Graffiti im Innenhof des Alten Zollamt Rothenburgsort. Foto: Christina Höhnen

Rothenburgsort gehört zu den meist unterschätzten Stadtteilen Hamburgs. Im Alten Zollamt soll ein neues Wohn- und Arbeitsquatier entstehen. Bis es soweit ist, dient es als ein Treffpunkt für Kunst, Kultur und Nachbarschaft.

Bei vielen Wohnungssuchenden liegt Rothenburgsort auf der Beliebtheitsskala ziemlich weit unten oder taucht gar nicht erst auf. Dabei ist der Standort besser als sein Ruf: zehn Minuten mit dem Bus zur Hafencity, fünf Minuten mit der Bahn zum Hauptbahnhof und noch mehr Mobilität durch ein gutes Fahrradnetz.

Ein Großprojekt im Zentrum des Stadtteils soll dazu beitragen, das Ansehen nachhaltig zu verändern. Im Alten Zollamt soll ein Wohn- und Arbeitsquartier entstehen. Bevor das geschieht, erleben die alten Beamtenstuben eine echte Wiederbelebung – die nicht nur kreativen Unterschlupf bietet, sondern auch das Vereinsleben und den sozialen Zusammenhang im Stadtteil fördert. Zwischen Büro und Stempelkissen ist genug Raum für Ausstellungen, Astra und Soziales.

Die letzte Ehre für das Alte Zollamt

Es ist ein sonniger Donnerstagabend. Zehn Minuten Fußweg von der S-Bahn-Haltestelle Rothenburgsort entfernt liegt das Alte Zollamt. Auf dem Weg zu dem historischen Gebäude führt eine Brücke über eine breite Schneise von Bahngleisen. Sie sind für viele eine Zäsur, eine Grenze zur Innenstadt. Hinter der Brücke prägen die typischen Klinkerbauten das Bild eines Arbeiterviertels. Mittendrin: das Alte Zollamt mit seinem Backsteinkomplex.

Der Eingang zum Alten Zollamt führt vorbei an Ziegelsteinen und ausgedehnten Graffities. Im Hof angekommen fühlt es sich an, als würde man in einem trockengelegten Schwimmbecken stehen. Wer auf die „Abfertigungsbühne“ will, klettert über eine kurze eiserne Leiter. Auf der Bühne haben sich einige Gäste versammelt und unterhalten sich bei einem Feierabendbier.

Wo das herkommt, wird schnell klar: im Inneren befindet sich die „Einzelabfertigung“. Im Büro hinter der Glasscheibe scheint die Zeit stillzustehen. Der alte Beamtenmuff liegt noch in der Luft und das Gesetz der Bürokratie herrscht über allem. Wer ein Bier will, muss – wie zu den Hochzeiten des Zollamts – einen Antrag ausfüllen. Nach regelkonformer Übergabe durch die Durchreiche wandern die Flaschen durch eines der beiden Gucklöcher in der Scheibe.

Hinter der Bar sitzen in Beamtenkluft und umgeben von alten Stempelkissen Leon Roloff und Mark Classen. Sie sind hier nicht nur vermeintliche „Astra-Beauftragte“, sondern Teil des Stadtentwicklungsunternehmen Urban Future. Sie wollen im Zuge der Quartiersentwicklung Rothenburgsort zu einem dynamischeren Viertel machen.

Das Zollamt soll dabei eine große Rolle spielen: „Es hat uns besonders interessiert, weil das Areal leer stand und wenig Zugehörigkeit hatte, aber trotzdem zentral gelegen ist.“ Nach dem Einzug fühlte sich das Team schnell sehr alleine und wollte dem Gebäude mehr Leben einhauchen. Erst ist der Galerieraum entstanden. In ihm stellen Künstler in der Regel donnerstags ihre Werke aus. „Da dachten wir, es sei schön, den Gästen bei einer Vernissage auch etwas zu trinken anzubieten und haben begonnen, Bier und Co. aus der „Einzelabfertigung“ gegen eine Spende für das Projekt abzugeben“, so Classen.

In dem dazugehörigen Gebäude haben zwanzig Kreativschaffende Büroräume angemietet: vom Handwerker, über Grafiker bis hin zum Textildesigner. Außerdem gibt es seit März dieses  Jahres eine Essensausgabe der Tafel. „Dieser Ort soll den Menschen dabei helfen, ein Netzwerk zu schaffen“, so Roloff.

„Mit unserem Projekt wollen wir Diversität schaffen“

Es sind rund 1000 Wohneinheiten geplant. Es soll keine reine Wohnsiedlung, sondern ein gemischt genutztes urbanes Quartier entstehen. „Neben den Bewohnern könnten Ärzte mit ihren Praxen sowie Gastronomen Diversität schaffen. Natürlich ist alles noch nicht komplett fest, weil Wenige Mietverträge drei Jahre im Voraus unterzeichnen“, erklärt Roloff. Außerdem soll die Lebenshilfe unterkommen, um für Menschen mit Behinderung Wohnraum zu schaffen. Schon jetzt wird das Alte Zollamt als Wohnraum genutzt. In einem Nebentrakt leben in einer Maßnahme des LEB Minderjährige Flüchtlinge bis zu ihrem 18. Geburtstag. Danach müssen sie ausziehen. Auch nach dem Neubau werden hier Räumlichkeiten für sie geschaffen.

Leon Roloff zum Arbeiten in Rothenburgsort

Rothenburgsort hat neben seiner zentrale Lage noch weitere Vorteile: „Vor dem Krieg war der Stadtteil ein gründerzeitliches Viertel mit fast 60.000 Einwohnern, heute sind es knapp 9000 Einwohner. Es schreit gerade zu danach dieses Viertel wieder wachsen zu lassen. Ein riesiges Potenzial“, sagt Roloff.

Verlässt man die „Einzelabfertigung“, fällt der Blick schnell in eine hell erleuchtete Werkstatt. An diesem Tag schraubt dort Peter Behrendt an einem kleinen Tischkicker – das Geburtstagsgeschenk für seinen fußballverrückten Enkel.

Behrendt ist Gründungsmitglied des gemeinnützigen Vereins Stadtteilräume Rothenburgsort e.V.. Vor seiner Pensionierung war der 74-Jährige Maschinenbauer und über drei Jahrzehnte beim Jugendschutz. „Gebastelt habe ich schon immer. Eigentlich wollte ich Schreiner werden, habe aber leider keine Lehrstelle bekommen“, sagt er.

Die Werkstatt ist erst im März 2017 umgezogen. Zuvor stand sie in Räumlichkeiten der St. Thomas Kirche – dort war viel Platz für die Vereinsmitglieder und die Mieten günstig. Es gab es einen große Saal, wo auch Familienfeiern stattfanden. „Das war sehr gemütlich. In unserem „Hamburgzimmer“ hatten unser Verein Stadtteilräume e.V. sogar ein mit Fotoarchiv von Rothenburgsort“, sagt Behrendt. Früher haben sich in der Werkstadt Frauen getroffen, um Nistkästen zu bauen oder Kinderspielzeuge und Möbel zu restaurieren. „Wir sind hier zu Dritt und helfen wo wir können“, sagt er. „Offiziell ist es eine Selbsthilfewerkstatt, aber wenn ein Mädchen oder Junge mit seinem kaputten Fahrrad kommt, dann kümmern wir uns natürlich.“

„Wir sind hier zu dritt und helfen wo wir können“

2016 wurde die ehemaligen Räumlichkeiten des Stadtteilräume e.V. abgerissen – eine Renovierung wäre zu teuer gewesen. Der neue Unterschlupf im Alten Zollamt ist jedoch begrenzt.

In den nächsten drei bis vier Jahren soll die Werkstatt in die Räumlichkeiten des Rudervereins RV Bille weiterziehen. Diesmal endgültig. „Das ist für den Ruderverein praktisch, da sie dort ihre Boote reparieren können“, so Behrendt. Allerdings sei das erst möglich, wenn der RV Bille einen Anbau fertiggestellt hat. Die Werkstatt soll dann in deren alten Trainingsräume ziehen. „Wenn das nicht funktioniert, wäre es tödlich für den Stadtteilräume e.V.“, so Behrendt.

Viele Aktionen können ihm zufolge nach dem Abriss der alten Unterkunft und dem Wegfall des Festsaals schon jetzt nicht mehr stattfinden. Ein Zusammenkommen ist nur noch im kleinen Rahmen möglich.

Peter Behrendt über den Verbleibt des Stadtteilräume Rothenburgsort e.V.

Projekte wie diese helfen Stadtteilen abseits der florierenden Zentren neues Leben einzuhauchen und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Einheimische finden neuen Zufluchtsorte, Besuchern wird ein authentischer Einblick in das Leben vor Ort gewährt. Um es mit den Worten von Roloff zu sagen: „Es ist eine schöne Erfahrung, wie auf einmal ein Stadtteil und alles was ihn so einzigartig macht, einem nahegebracht wird.“

Vorheriger ArtikelFINK.HAMBURG Redakteurin gewinnt Hackathon
Nächster ArtikelStart-Ups pitchen an der HAW
Christina Höhnen, Jahrgang 1992, hat schon einmal den echten Weihnachtsmann getroffen. Der wohnt in Lappland, wohin sie während ihres Auslandssemesters in Finnland reiste. Die restliche Studienzeit verbrachte sie in Mittweida. Dort machte sie ihren Bachelor in Medienmanagement und leitete ein Jahr lang Deutschlands einzigen von Studenten geführten Lokalradiosender. Für den Umzug nach Sachsen tauschte sie Riesling gegen Pfeffi ein – Christina wuchs umgeben von Weinbergen in einem Moseldorf nahe Trier auf. Für Praktika bei einer Shopping-Vergleichs-App und bei fischerAppelt, relations zog sie nach Hamburg. Hier joggt sie am Liebsten durch Planten un Blomen und hört dabei Trash der 90er.