9000 Schiffe fahren den Hamburger Hafen jährlich an ­– Schlepper, Containerfrachter und Kreuzfahrer. An der Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft werden sie alle in alter Seemannstradition mit „gedippter“ Fahne begrüßt.

Aus den großen Lautsprechermasten tönen die Fanfaren: Steuermann, lass die Wacht! Der sanfte Wind trägt Wagners Melodie vom Fliegenden Holländer auf die Elbe hinaus, die an diesem Tag gemächlich am Wedeler Ortsteil Schulau vorbeifließt. Mit der weltweit einzigartigen Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft werden ein- und ausfahrende Schiffe gegrüßt und verabschiedet. Am Fähranleger Wedel befinden sich die Lautsprecher, im Schulauer Fährhaus weniger Meter dahinter der Steuerungsraum.

Ein kleiner Mehrzweckfrachter passiert den Fähranleger. Es ist bereits das zehnte Schiff, das an diesem Montagvormittag vorbeifährt. Die Wellen schwappen an die Pontons, die sich nun leicht auf und ab bewegen. Eine Männerstimme dröhnt aus den Lautsprechern: „Willkommen in Hamburg! Wir freuen uns, Sie im Hamburger Hafen begrüßen zu können. Willkommen in Hamburg!”

An Land fährt die Hamburger Flagge auf die Hälfte des Fahnenmastes vor dem Restaurant des Schulauer Fährhauses herunter. Auch hier stehen Lautsprecher, aus denen inzwischen die Deutsche Nationalhymne tönt. Als der Frachter vorbeigezogen ist, fährt die Flagge wieder hoch.

Hamburg-Flagge vor blauem Himmel
Die gedippte Flagge gilt in der Seefahrt als Gruß. Foto: Lea Zurborg

„Dippen” heißt es in der Seemannssprache, wenn die Flagge zum Gruß zur Hälfte heruntergeholt wird. Durchgeführt hat dieses Ritual Begrüßungskapitän Uwe Mohr. Er steht mit dem Mikrofon in der Hand in seiner kleinen Kommandozentrale neben dem Eingang des Restaurants. Der kleine Raum ist eingerichtet wie die Brücke eines Schiffs, doch zwischen Messgeräten und Schiffsglocke findet sich kein Steuerrad. Stattdessen ein Bedienungspult mit leuchtenden Knöpfen und eine riesige Sammlung Karteikarten. Zwei Monitore übertragen Webcambilder vom Schiffsverkehr auf die Elbe.

Willkomm Höft ist ein Ort für Schiffsbegeisterte

Im lockeren Plauderton erzählt Mohr den Gästen im Schulauer Fährhaus Wissenswertes über die „Anouk”, die gerade vorbeigefahren ist. Dass sie im Jahr 2000 in den Niederlanden gebaut wurde und knapp 90 Meter lang ist. Dass ihr Heimathafen Husum ist, der Sitz ihres Reeders. Dass die Crew aus sieben Personen besteht, sie bis 2013 noch unter anderem Namen unterwegs war und ihr Ziel die Hamburger Ölmühle ist.

Mann mit Mikrofon in der Hand liest von einer Karteikarte ab.
Uwe Mohr erzählt den Besucher*innen des Schulauer Fährhauses Einzelheiten über die vorbeifahrenden Schiffe. Foto: Lea Zurborg

Die Informationen stehen auf der vergilbten Karte, auf der Mohr nun ein paar Daten handschriftlich aktualisiert. Die hat er sich vorher im Internet zusammengesucht. „Jedes vorbeikommende Schiff hat hier eine eigene Karte”, erzählt er. „An die 18.000 Stück sind das inzwischen. Und es werden immer mehr, denn es kommen ja ständig Schiffe vorbei, die noch nie hier waren.”

Nachdem er die Karte der „Anouk” sorgfältig wieder an der richtigen Stelle eingeordnet hat, überprüft er am Computer den Verkehr auf der Elbe. Das nächste Schiff wird in einer halben Stunde vorbeifahren. Genug Zeit, um alles vorzubereiten.

Die Anlage hat eine lange Tradition

Willkomm Höft war die erste Schiffsbegrüßungsanlage der Welt. In Betrieb ist sie seit Juni 1952. Unter Seeleuten und Schiffsliebhaber*innen ist sie international bekannt, auf Seekarten als „Welcome Point“ vermerkt. Die Idee stammte vom damaligen Pächter des Schulauer Fährhauses, auf deren Grundstück sie steht: Otto Behnke. Alle folgenden Pächter übernahmen nicht nur den gastronomischen Betrieb, sondern auch die Anlage.

An diesem Nachmittag ist das Restaurant nur mäßig gefüllt, es ist unter der Woche und die Saison hat noch nicht begonnen. Doch die vielen verlassenen Tische und Stühle im Wintergarten und die leeren Bänke im angeschlossenen Biergarten lassen ahnen, dass die Schiffsbegrüßungsanlage bei gutem Wetter ein begehrtes Ausflugsziel ist – nicht nur für Tourist*innen, sondern auch für die Hamburger*innen selbst.

Strenggenommen sind Hamburger*innen aber auch Tagesbesucher*innen: „Ein bisschen mogeln wir hier ja”, sagt Uwe Mohr und deutet ein Stück die Elbe hinunter, wo die Containerkräne des Hamburger Hafens wie Giraffenhälse in den Himmel ragen. „Wir begrüßen die Schiffe in Hamburg, aber eigentlich sind wir ja hier in Wedel und damit noch in Schleswig-Holstein. Offiziell fängt Hamburg erst in ein paar hundert Metern an.”

Begrüßungskapitän: ein besonderer Titel

Nach dem Vorbild von Willkomm Höft wurde später auch in Rendsburg eine weitere Begrüßungsanlage am Nord-Ostsee-Kanal eröffnet. Dort war Uwe Mohr mehr als elf Jahre Begrüßungskapitän, bevor er Ende 2016 in Schulau den Dienst aufnahm. Dass er und seine vier Kollegen den Titel „Begrüßungskapitän” tragen, ist nicht selbstverständlich: Der Kapitänsberuf ist streng geschützt. Nur wer die mehrstufige Ausbildung durchlaufen und genügend Erfahrung auf See gesammelt hat, erhält das Patent. Doch Mohr ist nie zur See gefahren, und die meisten seiner Kollegen ebenfalls nicht. Damit sie sich trotzdem Begrüßungskapitäne nennen dürfen, gibt es extra eine Ausnahmeregelung. „Das wäre ja sonst Amtsanmaßung”, sagt der 76-Jährige.

Portrait Uwe Mohr, Begrüßungskapitän an der Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft.
Uwe Mohr arbeitet seit Ende 2016 an der Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft. Vorher arbeitete er bereits an der Schiffsbegrüßungsanlage in Rendsburg. Foto: Lea Zurborg

An 365 Tagen im Jahr ist die Anlage besetzt. Eine Schicht geht von 9.30 Uhr bis zum Sonnenuntergang, im Sommer wie im Winter. Mohr selbst schlüpft an fünf bis sieben Tagen im Monat in die Kapitänsuniform. Neben dem Titel verbindet ihn und seine vier Kollegen vor allem Liebe zur Schifffahrt. Doch woher die kommt, sei ganz unterschiedlich. Mohr erzählt, er sei an der See geboren und davon nie so richtig weggekommen. Im aktiven Berufsleben war er Kurdirektor in verschiedenen Seebädern. Dass er nach seiner Pensionierung Begrüßungskapitän wurde, ergab sich einfach.

Das blaue Containerschiff „Georg Forster” ist auf der Webcam oberhalb von Mohrs Computer bereits zu erkennen. Im Gegensatz zur Anouk verlässt sie den Hafen. Mit wenigen Klicks lädt Mohr die Verabschiedungsworte und die Hymne des Vereinigten Königreichs in das Abspielprogramm – denn das Schiff fährt unter der britischen Flagge.

Der Hafen wurde moderner – Willkomm Höft auch

Früher wurden alle Aufnahmen von Hand eingespielt. Zunächst von Schallplatten, später von Kassetten, die alphabetisch geordnet noch heute im Raum hängen. Alle 187 seefahrenden Nationen sind dabei. „Inzwischen spielen wir die Texte und Hymnen digital ab. Falls uns der Computer aber einmal abrauscht, könnten wir die Kassetten wieder einlegen. Die funktionieren alle noch”, sagt Uwe Mohr.

Die Abspielgeräte haben sich im Lauf der Zeit geändert, nicht aber die Ansagetexte. Bis heute werden die Aufnahmen von NDR-Urgestein Hermann Rockmann verwendet. Und während die Flaggen zu Beginn noch von Hand auf- und abgezogen wurden, erledigt das seit 1976 eine elektrische Automatik.

Mohr drückt den Knopf, das Programm startet. Wieder der Ausschnitt aus der Wagner-Oper. Hermann Rockmann wünscht auf Deutsch und Englisch eine gute Fahrt. Die Hamburger Flagge wird gedippt. Dieses Mal werden außerdem die Buchstaben „U“ und „V“ aus dem Flaggenalphabet gehisst. „Gute Reise” bedeutet das. Und während „God Save the Queen” erklingt, gleitet draußen das riesige blaue Containerschiff vorbei Richtung Cuxhaven. Ziel: Southampton.

Wie der Alltag von Hafenkapitän Jörg Pollmann aussieht, lest ihr hier.

Titelfoto: Lea Zurborg