Prostituierte in einem Rotlicht-Club
Mehrere Szenen in "Simpel" spielen im Rotlichtmilieu. Foto: Universum Film

„Simpel“ spielt in Hamburg. Einige Szenen wurden im Rotlichtmilieu gedreht. FINK.HAMBURG-Redakteurin Atessa Bock hat dabei als Prostituierte vor der Kamera gestanden – und wurde von einer Sozialarbeiterin attackiert.

Barnabas Simpel ist 22 und durch seine geistige Behinderung etwa auf dem Stand eines Dreijährgen. Als er in ein Heim eingewiesen werden soll, flüchtet sein Bruder Ben mit ihm nach Hamburg. Als sie dort ankommen, führt sie ihr erster Weg über einen Straßenstrich, an dem man drei Prostituierte stehen sieht. Eine davon bin ich  die mit dem pinken Nickianzug und den Moonboots. Als Komparsin habe ich im Film „Simpel“ mitgespielt und weiß: Diese Szene wurde in St. Georg gedreht, nicht weit vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt.

Ein Blick hinter die Kulissen

Am ersten April letzten Jahres klingelte morgens um 5.30 Uhr mein Wecker. Um 7 Uhr stand ich am Treffpunkt, dem St. Mariendom in St. Georg. In einem Wohnwagen wurde ich von einem Visagisten-Team innerhalb kürzester Zeit in eine Frau verwandelt, die auf dem Straßenstrich arbeitet: Nachgezeichnete Augenbrauen, mit Haarspray fixierte Locken, dicker Lidstrich, verschmierter oranger Nagellack und gefühlt drei Tonnen Wimperntusche – und schon war ich bereit. Mir wurde ein BH mit Leo-Print, dazu ein pinker Niki-Anzug und eine schwarze Daunenweste, eine schwarze Lack-Tasche und silberne Moonboots gereicht – klischeehafter hätte mein Look wohl nicht sein können. Obwohl die Sonne schien, war es noch sehr kalt, daher freute ich mich über die Stiefel, während meine Kolleginnen in offenen High-Heels froren.

In der Maske beim Filmdreh zu Simpel
In der Maske beim Dreh von „Simpel“. Foto: Atessa Bock
Mein Outfit als Prostituierte im Film „Simpel“. Foto: Laura Klemm

Wenn die Rolle der Realität begegnet

Anschließend wurden wir Prostituierten am Straßenrand vor Bars und Hauseingängen platziert. Der Dreh begann. Nachdem wir die Szene ein paar Mal wiederholt hatten, kam eine kopfschüttelnde Dame lautstark schimpfend auf mich zu. Sie blieb stehen und sagte: „Wenn du meinen Frauen schon den Job wegnimmst, dann informier dich wenigstens! Das hier ist für anal, das hier für oral, hier Gleitgel…!“, und drückte mir Kondome und ihre Visitenkarte in die Hand. Schon war sie weitergezogen und schimpfte mit der nächsten Komparsin.

Eine rote Visitenkarte der Beratungsstelle ragazza!
Die Visitenkarte der Beratungsstelle ragazza! Foto: Atessa Bock

Die Dame arbeitete bei „ragazza! e.V.“, einer Kontakt- und Anlaufstelle für drogenabhängige und sich prostituierende Frauen. Neben Essen und Trinken finden sie hier auch Schlaf- und Duschmöglichkeiten sowie Beratung und Betreuung. Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, was die Frau genau mit ihrem Kommentar meinte. Wahrscheinlich war sie einfach sauer, dass wir an einem Ort eine Szene nachstellen, in der Frauen umgeben von Armut und Elend tatsächlich ihren Körper verkaufen.

Oder sie ärgerte sich darüber, dass wir mit dem Dreh die immer noch stattfindende Prostitution im Sperrgebiet St.Georg sichtbar gemacht haben. Seit 2012 besteht hier die „Verordnung über das Verbot zur Kontaktaufnahme zu Personen zur Vereinbarung entgeltlicher sexueller Dienstleistungen“. Die Sexarbeiterinnen haben es seit dem Erlass schwerer. Denn wenn die Polizei sie erwischt, droht ihnen ein Bußgeld von bis zu 5.000 Euro. Das drängt sie weiter in den Untergrund.

Klischeehafter geht’s kaum

Sollte die Sozialarbeiterin den Film „Simpel“ sehen, wird sie sich wohl wieder ärgern  darüber, wie klischeehaft das Thema Prostitution dargestellt wird. „Magst du meine Titten? Die waren auch nicht ganz billig. Ich bin die Chantal, wollt ihr ein bisschen Spaß haben?“. So stellt sich eine Sexarbeiterin in einer Szene vor. Sie sitzt rauchend an einer Bushaltestelle, trägt eine weiße Daunenjacke und schaut auf ihr Handy. Weitere Szenen spielen auf der Reeperbahn. Man sieht leichtbekleidete Frauen im Rotlicht und einen aggressiven Zuhälter. Es kommt sogar zu einer Schlägerei.

Zwar steht das Thema Prostitution keineswegs im Filmmittelpunkt der Handlung, es nimmt aber einen hohen Stellenwert ein. Und es soll für Lacher sorgen. Das funktioniert auch. Ich habe im Kinosessel sitzend laut über Chantal gelacht. Doch meine Erlebnisse bei den Dreharbeiten haben mich auch nachdenklich gemacht und mein Bewusstsein dafür geschärft, dass hinter den Charakteren im Film auch reale Schicksale stecken.

„Simpel“ ist ab dem 9. November im Kino zu sehen.

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