Xiangsheng Shen vor seinen Werken.
Xiangsheng Shen vor seinen Werken. Foto: Lukas Schepers

Vom 22.11. bis zum 09.12.2017 hängen auf dem ersten Stock am Campus Finkenau die Werke von Xiangsheng Shen. Die schwarz-weiß Fotografien zeigen das ambivalente Alltagsleben in Wuhan, einer Provinz im Osten Chinas.

Shen Xiangsheng wurde 1963 in Wuhan geboren und studierte am künstlerischen Department der University of HuaZhong. Er ist Professor für Kunst und Design, Dekan für digitale Visualisierung und Alumni Betreuer an der Wuhan University of Science and Engineering.

Xiangsheng Shen sieht seine Heimatstadt Wuhan wie einen Baum, der erst durch alle seine Blätter vollkommen wird. Dabei symbolisieren die Blätter die Bewohner, welche den Baum mit Leben füllen. Dieses Leben in Fotos festzuhalten ist Teil seiner Erinnerungskultur. Wir trafen ihn für ein kleines Gespräch über den rasanten urbanen Wandel und seine Konsequenzen.

Xiangsheng Shen im Flur der HAW.
Xiangsheng Shen im Flur der Hochschule für Angewandte Wissenschaft am Campus Finkenau. Foto: Lukas Schepers

FINK.HAMBURG: Ihre Fotografien sind alle in Wuhan entstanden. Was hat sich in den letzten Jahren alles getan?

Xiangsheng Shen: Die wirtschaftliche und somit auch die städtische Entwicklung hat große Veränderungen mit sich gezogen. Alles wächst von der Erde zum Himmel hin. Das gilt auch für Gebäude, in denen viele der Bewohner Wuhans einst gelebt haben. Viele der alten ebenerdigen Wohnungen werden abgerissen und durch moderne Hochhäuser ersetzt.

Und was geschieht mit den Bewohnern?

Für kurze Zeit werden sie in alternativen Wohnmöglichkeiten untergebracht, bevor sie dann in die neuen Gebäudekomplexe zurückkehren. So erhöht sich sehr schnell der Lebensstandard in China.

Die Bilder lassen aber auch vermuten, dass es in der Provinz Wuhan viel Armut gibt. Womit haben die Menschen dort am meisten zu kämpfen?

Die Bilder lassen viel Freiraum für unterschiedliche Interpretationen. Das bleibt jedoch dem Betrachter überlassen. Meiner Ansicht nach sind die größten Probleme im Bereich der Bildung und Erziehung zu suchen. Aber grundsätzlich erhöht sich die Lebensqualität in Wuhan.

Foto Ausstellung Zerstörtes Haus
Ein Foto des chinesischen Professors Xiangsheng Shen. Foto: Xiangsheng Shen

Erhöht sich der Lebensstandard denn für alle gleichermaßen?

Die durchschnittliche Lebensqualität wird erhöht, für die einkommensschwachen Menschen zum Beispiel durch das öffentliche Verkehrssystem. Wir haben innerhalb eines Jahres eine U-Bahn und den Busverkehr ausgebaut. Das ist besonders für die Leute mit niedrigem Einkommen wichtig, da sie sich dadurch schneller fortbewegen können.

„Fotografien sind der Schlüssel zur Vergangenheit“

In Deutschland wären wir zwar froh, wenn eine U-Bahn derart schnell gebaut wird, aber birgt ein derart rapider Wandel auch Gefahren für die chinesische Gesellschaft?

Auf jeden Fall. Fast alles, was man auf den Bildern sieht, ist nicht mehr da. Die neue Mentalität in China besagt, dass es schnell gehen muss. Ich denke mir: Lasst euren Gedanken die Zeit, damit sie sich entfalten können. Manchmal braucht es ein wenig Entschleunigung, sonst läuft man Gefahr, seine Kultur zu verlieren.

Inwiefern?

Ich habe beispielsweise die Straße fotografiert, auf der ich großgeworden bin. Da stand noch der alte Stuhl, auf dem ich früher immer meine Bücher gelesen habe. Heute sitzen die Jugendlichen nicht mehr draußen oder lesen Bücher, sondern sie spielen am Computer in ihren Wohnungen. Das Viertel, in dem ich aufwuchs, gibt es mittlerweile nicht mehr, aber das Foto wird weiter existieren.

Ein Mann in zerschlissener Kleidung. Foto: Xiangsheng Shen

Was genau können zukünftige Generationen von der jetzigen Gesellschaft lernen?

Die nächste Generation soll das heutige Leben kennenlernen können, um davon zu lernen. Während des Entwicklungsprozesses entsteht positives und negatives. Von beidem können wir gleichermaßen unsere persönlichen Schlüsse ziehen, aber nur, wenn wir den Prozess dokumentieren. Die Studierenden sollen lernen, dass bei all der wirtschaftlichen Entwicklung die Kultur nicht unter die Räder kommen soll. Fotografien sind der Schlüssel zur Vergangenheit.

Also ist Ihre Arbeit eher eine dokumentarische als eine künstlerische?

Sie ist eher dokumentarisch, aber der künstlerische Aspekt, der der Fotografie von Natur aus anhaftet, füllt diese Entwicklung mit der Bedeutung, die ihr gebührt. In der Denkweise des Neuen Realismus bedeutet das, den Inhalt des täglichen Lebens in eine künstlerische Form zu übertragen, um diese Art des „normalen“ Lebens zu würdigen. Solche Zeugnisse zu haben, ist für unsere Gesellschaft notwendig.