Am 31. Mai entscheiden die Hamburger*innen, ob sie Olympia in ihrer Stadt ausrichten möchten. Die Parteien in der Hamburger Bürgerschaft haben sich dazu positioniert – mit zwei von ihnen hat FINK.HAMBURG gesprochen.
Die Abgeordneten im Senat werden am Sonntag gespannt auf die Ergebnisse schauen. Schließlich hängt an der Frage, ob Olympia in Hamburg stattfindet, viel Geld. Zudem würde sich die Stadtpolitik in den nächsten zehn bis 18 Jahren in vielen Fällen an den Olympischen Spielen orientieren. Hamburg wollte sich schon mehrmals für die Spiele bewerben – zuletzt sprach sich die Mehrheit der Bürger*innen 2015 gegen die Ausichtung der Spiele aus.
Ob Hamburg nun ins Rennen um die Austragung von Olympia in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 einsteigt, hängt nicht nur von der anstehenden Volksabstimmung am kommenden Sonntag ab. Wenn sich eine Mehrheit der Bürger*innen für die Austragung entscheidet, muss sich der Deutsche Olympische Sportbund am 26. September 2026 auf eine der Bewerbungen von Hamburg, Berlin, München und Köln/Rhein-Ruhr einigen. Danach entscheidet der IOC (Internationales Olympisches Komitee) über die schlussendliche Vergabe, bei der auch die internationale Konkurrenz antritt. Wann genau der IOC die nächsten Spiele vergibt, steht noch nicht fest.
Wie die Parteien zu Olympia stehen
Die Grünen, die Teil der Regierung sind, sind für die Ausrichtung der Spiele. Sie wollen, dass die Spiele Menschen verbinden und es sollte ,,ein Fest für alle sein, das der Welt zeigt: Hamburg ist eine weltoffene Metropole.’’ Für sie hat allerdings Priorität, dass Hamburg nach Olympia grüner und lebenswerter ist als vorher. Dazu sollen die Klimaziele des IOC passen. Daneben würden unter anderem die Stärkung von Vereinen und Sportkultur, die Modernisierung von Sportstätten sowie die Stärkung der Wirtschaft für eine Ausrichtung des Sportereignisses sprechen.
Die größte Oppositionspartei, die CDU, spricht sich ebenfalls für Olympia aus. Sie setzen dabei auf ähnliche Argumente wie die Koalitionsparteien. Die Christdemokrat*innen sehen Olympia ebenfalls als Chance, um Hamburg in der Welt als weltoffene und nachhaltige Stadt darzustellen. Sie setzen ebenso auf einen schnelleren Ausbau des ÖPNV und der Barrierefreiheit sowie Wirtschaftswachstum.
Die AfD spricht sich gegen Olympische Spiele in Hamburg aus. In erster Linie, weil sie es der rot-grünen Regierung nicht zutraut, die Spiele zu organisieren. Sie warnt vor hohen Kosten und Verzögerungen bei den zu erwartenden Baustellen und würden das Geld stattdessen für den Gesundheits-, Bildungs-, und Verkehrssektor einsetzen.
Hier hat FINK.HAMBURG weitere Pro- und Contra-Argumente in Bezug auf Olympia gesammelt.
Wie die SPD und die Linke zu Olympia stehen, erklären Aydan Özoğuz (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestags, und Martin Wolter (Linke), Fachsprecher für Sport der Hamburger Fraktion der Linken.
Aydan Özoğuz: 2036 halten wir alle für unrealistisch
FINK.HAMBURG: Warum ist die SPD für Olympia?
Aydan Özoğuz: Wir sind nicht nur in Hamburg, sondern auch im Bund für olympische und paralympische Spiele. In Hamburg sieht man die große Chance für die Stadt, die sie mit sich bringen würden. Von Infrastrukturprojekten bis zu allen möglichen Förderungen. Für die Bevölkerung, Bewegung, Sport – da würden wir einen riesigen Schub nach vorne machen.
Was würde Hamburg denn durch Olympia bekommen, was die Stadt ohne Olympia nicht hätte?
Özoğuz: Eine Sache, die natürlich alle gerne hätten, ist diese riesige Förderung, die es ohne olympische, paralympische Spiele nicht gibt. Weil die Stadt dann eine Menge Geld bekommt, um Infrastrukturmaßnahmen voranzubringen und um eine gute Planung hinzubekommen unter den Vorgaben des IOC. Wir sagen also: Was wollen wir sowieso bauen, was wir dann weiter brauchen werden? Beispielsweise München: Den Olympiapark hätten sie nicht, wenn sie 1972 nicht die olympischen Spiele gehabt hätten. Genauso wie die U-Bahn, die dahinführt. Die Stadt, in der Olympia stattfinden wird, wird die Aufmerksamkeit in den nächsten Jahren haben. Das betrifft die Infrastruktur genauso wie die Barrierefreiheit und das halte ich für eine Riesenchance für Hamburg.
Würden diese Maßnahmen denn nicht umgesetzt werden, wenn Olympia nicht nach Hamburg kommt?
Özoğuz: Doch, ich bin mir sicher, das hat Hamburg schon in den letzten Jahren gemacht. Also Olaf Scholz hat beispielsweise, als er 2011 Bürgermeister wurde, gesagt „wir werden ab jetzt jede U-Bahn-Station mit einem Fahrstuhl versehen“. Sowas zieht sich über einen sehr langen Zeitraum, wenn man gerade die Barrierefreiheit, die ich extrem wichtig finde, noch mehr voranbringen will. Und wenn man paralympische Spiele plant, dann ist völlig klar, dass man das bis dahin alles gut vorangebracht haben will. Es würden Dinge, die wir sowieso planen, natürlich schneller kommen, weil wir sie dann auch dafür brauchen.

Zum Thema Finanzierung: Sie hatten ja schon die Förderungen angesprochen. Wie sicher ist es denn, dass ein Teil der Finanzierung durch den Bund übernommen wird?
Özoğuz: Bei der letzten Bewerbung, hatte der damalige Finanzminister Schäuble öfter mal gesagt „naja, weiß ich noch nicht, mal gucken“. Das hat eine gewisse Unsicherheit erzeugt. Das ist ja jetzt ganz klar: Erstens haben wir es im Koalitionsvertrag stehen. Zweitens haben wir auch einen Antrag in den Bundestag eingebracht, von CDU und CSU, SPD und Grünen, in dem wir ganz deutlich sagen, dass wir eine solche Unterstützung und auch olympische und paralympische Spiele in Deutschland wollen. Was in zehn Jahren ist? Klar, ein Stück Unsicherheit ist immer da. Ich kann mich an die letzte Bewerbungsphase bis heute erinnern. Dazwischen waren Kriege, eine Pandemie und auch wirtschaftliche Probleme. Wir haben jetzt alles getan vom Bund aus, um die Spiele möglich zu machen und natürlich der jeweiligen Region auch die Garantie zu geben, dass sich der Bund in angemessener Weise beteiligen wird.
Also falls mehr Kosten auftreten, würde der Bund dann übernehmen?
Özoğuz: Es kommt auf die Gesamtkosten an. Und der Bund wird sich an den Gesamtkosten in angemessener Weise beteiligen. Da bleibt niemand allein auf irgendwelchen Kosten hängen. So ist der Plan.
Okay, also egal, wie am Ende die Kosten aussehen?
Özoğuz: Quatsch, es ist natürlich nicht egal, wie die Kosten aussehen werden, natürlich arbeiten jetzt alle daran, dass die Kosten angemessen bleiben. Der Plan ist immer zu schauen, dass man nicht mehr Kosten hat.
Gerade die Infrastruktur, vor allem Mobilitätsprojekten wie die U5, sind für Olympia wichtig. Die U5 soll im Jahr 2040 fertig werden. Wenn sich Hamburg für Deutschland bewirbt und das IOC sich 2036 für Hamburg entscheidet, wie soll beispielsweise die U5 bis dahin fertig werden?
Özoğuz: 2036 halten wir alle für unrealistisch, dafür sind andere Länder im Moment im Gespräch. Realistisch ist 2040 oder 2044 für Deutschland, aber das werden wir sehen. Für den Fall, dass es dann plötzlich doch so wäre, müsste ein ganz besonderes Augenmerk auf manche Projekte gelegt werden und das ist allen Beteiligten klar.
In Paris ist für Olympia Wohnraum geschaffen worden, den sich sozial schwächere Menschen nicht leisten konnten. Diese Menschen wurden in Außenbezirke verdrängt. Sehen Sie die Gefahr für Hamburg nicht?
Özoğuz: Ich sehe es so, dass das Hamburger Konzept das super auflöst, indem sie ja eine Wohnfläche, die ohnehin geplant ist, als Olympisches Dorf planen. Und deswegen glaube ich, ist das gerade bei den olympischen oder paralympischen Spielen überhaupt kein Verdrängungsfaktor, weil ja eben nicht etwas Neues entsteht, was ein Stadtteil viel teurer machen würde.
Hamburg hat sich das Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu werden. Wenn Olympia nach Hamburg kommt, würde das bedeuten, dass es einige Großbaustellen, die Emmisionen verursachen, geben würde. Wie sicher ist dieses Ziel dann noch?
Özoğuz: Klimaneutralität ist auch in den Vorgaben des IOC ein Thema, was ich sehr gut finde. Hamburg ist auch weit, gerade im Vergleich mit anderen Städten. Da hätte ich gar nicht so eine große Sorge. Ich würde es an der Stelle als eine Chance sehen. Aber es wäre eine Herausforderung, ganz sicher.
Interview geführt von Vincent Pelkmans
Martin Wolter: Olympia sollte immer in derselben Stadt stattfinden
FINK.HAMBURG: Warum ist die Linke gegen Olympia?
Martin Wolter: Wir setzen uns für Sport ein und sehen darin eine große Bedeutung. Aber da gibt es dann auch das IOC, welches vor allem durch Korruption auffällig ist und immer gut kassiert, aber keine Risiken hat. Die Risiken haben immer die Ausrichterstädte. Alle Olympischen Spiele haben ihre Kalkulationen nicht eingehalten, sondern sind im Durchschnitt sogar 150 Prozent teurer geworden. Es gibt keinen wirtschaftlichen Nutzen für die Ausrichterstädte. Das Geld könnte für andere Sachen besser eingesetzt werden.
Sie glauben nicht daran, dass am Ende ein Gewinn von 100 Millionen Euro erwirtschaftet werden kann, wie zurzeit beim Durchführungsbudget vorgesehen?
Wolter: Nein, denn im Finanzkonzept sind die geplanten Einnahmen sehr gut dokumentiert und das Konzept von Hamburg ist komplett angeglichen an Olympia in Paris, es wurde nur ein bisschen angepasst, wegen der Inflation zum Beispiel. Die Infrastrukturausgaben, die genannt sind, sind sehr gering. Und dass der Bund bei der Haushaltslage jetzt groß mit reingeht, das kann niemand ernsthaft sagen. Gehen wir bei der Finanzierung mal davon aus – so ist es eigentlich immer – dass ein Drittel die Stadt, ein Drittel das Land und ein Drittel der Bund finanziert. Das wäre in München dann München, Bayern und der Bund. Also jeweils ein Drittel. In Hamburg wären es schon mal zwei Drittel Hamburg und ein Drittel der Bund.

Welche Risiken sehen Sie denn für den Fall, dass Olympia in Hamburg ausgerichtet werden sollte?
Wolter: Das Geld könnte für andere Sachen viel besser genutzt werden. Dann wird es über Jahre heißen „Nein, sorry, für das Kulturprojekt, die Sporthalle, die Schule oder die Uni haben wir gerade leider kein Geld, weil sich die Hamburger*innen für die Olympischen Spiele entschieden haben und das ist teuer.“ Ansonsten haben wir natürlich ökologische Kosten. Viele werden mit dem Flugzeug kommen und das ist ja schon mal der größte Witz in Hamburg. Zwei Landebahnen hat der Hamburger Flughafen, nur eine kann zeitgleich angeflogen werden. Dann landen sie woanders und kommen mit der Bahn nach Hamburg. Die Hamburger*innen haben gesagt, wir wollen ab 2040 klimaneutral sein. Das ist mit Olympia nicht machbar.
Die SPD spricht im Kontext von Olympia von einem „Booster für die Stadt“, beispielsweise im Bereich Inklusion oder Mobilität. Sehen Sie diese Vorteile auch?
Wolter: Nee, ich sehe einen Booster für die Gentrifizierung. Es wird Preissteigerungen und Mieterhöhungen geben, wie immer bei Olympischen Spielen. Es kann sein, dass dann schneller gebaut wird, das muss sogar so sein, wenn wir die Olympischen Spiele 2036 bekommen würden. Bei gewissen Projekten wird aber jetzt schon gesagt, dass sie bis 2036 nicht ausgebaut werden können, zum Beispiel der Hauptbahnhof oder die U5, sagen Experten. Wenn die Stadt es wirklich bis dahin schaffen würde, wären es natürlich noch höhere Kosten. Das heißt langfristig sind bisher keine wirtschaftlichen Effekte und auch keine Booster-Wirkung zu verzeichnen bei den Ausrichterstädten.
Welche Stadt sollte denn lieber Olympia ausrichten?
Wolter: Da muss man sich ja erstmal die Frage stellen, ob Olympische Spiele grundsätzlich noch zeitgemäß sind. Gehen wir aber von der Idee aus, dass sie stattfinden werden. Dann wäre das Einzige, um die Kosten zu minimieren, sie immer in der gleichen Stadt stattfinden zu lassen. Es sollte auf jeden Fall eine wesentlich größere Stadt als Hamburg sein. Denn je größer die Stadt, desto geringer die negativen Auswirkungen. In London waren Preissteigerungen zu beobachten, aber London ist so groß, da verteilt sich das relativ gut.
Verstehe ich dann richtig, dass die Linke prinzipiell gegen Olympia ist?
Wolter: Die Linke an sich nicht, aber die Linke in Hamburg ist prinzipiell gegen die Ausrichtung der Olympischen Spiele, wie sie heute vom IOC veranstaltet werden. Wir sind natürlich für sportliche Veranstaltungen, ob Marathon, Fußballspiele, Cyclassics, Ironman, Triathlon, Tennis-Turnier, das hat alles seine Berechtigung, aber die Olympischen Spiele finden wir als Linke in Hamburg nicht zeitgemäß.
Seht ihr auch Vorteile für Olympia in Hamburg?
Wolter: Nein, tatsächlich sehen wir keine Vorteile. Und zwar nicht nur, weil das unsere Meinung ist, sondern weil sie auf den Fakten der vielen Studien basiert. Greenpeace hat eine Auswertung von Paris 2024 gemacht: Olympische Spiele können nicht klimaneutral veranstaltet werden. Verdrängung, Vertreibung. Andy Grote will die schöne Seite der Stadt als Innen- und Sportsenator präsentieren. Das impliziert für mich eine Verdrängung von Menschen, die nicht ins touristische Stadtbild passen.
Falls Hamburg Olympia ausrichten würde, wie würden Sie als die Linke damit umgehen?
Wolter: Es sind so viele Versprechen gemacht worden. Infrastrukturvorhaben. Barrierefreiheit. Wenn Hamburg wirklich die Olympischen Spiele bekommen sollte, dann werden wir die Einhaltung dieser überprüfen. Und wenn sich die Mehrheit am Sonntag dafür entscheiden sollte, dann werden wir den Willen der Mehrheit akzeptieren. Das ist super, dass darüber überhaupt demokratisch abgestimmt werden kann. Es wird aber immer noch ein Großteil dagegen sein und die haben alle ihre Gründe. Und wir werden die dann vertreten, das ist unsere Aufgabe als Opposition.
Und wenn die Linke in der Zeit bis Olympia an die Regierung kommt?
Wolter: Wir würden dann nicht um Olympia drumherum kommen. Es gibt einen Vertrag mit dem IOC. Den werden wir mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr rückgängig machen können, ohne noch größere Kosten für die Stadt zu verursachen. Aber befürworten werden wir die Olympischen Spiele auch weiterhin nicht.
Interview geführt von Franziska Schwarz.






