Im Juni spielen die Männer und die Frauen des HSV in der Relegation. Die einen wollen in die Bundesliga, die anderen in Liga zwei. Warum die Relegation unfair ist und welche Alternativen es gäbe. Eine Analyse von Moritz Löhn

Relegation: Nach der Saison spielen der 16. aus der Bundesliga und der 3. aus der 2. Liga in einem Hin- und Rückspiel aus, wer in der kommenden Saison in der Bundesliga spielt. Der Bundesligist hat immer zuerst Heimrecht.

Am 1. Juni wurde der HSV mit der vierten Teilnahme zum alleinigen Relegationsrekordhalter. Und nicht nur die Hamburger Herren haben ein Faible für Relegationsspiele. Auch die Frauen des HSV spielen dieses Jahr zum zweiten Mal in Folge in der Relegation um den Aufstieg in die Zweite Bundesliga. Doch so spannend diese Entscheidungsspiele auch sein können – die Relegation steht seit Jahren in der Kritik.

Bei der Relegation zur Bundesliga der Männer ist der Erstligist klar im Vorteil: Elf von 14 Duellen wurden vom höherklassigen Team gewonnen. Die Relegation in den Regionalligen bei den Frauen und Männern hat das Problem, dass insgesamt drei Regionalligameistern der Aufstieg verwehrt wird, weil es weniger Aufstiegsplätze als Regionalligen gibt. Vor allem der Verband Nordost ärgert sich darüber, weil er sich unfair behandelt fühlt. Bei den Herren stellen die Verbände Nord, Nordost und Süd abwechselnd einen direkten Aufsteiger, während die Verbände West und Südwest immer einen direkten Aufsteiger haben. 

Der Meister steigt nicht auf

„Du spielst eine überragende Saison, krönst diese Saison mit einer Meisterschaft und dann, durch irgendein unglückliches Tor in der Relegation, verlierst du ein ganzes Jahr. Wirtschaftlich gesehen, sportlich gesehen, von den Fans her, von deinen Sponsoren her, so eine Ungleichbehandlung muss unbedingt weggeräumt werden.” Das sagte Erfurts Sportdirektor Franz Gerber (Verband Nordost) gegenüber dem Deutschlandfunk.

Gerbers Wut können die Frauen des HSV sicherlich nachvollziehen, wenn sie dieses Jahr wieder die Relegation verlieren sollten. Die Mannschaft von Trainer Lewe Timm hat eine herausragende Saison mit 25 Siegen in 26 Spielen absolviert und könnte am Ende trotzdem in der Regionalliga verbleiben. 

Bei den Relegationsspielen um die Bundesliga der Männer gibt es ein ähnliches Dilemma in anderem Gewand. Der HSV spielt eine gute Saison, hat die beste Offensive der Zweiten Liga und landet verdient auf Rang drei. Trotzdem sind die Aufstiegschancen eher gering, wenn man sich die Statistiken der Vergangenheit anschaut. Lediglich Nürnberg, Düsseldorf und Union Berlin konnten seit 2009 als Zweitligist den Bundesligisten bezwingen. Alle anderen standen nach einer guten Saison mit leeren Händen da. Und das alles nur, weil dadurch zwei Spiele mehr vermarktet werden können.   

Alternative zur Relegation: Play-offs

Es wäre vielleicht auch mal eine Idee, das zu überdenken und die drei Plätze komplett anders auszuloten. Denn es kann ja nicht im Sinne sein, dass es dann immer der Erstligist ist. Es gibt ja auch andere Ligen, die da spannende Modelle haben”, das sagte HSV-Sportvorstand Jonas Boldt nach dem letzten Spieltag am Sportschau-Mikrofon. Am fairsten wäre es, die Relegation einfach abzuschaffen. Dann könnte die Deutsche Fußball Liga (DFL) aber nicht die TV-Rechte für die zusätzlichen Spiele verkaufen. St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann stellte kürzlich in einer Medienrunde klar, dass die Relegation vor allem einen wirtschaftlichen Hintergrund habe. „Im Grunde genommen hat sich die Zweite Liga einen zusätzlichen Startplatz abkaufen lassen.”

Deshalb braucht es eine Alternative zur Relegation. In England wird seit Jahren gezeigt, wie diese aussehen könnte: Aufstiegs-Play-offs. In der englischen Zweiten Liga steigen die Plätze eins und zwei direkt auf. Doch dahinter wird es spannend. Die Plätze drei bis sechs spielen nach der Saison den letzten Aufsteiger aus. Im Playoff-Halbfinale gibt es Hin- und Rückspiel. Das Finale wird auf neutralem Boden ausgetragen. Aus der Premier League steigen immer die letzten drei ab. 

Diese Lösung hat viele Vorteile: Die DFL könnte weiterhin ihre TV-Rechte vermarkten und es gäbe sogar drei Spiele mehr, die verkauft werden könnten. Die Zweite Liga hätte durch dieses Konzept mehr Vereine, die um den Aufstieg mitspielen und dadurch vermutlich auch mehr Spannung. In der aktuellen Saison stand schon vor dem 34. Spieltag fest, dass nur noch der HSV und Heidenheim um den direkten Aufstieg und den Relegationsplatz kämpfen. Das letzte Spiel war für Platz vier bis sechs irrelevant, weil es um nichts mehr ging. Die erhöhte Spannung könnte außerdem zu höheren Zuschauereinnahmen führen. 

Hinzu kommt, dass dadurch dass Leistungsprinzip wieder in den Vordergrund treten würde. Das neue System würde die Mannschaften aus der Zweiten Liga für ihre gute Saison belohnen und die Mannschaften aus der Bundesliga für ihre schlechte Saison bestrafen.

Mehr Fairness in den Regionalligen

Betrachtet man die Relegationsspiele der Regionalligen der Frauen und Männer, gibt es eigentlich nur zwei gerechte Lösungen. Entweder wird die Anzahl der Aufsteiger an die der Regionalligen angeglichen, sodass alle Meister direkt aufsteigen. Oder die Anzahl der Regionalligen wird an die der Aufsteiger angeglichen. Dadurch würden die Relegationsspiele wegfallen, aber das wäre aufgrund des geringeren Zuschauerinteresses verschmerzbar. Dafür würde auch hier das Leistungsprinzip gestärkt. 

Doch all diese Gedankenspiele nützen dem HSV wenig. Am 1. und 5. Juni findet die Relegation um den Aufstieg in die Bundesliga der Herren statt. Der HSV trifft auf den VfB Stuttgart. Am 11. und 18. Juni kämpfen die HSV-Frauen gegen Victoria Berlin um den Aufstieg in Liga zwei. Doch vielleicht haben DFB und DFL in Zukunft ein Erbarmen mit den unterklassigen Mannschaften und überlegen sich eine Alternative zur Relegation. Optionen gäbe es genug.

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Moritz Löhn, Jahrgang 1996, hat schon einmal ein Sachbuch in 30 Tagen geschrieben. “Fußball Fakten – Von der Bundesliga bis zur WM” heißt es und enthält 40 Geschichten über das schönste Spiel der Welt. Fürs Fußballschauen wird Moritz sogar bezahlt: Er tickert für sport.de und hat schon in der Online-Redaktion von Sport1 gearbeitet. Sportjournalismus ist auch sein Berufsziel – am liebsten investigativ. Studiert hat er Medien und Information an der HAW Hamburg. Auch ehrenamtlich engagiert er sich: Er betreut ein Ferienzeltlager in Dänemark und ist Co-Trainer bei der vierten Herrenmannschaft des USC Paloma. Moritz ist Mate- und Mario-Kart-süchtig. Eine gute Grundlage für die nächsten Bücher. (Kürzel: mol)