Queere Kunst wurde über Jahrzehnte verschlüsselt – denn Queerness war illegal. Heute ist queere Kunst sichtbarer. Ein Besuch der Dragführung durch die Hamburger Kunsthalle.
„Das ist 50 Quadratmeter Macker-Quatsch. Patriarchaler Mist“, sagt Didine van der Platenvlotbrug, während sie vor dem größten Gemälde der Hamburger Kunsthalle steht. Halbnackte Frauen stehen im Mittelpunkt des damaligen Skandalbildes aus 1878. „Der Einzug Karls V. in Antwerpen“ von Hans Makart bildet einen Festeinzug in Antwerpen ab – mit Frauen und Männern in teils pompösen Kostümen, umgeben von Schaulustigen. Ein Ereignis, das auf diese Weise nie stattgefunden hat.
Van der Platenvlotbrug dreht sich einmal im Kreis vor dem Gemälde und fordert die Menschen um sich herum dazu auf, das Gleiche zu tun. Quasi, um diese Sichtweise auf das Bild einmal abzuschütteln. Der Boden knarzt, während sich die Gruppe im Kreis dreht. Nun schauen alle wieder auf das Gemälde von Makart. „Jetzt sehen wir das Bild auf queere Weise“, sagt van der Platenvlotbrug. „Lesben, Schwule und lauter queere Menschen, die miteinander feiern!“ Der Festeinzug wird zum „ältesten Christopher Street Day”, so van der Platenvlotbrug.

Queere Werke in der Kunsthalle
Didine van der Platenvlotbrug ist Dragqueen und führt gemeinsam mit der Kunstvermittlerin Lena Pickenbrock durch die Hamburger Kunsthalle. Durch ihren zeitgenössischen Blick möchten sie einen Perspektivwechsel auf die historischen Kunstwerke anregen. Es gäbe viele queere Kunstwerke. Nur, dass wüssten viele nicht. Bei anderen Kunstwerken lasse sich der queere Hintergrund nur vermuten und „ein bisschen hineininterpretieren, wo Queerness vielleicht nie war.“
Die Hamburger Kunsthalle ist das größte Museum der Hansestadt. Sie beinhaltet eine öffentliche Kunstsammlung, die Werke aus über acht Jahrhunderten Kunstgeschichte zeigt. Die Kunsthalle besteht aus drei Gebäuden, welche insgesamt rund 145 Tausend Kunstwerke ab dem 14. Jahrhundert beinhalten. Ein Schwerpunkt der Kunsthalle liegt hierbei auf Werken des 19. Jahrhunderts. Die Dragführungen werden immer von wechselnden, bekannten Hamburger Dragqueens sowie begleitenden Kunstvermittler*innen durchgeführt.
Ob Künstler*innen queer waren, ist kaum bekannt. Die Sexualität der Personen wurde in der Kunstgeschichte meist bewusst verschwiegen. „Wichtige biografische Informationen über Künstler wurden oft ganz weggelassen, heruntergespielt oder in Begriffen interpretiert, die zur Annahme der Heterosexualität passen”, sagt Kunsthistoriker und LGBTQ+-Aktivist Alex Pilcher in seinem Buch „A Queer Little History of Art”. Bekanntermaßen queere Künstler*innen seien als zölibatär, asexuell oder sexuell verwirrt diagnostiziert worden.
Ein neuer Blick auf Kunst

Van der Platenvlotbrug trägt ein neonpinkes Kleid. Eine Vielzahl an Tattoos scheint durch den Stoff hindurch. Um ihren Hals hängt eine auffällige Perlenkette, passend zum Perlenhaarreif auf dem kahlen Kopf. Am Arm der Dragqueen baumelt eine rosafarbene Tasche. In ihren Händen hält sie 47 Moderationskarten.
Van der Platenvlotbrug bezeichnet sich als „The Queer Mom”. Sie engagiert sich in queerer Kulturarbeit in Hamburg. Moderatorin, Diversity-Managerin, Aktivistin, Influencerin, Podcasterin, Autorin – die Liste ihrer Aktivitäten ist lang. Auch ist sie Mitgründerin des Feminité Museum St. Pauli. „Ich möchte die Leute animieren, noch mal neu auf Kunst zu schauen“, so van der Platenvlotbrug.
Codes für Queerness
Queerness war über viele Jahrzehnte ein gesellschaftliches Tabu. Homosexuelle Handlungen galten als kriminell. Queere Kunst wurde deswegen verschlüsselt, durch sogenanntes Queer Coding, dargestellt. Im Buch „Ein queeres Auge auf die Kunstgeschichte” beschreibt Autorin Dawn Hoskin queere Codes als mehrdeutige Symbole, die in der Öffentlichkeit keinen Verdacht erregen sollten. Angehörigen der queeren Subkultur ermöglichte es laut Hoskin jedoch, die verschlüsselte Bedeutung der Kunst zu erkennen. Als Beispiel hierfür nennt die Autorin den „Hanky Code“: Sexuelle Vorlieben seien durch das Tragen verschiedenfarbiger Tücher in der hinteren Jeanstasche symbolisiert worden.
Didine van der Platenvlotbrug erzählt in der Kunsthalle, dass queere Künstler*innen kreativ wurden, wenn sie von ihren Partner*innen erzählten. Sie hätten Umschreibungen genutzt wie „Waffenbruder“, „Malerfreund“, „gute Freunde“ oder „langzeitige Mitbewohnende“. Falls nötig, konnten Künstler*innen ihre Queerness so plausibel leugnen.
Laut dem Offenen Schüler*innennetzwerk Queerer AGs für Respekt (OSQAR) äußerte sich queere Kunst neben Queer Coding auch in abstrakten, monochromen Werken, die heutzutage dem Minimalismus zugeordnet werden.
Queere Familie im 19. Jahrhundert

Selbstbildnis mit der Pflegetochter Lina und dem Maler Heinrich Jakob Aldenrath, um 1804 Öl auf Leinwand, 145 x 112 cm
Hamburger Kunsthalle / ARTOTHEK
Foto: Elke Walford
Das erste Gemälde, das auf der Dragführung in der Hamburger Kunsthalle vorgestellt wird, ist um das Jahr 1804 entstanden. Es ist ein Selbstbildnis des Malers Friedrich Carl Gröger, der zusammen mit seiner Ziehtochter und seinem Lebenspartner Heinrich Jakob Aldenrath vor einer Staffelei steht. Aldenrath war ein ehemaliger Schüler von Gröger. Die Pflegetochter der beiden, Lina Gröger, war eigentlich die Nichte Grögers – ein uneheliches Kind seines jüngeren Bruders, so Susanne König, Professorin für Kunstgeschichte, in der Fachzeitschrift „Kunstchronik.”
In der Hamburger Gesellschaft war das Liebespaar bekannt und auch Teil des Bürgerrats. Betitelt wurden sie laut van der Platenvlotbrug als Malerfreunde. Die Patchworkfamilie sei für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich gewesen. Für die Dragqueen zeigt es dennoch, dass Queerness schon immer einen Platz in der Gesellschaft hatte: „Es gibt diverse Bilder von diesem Malerpärchen aus dem 19. Jahrhundert, die zeigen, dass queere Familien nicht nur möglich waren, sondern auch in höchsten Kreisen anerkannt wurden.“
Queerer Aktivismus in der Kunst
Mit den gesellschaftlichen Bewegungen ab den 1960er-Jahren wurde queere Kunst sichtbarer. Künstler*innen wie Andy Warhol griffen queere Identitäten und Sexualitäten offen in ihren Werken auf, wie die Welt berichtet. Der Künstler gilt laut dem Andy Warhol Museum als „Gay Icon” seiner Zeit. Kunst wurde dadurch auch zunehmend zum Medium für queeren Aktivismus.
Besonders in den 1980er Jahren gewann dies an Bedeutung: Während der Aids-Krise reagierten Künstler*innen auf die gesellschaftliche Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung von Homosexuellen, wie auch im Buch von Hoskin erläutert. Das Künstlerkollektiv Gran Fury prägte hierbei die Bildlandschaft des Aids-Aktivismus. Laut Hoskin nutzte die Gruppe Plakate, um auf die Krise aufmerksam zu machen.
Laut der Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) berichtete die US-amerikanische Gesundheitsbehörde 1981 zum ersten Mal von einer unbekannten Immunschwächekrankheit, die anfänglich vor allem bei homosexuellen Männern auftrat. Die Krankheit verlief nahezu immer tödlich und bekam den Namen „Acquired Immune Deficiency Syndrome” (Aids). Aids löste große Angst in der Bevölkerung aus, berichtet die bpb weiter. Homosexuelle und Heroinabhängige galten als Risikogruppe und wurden vielfach als selbst verschuldete Erkrankte dargestellt. Laut der bpb konnte Ende der 1980er Jahre und in den darauffolgenden Jahrzehnten die Stigmatisierung durch breite Aufklärung verringert werden. Denn Aids stellte nicht nur eine Gefahr für bestimmte Minderheiten dar, sondern für jeden sexuell aktiven Menschen, der beim Geschlechtsverkehr kein Kondom benutzte.
Ein Zeichen des queeren Aktivismus war der sogenannte Rosa Winkel. Dieser stellte laut Arolsen Archives ein rosafarbenes Dreieck dar, das während des Nationalsozialismus als Stoffaufnäher zur Kennzeichnung von homosexuellen Männern in Konzentrationslagern genutzt wurde. Das Kollektiv Gran Fury verwendete eine umgedrehte Version des Rosa Winkels auf seinen Plakaten und deutete es damit international um, wie die Kunstgalerie David Zwirner berichtet.
Queere Kunst heute

Wishing You Well, 2026
Beton, Terrazzo, Muranoglas,
Münzen, 150 x 150 x 230 cm
Hamburger Kunsthalle, Dauerleihgabe
der Dr. Heinz H. O. Schröder
Stiftung, erworben 2026
© Laure Prouvost / VG Bild-Kunst,
Bonn 2026
© Hamburger Kunsthalle / ARTOTHEK
Foto: Christoph Irrgang
Im Rundbau der Kunsthalle steht ein Brunnen mit gläsernen Brüsten. Die Teilnehmer*innen der Dragführung versammeln sich um das plätschernde Wasser. Früher seien Brunnen ein Ort des Austauschs für Frauen gewesen, erklärt van der Platenvlotbrug. „Der Brust wünschende Brunnen aus Großmutters Lab“, eine Arbeit der Französin Laure Prouvost, stammt aus dem Jahre 2026. Das Werk ist in der aktuellen Austellung SKULPTURAL. Die neuen Galerien (24. April 2026 – 11. April 2027) zu sehen.
Queere Kunst ist sichtbarer geworden. Museen wie die Hamburger Kunsthalle greifen Queerness durch Führungen oder Ausstellungen auf. Laut van der Platenvlotbrug ginge es dabei vor allem darum, queere Menschen sichtbar zu machen – gerade, da sie sich früher nicht frei ausdrücken konnten.
Queers in der Demokratie
In der Gesellschaft hat sich für queere Menschen schon viel verändert. Unter anderem sind sexuelle Handlungen zwischen Männern laut dem Grundgesetz seit 1994 nicht mehr strafbar. Seit 2017 können gleichgeschlechtliche Paare heiraten, und seit 2024 wurde das Transsexuellengesetz durch das Selbstbestimmungsgesetz abgelöst. Dadurch ist es laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes für trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen einfacher, ihren Namen und ihr Geschlecht zu ändern. Zuvor waren für eine Namens- und Geschlechtsänderung demütigende medizinische Untersuchungen notwendig, wie der Stelle berichtet.
Für van der Platenvlotbrug „fehlt noch vieles.“ Die automatische Anerkennung beider Elternteile für alle Paare oder das Einführen eines Asylgesetzes, das sich speziell auf die Verfolgung von queeren Personen bezieht – sind einige Empfehlungen des International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) für mehr Gleichberechtigung von Queers in Deutschland. Auf dem Ranking des ILGA zur gesetzlichen Gleichberechtigung einzelner Länder, belegt Deutschland den siebten Platz im europäischen Vergleich. Die Demokratie solle alle gesellschaftlichen Gruppen miteinschließen, sagt van der Platenvlotbrug. „Wenn Queers stark sind, wenn andere Minoritäten stark sind, geht es der Demokratie gut.“






