
Weniger Kundschaft, weniger Läden – zwei junge Inhaber zeigen, was ein lokaler Buchladen braucht, um bestehen zu bleiben. Wie die Buchhandlung Wassermann sich erneuerte und dabei 73 Jahre älter wurde.
Es herrscht eine angenehme Ruhe. Das leise Rauschen der Straße hallt dumpf durch die geschlossene Eingangstür. Gelegentlich knarzt der Dielenboden unter den langsamen Schritten der Kundschaft. Ein kleines Mädchen blättert eine Seite um. Es sitzt in der Ecke für Kinderbücher auf dem Boden und liest. Noch immer trägt es seinen Fahrradhelm, dessen Rosa sich mit den rot lackierten Regalen beißt.
Ein Mann kommt herein. Das Blankeneser Wochenendgewimmel unterbricht die Stille. „Ach guck mal“, sagt der ältere Herr fröhlich und zeigt erst auf seine Regenjacke, dann auf den Pullover des Ladeninhabers: „Du heute auch in Gelb.“ Pascal Mathéus blickt von den Büchern auf, die er gerade einsortiert hat, und lacht.
Deutsche Buchhandlungen in der Krise
Rund dreieinhalb Jahre ist es her, dass Mathéus mit seinem Kumpel Florian Wernicke (40) die Buchhandlung Wassermann übernommen hat. Ein beruflicher Schritt, der nicht dem Trend der Zeit entsprach. Denn die Zukunft vieler kleiner Buchläden ist mit Unsicherheit verbunden. 2023 zählte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bundesweit 4500 Buchhandlungen – 800 weniger als noch im Jahr 2015. Zum einen kaufen die Menschen weniger Bücher. Zum anderen sind Inhaber*innen mit höheren Mietkosten und weniger Laufkundschaft konfrontiert.

In Hamburgs Westen, am Ende der Elbchaussee ist von diesen Sorgen wenig zu spüren. „Man könnte es naiv nennen, aber entgegen allen Statistiken sind wir davon überzeugt, dass Lesen ein so toller Zugang zur Welt ist, dass die Menschen dabeibleiben werden“, sagt Mathéus. „Lesen setzt sich schon seit 5000 Jahren durch – das geht noch ein bisschen länger.“ Der 36-Jährige lächelt überzeugt und lehnt sich in seinem Stuhl zurück.
Er und Wernicke haben sich in ihr gemeinsames Büro zurückgezogen. Der unscheinbare Raum versteckt sich hinter einer Schiebetür im Lager der kleinen Buchhandlung. Dort riecht es nicht mehr nach Holzregalen, aber immer noch nach Büchern. Ob Romane, Sachbücher oder Klassiker – sie stapeln sich in den Regalen, auf dem Boden und vor allem: auf dem schmalen Schreibtisch von Mathéus. Es war seine Idee, die Buchhandlung zu übernehmen. Wernicke erklärt: „Ich gehöre zu denen, die schissig im zweiten Gang anfahren und immer erstmal gucken, ob alles passt.“ Er grinst zu seinem Kollegen. „Pascal ist ein Typ, der sagt: Wir machen das jetzt!“
Vom Literaturfestival bis Cornelia Funke
Getreu diesem Motto führten die jungen Inhaber seit ihrer Übernahme im Oktober 2022 mehrere Neuheiten ein: einen Online-Shop, einen Instagram-Account, einen Podcast, sowie ein regelmäßiges Veranstaltungsangebot. Dazu zählen nicht nur kleine Lesungen im Laden, sondern auch umfangreiche Events wie die „Herbstlese“ – ein internationales Literaturfestival – oder auch Podiumsdiskussionen vor größerem Publikum. So waren im April Cornelia Funke und Bildungsministerin Karin Prien in Blankenese zu Gast, um über die Lesekompetenz junger Menschen zu sprechen.
NS-Vergangenheit aufgedeckt: Umbenennung in Buchhandlung Wassermann
Neu ist außerdem der Name des Geschäfts. Bis zum Sommer 2023 hieß es noch Buchhandlung Kortes, nach dem vermeintlichen Gründer Alfred Kortes. Bei ihrer Übernahme hatten sich Mathéus und Wernicke jedoch ausführlich mit der Historie des Ladens auseinandergesetzt und waren auf die NS-Vergangenheit von Kortes gestoßen.
Kortes war nicht nur von 1933 bis 1945 Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), sondern kurzzeitig auch der sogenannten Sturmabteilung. Das war die paramilitärische Kampforganisation der NSDAP während der Weimarer Republik. Außerdem warb der ehemalige Besitzer in seiner Buchhandlung bereits im April 1933 mit NS-Literatur.
Mathéus holt einen verblichenen Leitz-Ordner aus dem Regal und zeigt die gelblichen Unterlagen, die die Recherche vor knapp drei Jahren angeregt hatten. In dieser Zeit hatten Mathéus und Wernicke auch herausgefunden, dass Kortes nicht der tatsächliche Gründer war. Sein Vater hatte die Buchhandlung zuvor von einer Familie namens Wassermann übernommen. Das Gründungsjahr lautet damit 1848, was die Buchhandlung zur ältesten Hamburgs macht.
„Die Menschen in Blankenese sind sehr offen und mit einem großen Interesse an das Thema herangegangen“, berichtet Wernicke. Zwar hätten einige erst skeptisch reagiert, sich letztlich aber verständnisvoll und unterstützend gezeigt. Zur Namensänderung hatten Mathéus und Wernicke eine öffentliche Diskussion organisiert, um ihre Beweggründe zu erklären und in den Austausch zu treten.

„Dass die beiden so viel gleichzeitig schaffen, ist mir manchmal echt ein Rätsel“, sagt Lene D.. In der Buchhandlung Wassermann ist sie die erste Auszubildene seit Jahrzehnten. Die 19-Jährige steht in der Kassennische, die von den Mitarbeitenden gleichzeitig als Küchenbereich genutzt wird. Im Hintergrund arbeitet leise die Spülmaschine. „Trotz der ganzen Veranstaltungen schaffen es beide, regelmäßig vorne im Laden zu beraten“, erzählt Lene.
Engagement zeigt Erfolg: Auszeichnungen und Umsatz
Mit dem Begriff Cross-Channeling – im Deutschen Kreuzkanalität – ist die Marketing-Strategie gemeint, in der die Vorteile des Online- und Offline Handels verknüpft werden. Ein Online-Shop ist beispielsweise rund um die Uhr verfügbar und mit wenig Aufwand verbunden, während das Erlebnis vor Ort etwa vom persönlichen Kontakt geprägt ist.
Dadurch setzen Mathéus und Wernicke alle Maßnahmen um, zu denen der Börsenverein in einem Mediendossier über stationären Buchhandel geraten hatte: Cross-Channeling, Ausbau des Marketings, Erschaffen eines kulturellen Treffpunktes. Die Buchhandlung Wassermann zeigt, was den lokalen Buchhandel ausmacht und wie er bestehen bleiben kann. Das Engagement wurde belohnt: Mathéus und Wernicke erhielten in den vergangenen Jahren den Hamburger sowie zweimal den Deutschen Buchhandlungspreis.
Auch im Umsatz machen sich die Anstrengungen bemerkbar. Wobei Wernicke die Zahlen nicht zu hoch loben möchte. „Wir können uns im Personal besser aufstellen und gewisse Risiken abfedern. Aber es ist nicht so, dass wir auf einmal rasend erfolgreich sind und morgen ein fettes Auto fahren“, sagt er. „Gerade Veranstaltungen sind kein Riesengeschäft“, ergänzt Mathéus. „Da geht es eher darum, ein Fundament für die Zeit danach zu schaffen. Und man muss auch einfach Bock auf die Arbeit haben.“
Stadtteil Blankenese als weiterer Faktor
Der Standort spielt ebenfalls eine Rolle für den Erfolg der Buchhandlung. Blankenese gehört zu den wohlhabendsten Stadtteilen Hamburgs und zieht mit seiner Nähe zur Elbe neue Laufkundschaft an. So auch einen jungen Mann, der mit seinem Sohn auf den Schultern vor dem Schaufenster stehengeblieben ist. Der Junge hatte das Pixi-Männchen entdeckt, das vor dem Eingang der Buchhandlung steht. Innen berät Wernicke eine ältere Dame, Mathéus sitzt hinter der Kasse und liest seiner Tochter aus „Der Grüffelo“ vor.

„Hier würde ich mich ja gerne dazusetzen und mir auch vorlesen lassen“, sagt eine Kundin und lächelt. Beim Kassieren kommt sie mit Mathéus ins Plaudern – über den Grüffelo, das Wetter und ihr eben gekauftes Buch. Da zupft die kleine Tochter von Mathéus liebevoll, aber bestimmt an seinem Ärmel. Sie hat eine klare Bitte – die gleiche, die auch ihr Vater an die Gesellschaft hat: „Weiterlesen!“
Juli Husmann, geboren im Juli 2003, ist nach einer berühmten Schriftstellerin benannt und tatsächlich gerne ”unter Leuten”. Sie stammt aus dem Hamburger Treppenviertel und möchte auch beruflich aufsteigen. In Lüneburg studierte sie Digital Media und Wirtschaftspsychologie, ihr eigentliches Thema aber war schon vorher klar: Juli spielt Hockey, am Wochenende steht sie gern auf der Nordtribüne des Volksparkstadions. Gearbeitet hat sie schon für Sport1, Sky und den Sportteil der Mopo, für “Dein Spiegel” entwarf sie ein WM-Quiz. Beim Streamingdienst Dyn kommentiert sie Frauen-Hockey-Bundesligaspiele. Ihre eigene Profikarriere sieht sie heute eher auf der Pressetribüne als auf dem Feld. Kürzel: hus






