Grafitti an einer Wand: love and hope
Graffiti: Hoffnung nach der Bundestagswahl 2017. Foto: Dimitris Vetsikas/pixabay

Die Bundestagswahl hat viele Verlierer — und eine große Gewinnerin: Die AfD zieht in den Bundestag ein. Viele Politiker und Wähler sind bestürzt. Doch das Wahlergebnis bietet auch Chancen.

Ein Kommentar von Christoph Petersen, Johanna Röhr und Martin Tege

„Ganz Hamburg hasst die AfD“. Mit dieser Parole zogen noch am Wahlabend rund 150 AfD-Gegner vom Hauptbahnhof nach Eimsbüttel. Dort feierte die Partei in einer Kneipe ihren Einzug in den Bundestag. Vier Jahre nach ihrer Gründung wurde sie hinter der Union und der SPD drittstärkste Kraft.

Der erste Impuls: sich mit viel Schnaps und guten Freunden in eine Ecke verkriechen, um das Wort „Blau“ wieder positiv zu besetzen. Wir plädieren jedoch für den zweiten Impuls: Kräfte sammeln und die fünf Chancen dieser historischen Wahl nutzen.

Chance 1: Die Mehrheit ist für Vielfalt

Eine Zahl machte am Sonntag in den sozialen Netzwerken die Runde: 87 Prozent. So viele Wähler haben nicht für die AfD gestimmt. Das bedeutet: Die überwiegende Mehrheit im Deutschen Bundestag setzt sich für Vielfalt, Toleranz und Menschlichkeit ein. Und auch innerhalb der AfD gibt es Abgeordnete, die für ein solidarisches Miteinander stehen. Im europäischen und internationalen Vergleich steht Deutschland damit noch immer gut dar. Ob in Frankreich, Niederlande, Österreich, Großbritannien: In diesen Ländern haben nationalkonservative Politiker die Macht erlangt oder sie nur knapp verpasst. So stark geteilt ist die deutsche Gesellschaft bislang nicht.

Chance 2: Jetzt müssen sie liefern

Verbale Entgleisungen und gezielte Provokationen haben viele AfD-Wähler darin befeuert, „Merkel muss weg“ zu rufen, eine gesamtdeutsche Identität herbeizuträumen und das Schicksal Asylsuchender zu ignorieren. Die Verrohung des politischen Diskurses ist schlimm und kann deswegen nicht weitergehen wie bisher. Denn eine parlamentarische Tagesordnung beinhaltet weit mehr Themen, denen sich die AfD nun in der Opposition stellen muss. Sie muss sich an der Realpolitik messen lassen.

Chance 3: Debatten formen Demokratie

Parlamente leben von einer lebendigen Diskussionskultur. Wurden in den vergangenen Legislaturperioden die meisten Themen in einer großen Koalition unter den Regierungspartnern SPD und CDU/CSU ausgemacht, ist das politische Feld jetzt weitaus diverser. Nun könnte die Regierung aus Union, FDP und Grünen bestehen, sollte sich eine Jamaika-Koalition durchsetzen. Die Parteien der Opposition sind ebenso vielfältig aufgestellt: Die SPD und die Linke stehen der AfD wertemäßig gegenüber. Gerade die Opposition wird also gezwungen sein, sich Debatten zu liefern und daran ihr Profil zu schärfen. Der SPD, die nun als stärkste Oppositionskraft einzieht, kann das nach der großen Koalition der letzten Jahre nur guttun. Auch der Demokratie kann das zuträglich sein, denn sie wird durch Debatten im besten Fall gestärkt. Jedenfalls sollte man die Hoffnung nicht verlieren, dass die deutsche Demokratie den Einzug einer Partei wie der AfD aushält.

Chance 4: Enttäuschung bekämpfen

Mehr als eine Million Wähler haben noch vor vier Jahren für die CDU/CSU gestimmt, etwa eine halbe Million für die SPD. Diesmal haben sie der AfD ihre Stimme gegeben: aus Protest. 60 Prozent haben die AfD laut Umfragen aus Enttäuschung gewählt — hauptsächlich, weil sie unzufrieden mit der Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik der aktuellen Regierung sind. Gleichzeitig sagt jeder zweite AfD-Wähler, dass sich die Partei nicht genug von rechtsextremen Positionen distanziert. Das zeigt vor allem eines: Wir müssen die AfD und ihre Wähler unterscheiden. Und auch differenziert mit ihnen umgehen.

AfD-Wähler im Vergleich zu Wählern anderer Parteien. Quelle: ARD / infratest dimap
AfD-Wähler im Vergleich zu Wählern anderer Parteien. Quelle: ARD / infratest dimap

Aber was tun mit der Enttäuschung über die aktuelle Politik und den Ängsten vor Überfremdung und ungewisser Zukunft? Die räumt man nicht durch Schweigen aus, oder indem man sich die Augen zuhält, um sie nicht mehr sehen zu müssen. Das hat schon als Kind beim Versteckspiel nicht geklappt. Die Verantwortung für die Zukunft liegt auch da bei den restlichen 87 Prozent. Die Antwort – und das gilt auch für die digitale Welt: reden, diskutieren, ernst nehmen, verstehen (und das heißt nicht einverstanden sein), Stellung beziehen. Und: Grenzen setzen. Denn das wahre Problem ist natürlich nicht, dass der Union der rechte Rand verlorengegangen ist, sondern, dass es ihn überhaupt gibt.

Chance 5: Jetzt erst recht!

Auf die Prognose und die ersten Hochrechnungen folgte der Trotz: „Jetzt werde ich mich politisch engagieren“ kündigten viele aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis nach der Bundestagswahl an. Die SPD verzeichnete beispielsweise in der Wahlnacht fast 1000 neue Mitglieder. Auf Demonstrationen gehen, in Parteien eintreten, ehrenamtlich arbeiten: Wenn alle enttäuschten Wähler ihre politischen Vorhaben Realität werden lassen, hat das Bundestagswahlergebnis wirklich etwas Gutes bewirkt.

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Martin Tege, Jahrgang 1990, ist leidenschaftlicher Musiker. Während seines Studiums der Kulturwissenschaften an der Uni Lüneburg entdeckte er seine Begeisterung für den Journalismus. Nach diversen Praktika wurde der gebürtige Mecklenburger freier Journalist beim Magazin „Rolling Stone“, für das er neben News auch Konzert- und Plattenrezensionen schreibt. Wenn er nicht gerade als Gitarrist mit seiner Bigband auf Tour ist, interessiert er sich aber auch für Geschichten aus Wissenschaft, Politik und Technik – und für soziale Themen. Fußball dagegen ist ihm „mehr als egal“.
Christoph Petersen, Jahrgang 1989, liebt Bahnfahren und zahlt gerne seinen Rundfunkbeitrag. Spießig? Von wegen: Der Wiesbadener war sogar schon mal in der „Neon" als Single bei den „Ehrlichen Kontaktanzeigen“. Nach seinem Politik- und Soziologie-Studium in Mainz arbeitete Christoph als Hörfunkredakteur und -Moderator für hr1, bevor er sein Volontariat bei einer Produktionsfirma für Dokumentarfilme abschloss. Jetzt lebt er in der „Barmbronx" im Osten Hamburgs und bummelt lieber über den Flohmarkt beim Museum der Arbeit als über den in der Schanze. Dort sucht er vor allem nach alten Schallplatten, die Kindheitserinnerungen wecken.
Johanna Röhr, Jahrgang 1991, sagt gerne etwas, kann aber auch zuhören - am liebsten wenn's um Sport geht. Und das immer brandaktuell auf Twitter. Sie liebt ihre Heimat München, Nilpferdbabys und gute Satire. Noch fühlt sie sich in Hamburg wie im Ausland, aber das wird sich bestimmt noch ändern. Sie ist Social-Media-Redakteurin bei Spiegel Online und Kommunikationstrainerin, hat aber auch schon als Stadionmoderatorin der Frauenmannschaft des FC Bayern gearbeitet. Sie ist Autorin eines Münchner Stadtführers. Modetrends findet sie cool, merkt das aber immer erst, wenn sie vorbei sind.