
Das First Stage Theater bringt das Sommermusical „Natürlich Blond“ auf die Bühne. Die Performance ist stark, die Figuren bleiben leider in Klischees stecken. Ein Kommentar von Mia Wietkamp
Pinkene Drinks, glitzernde Diskokugeln und Songs von Britney Spears: Am 15. Juni fand die Premiere des Musicals „Natürlich Blond“ am First Stage Theater statt. Das Musical bringt den Stil der 2000er auf die Bühne mit rosafarbenem Pelzkragen, goldenen Print-Shirts und Polohemden. Die Geschichte stellt nicht nur knallige Stimmung und Klamotten in den Vordergrund, sondern auch Stereotype, von denen sich leider nicht alle Figuren lösen können.
Inhaltlich lehnt das Musical an den gleichnamigen Film aus dem Jahr 2001 an. Hauptfigur ist Elle Woods, gespielt von Antonia Opp. Nachdem ihr Freund sie abserviert hat, weil sie ihm, so sagt er, nicht ernst genug ist, gibt sie nicht auf. Kurzentschlossen beginnt sie ihr Jura-Studium an der renommierten Harvard-Universität, um ihn zurückzugewinnen. Dort muss sie gegen Vorurteile ankämpfen: Ihre Kommilitoninnen, ihr Professor und ihr Ex-Freund sehen in ihr nur die dumme Blondine. Doch Elle lässt sich nicht unterkriegen und beweist durch harte Arbeit, dass sie mehr ist als ihr Äußeres. Sie bekommt ein umkämpftes Praktikum bei ihrem Professor und darf an einem Mordprozess mitarbeiten.

Choreografin von “Natürlich Blond” ist Nicole Eckenigk, selbst Absolventin der Stage School Hamburg, die zum ersten Mal die tänzerische Leitung an ihrer alten Ausbildungsstätte innehat. Regie führt Franziska Kuropka, die musikalische Leitung liegt bei Max McMahon.
Naiv, aber sympathisch
Das Musical hat das Potenzial, ein Hit zu werden: Die Schauspieler*innen der Stage School Hamburg brachten bei der Premiere beeindruckenden Gesang auf die Bühne. In dem Song „Natürlich Blond“ etwa zeigte Antonia Opp die volle Bandbreite und eine bemerkenswerte Kontrolle ihrer Stimme. Das Ensemble bewies vor allem bei der Choreografie viel Talent und Können. In einer besonders anspruchsvollen Szene schafften die Tänzer*innen auf der Bühne eine synchrone Choreografie mit Springseilen und simulierten ein perfektes Cardio-Work-Out. Das Publikum konnte sich vor Applaus gar nicht mehr halten.
Opp spielt Elle so, dass man sie sofort sympathisch findet. Ein wenig naiv ist sie, zum Beispiel, wenn sie glaubt, dass am ersten Uni-Tag ja wohl kein Professor Hausaufgaben aufgeben würde. Aber Elle lässt sich nicht unterkriegen, arbeitet diszipliniert und es macht Spaß, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich mit ihrer euphorischen Art über die Vorurteile hinwegsetzt. Etwa, indem sie als Einzige das Alibi der Angeklagten erfährt. Sie ist allerdings nicht die Einzige, die im Musical mit Stereotypen zu kämpfen hat, aber sie ist die Einzige, die sie durch ihr Handeln widerlegen kann.
Noch bis zum 19. Juli gibt es fast jeden Tag Aufführungen von „Natürlich Blond“ im First Stage Theater – nur dienstags finden keine Vorstellungen statt. Karten sind ab 39 Euro erhältlich.
„Schwul oder Franzose?“
Anders ist das bei Nico. Er ist ein Zeuge im Mordprozess und seine Figur ist noch viel klischeehafter gezeichnet als die von Elle. Schließlich ist seine Brust epiliert und seine Schuhe sind mit Strasssteinen besetzt. Er muss doch wohl schwul sein? Natürlich wird ihm da sofort das Lied „Schwul oder Franzose?“ gewidmet. Die Verteidigung im Gerichtssaal, zu der Elle gehört, stellt sich nämlich genau diese Frage. Klischeehafter geht es leider kaum. Noch zugespitzter wird es, als er ausgerechnet im Zeugenstand zum Outing gezwungen wird. Das ist nicht nur übergriffig, sondern auch respektlos.
Nico beteuert immer wieder, er sei heterosexuell. Die Situation wird erst dadurch entschärft, dass sein Partner ihn ermutigt, zu seiner Sexualität zu stehen. Nico lässt sich überreden und tanzt dann zusammen mit seinem Freund unter bunten Lichteffekten ins öffentliche Coming-Out. Okay…
Erzwungenes Coming-Out
Der aprubte Umschwung von erzwungenem Coming-Out zu stolzer Identität irritiert allerdings. Die Szene rezipiert Vorurteile gegenüber homosexuellen Männern, gleichzeitig soll aber das Motto des Musicals gerettet werden: sich selbst treu bleiben. Natürlich ist die Stelle ein Produkt ihrer Zeit, schließlich kam sie sowohl im Film als auch im US-amerikanischen Original-Musical von 2007 vor. Seitdem hat sich allerdings viel geändert. Trotzdem darf sich das Publikum heute mehr Sensibilität im Umgang mit Homosexualität wünschen. Und Produktionen haben die Freiheit, das Musical und die deutsche Übersetzung von 2013 anzupassen.
Lachen statt Kritik
Die Stage School Hamburg hat sich dafür entschieden, die Szene nicht zu verändern. Die Absolvent*innen erzählen „Natürlich Blond“ so, wie es vor 25 Jahren veröffentlicht wurde – und das zweifellos auf hohem Niveau und vor begeistertem Publikum. Auch in Nicos Szene wird die Analyse seines Stils, Verhaltens und seiner Herkunft von lautem Lachen aus den Zuschauer*innenrängen begleitet. Die Vorurteile in der Szene wirken so überholt, dass sie schon wieder witzig werden.
Dennoch ist besonders das erzwungene Coming-Out sehr problematisch. Dass Nico sich schließlich dazu entscheidet, zu seiner Sexualität zu stehen, rettet die Szene, aber löst nicht das Problem. Niemand sollte zum öffentlichen Outing gezwungen werden – auch nicht im Musical.
Mia Wietkamp, Jahrgang 2001, hat gerne einen Plan. Dass sie nach dem Abitur nach Kanada wollte, war zum Beispiel geplant, dass sie dort ohne Vorerfahrung Kindern das Bogenschießen beibringen sollte, aber nicht. Zum Glück konnten das manche der Kinder ohnehin besser als sie. Mia hat es schon mit Lehramt, Schauspielerei und Theologie probiert, ihren Bachelor machte sie schließlich in Medien- und Kommunikationswissenschaft. Beim Campusradio in Bonn entdeckte Mia ihre Leidenschaft für den Journalismus - am meisten aber fürs Moderieren, gelegentlich auch mal vor 7000 Leuten. Wenn sie nicht gerade in einen Roman über
Hexen vertieft ist, findet man Mia am Sonntag in der Kirche.
Kürzel: mia






