Am 14. Juni geht die Fußball-Weltmeisterschaft los. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen der FIFA: Was macht das Gastgeberland Russland aus? Welche Impulse bringt die WM? Ein Exkurs in das größte Land der Erde.

добро пожаловать в Россию – Willkommen in Russland

Hier startet die Weltmeisterschaft 2018 mit 736 Spielern aus der ganzen Welt. Die WM wird in zwölf Stadien ausgetragen. Das größte ist das Moskauer Luschniki-Stadion. Hier wird die WM mit dem Spiel Russland gegen Saudi-Arabien vor 81.000 Zuschauern angepfiffen.

Stellt sich die Frage, ob die internationalen Gäste auch eine facettenreiche Begegnung mit dem Gastgeberland als Heimat der Kunst und Literatur erwartet. Ein Vorschlag: Vor dem Public Viewing einfach mal die Werke der Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski laufen lassen oder einige Zeilen von Leo Tolstoi lesen.

Das Land mit der längsten Staatsgrenze

In Russland leben 146 Millionen Menschen, darunter mehr als 140 Nationalitäten und ethnische Gruppen. Sie sprechen über 100 verschiedene Sprachen und gehören unterschiedlichen Glaubensrichtungen an. Mit 17,1 Millionen Quadratkilometern ist Russland das größte Land der Erde. Zwölf Meere des Atlantischen, Arktischen und Pazifischen Ozeans grenzen an die Küste an. Zudem ist kein anderes Land in elf Zeitzonen eingeteilt.

Die Spiele der WM finden nicht nur in Metropolen wie Moskau und St. Petersburg statt, sondern auch in vielen kleinen Orten. Mit dabei: Die Stadt Rostow am Don im Südwesten Russlands. Dort können Fußballfans die traditionelle Küche mit Piroschkis und Flusskrebsen genießen.

Zwischen Macht und Protest

Die WM-Euphorie im Gastgeberland hält sich in Grenzen. Die gesellschaftlichen und politischen Umstände spiegeln sich keinesfalls im gewohnten Fußballfieber wider. Vielleicht auch, weil das Land vor Problemen steht, die sich nicht einfach wegspielen lassen. Beispielsweise mutiert die Kleinstadt Volokolamsk gerade laut Medienberichten zu einer riesigen Müllhalde. Aus der ansässigen Deponie entweiche sogar Giftgas.

Auch die eingeschränkte Pressefreiheit in Russland wird im Zusammenhang mit der WM thematisiert. Vor der Botschaft in Berlin protestierten jüngst Vertreter der NGO Reporter ohne Grenzen gegen die Inhaftierung von Journalisten.

Ein weiteres Problem: russische Hooligans. Der vom russischen Staat finanzierte Nachrichtendienst Russia Today und weitere Medien berichten, dass mehr als 450 gewaltbereite Personen für die WM gesperrt wurden. Für die Sicherheit der Fans wurden entsprechende Maßnahmen getroffen, beispielsweise ID-Karten für den Zugang zu den Stadien eingeführt. Auf ihnen sind Personendaten gespeichert.

Millionenschwere Investitionen und weiße Elefanten

Nicht genug Platz im Stadion? Kein Problem für die Russen: In Jekaterinburg rissen die Verantwortlichen die Wände der Spielstätte ab und bauten zwei neue Tribünen. Zuvor konnten nur 27.000 Zuschauer das Stadion besuchen, was nicht den Vorgaben im FIFA Regelwerk entsprach. Nun wurde die Kapazität auf 35.969 Zuschauer erweitert, berichtet der Verband. Die Plätze sind jedoch recht ungeschützt: Sollte es regnen und stürmen, müssen die Zuschauer hart gesotten sein.

Nach der WM werden die zwei Tribünen wieder abgebaut.

Das Sankt-Petersburg-Stadion ist eines der teuersten Fußballstadien der Welt und wurde speziell für die WM gebaut. Sieben Spiele sollen hier stattfinden. Die Stätte kostete mehr als 900 Millionen Euro. Der Bau dauerte über ein Jahrzehnt. Insgesamt wurden neun Stadien für die WM 2018 neu geschaffen, andere modernisiert und umgebaut.

Weiße Elefanten
Als „weiße Elefanten“ bezeichnet man Fußballstadien, die für Großevents gebaut wurde, überdimensional sind und anschließend kaum bis gar nicht von Erstligisten genutzt werden.

In Russland stehen, ähnlich wie in den ehemaligen WM-Gastgeberländern Brasilien und Südafrika, jede Menge weiße Elefanten. So werden Stadien bezeichnet, die eigens für Großveranstaltungen gebaut wurden und anschließend sportlich nicht genutzt werden. Das gilt auch für Russland, einer Nation, in der es nur wenige Großvereine wie Lokomotiv Moskau gibt. Beispielsweise lagen das Luschniki-Stadion in Moskau und das Fischt-Stadion in Sotchi nach den Olympischen Spiele 2014 größtenteils brach – und wurden nun für die WM erneuert.

Wie fußballverrückt ist die Nation eigentlich?

In Russland interessiert man sich für viele Sportarten: Eishockey gilt als Nationalsport. Aber auch Fußball kommt nicht zu kurz und russische Mannschaften feiern internationale Erfolge. Beispielsweise gewann der Verein ZSKA Moskau 2005 den UEFA Pokal. Zenit St. Petersburg gewann drei Jahre später das Turnier und holte damit den ersten internationalen Titel der Vereinsgeschichte. Das russische Nationalteam erreichte bei der Europameisterschaft 2008 das Halbfinale.

Obwohl Russland nur FIFA-Weltranglistenplatz 66 belegt, ist die Hoffnung zur WM 2018 groß. Die Nationalmannschaft ist zum elften Mal beim Turnier dabei. Mit Maskottchen Zabivaka am Spielrand, dessen Name „Der, der trifft“ bedeutet, erhofft sich das Nationalteam große Erfolge.

In Hamburg versammeln sich Fußballfans aus verschiedenen Nationen, um die Spiele gemeinsam zu schauen. Auch die russische Community ist groß. Laut Statistischem Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein leben in Hamburg etwa 10.700 Russen, vor allem in Bergedorf. Hier machen sie elf Prozent der Einwohnerzahl aus.

Und wer so gar nichts mit Fußball anfangen kann und trotzdem diesen Artikel bis zum Ende gelesen hat, wird hier mit sieben Gründen belohnt, warum die nächsten Wochen auch für Fußballmuffel ganz gut werden können.

Vorheriger Artikel„Es ist ein bisschen wie Tetris spielen“
Nächster Artikel„Enteignungen müssen als Drohkulisse da sein“
Shahrzad Rahbari, Jahrgang 1994, vermisst seit ihrem ersten Tag in Hamburg Spätzle. Sie hat Dolmetschen und Übersetzen in Germersheim studiert, in der Nähe von Karlsruhe. Shahrzad spricht sechs Sprachen fließend – neben Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch auch Arabisch und Farsi. Für eine Reportage reiste sie durch das Heimatland ihrer Eltern, den historischen Iran, und porträtierte Einwohner und Orte. Ihre Begeisterung für das Schreiben entdeckte Shahrzad in ihrer Zeit bei dem HipHop-Magazin Rapspot, für das sie Album-Rezensionen schrieb und Rapper wie Talib Kweli und Tua interviewte. Auch in ihrer Freizeit hört sie am liebsten Rap. Ihr Traum: mit Kendrick Lamar die Straßen von Compton, einem Vorort von L.A., unsicher zu machen. Kürzel: sha

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here