Am letzten Mai Wochenende fand das jährliche Eppendorfer Landstraßenfest statt. Das diesjährige Motto „Respekt für Eppendorf“ blieb am Ende vor allem eines: ein Werbeslogan. Polizeiliche Eingriffe und Vandalismus prägten das Fest. Ein Kommentar von Emely Dirks.
Auf TikTok und Instagram geht das Eppendorfer Landstraßenfest viral. Es wird als Treffpunkt der Hamburger High Society porträtiert – und dem der Cowboyboots. Die Organisator*innen werben mit kulinarischen Highlights, Live-Musik und einem Programm für Kinder. Von außen wirken die Festivitäten eher dekadent als familienfreundlich: Junge Menschen sitzen auf einem geparkten Porsche mit einem Kübel, in dem Crémant-Flaschen liegen. Einige Bars verkaufen Wein ausschließlich in Flaschen, nicht in Gläsern. Vor Food-Ständen ausgewählter Eppendorfer Restaurants bilden sich Schlangen von jungen Menschen: Männer in Hemden, Frauen in schicken Röcken und Kleidern. Weniger dekadent: Das Verhalten – Vandalismus, Wildpinkeln und Lärmbeschwerden.
Die Konsequenzen tragen die Anwohnenden
Das Eppendorfer Landstraßenfest schien zunächst aus den negativen Erfahrungen der letzten Jahre gelernt zu haben. Vor Beginn des Festes kündigten die Veranstalter*innen an, die Anzahl der öffentlichen Toiletten im Vergleich zum Vorjahr zu verdoppeln. Gesagt, getan. Insgesamt gab es sieben WC-Container und 40 weitere öffentliche Toiletten – für zeitweise 17.500 Besucher*innen gleichzeitig recht knapp kalkuliert. Zusätzlich wurden ein „Clean-Up“- und ein Awareness-Team sowie mehr Mülleimer organisiert, auch die Sicherheitsmaßnahmen sollten verstärkt werden. Um sicher zu gehen, dass sich die Besucher*innen benehmen, wurde der Slogan „Rücksicht ist sexy“ als offizielles Kampagnen-Motto eingeführt. Das sollte ausreichen – oder nicht?
Naja. Mit Erschrecken musste am Ende des Wochenendes festgestellt werden: Besser als in den letzten Jahren lief es dann doch nicht. Auf Facebook kommentierte eine Anwohnerin, dass Fremde an ihrer Tür geklingelt haben, um zu fragen, ob sie auf Toilette gehen dürften. Andere waren weniger umsichtig und nutzten Hauseingänge als Toilette. Ein anderer Anwohner kommentiert, dass sein Garten nach dem Straßenfest einem Mülleimer und Pfandautomaten ähneln würde. Auch die MOPO berichtet von vermüllten Straßen und Gärten. 16-mal musste die Polizei am Samstagabend einschreiten, zwischen Gruppen junger Menschen kam es zu Schlägereien. Kaum zu glauben, dass „Sexy sein” einigen Besucher*innen scheinbar so egal ist.
Wo liegt die Verantwortung?
In einer Stellungnahme gegenüber FINK.HAMBURG räumen die Organisator*innen ein, dass die Situation am Samstagabend „inakzeptabel“ gewesen sei und sie breit für drastische Änderungen im nächsten Jahr sind. Trotz zusätzlicher Sicherheitsmaßnahmen habe man die Eskalation nicht verhindern können. Als Ursachen nennt das Team unter anderem den Alkoholverkauf an Kiosken und Supermärkten sowie den Einfluss Sozialer Medien. Letztere ziehe ein Publikum an, was “nicht eingeladen” sei. Aber wie selektiv kann ein öffentliches Straßenfest sein? Außerdem sind Alkohol und Rücksicht oft schwer kombinierbar. Kann es dann die einzige Lösung sein, das Straßenfest zu einer exklusiven Veranstaltung zu machen oder Alkoholkonsum zu verbieten? Wohl kaum. Man sollte von allen Besucher*innen ein Grundrespekt für ihre Mitmenschen erwarten können – nicht nur von den “nicht eingeladenen” Gästen.
Anwohnende feiern weiter
Wie glaubwürdig ist das Motto „Respekt für Eppendorf“, wenn das Ende der Veranstaltung von einem Teil der Anwohnenden nicht respektiert wird? Die Live-Musik verstummt um 23 Uhr, doch auf Balkonen entlang der Eppendorfer Landstraße wird weiter gefeiert. Aus Musikboxen dröhnen Songs, große Gruppen verweilen vor den Wohnhäusern, singen und verlängern die Party bis tief in die Nacht. Für sämtliche Anwohnende endet das Fest also nicht mit dem offiziellen Programm.
Hamburger lieben das Eppendorfer Landstraßenfest – und das zu Recht. Doch wenn auf immer gleiche Beschwerden jedes Jahr keine angemessene Maßnahmen folgen wird aus dem Nachbarschaftsfest schnell eine Belastungsprobe für Anwohnende. Für das kommend Eppendorfer Landstraßenfest wäre es wünschenswert, wenn Rücksicht tatsächlich „sexy” wird – und nicht nur ein gut gemeinter Werbespruch.
Emely Sophie Dirks, geboren 2001 in Paderborn, aufgewachsen in Lippstadt, wollte schon als Kind ein Publikum erreichen. Auch wenn es beim Casting für Schloss Einstein nicht klappte, blieb sie ihrem Traum treu und ging, inspiriert von Carrie Bradshaw, in den Journalismus. Während ihres Studiums der Kommunikationswissenschaft und Ökonomik machte sie Beiträge fürs Uniradio in Münster und sammelte Erfahrungen bei Caren Miosga und bigFM. Am liebsten würde sie irgendetwas tun, das in der Mitte zwischen diesen beiden Stationen liegt: Weder Söder und Gabriel, noch Fragen über Matratzen. Eine eigene Kolumne kann sich Emely immer noch vorstellen, vielleicht sogar über Sex in der Stadt. Nur statt mit einem Cosmopolitan lieber mit einem Espresso aus der eigenen Siebträgermaschine. Kürzel: ems







