Mitarbeiter von Airbus bauen an einem A320 im Werk in Finkenwerder. Foto: Christian Charisius/dpa
Mitarbeiter von Airbus bauen an einem A320 im Werk in Finkenwerder. Foto: Christian Charisius/dpa

Es ist so schwer wie zwei Blauwale und auf seinen Tragflächen findet ein Einfamilienhaus mit Garten Platz: Ein Besuch beim A380, dem größten Passagierflugzeug der Welt, auf dem Airbus-Gelände in Finkenwerder.

„Haben Sie Ihren Personalausweis dabei?“, fragt die Frau am Schalter außerhalb des Werksgeländes vor Beginn der Führung. Die Sicherheitsregeln bei Airbus in Finkenwerder sind streng: Nur wer auf der Teilnehmerliste steht, erhält Zutritt. Rauchen und Fotografieren sind auf dem kompletten Gelände verboten. Handys sollen hinter dem Werkszaun ausgeschaltet oder in den Flugmodus versetzt werden. Um 9.30 Uhr rollt schließlich der Bus mit zwei Besuchergruppen, eine deutsch- und eine englischsprachige, durch das Eingangstor.

Die Zufahrtsstraße führt durch einen kurzen Tunnel hindurch. Darüber befindet sich die Start- und Landebahn mit einer Länge von über 3.000 Metern. „Früher war hier noch eine Straße mit einer Kreuzung“, erzählt der Tour-Guide. „Das wurde mit dem steigenden Flugverkehr aber zu kompliziert und der Tunnel wurde gebaut.“

Die Fahrt führt an zahlreichen Montagehallen entlang, die so groß sind, dass mehrere Flugzeuge in ihnen Platz finden. Vor einem kleinen Pavillon, neben dem der unlackierte Rumpf einer A320 steht, hält der Bus. Hier wird den Besuchern ein kurzes Imagevideo gezeigt. Die einzelnen Arbeitsbereiche fügen sich darin zu einem großen Ganzen zusammen: „We are Airbus“. Anschließend stellt der Tourguide die Bereiche der Flugzeuge vor, die im Hamburger Werk gebaut werden. Auch in Großbritannien, Frankreich und Spanien werden Bauteile produziert.

Von Hamburg aus in den Mittleren Osten

„In Hamburg befindet sich das Programm-Management der A320-Flugzeugfamilie“, erklärt der Guide. Außerdem finde hier die Endmontage für die Modelle A318, A319, A320 und A312 statt. Aus vielen unterschiedlichen Teilen entsteht so das fertige Flugzeug. Einen großen Anteil habe das Hamburger Werk auch an der Produktion des größten Passagierflugzeuges der Welt, dem A380: „Hier werden die Strukturmontage und Ausrüstung der vorderen und hinteren Rumpfsegmente vorgenommen. Außerdem werden in Hamburg die Kabinen ausgestattet und die Flugzeuge lackiert.“ Auch die Abnahme und Auslieferung der A380-Flugzeuge für europäische Airlines und den Mittleren Osten erfolgt aus Hamburg.

Blick auf das Airbus Werk in Finkenwerder. Foto: AIRBUS/M.Lindner
Blick auf das Airbus Werk in Finkenwerder. Foto: AIRBUS/M.Lindner

Die Tour geht weiter. Die Gruppe erreicht eine A320-Montagehalle. Hinter den Wänden werden die einzelnen Rumpfteile zusammengefügt, die Flügel und das Innenleben montiert. In dem großen, hellen Gebäude stehen gleich mehrere Flugzeuge der Baureihe, an denen gearbeitet wird. Es ist laut. Ein Mitarbeiter bohrt viele kleine Löcher an einer Stelle, an denen später eine weitere Sektion des Rumpfes befestigt wird. Über der Stelle, wo später das Fahrwerk sitzt, hängen schwarze und silberne Kabel aus dem Stahl.

Die Gruppe trägt Kopfhörer, um den Guide zu verstehen. Während sie durch die Halle wandelt, darf sie die markierten Bereiche und Wege nicht verlassen. Und: Anfassen verboten. Der Weg führt an einer auf Stützen liegenden Tragfläche vorbei: „Die Flügel müssen sich erst an die Temperatur in der Halle gewöhnen, bevor sie montiert werden können“, sagt der Guide. Sonst komme es zu Komplikationen beim Zusammenfügen, schließlich dehnen sich die Materialien noch aus.

Arbeiten direkt an der Elbe

Zurück im Bus führt die Fahrt an den werkseigenen Blockheizkraftwerken vorbei. Diese decken rund 50 Prozent des benötigten Strombedarfs auf dem Gelände. Auf einigen Dächern befinden sich Photovoltaik-Anlagen. Eine große ehemalige Kläranlage wird mittlerweile benutzt, um Wasser aus der benachbarten Elbe aufzubereiten. Dieses wird unter anderem für die Toiletten auf dem Gelände genutzt.

Der nächste Stopp ist eine Halle in direkter Elbnähe, die noch größer ist, als die davor. Sie wurde im Jahr 2004 extra für den A380 gebaut. Die Glasfassade ermöglicht einen fast idyllischen Blick auf die Elbe. Grund dafür ist, laut Guide, die besondere Lage. Wenn das Airbus-Gelände schon weiter bebaut werden musste, hätten sich die Anwohner des gegenüberliegenden Ufers zumindest eine ansprechende Optik des Gebäudes gewünscht. Geschützt wird das Gelände durch einen Deich. Dieser wurde nach der Sturmflut von 1976 modernisiert und erhöht. Damals standen die Flugzeuge im Wasser.

Das größte Passagierflugzeug der Welt

In der Halle stehen mehrere A380. Das größte Passagierflugzeug der Welt ist 73 Meter lang und wiegt leer mit 275 Tonnen so viel, wie zwei erwachsende Blauwale. Das Triebwerk des A380 hat einen Durchmesser von fast drei Metern. Ein Flügel ist 845 Quadratmeter groß. Auf so einer Fläche findet locker ein Einfamilienhaus mit Garten Platz. Um die riesigen Flugzeuge von oben zu betrachten, muss man eine Stahltreppe vier Stockwerke hinaufsteigen.

Einige der Maschinen sind schon fertig lackiert und werden bald an die Airlines übergeben. Die Lackierung stellt den letzten Fertigungsschritt vor der Auslieferung dar – und eine spezielle Herausforderung: Aufgrund der Größe der Bauteile könne der A380 bislang nicht von Lackierrobotern bearbeitet werden. Deshalb würden in der Werkshalle teilweise bis zu 24 Lackierer gleichzeitig arbeiten, um Rumpf und Tragflächen mit Farbe zu versehen. Insgesamt sind 12.000 Menschen im Hamburger Werk angestellt. Airbus ist damit der größte Arbeitgeber der Stadt.

Airbus Mitarbeiter lackieren die Tragfläche einer A380. Foto: AIRBUS/M.Lindner
Zu groß für den Roboter: Airbus-Mitarbeiter lackieren die Tragfläche einer A380 per Hand. Foto: AIRBUS/M.Lindner

Am Heck der fertigen Flugzeuge befinden sich ein kleiner Aufkleber der Deutschen Flagge. Der Tour-Guide erklärt: „Im Luftraum braucht jedes Flugzeug eine Kennung zur Identifizierung. Dazu gehört auch eine Landesflagge.“ Da die Flugzeuge erst nach der Übergabe vollständig den Airlines gehören, befände sich für Testflüge und bis zur finalen Auslieferung noch dieser Aufkleber an der Maschine. Nach der Übergabe könne er entfernt werden.

42-Milliarden-Euro-Deal

Neben einer A380 steht noch eine A320. Wäre das Seitenleitwerk am Heck dieser Maschine nicht – eine nach oben ragende Fläche, die an die Flosse eines Hais erinnert – könnte man sie locker unter der Tragfläche der A380 hindurchschieben. Das deutlich kleinere Modell verschaffte dem Unternehmen gerade einen guten Deal: Am 15. November kaufte der US-Investor Indigo Partners 430 Flugzeuge des Typs A320 mit einem Listenpreiswert von 49,5 Milliarden US-Dollar. Das sind umgerechnet 42,2 Milliarden Euro. Die bisher größte Bestellung in der Airbus Geschichte.

Nach der Besichtigung der A380 Montagehalle endet die Tour. Auf der Rückfahrt fährt der Bus an den Ingenieurshäusern und der größten von drei Kantinen auf dem Gelände vorbei. Es ist kurz nach 12 Uhr und alleine hier werden nun 3500 Mittagessen ausgegeben. Wer das geschäftige Treiben auf dem Gelände einen Morgen lang beobachtet hat, gönnt den Arbeitern von Herzen die Stärkung.

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Jan Siemers, Jahrgang 1990, ist ostfriesisches Inselkind und bekennender Weißweinschorlentrinker. Er hat PR- und Kommunikationsmanagement in Hamburg studiert. Bei Gruner + Jahr beschäftigte er sich mit Anzeigenmarketing und brach danach zu neuen Abenteuern nach Thailand auf. Dort fütterte er Elefanten und tauchte bis zu zwölf Meter in die Tiefe. Die Reiselust und Faszination für andere Kulturen ist geblieben: Jan schätzt den herzlichen und offenen Umgang mit den Menschen aus aller Welt. Außerdem spielt er begeistert an PC und Konsole.