Moritz Bleichl Demian Hermann Hesse
Gabriel Kähler, der als Emil Sinclair nach seiner Identität sucht. Foto: Sinje Hasheider

Selten werden Romane von Herman Hesse auf die Bühne gebracht. Auch, weil sie von tiefen Einblicken in die Psyche der Protagonisten leben. Moritz Beichl wagt mit „Demian“ im Jungen SchauSpielHaus einen Versuch und hätte mutiger sein dürfen.

Sicherlich findet jeder Leser ein kleines Stück seines Selbst in Hermann Hesses Bildungsroman „Demian“. Sei es in der Auflehnung gegen das Elternhaus, den Konflikten mit Autoritäten, Schlägen vom Nachbarsjungen oder einfach nur der Beziehung zu einem sehr guten Freund. Deswegen ist der 1919 unter dem Synonym „Emil Sinclair“ veröffentlichte Roman für viele so anziehend. Man findet in ihm einen Spiegel, aber auch ein Vergrößerungsglas, mit dem man gesellschaftliche Phänomene erklären kann.

Die Hauptfigur, die ebenfalls Emil Sinclair heißt, trägt autobiografische Züge Hesses. Er ist noch Suchender und will Wissender werden. Er lebt in zwei Welten: in der hellen Welt seines behüteten Elternhauses und in der düsteren Außenwelt, in der erpresserische Schlägertypen und sündhafte Versuchungen lauern. Dann trifft Sinclair auf Max Demian, der ihn dazu anregt, die Welt ganzheitlich zu betrachten und auch das Böse zu akzeptieren, um vollkommen nach den eigenen Prinzipien zu leben. Hier beginnt die kämpferische Suche nach einer Antwort, die seit fast hundert Jahren die Leser in ihren Bann zieht.

Einer dieser gebannten Leser ist sicherlich Moritz Beichl, der das Buch für die Bühne umgearbeitet hat. Dabei hat der 25-jährige Regisseur wahrscheinlich viele persönliche Berührungspunkte zum Protagonisten. Immerhin hat er einen Gedichtband über seine Bar- und Kneipenerlebnissen geschrieben. Der musische Emil Sinclair verfällt zeitweise dem Alkohol – einer der düsteren Abschnitte der Geschichte, der auf der clever ausgenutzten kleinen Bühne des Malersaals zum feuchtfröhlichen Spektakel wird.

In dieser wüsten Phase Sinclairs entsteht im Bühnenstück eine Diskrepanz zwischen modernen Textelementen und den für Hesse typischen feinfühligen Textstellen, in denen Sinclais innere Zerrissenheit und bemitleidenswerte Orientierungslosigkeit deutlich wird: „Also so sah ich innerlich aus! Ich, der herumging und die Welt verachtete! Ich, der stolz im Geist war und Gedanken Demians mitdachte! So sah ich aus, ein Auswurf und Schweinigel, betrunken und beschmutzt, ekelhaft und gemein, eine wüste Bestie, von scheußlichen Trieben überrumpelt“, klagt Sinclair bevor er wenig später seinen ehemaligen Saufkumpanen unter neudeutschen Flüchen davonjagt. Letzteres wirkt deplatziert, ist aber sicherlich mit Blick auf die Zielgruppe des Jungen SchauSpielHauses zu verkraften.

Moritz Bleichl Demian Hermann Hesse
Sergej Gößners als Max Demian (links) und Gabriel Kähler als Emil Sinclair stehen in inniger Beziehung zueinander. Foto: Sinje Hasheider

Manchmal verlangt das Stück nach etwas mehr Konsequenz, nach einem einheitlichen Stil. Das soll nicht bedeuten, dass man sich strikt an Sprache, Gefühl und Botschaft des Originals halten muss. In diesem Falle fühlt es sich aber an, als würde zwischen zwei Stücken gewechselt werden: Der Adaption von Moritz Beichl und einer Version, in der Hesse zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein Buch selbst für die Bühne umgeschrieben hat. Die sechs Schauspieler springen sprachlich und gestisch zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Dabei ist es schade, dass flapsig-komödiantische Spielereien der Figur des Emil Sinclair viel seiner bestechenden Sensibilität nehmen.

Dennoch wird der Wandel vom tollpatschigen Buben zum saufenden Wüstling vollzogen. Auch die weitere Entwicklung zum selbstbewussten jungen Kerl ist ganz deutlich was wiederrum zu loben ist, da man ihn im Buch vom zehnten Lebensjahr bis ins Erwachsenenalter begleitet.

Sergej Gößners tut sich schwer, der Rolle Demians gerecht zu werden. Seine leicht aufdringlicher Art lässt ihn in Kombination mit einem farbenfrohen, samtigen Outfit wie einen metrosexuellen Gigolo wirken und nicht wie den unnahbar, elegant und asexuell auftretenden Demian des Originals. Dabei wäre die Umwandlung sogar bis zu einem gewissen Grade wünschenswert, wenn sich das Stück in seiner Gesamtheit mehr vom Original gelöst hätte.

Bei nur einer Figur ist der Transfer in die Gegenwart perfekt gelungen. Philipp Kronenberg spielt sowohl den erpresserischen Bösewicht Franz Kromer als auch den zumindest in dieser Fassung suizidgefährdeten Saufkumpanen Alfons Beck konsequent in moderner Art und Weise. Durch seine herausragende Einfühlsamkeit – und eine ebenso herausragendes Kostümierung – kreiert er Personas, die ein zeitgenössisches Äquivalent zu den von Hesse beschriebenen Figuren sind.

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Im Mittelteil kommt Sinclair auf ein Internat und gerät durch Alfons Beck (Philipp Kronenberg) auf Abwege. Foto: Sinje Hasheider

Dabei liegt eine Überführung des Stoffes in die Gegenwart nicht fern: In dem Roman steht Europa vor dem Zusammenbruch. Viele meinen, das sei auch heute so. Sinclair und Demian diskutieren über Kain und Abel, über die Überlegenheit der Wenigen über die unwissenden Massen. Auch dieses Thema könnte gut in der Gegenwart verankert werden. Und die Suche nach Orientierung und Sinn für Heranwachsende ist im kapitalistischen Zeitalter mit Optionsstress und Zeitdruck akuter denn je. All das ist brandaktuell, die Bezüge entstehen aber leider erst in den Köpfen der Zuschauer, wenn sie das Theater wieder verlassen.

Der Geist bleibt unerreicht

Eine große Schwierigkeit bereitet die grundsätzliche Form. Der Roman ist mit psychologischen Elementen gespickt. Das sind viele Werke Hesses, was einer der Gründe ist, warum sie selten aufgeführt werden. Hesse war depressiv und wurde psychoanalytisch therapiert. Diese Erfahrung fließt stark in die Erzählstruktur seiner Werke ein. Bei stiller Lektüre taucht man in die Gedankenströme Sinclairs ein, empfindet dessen Emotionen nach und findet Identifikationsflächen. Auf der Bühne funktioniert das nicht, weil man Gabriel Kähler nur vor den Kopf schauen kann. Gedankenströme zu spielen ist kaum möglich und trotzdem zeichnen sie die literarische Vorlage aus.

Allerdings gelingt Moritz Beichl an einer Stelle ein bemerkenswerter Durchbruch: Sinclair sitzt auf einem Stuhl vor dem Publikum. Während er monologisiert, werden seine Augen in den Hintergrund projiziert – das Rechte auf eine helle Wand des Elternhauses, das Linke auf den dunklen Schleier der Außenwelt. In diesem Moment reißt das Stück aus dem gewohnten Duktus aus und schafft eine Atmosphäre, die dem Lesegefühl gleichkommt. Generell werden Videoprojektionen ausgefeilt und ästhetisch eingebracht. Untermalt werden sie durch die kräftige Sopranstimme von Katherina Sattler, die Frau Eva spielt, aber sonst recht Textarm bleibt – dem Original entsprechend.

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Im Schlussteil entsteht eine spannende Dreieckskonstellation zwischen Sinclair, Demian und seiner Mutter, Frau Eva (Katherina Sattler). Foto: Sinje Hasheider

Hesse äußerte in seinem Testament den Wunsch, dass seine Texte nicht in andere Medien übertragen werden sollen. Das mag dazu geführt haben, dass erst im Jahre 2010 das junge Schauspielhaus in Düsseldorf zum ersten Mal den „Demian“ auf die Bühne gebracht hat.

Die Vorführung endet mit einer politischen Note, die über den Köpfen der Zuschauer hinweg anklingt: „Hundert und mehr Jahre lang hat Europa bloß noch studiert und Fabriken gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht, um einen Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet, sie wissen nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein kann“, schreit Sinclair seinem Freund zu. Genau dort liegen die Fäden, aus denen man einen gänzlich neuen und vorwärtsgewandten Stoff stricken könnte. Das wäre sicherlich im Sinne des Urhebers gewesen. Immerhin nutzte Hesse das Synonym Emil Sinclair, weil der damals 40-Jährige die junge Generation nicht durch den Namen eines „alten Onkels“ abschrecken wollte.


„Demian“ feierte am 6.12.2017 im Malersaal des Schauspielhauses Premiere. Weitere Termine gibt es hier.