian American Hate teilgenommen - mit dem Fahrrad. Heute ist sie gern selbst auf acht Rollen unterwegs. Ihr erstes Studium brach Francine ab, um auf den Philippinen nach dem Taifun Haiyan für fünf Monate Hilfe zu leisten. Unter anderem arbeitete sie mit Menschen mit Behinderung, dadurch kann sie zusätzlich zu sechs bis sieben anderen Sprachen auch ein wenig Gebärdensprache. In Augsburg studierte sie folgerichtig einen sprachwissenschaftlichen Studiengang. Dabei merkte sie, dass sie am liebsten als Journalistin arbeiten würde. Für das dortige Uniradio war sie sogar schon einmal live on air. Nach dem Bachelor zog sie aber zunächst für zwei Jahre nach Kalifornien, um Apples Siri Deutsch beizubringen. Kürzel: fra

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