980 Sticker passen in das Album zur Männer-WM. Sieben stecken in einer Packung. Die Panini- Päckchen sind in den Läden aber schnell vergriffen. Daher machen Sammler die Hamburger Zentralbibliothek zur Sticker-Tauschbörse.

Gleich vorne in der Zentralbibliothek, fast direkt hinter dem Eingang, liegt der Tauschbereich: kein abgetrennter Raum, kein aufgebauter Stand, keine bereitgestellten Stühle. Trotzdem ist es voll. Auf den Bänken sitzen kleine Gruppen: Kinder, Jugendliche und Erwachsene ungefähr gleich verteilt, die Köpfe über glänzende Sammelalben und Stickerstapel gebeugt. Hinten im Raum leuchtet über den Sammler*innen ein Neon-Schild: „Moin“.

Auf einer Bank in der Bibliothek sitzt der 10-Jährige Linus mit seiner Mutter Alexa. Vor ihnen jeweils ein Sammelalbum. Seit etwa acht Wochen sammeln sie. „Man muss ja nicht unnötig viele Packungen kaufen“, sagt Alexa. Viele Sticker haben sie mehrfach, andere fehlen. Gesucht werden Jamal Musiala oder Florian Wirtz aus der deutschen Nationalmannschaft. Christiano Ronaldo habe Linus schon. „Ich hätte aber noch gerne den goldenen“, sagt er.

Ein Sammelalbum mit Panini-Sammelkarten liegt geöffnet vor einem Schild über eine Tauschbörse, die am Samstag stattfindet.
Neben Stickern werden auch Sammelkarten von Panini in der Tauschbörse gehandelt. Foto: Patricia Schnoor

Monatsmiete für ein volles Album?

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer sind 48 Nationalteams qualifiziert. So viele, wie noch nie. Daher ist das aktuelle Album größer, als alle Panini-WM-Alben davor. Pro Mannschaft gibt es 20 Sticker. Dazu kommen 20 „besondere Sticker“ zum Turnier und zur Geschichte der WM.

Rein rechnerisch bräuchte man mindestens 140 Packungen, um das Panini-Album zu füllen. Das wären bei 1,50 Euro pro Päckchen insgesamt 210 Euro, wenn kein einziger Sticker doppelt wäre. Und das ist beim Sammeln fast ausgeschlossen.

Sein Vater sammelt schon seit 50 Jahren

Ein Mann mit einer gelben Cap, Sonnenbrille und weißem Fußball-Deutschland-Trikot sitzt auf einer Bank und hält einen Zettel. Daneben liegen Stapel aus Panini-Sammelstickern.
Mauricio Loaica zeigt seine Tauschliste: Kurze Codes zeigen, welche Panini-Sticker ihm noch fehlen. Foto: Patricia Schnoor

Mauricio Loaica trägt ein weißes Fußballtrikot – ein altes der deutschen Mannschaft. Der 31-Jährige hält seine Sticker gefächert in der Hand. Seit wann er sammelt? Er schaut nach oben und lacht. „Oh, das ist richtig lange her. Bestimmt schon fast 30 Jahre“, sagt er. Die Sticker von Panini seien ihm am wichtigsten, weil die auch sein Vater bevorzugt. Er sammele seit 50 Jahren.

Trotzdem ist es Loaicas erster Besuch bei einer Tauschbörse. Sonst habe er immer viele Packungen gekauft. Dieses Jahr sei das anders. „Ich konnte nur wenige Sticker bekommen“, sagt er. Sie seien ständig ausverkauft.

Sticker-Knappheit am Kiosk

In einem Kiosk in der Hamburger Meile, einem Einkaufzentrum im Osten Hamburgs, steht Marta Ambroz hinterm Tresen. Im Acrylständer für Sammelkarten in der Mitte des Kioskes liegen noch Fußballsticker – aber keine des Herstellers Panini. „Das ist so ein Hype, das ist nicht normal“, sagt Ambroz. Eine Stickerlieferung habe der Kiosk gestern bekommen, heute noch eine. Beide seien bereits ausverkauft. „Innerhalb von zwei bis drei Stunden sind die alle weg“, sagt Ambroz.

Während sie erzählt, schauen eine Frau und ein Mädchen vor dem Kartenständer hin und her. Ambroz guckt die beiden an: „Da sind schon wieder welche auf der Suche.“ Sie kennt die Frage schon, die danach meist folgt: „Haben Sie noch Panini?“

Außergewöhnlich hohe Nachfrage trotz Kontroversen

Panini selbst bestätigt auf Nachfrage von FINK.HAMBURG das große Interesse: Die Sticker stießen auf eine „außergewöhnlich hohe Nachfrage“. Dass Sticker vielerorts ausverkauft sind, erklärt das Unternehmen aber auch mit dem engen Zeitplan. Die Produktion habe erst nach Abschluss der WM-Qualifikation finalisiert werden können. Zwischen feststehendem Teilnehmerfeld und Verkaufsstart habe deshalb nur wenig Zeit gelegen.

Auch der Vergleich zu früheren Turnieren spielt laut Panini eine Rolle: Die Männer-Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar seien vorab stark politisch und gesellschaftlich diskutiert worden.

Aber ganz ohne politische Debatten kommt das Turnier auch 2026 nicht aus: Kritisiert werden unter anderem die Einreise- und Migrationspolitik der Regierung unter US-Präsident Donald Trump. Vor dem Start sorgten Einreiseprobleme rund um Menschen aus dem Iran und den somalischen Schiedsrichter Omar Artan für Kritik. Artan durfte nicht in die USA einreisen, auch Mitglieder des iranischen Verbands waren von Visa-Entscheidungen betroffen.

Weiter schreibt die Pressestelle, dass Nachlieferungen der Panini-Sticker fortlaufend in den Handel kommen sollen. „Wir arbeiten kontinuierlich daran, zusätzliche Ware in den Markt zu bringen und die hohe Nachfrage bestmöglich zu bedienen“, schreibt Simone Kühl von der Pressestelle. Für die Menschen im Kiosk bleibt die Antwort trotzdem oft dieselbe: Es sind gerade keine Panini-Sticker da. Marta Ambroz sagt, sie wolle am liebsten ein Schild vorne anbringen, denn manchmal stehen Kund*innen vor dem Kartenständer und seien dann enttäuscht. Dann erklärt sie, dass dort zwar Fußballsticker liegen, aber eben nicht die gesuchten von Panini.

Ein letztes Bild fehlt immer

Auf einer Bank liegen 6 Stapel aus Panini-Sammelstickern mit Fußballern. Links liegt ein weißes Blatt auf dem eine Auflistung von Buchstaben steht, die zum Teil abgehakt sind. Eine Hand greift nach einem der Stapel.
Die doppelten Panini-Sticker stapeln sich. Foto: Patricia Schnoor

Zurück in der Zentralbibliothek hört man die „Pfsch“-Geräusche der umgeschlagenen Seiten von Sammelalben. Ein Kind verteilt einen Stapel mit beiden Händen über eine Bank. Eine andere Sammlerin fährt mit dem Finger über eine Liste aus Buchstabenkombinationen, die für bestimmte Sticker stehen. Am anderen Ende des Raumes fragt jemand: „Wollen wir tauschen?“.

In der Zentralbibliothek liegen die doppelten Sticker in Stapeln. Wer Glück hat, findet Messi. Wer mehr Glück hat, findet den goldenen Ronaldo. Und wer nichts findet, kommt vielleicht nächsten Samstag wieder.

Bis zum Finale der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer findet in der Zentralbibliothek jeden Samstag eine Sticker-Tauschbörse statt. Der Eintritt ist frei, das Angebot richtet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Hier können Fußball-Sticker getauscht werden:

Zentralbibliothek, Hühnerposten 1: samstags, 16 bis 18 Uhr.

Bücherhalle Eimsbüttel, Doormansweg 12: freitags, 15 bis 16 Uhr.

Bücherhalle Neugraben, Neugrabener Markt 7: samstags, 12 bis 13 Uhr.

Fuhlsbüttel, Erdkampsweg 18: ausgewählte Samstage, um 12 Uhr.

Eingangsbereich von Radio Hamburg, Spitalerstraße 10/Semperhaus A: mittwochs und samstags, 17 bis 18.30 Uhr.

Patricia Schnoor, geboren 2002 in Hamburg, war als Kind entweder beim Karate oder Reiten, liebt Horrorfilme und hat als Teenie alle Wände ihres Zimmers bemalt. Ursprünglich wollte sie Ärztin werden, doch dann kam BookTok dazwischen. Nach dem Abi begann sie dort Illustrationen und Buch-Reviews zu veröffentlichen. Keine zwei Jahre später bekam sie Illustrations-Aufträge von den Big Five der Publishing-Häuser sowie aus neun Ländern, darunter Malaysia und die USA. Parallel hat sie Medienwissenschaft mit dem Nebenfach Kommunikation und Journalistik an der Universität Hamburg studiert. In ihrer Bachelorarbeit widmete Patricia sich ihrer Leidenschaft BookTok auch wissenschaftlich. Karate macht sie heute nicht mehr, dafür haut jetzt ihre Berichterstattung um.
Kürzel: pal

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