Beim sogenannten Cake-Picknick bringt jede Person einen Kuchen mit, der vor Ort geteilt wird. Für einige bietet das Kuchentauschangebot eine Möglichkeit, Einsamkeit zu überwinden und neue Menschen kennenzulernen.

Auf drei langen Tischen reiht sich Selbstgebackenes: Brownies, Beerenkuchen, Mango-Maracuja-Torte, Crêpe-Torte, Red Velvet und Zitronenkuchen nach Hausrezept. Manche Torten sind in Schichten aufgetürmt, andere liegen flach auf Blechen. Kuchen mit glänzenden Schokoladenglasur, helle Cremeschichten, bunte Streusel und sorgfältig aufgespritzte Buttercreme. Einige Kuchen sind mit Früchten verziert, in einem anderen steckt ein Kunst-Schwert in der Mitte. Weit über hundert köstliche Backwerke warten darauf, verkostet zu werden.
Aufgereiht sind diese Köstlicheiten im Kulturpalast Hamburg Billstedt. Eigentlich sollte das Kuchenpicknick im Juni draußen auf Picknickdecken stattfinden. Weil es aber über 30 Grad sind, hat die Veranstalterin beschlossen, das Picknick ins das Kulturhaus zu verlegen. Wer daran teilnehmen kann? Jeder Person, die einen Kuchen mitbringt. Der Eintritt ist frei.
Sechs Stunden für eine Torte
Laura Morales Santacroce ist heute eine von ihnen. Sie hat sich allein zum Treffen getraut. Sie ist 25 und hat sechs Stunden für ihre Torte gebraucht – nämlich die mit dem Schwert. Der Kuchen ist weiß eingestrichen, darüber ziehen sich Buttercreme-Ranken und kleine Blüten. Innen stecken Blaubeerpüree, Schoko- und Mascarpone-Creme und Erdbeeren. Allein das Einstreichen habe ein bis zwei Stunden gedauert.
Ob sie überlegt habe, doch zu Hause zu bleiben? „Ja, ich war auch am Zögern“, sagt sie. „Dann habe ich schon die Torte gemacht und mir blieb nichts anderes übrig.“ Ähnlich wie sie haben an diesem Nachmittag viele Menschen mehrere Stunden gebacken – für ein Treffen mit größtenteils Fremden.
Warum Hunderte Menschen Kuchen für Fremde backen
Kuchentreffen sind über Social Media bekannt geworden. Die aktuelle Welle des Trends kann auf die Hobby-Bäckerin Elisa Sunga aus San Francisco zurückgeführt werden. Auf ihrer Website beschreibt sie die Idee als Treffen, bei dem Menschen Kuchen mitbringen, gemeinsam essen und Gemeinschaften bilden. Sie wollte 2024 eigentlich ein kleines Treffen organisieren. Laut San Francisco Standard hoffte sie auf etwa 15 Bäcker*innen, am Ende kamen mehr als 180 zusammen.
Das Konzept ist einfach: Wer eine Torte mitbringt, hat ein Gesprächsthema. Wer allein kommt, muss nicht erklären, warum.
Der Trend in Hamburg
In Hamburg-Billstedt steht Amanda Owusu zwischen Kuchentischen und Menschen mit Papptellern in der Hand. Sie ist 27 und hat das Kuchenpicknick in Hamburg ins Leben gerufen. An ihrem pastellgelben Kleid hängt ein schwarzes Walkie-Talkie, über das sie sich mit den etwa 20 ehrenamtlichen Helfer*innen auf dem Gelände bespricht: Ist genug Wasser da? Wird noch etwas gebraucht? Wer ist gekommen?
Mit einem orange-grünen Fächer wedelt sie sich Luft zu. Sie läuft von einer Gruppe zur nächsten, bleibt stehen, spricht kurz mit den Menschen, läuft weiter. Auf der Plattform TikTok habe sie Cake-Picknicks gesehen und gedacht: „Ich würde auch gerne dabei sein. Aber in Hamburg hat das niemand gemacht.“ Also veranstaltete sie es selbst und versammelt an diesem Nachmittag verschiedene Kulturen und Generationen.

Rund 300 Anmeldungen
Im vergangenen Jahr organisierte Amanda Owusu zwei kleinere Treffen: Beim ersten kamen etwa 30 Menschen, beim zweiten schätzt sie 60. Dieses Mal meldeten sich fast 300 Menschen an: „Innerhalb weniger als 24 Stunden“, sagt sie.

Letztes Jahr habe es den Charakter eines Picknicks gehabt – mit Picknickdecken und kleinen Gruppen. Dieses Jahr haben sich Tausende Nutzer*innen ein TikTok-Video über ihr Cake-Picknick angeschaut. Das Video machte das Treffen in kurzer Zeit deutlich bekannter, womit sie nicht gerechnet habe. Nicht alle Angemeldeten kamen, aber mit rund 150 Besucher*innen waren es trotzdem mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.
Deswegen ist dieses Jahr die Organisation auch viel aufwendiger gewesen: mit drei Sponsoren und mehr als 20 Menschen, die ehrenamtlich mithelfen.
Kuchen „connectet“
Für Cloé Foka und Botan Yousif hat das Treffen schon funktioniert, denn die 19-Jährige und der 18-Jährige lernten sich beim Cake-Picknick im vergangenen Jahr kennen. Foka wollte damals mit Freundinnen kommen. Die zögerten, die Plätze waren weg, am Ende hatte nur sie eine Anmeldung. Erst wollte sie nicht hingehen. Ihre Mutter sagte ihr, sie müsse auch mal lernen, Dinge allein zu machen.
Also ging die Schülerin allein. „Ich wurde mit offenen Armen empfangen“, sagt sie. Und sie lernte Botan Yousif kennen. Heute sind die beiden befreundet. Er kam aus Kiel zu ihrem Geburtstag, sie war bei seinem. „Nur wegen dem Treffen hier“, sagt er. Ohne diesen Schritt aus der Komfortzone hätten sie sich nie kennengelernt, sagt Foka. Yousif fasst es kürzer zusammen: Es gehe ums „Connecten“. Leute kennenlernen. Das Wort fällt an diesem Nachmittag oft.
Eine Pause vom Alltag

Dass Kuchen Menschen miteinander ins Gespräch bringt, zeigt sich nicht nur bei neuen Bekanntschaften wie bei Cloé Foka und Botan Yousif. Manche kommen gemeinsam und nutzen den Nachmittag, um für ein paar Stunden aus ihrem Alltag herauszukommen.
Nina U. ist mit ihrem Mann Samuel U.-I. gekommen. Sie sitzt im Rollstuhl, ihr Mann begleitet sie über das Gelände. Beide sind 38. Mitgebracht haben sie einen Zitronenkuchen mit Glasur, dazu Häschen, Karotte und Blümchen aus einer Silikonform. Die Glasur glänzt hell auf dem Kuchen, an manchen Stellen läuft sie leicht über den Rand. Ihr Mann hat den Guss gemacht. „Weil meine Frau den einfach nicht hinkriegt“, sagt er trocken. Nina U. lacht.
Für die beiden ist der Nachmittag eine Pause. Sie erzählt von einem langen Kinderwunsch, von mehreren Fehlgeburten und einer stillen Geburt. Heute wollten die beiden sich ablenken.
Nina U. gefällt, dass hier etwas außerhalb der digitalen Welt passiert. Viele hätten fast nur noch Kontakt über das Internet. Sie sagt, dass heute zu wenige Menschen aktiv aufeinander zugehen und miteinander ins Gespräch kommen. Hamburg sei eine Riesenstadt und beim Cake-Picknick könne man sich treffen, zusammen essen, eine schöne Zeit verbringen. „Einer für alle, alle für einen“, sagt sie.
Kostenlos, aber nicht ohne Hürden
Für die Menschen beim Cake-Picknick war ein Kuchen am Ende der Grund, doch noch loszufahren und mit anderen Menschen zu reden. Ihre Geschichte zeigt aber auch: Ganz ohne Überwindung funktioniert das Cake-Picknick nicht. Der Eintritt ist frei, aber wer mitmacht, braucht Zeit, Zutaten und im besten Fall eine Küche. Einige stehen stundenlang für eine Torte in der Küche. Wer nicht backen kann, keine Zeit hat oder sich allein nicht traut, muss erst mal diese Hürde nehmen.
Ein Bergedorfer Bericht empfiehlt, Angebote gegen Einsamkeit und zum Treffen mit anderen Menschen eher als Hobby oder offenen Treffpunkt zu gestalten und finanzielle Barrieren möglichst gering zu halten. Beides trifft hier zu: Die Teilnahme ist kostenlos, und im Mittelpunkt steht das Backen – nicht die Einsamkeit.
Was übrig bleibt
Am Abend ist der Kuchenraum nicht mehr so ordentlich wie zu Beginn. Auf den Tischen stehen Kuchenheber und -reste. Manche Stücke wurden in Pappboxen geschoben, denn was übrig bleibt, wird eingepackt. Die Reste dürfen mit nach Hause.
Amanda Owusu steht wieder in der Nähe des Eingangs. Das Walkie-Talkie hängt noch immer an ihrem Kleid. Der Fächer ist nicht mehr in ihrer Hand, es ist nun kühler geworden. Auf dem Gelände stehen kleine Gruppen. Menschen reden, lachen, essen die letzten Stücke Torte. „Jeder ist am Reden. Jeder ist am Lachen, Torte essen. Das ist das, was ich wollte.“ Sie lacht. „Kuchen ist für jeden da, oder?“
Patricia Schnoor, geboren 2002 in Hamburg, war als Kind entweder beim Karate oder Reiten, liebt Horrorfilme und hat als Teenie alle Wände ihres Zimmers bemalt. Ursprünglich wollte sie Ärztin werden, doch dann kam BookTok dazwischen. Nach dem Abi begann sie dort Illustrationen und Buch-Reviews zu veröffentlichen. Keine zwei Jahre später bekam sie Illustrations-Aufträge von den Big Five der Publishing-Häuser sowie aus neun Ländern, darunter Malaysia und die USA. Parallel hat sie Medienwissenschaft mit dem Nebenfach Kommunikation und Journalistik an der Universität Hamburg studiert. In ihrer Bachelorarbeit widmete Patricia sich ihrer Leidenschaft BookTok auch wissenschaftlich. Karate macht sie heute nicht mehr, dafür haut jetzt ihre Berichterstattung um.
Kürzel: pal







