Jacken, Hosen, Strampelsäcke: Hanseatic Help hilft bedürftigen Menschen – dabei steht der Verein selbst immer wieder vor einem Problem. Ein Teil der Kleiderspenden sind unbrauchbar. In der Nähwerkstatt entsteht aus Altem Neues.
Ein Raum voller Kleidungsstücke – geordnet und versandbereit liegen sie in Metallregalen. Schilder mit Aufschriften wie „Frauen“, „Kinder“ und „Sport“ helfen bei der Orientierung. Das grelle Licht der Neonlampen und die Lüftungsrohre an den Decken vermitteln eine kühle, fast industrielle Atmosphäre. Mittendrin sortieren Ehrenamtliche Kleidung, legen sie in große blaue Versandpakete und stapeln diese auf Paletten. Rollwagen stehen in den Gängen. Doch ein Raum ist anders – hier wird Kleidung nicht sortiert und transportiert, sondern neu kreiert: die Nähwerkstatt von Hanseatic Help.
Hanseatic Help versorgt verschiedene gemeinnützige Einrichtungen mit Kleidung und Hygieneartikeln – von Obdachlosenhilfen über Geflüchtetenunterkünfte bis hin zu Frauenhäusern. Dem Verein zufolge sind es 300 verschiedene Einrichtungen in Hamburg und Norddeutschland, die Hanseatic Help seit der Gründung 2015 mit Spenden unterstützt hat und auch weiter unterstützt. 60 Angestellte sowie 100 bis 150 Freiwillige arbeiten demnach hier.
Mehr als nur Kleider flicken
Beim Betreten der Nähwerkstatt hört man das Rattern einer Nähmaschine. Sofort fallen Metallregale mit durchsichtigen Kunststoffboxen ins Auge, die mit Stoffen, Garnen und Nähutensilien gefüllt sind. Ein langer, weißer Arbeitstisch bildet das Zentrum des Raumes. Neben der Nähmaschine liegen blaues Nähgarn, eine Schere und ein kleiner Beutel mit Nadeln und weiteren Utensilien.
2023 hat Kai W. die Nähwerkstatt gegründet (vollständiger Name ist der Redaktion bekannt). Flicken, Reparieren und Wiederverwerten, darum geht es ihm. Und die Projekte, die er und sein Team mittlerweile umgesetzt haben, sind vielfältig.
Drei Schneider*innen schaffen hier täglich Neues aus unbrauchbarer Kleidung. Emma und Karimi sind zwei von ihnen. An diesem Donnerstag nehmen sie sorgfältig Maße und schneiden Stoff. Voller Stolz präsentiert Emma eine Babydecke aus alten Männerhemden. Sie ist aus quadratischen Stoffstücken genäht. Auch Babyhosen, Strampelsäcke und Waschlappen entstehen hier in der Nähwerkstatt.

Laut Kai ist Hanseatic Help schon immer ein Ort der sozialen Nachhaltigkeit gewesen. Das spiegelt sich auch in der Werkstatt wider. Das Nähprojekt wird von der Bundesagentur für Arbeit gefördert, um Menschen zu helfen, eine Arbeit zu finden. Dazu zählen etwa Alleinerziehende, Mütter, die viele Jahre keiner Arbeit nachgegangen sind und ganz generell Menschen, die es schwer haben, eine Stelle zu finden.
Auch die Schneider*innen arbeiten gefördert durch das Programm beim Verein. Die Werkstatt wird so zur zweiten Chance – für viele, nicht nur für Kleidung.
„Hello Baby-Bags“: Eine Starthilfe für bedürftige Mütter

Ein besonderes Projekt der Nähwerkstatt sind die sogenannten Hello Baby-Bags – eine Erstausstattung für werdende Mütter, die sich in schwierigen finanziellen Verhältnissen befinden. Das Paket enthält rund 75 Artikel im Wert von etwa 400 Euro. Neben Hygieneartikeln wie Windeln, Binden und Tüchern steckt auch Kleidung drin. Ein Teil dieser Produkte wird direkt in der Nähwerkstatt aus Materialien gefertigt, die sonst entsorgt worden wären.
Über Beratungsstellen mit mittlerweile 84 Kooperationspartnern werden die Bags ausgegeben – von Babylots*innen in Geburtskliniken bis hin zu Hebammen. Seit 2024 konnten dem Verein zufolge knapp 1800 „Hello Baby-Bags“ verteilt werden.
Wie alles begann
Doch wie kam es überhaupt zur Nähwerkstatt? Kais Geschichte bei Hanseatic Help begann im Jahr 2015 in den Hamburger Messehallen, als tausende geflüchtete Menschen nach Hamburg kamen. Hamburger Bürger*innen starteten damals eine Initiative, um Kleidung und Sachspenden anzunehmen. Zunächst war Kai nur mit der Motivation gekommen, etwas zu spenden. Doch die Atmosphäre dieses Ortes riss ihn förmlich mit. “Die vielen Berichte über die Angriffe auf geflüchtete Menschen, dieser Hass und diese Hetze sorgten bei mir für Beklommenheit”, berichtet Kai. „Als ich das erste Mal in dem Verein war, war das wie ein Aha-Moment. Es gibt viel mehr Menschen, die helfen statt zu hassen. Hanseatic Help zeigt, was ich als Einzelperson tun kann.”
Kai will sich als Koordinator für Nachhaltigkeit für ein „grüneres“, wie er sagt, Hanseatic Help einsetzen. 2025 sammelte die Hanseatic Help insgesamt 260 Tonnen Spenden, 58 davon waren unbrauchbar. Tragetaschen aus Reststoffen oder Handschuhe aus Wollhüllen abgelaufener Wärmflaschen sind so entstanden. Kleidertauschpartys, Spendenmarathons und das Sammeln von Kronkorken, deren Erlöse aus dem enthaltenen Metall dem Verein zugutekommen, sind weitere von Kais Projekten.
Eine Halle voller Kleider – und voller Wissen
Kai hat mittlerweile über Nachhaltigkeit in der Textilindustrie viel gelernt. Sein Wissen teilt er, Hanseatic Help bietet auch Workshops an, für Schulen etwa. Darin bespricht Kai Themen wie Überkonsum, zeigt wie es besser geht und lässt die Schüler*innen auch gleich selbst machen. Wer mag, kann eine Tasche aus Stoffresten nähen.
Ob „Hello Baby-Bags“, Workshops oder Nähwerkstatt – was alle Projekte verbindet: Probleme werden möglichst kreativ gelöst, mit wenigen Mitteln wird hier viel erreicht. Oder, wie Kai sagt: „Wenn jemand nach Hilfe fragt, bin ich immer da.“
Sozial ist Murat Demirel, geboren 1995 in Elmshorn, oft eher im Energiesparmodus - aber seine Interessen lebt er mit einer "Fuck it, ich mache es"-Mentalität aus. Damit ergatterte er zwei Jobs bei den Magazinen Sumikai (Thema: Japan) und MoreCore (Thema: Musik mit Gitarren). Parallel studierte er Ökotrophologie und weiß deshalb, wie man mit Stevia unangenehme Geschmacksrichtungen zum Verschwinden bringt. Jetzt will er mit seiner Arbeit eher Dinge sichtbar machen, die er wichtig findet; das hat er aus den Heldengeschichten seiner Kindheit, den Animes: Er liebte “One Piece” schon, bevor es alle kannten, trägt aber lieber Cap statt Strohhut. Das Abenteuer Journalismus setzt bei Murat jetzt jede Menge Energie frei. Kürzel: mut







