Dicke Pötte und Nationalhymnen direkt an der Elbe: Wolfgang Adler grüßt im Willkomm Höft Schiffe, die in den Hamburger Hafen ein- und auslaufen. Ein Ehrenamt zwischen Tradition, Seefahrernostalgie und Nachwuchsproblemen.

Ein älterer Mann sitzt auf einem Stuhl, schaut in die Kamera und trägt eine Kapitänsuniform
Begrüßungskapitän Wolfgang Adler an seinem Arbeitsplatz. Foto: Erik Ahlhorn

„Scheiße, der kleine Frachter ist mir durchgefahren“, ärgert sich Wolfgang Adler und erhebt sich langsam von seinem Hocker. Das Wandthermometer zeigt 22 Grad in seiner holzvertäfelten Kajüte, die aufziehbare Schiffsuhr tickt leise. Im Abendlicht fährt der Frachter vor ihm auf der Elbe langsam gen Nordsee.

Der 77-Jährige steht an einem großen Fenster. Er trägt eine Kapitänsuniform: weißes Hemd und dunkelblaue Krawatte mit dem Motiv eines Ankers. Auf den Schulterklappen weisen ein Stern und vier breite Streifen in Gold auf den Rang des Kapitäns hin. Obwohl Adler kein Schiff steuert, trägt er die Kapitänsuniform – der Nostalgie halber. Es passiert selten, dass dem routinierten Begrüßungskapitän ein Schiff auf der Elbe entwischt, doch diesmal war er zu tief in die Recherche am Computer vertieft.

Vom Flaggen-Dippen und Schifffahrtstradition

Seit 74 Jahren werden im Willkomm Höft in Wedel ein- und auslaufende Schiffe gegrüßt – bei Wind und Wetter­, 365 Tage im Jahr. Webcams an der Elbe, Webseiten zur Ortung von Tankern und 17.000 teils handgeschriebenen Karteikarten liefern dem Begrüßungskapitän detaillierte Schiffsinformationen.

Die Reihenfolge beim Schiffsgruß ist seit Jahrzehnten die gleiche: Zuerst wird durch Dippen der Hamburg-Flagge und des internationalen Flaggensignals für „Gute Reise“ das vorbeifahrende Schiff begrüßt oder verabschiedet. Dippen, das ist ein Flaggengruß in der Seefahrt, bei dem eine Flagge bis auf halbe Höhe des Fahnenmastes heruntergeholt und dann erneut auf volle Höhe gehisst wird. Danach grüßt eine Bandansage im 70er-Jahre-Charme über Laustprecher das Schiff, bevor die Nationalhymne des Landes erklingt, unter dessen Flagge das Schiff fährt. Zum Schluss gibt der jeweilige Begrüßungskapitän ebenfalls über Lautsprecher Eckdaten wie Ladung, Schiffsherkunft, Zielhafen und Crew bekannt – all das hat er zuvor recherchiert.

Eine rote Flagge mit dem Wappen der Hansestadt Hamburg flattert im Wind.
Die Hamburg-Flagge wird gedippt, um vorbeifahrende Schiffe zu begrüßen. Foto: Erik Ahlhorn

Touristenmagnet vor den Toren Hamburgs

Inmitten der teils über 100 Jahre alten Einrichtung der Kajüte wirkt das iPad, auf dem Adler jetzt herumtippt, wie ein Fremdkörper. Mit einem Klick scheppert die italienische Nationalhymne aus den Lautsprechern der Restaurantterrasse. Der 77-Jährige gibt mit tiefer, sonorer Stimme die Daten des Autotransporters Grande Svezia bekannt: „Länge 220 Meter, Breite 38 Meter und maximaler Tiefgang 10,8 Meter. Dieses Schiff hat eine Ladekapazität von 9000 PKWs.“ Die Gäste auf den Außenterrassen hören bei Kaffee und Kuchen gebannt zu und beobachten den riesigen Frachter, der sich bei wolkenlosem Himmel per Schiffshupe verabschiedet und seine Reise Richtung Mittelmeer beginnt.

Neben Adler arbeiten noch sechs andere Begrüßungskapitäne im täglichen Wechsel in der Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft. Sie ist Teil des angrenzenden Schulauer Fährhauses, das zwar geographisch in Schleswig-Holstein liegt, aber ein fester Bestandteil der Hamburger Schifffahrtstradition ist. Vor allem im Sommer fahren Hamburger*innen und Tourist*innen die rund 20 Kilometer mit dem Rad aus der Hamburger Innenstadt nach Wedel, um von den Außenterrassen des Restaurants Schiffe zu beobachten.

„Wir saßen hier auch schon bei Schnee und Eis“

Zwei der Gäste sind Angela und Eddy, die draußen mit einer Wolldecke auf den Beinen auf einer Bank sitzen. Sie kommen seit fünfeinhalb Jahren zum Fährhaus, erzählen sie. An diesem kühlen Samstagnachmittag genießen sie bei einem Glas Wein die freie Sicht auf Containerschiffe. „Es ist immer schön“, sagt Eddy. „Egal, welches Schiff vorbeikommt“, ergänzt Angela. Eddy ist als gebürtiger Wedeler fast jeden Tag hier. „Wir saßen hier auch schon im Winter bei Schnee und Eis“, sagt er.

Im Juni 1952 gründete Otto Friedrich Behnke, damaliger Wirt des Fährhauses, die Begrüßungsanlage. Der Hamburger Sänger Hans Albers weihte die Anlage ein und auch Kapitän Adler war fast von Anfang an dabei. Bereits im Grundschulalter arbeitete er dem diensthabenden Begrüßungskapitän zu, erspähte per Fernrohr Frachter, ihren Namen und die Flagge, unter der das jeweilige Schiff fuhr. Adler rannte die paar Meter vom Ponton in der Elbe zur etwas erhöhten Kajüte und gab die Informationen an den diensthabenden Kapitän weiter. „Damals wurde dem Begrüßungskapitän noch Lütt un Lütt ausgegeben“, sagt Adler. Lütt un Lütt, das meint ein Schnaps und ein kleines Bier.

Die Terrasse des Schulauer Fährhauses im warmen Abendlicht mit eingeklappten Sonnenschirmen.
Das Schulauer Fährhaus liegt direkt an der Elbe circa 20 Kilometer vom Stadtzentrum Hamburgs entfernt. Foto: Erik Ahlhorn

Ein Leben zwischen Hamburg und der weiten Welt

Adler hat sich seitdem der Seefahrt verschrieben. Bereits im Jugendalter segelte er auf der Elbe, arbeitete später als Seehafenspediteur bei einer großen Hamburger Logistikfirma und bereitete Importe und Exporte vor. Als Skipper überführte er regelmäßig Segelyachten auf den Ozeanen und fuhr Regatten auf der ganzen Welt. Seine letzte führte ihn aus Tunesien 1200 Seemeilen bis in die Türkei.

Der 77-Jährige wohnt, mit kurzer Unterbrechung, sein ganzes Leben in seinem Geburtsort Wedel. Obwohl er unweit der Begrüßungsanlage lebt, war er für eine lange Zeit nicht vor Ort. Erst mit Eintritt in den Ruhestand wurde er durch eine TV-Dokumentation wieder auf die Anlage aufmerksam und bewarb sich per Telefon. Ein paar Tage später wurde Adler eingestellt – ehrenamtlich, wie alle Begrüßungskapitäne. Seit 14 Jahren erklingt nun seine Stimme über die Lautsprecher. Seine große Segelleidenschaft hat er trotz des Ehrenamts nicht aufgegeben: „Im Sommer will ich mit einem Freund raus auf die Ostsee. Wenn ich keine Schoten mehr ziehen kann, will ich nicht mehr segeln.“

Ein Mikrofon liegt auf einer großen Kiste mit unzähligen Karteikarten.
Das Mikrofon und rund 17.000 Karteikarten mit Schiffsdetails bilden die Grundlage einer Ansage. Foto: Erik Ahlhorn
Zwei Hände nehmen eine Karteikarte mit Schiffsdetails auf einem Schreibtisch.
Jede Karteikarte enthält Details wie beispielsweise Tiefgang, Heimathafen und Ladekapazität der Schiffe. Foto: Erik Ahlhorn

Was es braucht, um Begrüßungskapitän zu werden

Bei aller Romantik um den Job des Begrüßungskapitäns ist es um den Nachwuchs schwierig bestellt. Die aktuellen Kapitäne sind pensionierte Männer, die in ihrem beruflichen Leben meist eine Verbindung zur Seefahrt hatten. Neben dem grundlegenden Interesse an Schiffen sei eine Vorerfahrung im nautischen Bereich gern gesehen. Der Job erfordere Geographiekenntnisse, mindestens eine Fremdsprache sowie maritimes Basiswissen, erzählt Adler. Da die Begrüßungskapitäne täglich rotieren, „muss sich jeder Kapitän auf den anderen verlassen können“. Die Rekrutierung von neuen Begrüßungskapitänen geschieht oft zwischen Tür und Angel. Manchmal kommt es vor, dass Besucher*innen angesprochen werden oder sich gar selbst melden, wie es bei Adler der Fall war.

lieber an land oder auf see? „auf See, da habe ich meine Ruhe.“

Die Sonne steht nun tief am Himmel und bald wird sie in der Elbe versinken. Adler räuspert sich noch einmal, bevor er das letzte Schiff seiner Schicht grüßt: „Wir verabschiedeten mit der Hymne Singapurs das Containerschiff Cosco Japan.“ Er legt das Mikrofon beiseite und fängt an, die Übergabe für den Kapitänskollegen am nächsten Tag zu schreiben. Auf die Frage, ob er sich an Land oder auf See wohler fühle, antwortet er lächelnd: „Manchmal auf See, da habe ich meine Ruhe.“

Im Sonnenuntergang fährt ein Containerschiff auf der Elbe Richtung Nordsee.
Die Cosco Japan macht sich auf den Weg Richtung Nordsee. Foto: Erik Ahlhorn

Wer Leif Erik Ahlhorn, 2001 geboren, beim Kneipenquiz gegenübersteht, sollte das Weite suchen. Der Oldenburger darf sich stolz „NDR Quizshow Sieger” nennen. Dass Enchiladas immaterielles Weltkulturerbe sind, lernte Erik bereits bei seinen Auslandssemestern in Mexiko. In Münster hat er seinen Bachelor in Deutsch-Lateinamerikanische Studien erfolgreich absolviert. Weniger aussichtsreich klingen die Chancen seines Uniliga-Fußballteams: „RSC Anders Schlecht". Gut, dass Erik ohnehin Radfahren bevorzugt. Sportjournalismus ist allerdings nichts für ihn. Lieber möchte er als Auslandskorrespondent arbeiten. Letztlich gilt im Job, auf dem Rad und im Quiz: Erik verfolgt große Ziele.
Kürzel: lea

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