Yuliia ist mit Ihren beiden Kindern aus der Ukraine geflohen. Heute leben sie bei den Münzbergs in Norderstedt. Der Krieg kam für Yuliia unerwartet, mittlerweile hat sie sich in Deutschland eingelebt. Gemeinsam bewältigen die beiden Familien ihren neuen Alltag. 

Die Haltestelle der AKN Eisenbahn liegt am Waldrand bei Norderstedt. Es ist April, halb sechs Abends. Sonnenstrahlen fallen durch die Blätter. Häuser sind erst am Ende der schmalen Landstraße zu sehen. Überall ist es grün.

Tede Münzberg öffnet die Haustür und grüßt freundlich. Mit seiner Frau Cathleen und seinen beiden Kindern Hauke (12) und Isabella (6) wohnt er in einem Einfamilienhaus mit Garten. Die Familie hat Yuliia Mitte März mit ihren zwei Kindern Polina (7) und Sascha (9) bei sich aufgenommen. Sie sind Anfang März aus Dnipro in der Ukraine geflohen. Eine Stadt mit knapp einer Million Einwohner.

Ein Haus voller Leben

Schon im Hausflur ist zu erkennen: In diesem Haus wohnen viele Personen. Das Meer aus Schuhen und Jacken ist nicht zu übersehen. In der offenen Küche weiter hinten im Haus steht Yuliia am Herd. Es gibt ukrainischen Borschtsch: eine Suppe, die traditionell mit Roter Beete, Gemüse und Fleisch zubereitet wird. Heute kocht sie zwei Suppen auf Tomaten-Basis, einmal mit Fleisch und einmal vegan.

Cathleen, Polina und Isabella sind im Garten bei den vier Hühnern der Familie. Polina liebe Vögel, erzählt ihre Mutter. Sie möchte später gerne einen Strauß haben, weil das ihr Lieblingsvogel sei. Bei der Ankunft der Familie im Haus der Münzbergs waren es auch die Hühner, die Polina als Erstes auffielen. Tede erzählt von der ersten Begegnung: „Ich habe die Tür geöffnet und Polina hat sich an mir vorbei ins Haus geschlängelt, ist direkt ins Wohnzimmer zum Fenster gerannt und hat gerufen: Sie haben Hühner!“ 

Russisch, deutsch, englisch: Hauptsache alle verstehen sich

Mit einem großen orangefarbenen Eimer geht Polina durch das Hühnergehege und hilft den Boden freizuräumen. Cathleen und Isabella sind hinter Sträuchern in einem kleinen Hühnerstall zugange. Gemeinsam füttern sie die Hühner. Das Licht der Sonne ist golden-rot geworden. In Haus und Garten ist es friedlich.

Nachdem die Hühner versorgt sind, geht es rein zum Abendessen. Zu siebt am Esstisch. Die beiden Mädchen setzen sich zuerst an den Tisch, dann kommen ihre großen Brüder Hauke und Sasha aus ihren Zimmern und setzen sich dazu. Gesprochen wird Deutsch, Englisch und Russisch, Hauptsache alle verstehen sich. Isabella inspiziert das Essen, sie möchte nur das Fleisch essen. Cathleen fischt ihr ein paar grüne Blätter und das Fleisch aus dem Borschtsch. Während des Essens wird viel geredet. Alle erzählen von ihrem Tag, von der Schule, der Arbeit und vom Tretroller fahren mit den Nachbarskindern.

Dass nun regelmäßig Englisch gesprochen wird, freut Cathleen und Tede. So fällt die Hemmung, eine Fremdsprache zu lernen. Hauke und Isabella haben bereits russische Worte in ihren Sprachgebrauch übernommen. „Pozhaluysta“ (deutsch: Bitte) sagt Isabella jetzt immer, wenn sie fernsehen möchte und macht große Augen.  

Der Krieg war ein totaler Schock

Yuliias Kinder haben die Flucht gut verarbeitet. Insbesondere Polina hat ihre Energie zurückgewonnen. Dabei kam alles sehr plötzlich. Am Tag als der Krieg ausbrach, bekam Yuliia eine Nachricht auf ihr Handy: „Bringe deine Kinder heute nicht in die Schule, der Krieg hat begonnen.“ 

„Bringe deine Kinder heute nicht in die Schule, der Krieg hat begonnen.“

Yuliia sagt, sie habe sich nie groß informiert. Abends habe sie immer ihren Mann gefragt: „Wie geht es der Welt?“. Früher hatte Yuliia in der Schule gearbeitet. Dann wurde ihre Mutter krank und sie entschied sich Zuhause zu bleiben. Sie kümmerte sich um ihre Mutter und ihre Kinder, organisierte das familiäre Leben. Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat sie bestürzt: „Für mich war das ein Schock! Welcher Krieg? Mit wem?“, fragte sich Yuliia.

Ihr Mann Jewgenij arbeitet für die Firma Comparus als Softwareentwickler. Die Firma half bei der Flucht der Familien ihrer Mitarbeitenden. Das war nicht ganz einfach: Die Zug- und Bustickets ins In- und Ausland waren ausverkauft. Am Ende gelang die Flucht, weil die Firma Busse für die Flucht organisiert hatte.

Wenig Platz und viel Ungewissheit

Nach Ausbruch des Krieges zog Yuliia mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern zunächst in die Einzimmerwohnung zu ihrer kranken Mutter. Zwar hatten sie dort weniger Platz als in der eigenen Wohnung, dafür aber einen Keller. Dort konnten sie Schutz suchen, wenn die Sirenen losgingen. Als eine Nachbarsfamilie sich entschied zu fliehen, überließen sie ihnen ihre Zweizimmerwohnung – inklusive Hund. So hatte die Familie etwas mehr Platz.

Nachdem Yuliia das Gefühl hatte, ihr Leben gerade wieder organisiert zu haben, sollte sie mit den Kindern nach Deutschland fliehen. Yuliia hatte Bedenken alleine mit den Kindern zu fliehen, aber Jewgenij sagte: „Ihr geht nach Deutschland!“ Seitdem kümmert er sich um ihre pflegebedürftige Mutter.

Fünf Tage waren sie unterwegs, über Lviv nach Polen und dann weiter nach Hamburg. „Für Kinder ist die Flucht wie ein Abenteuer, es ist wie reisen.“ erzählt Yuliia. „Natürlich wissen unsere Kinder nicht was ein Raketenangriff ist, was eine Bombe ist.“ In Deutschland angekommen verbrachten sie die ersten zwei Tage in einem Hotel.

Wie sieht ein böser Mann aus?

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine macht sich auch in Hamburg bemerkbar. FINK.HAMBURG hat dazu in der Serie „Ukraine in Hamburg“ Reportagen und Porträts von Betroffenen zusammengestellt. In der Schule und im Ballett, unterwegs mit einer geflüchteten Influencerin und einem Tennisprofi aus Kiew – FINK.HAMBURG zeigt unterschiedliche Herausforderungen und Perspektiven, die mit dem Krieg zusammenhängen.

Bevor Yuliia mit ihren Kindern einzog, hatten Tede und Cathleen mit ihren Kindern über den Krieg in der Ukraine gesprochen und erzählt, dass sie ihr Zuhause gerne teilen möchten. Ein paar Tage später fragte Isabella, ob sie ein Bild von Wladimir Putin sehen könne, sie wolle wissen, wie ein böser Mann aussieht. 

Geschrieben haben sie dem Rathaus Norderstedt. Cathleen engagiert sich schon seit mehreren Jahren ehrenamtlich mit dem Ladies Circle Deutschland in Norderstedt. Hier engagieren sich Frauen in ihrer Region für soziale Projekte, aufgeteilt in kleine Gruppen. Durch diese Arbeit kannte Cathleen bereits das Willkommens-Team für Geflüchtete in Norderstedt. Die Stadt stand bereits in Kontakt mit verschiedenen Firmen, die Fluchten für ihre Mitarbeitenden organisierten. Eine Mittelsperson stellte den Kontakt zwischen den beiden Familien her. Als Tede und Cathleen wussten, wer zu ihnen kommen würde, haben sie die Stadt Dnipro gegoogelt. Das Erste, was Tede online fand, war eine zu der Zeit aktuelle Nachricht über einen Raketenangriff in der Stadt. „Wir kannten Yuliia noch nicht, aber wir haben sofort eine persönliche Beziehung gespürt. Ich dachte nur: Ich hoffe sie konnten die Stadt verlassen“, erzählt Tede. Sie kontaktierten die Mittelsperson, hörten die ersten Tage aber nichts von Yuliia und ihren Kindern.

Eine Woche nachdem sie dem Rathaus geschrieben hatten, kamen Yuliia und ihre Kinder dann in Hamburg an. Drei Tage später zogen sie bei den Münzbergs ein. Cathleen erinnert sich an ihre Aufregung und die Erleichterung: „Ich dachte, oh mein Gott, sie kommen morgen (…) Sie sind gesund hier angekommen.“

Neuer Alltag

Mittlerweile haben die Familien einen gemeinsamen Alltag. Das frühere Arbeitszimmer von Tede ist mit drei Betten ausgestattet. Außerdem haben sie ein eigenes Badezimmer. So kommen sich die Familien morgens nicht in die Quere, wenn es zur Schule und zur Arbeit geht.

Während Tede und Cathleen arbeiten gehen und ihre Kinder in die Schule, geht es für Yuliia und ihre Kinder zum Online- und Deutschunterricht. Die Firma, für die Yuliias Mann arbeitet, hat einen Raum in Langenhorn organisiert. Dort können die Kinder über Zoom ihren ukrainischen Schultag fortführen. Durch die einstündige Zeitverschiebung nach Dnipro müssen sie früh dort sein, denn sie führen ihren Schulalltag aus der Ukraine mit ihren Lehrer*innen und Klassenkamerad*innen online fort. Einige von ihnen befinden sich noch in der Ukraine, andere sind ebenfalls geflüchtet und nehmen von verschiedenen Ländern aus teil.

Da sich die meisten Lehrer*innen noch in der Ukraine befinden, wird der Unterricht regelmäßig von Sirenen unterbrochen. „Heute sind wir in die Räume gekommen und es gab einen Sirenenalarm. Vor der ersten Stunde mussten wir 30 Minuten warten“, erzählt Yuliia. Während ihre Kinder Online-Unterricht haben, lernt sie Deutsch. 

„Heute sind wir in die Räume gekommen und es gab einen Sirenenalarm. Vor der ersten Stunde mussten wir 30 Minuten warten“

Neue Freundschaften

Polina und Isabella sitzen in der Küche und malen Tierbilder aus. Die beiden Mädchen verbringen im Haus viel Zeit miteinander. „Sie sind in einem Alter, wo es nicht kompliziert ist“, sagt Tede. Sie spielen gemeinsam auf dem Spielplatz, fahren Roller und buddeln nach Würmern für die Hühner. Auch Filme schauen sie gemeinsam, aber nicht auf Deutsch oder russisch. „Normalerweise schauen sie auf Englisch, damit niemand was versteht“, sagt Tede und lacht.

Die Dämmerung setzt ein und die Mädchen hören auf zu malen. Sascha ist auf seinem Zimmer, Hauke macht im Keller Sport. Für die Zukunft ist Yuliia auf der Suche nach einer Wohnung. Ihr Mann ist in der Ukraine mit ihrer Mutter aufs Land zu seinen Eltern geflohen. Wie und wann sie sich alle wiedersehen, ist unklar.