Der erste Wohnkomplex der Flüchtlingsunterkunft in Bergedorf. Foto: Joachim Plingen
Der erste Wohnkomplex der Flüchtlingsunterkunft in Bergedorf. Foto: Joachim Plingen

Am Billwerder Gleisdreieck in Bergedorf entsteht Deutschlands größte Folgeunterkunft für Flüchtlinge. Über 2500 Asylsuchende sollen hier künftig wohnen. Bergedorfer befürchten ein Ghetto – doch sie haben einen Vorschlag.

Wer an der S-Bahn-Haltestelle Mittlerer Landweg in Bergedorf aussteigt, begreift schnell, dass er das Zentrum Hamburgs verlassen hat: Zwei Gleise, zwei Bänke, eine Treppe, neben der Haltestelle ein kleiner Kiosk. Die Jalousien sind schon am Nachmittag heruntergelassen. Gegenüber liegt das Grundstück eines Kleingartenvereins. Hinter den kleinen, bunten Häuschen und Hecken ragen fünf große, rechteckige Blöcke hervor.

Innerhalb eines Jahres hat eine Baufirma die fünf Komplexe hochgezogen. Jeder besteht aus mehreren parallel angeordneten Mehrfamilienhäusern. Klassischer sozialer Wohnungsbau. Der erste Block, direkt neben der S-Bahn-Strecke gelegen, ist bereits fertiggestellt und bewohnt, die übrigen sind noch im Bau. Hier leben seit ein paar Monaten Flüchtlinge in Familien und Wohngemeinschaften, alt und jung aus diversen Ländern. Auch wenn noch nicht alles fertig ist, haben sich viele von ihnen bereits eingerichtet. Die Balkone sind dekoriert und bepflanzt, die Fahrradständer vor den Hauseingängen gut gefüllt.

Initiative für Integration

In ein paar Monaten sollen die übrigen Blöcke fertig und bezugsbereit sein. Über 2500 Flüchtlinge könnten dann von Erstaufnahmeeinrichtungen hierherziehen. Damit wäre die Siedlung die mit Abstand größte Unterkunft für Flüchtlinge in ganz Deutschland. Die Mitglieder der Inititative „Integration: Ja! Ghetto: Nein!“ befürchten, dass die neue Siedlung am Billwerder Gleisdreieck zum Problem wird.

Mittlerer Landweg in Bergedorf. Foto: Joachim Plingen
Kiosk an der Haltestelle Mittlerer Landweg in Bergedorf. Foto: Joachim Plingen

Schon als das Bauvorhaben 2015 publik wurde, veranstaltete eine Hand voll Initiatoren einen Informationsabend. Über 300 interessierte Bürger kamen. Es war die Geburtsstunde der Bürgerinitiative. Heute engagieren sich 15 aktive Mitglieder gegen das Bauvorhaben.

„Wir halten die Größe der Unterkunft für intergrationsfeindlich und wir glauben, dass Integration anders geht“, erklärt André Humbert, der Sprecher der Initiative. Ursprünglich haben die Mitglieder dafür gekämpft, dass das Projekt noch vor Baubeginn eingestampft wird. Die Stadt setzte sich mit ihrem Vorhaben jedoch durch, und so hat die Initiative ihre Forderungen angepasst: „Wir wollen nun vermeiden, dass das hier eine isolierte Unterbringung wird. Wir kämpfen dafür, dass hier ein gutes Miteinander entsteht.“

Humbert betont, dass es der Gruppe um Integration gehe. Immerhin hat die Initiative erreicht, dass in die Wohnungen in Zukunft nicht mehr nur Flüchtlinge, sondern auch andere Bürger einziehen können. Die Idee: Studenten, Familien und Rentner bewohnen die Siedlung gemeinsam, egal aus welchem Land und ob Flüchtling oder nicht. Durchmischung wird das in der öffentlichen Diskussion etwas sperrig genannt. So wollen die Bergedorfer verhindern, dass in dem beschaulichen Bezirk eine Art Problem-Banlieue wie in Paris entsteht. Gelingt der Plan, wäre die Siedlung keine reine Flüchtlingsunterkunft mehr, sondern ein normaler Wohnblock.

Andre Humbert vor einem Wohngebäude in der Siedlung. Foto: Joachim Plingen
Andre Humbert vor einem Wohngebäude in der Siedlung. Foto: Joachim Plingen

Mustafa aus Syrien würde das gefallen. Er ist vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen und hat nun mit seinem Mitbewohner Yega eine Wohnung am Gleisdreieck bezogen. Die Wände der neuen WG sind noch kahl. Eine Eckcouch und ein einfacher Tisch säumen das großzügig geschnittene Wohnzimmer. Ansonsten ist das Zimmer leer, aber hell und modern. Die Wohnung gefällt ihnen, doch „bisher sprechen hier alle Arabisch“. „Ich fände es besser, wenn mein Nachbar deutsch spräche“, antwortet Mustafa auf die Frage, ob er es gut fände, wenn auch Nicht-Flüchtlinge hier wohnen könnten. Jeden Tag fährt er in die Stadt, um einen Deutschkurs zu besuchen. Gegen 14 Uhr kommt er zurück und verbringt den Rest des Tages in der Siedlung. Viel zu tun gibt es nicht. Ein paar Kilometer entfernt liegt ein Gewerbegebiet, daneben die Autobahn. Dazwischen Äcker und Brachflächen.

Eine Siedlung für alle

Eine Weile wird Mustafa wohl noch auf seinen ersten deutschen Nachbarn warten müssen. Denn damit hier Menschen einziehen können, die keine Flüchtlinge sind, muss erst ein sogenanntes Bebauungsplanverfahren abgeschlossen werden. Das ist mittlerweile angelaufen, Mitte 2018 soll es abgeschlossen sein. In über einem Jahr könnten dann auch Nicht-Flüchtlinge am Billwerder Gleisdreieck einziehen.

Was für die einen die lang ersehnte Durchmischung darstellt, wird für andere allerdings unschöne Konsequenzen haben. Denn damit neue Leute einziehen können, werden andere ausziehen müssen.

Die jetzigen Bewohner sollen nur für eine begrenzte Zeit am Mittleren Landweg wohnen. Wie genau das vonstatten gehen soll, dafür gibt es noch keinen Plan. Eine gesetzlich festgeschriebene maximale Wohndauer gibt es nicht. Das Bezirksamt unter Leitung von Arne Dornquast gab trotz mehrerer Nachfragen bislang keine Auskunft darüber, wie das Problem gelöst werden soll.

Unter denen, die es letztlich betrifft, ist die Meinung über den neuen Wohnort gespalten. Eine Familie aus Somalia bekräftigt, sie suche bereits woanders, zu laut sei es ihnen neben der S-Bahn, zu abgeschieden der Ort.

Baustelle am Billwerder Gleisdreieck. Foto: Joachim Plingen
Baustelle am Billwerder Gleisdreieck. Foto: Joachim Plingen

Wer hier wohnt und wer nicht, darum kümmert sich das städtische Unternehmen Fördern & Wohnen (F&W). Der Dienstleister mietet die Wohnungen im Auftrag der Stadt an und vergibt sie an Asylsuchende. In der Verwaltung sieht man der Zukunft pragmatisch entgegen: „Flüchtlinge haben zwar einen Anspruch auf eine Unterbringung, jedoch keinen Anspruch auf eine bestimmte Wohnung“, erklärt Melanie Anger. Sie ist Bereichsleiterin von F&W in Bergedorf und zuständig für die Unterkunft.

Vorzeigeprojekt statt Ghetto?

Was ab 2018 mit den fünf Wohnkomplexen geschehen wird, weiß auch sie noch nicht. Es ist bislang unklar, ob sich in Zukunft Wohnungssuchende so einfach ans Billwerder Gleisdreieck locken lassen. Der zukünftige Vermieter, die FeWa Grundstücksgesellschaft, hat gegenüber FINK.HAMBURG auf Nachfrage kein Konzept vorgelegt.

Zwar ist die Anbindung gut, zehn Minuten braucht die S-Bahn in die Hamburger Innenstadt, sieben Minuten bis ins Bergedorfer Zentrum. Doch mangelt es an attraktiver Infrastruktur rund um das Areal. Und welcher Mieter will der erste Deutsche Nachbar sein? „Wenn man kein Konzept entwickelt, wie man diesen Wohnraum belegen möchte, dann macht man einen großen Fehler!“ meint André Humbert am Rande eines Frühlingsfests in der Siedlung. An bunt gemischten Tischen bieten Bewohner, Mitarbeiter von F&W und alteingesessene Bergedorfer Speisen und Getränke an. Es riecht nach Kaffee und Gebäck.

Von Ghetto ist jetzt nichts zu spüren. Die freiwillige Feuerwehr grillt Würstchen, während Kinder kreuz und quer durch große Seifenblasen springen. Neben der Baustelle tanzt ein älterer weißer Mann im Kreis mit Afrikanern zu arabischer Musik. Die harten Fronten zwischen den unterschiedlichen Parteien seien über die letzten Monate zumindest schon gebröckelt, erzählt Humbert. Alle vier bis sechs Wochen träfen sich die Mitglieder der Initiative und das Bezirksamt, um über den Fortschritt zu beraten.

Sali, ein Schüler aus Afghanistan, hätte dazu schon einen Vorschlag. Mit einer Plastiktüte in der Hand stapft er über einen Schotterweg zur Haltestelle. An ihm vorbei donnern Fernzüge und die S-Bahn. „Ich finde die Wohnungen super, mir gefällt es hier. Vielleicht kommt hier ja bald auch was anderes hin“, sagt er in flüssigem und fast akzentfreiem Deutsch, „ein Kiosk, der auf hat, oder ein Aldi“.

2 KOMMENTARE

  1. Interessantes Projekt, drücke der Initiative und den Bewohnern die Daumen. Das Frühlingsfest klingt doch schonmal nach vielversprechender Integration.
    Danke für die Recherche und den Artikel!

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