Fast Fashion: Es geht besser!

Interview mit HAW-Absolventin

Sara Lagodni hat an der HAW Hamburg Multichannel Trade Management in Textile Business studiert. Für ihr praktisches Konzept dazu, wie große Modeunternehmen nachhaltiger werden könnten erhielt sie kürzlich den Förderpreis der Wilhelm Lorch Stiftung.
Foto: Sara Lagodni

Unmenschliche Arbeitsbedingungen, Umweltverschmutzung und Tierquälerei – große Modeunternehmen stehen regelmäßig in der Kritik. Viele fordern mittlerweile ein nachhaltigeres Vorgehen. Doch wie könnte das konkret aussehen? HAW-Absolventin Sara Lagodni hat eine Idee.

FINK.HAMBURG: Sara, für deine Masterarbeit zum Thema nachhaltige Mode hast du kürzlich einen großen Förderpreis erhalten. Um was geht es?

Sara Lagodni: Ich wollte ein konkretes Konzept entwickeln, wie große Modeunternehmen nachhaltiger wirtschaften könnten. Also, wie sie fairer und respektvoller im Umgang mit Umwelt, Mensch und Tier sein können. Mein Konzept soll Fast Fashion-Unternehmen dazu anregen, in Zukunft Kleidung zu verleihen und mehr zu recyceln.

Verleihen statt Fast Fashion – wie soll das genau funktionieren?

Zitat zu Fast Fashion von Sara LagodniDen Kunden wird die Möglichkeit gegeben, ein Kleidungsstück zu kaufen, oder es gegen eine Gebühr auf Zeit zu leihen. Nach Ablauf der Frist nehmen Unternehmen die Kleidung über das ohnehin vorhandene Retoure-System zurück. Anschließend können sie diese dann recyceln oder anderweitig wiederverwenden. Menschen tragen ihre Kleidung heute über einen erheblich kürzeren Zeitraum als noch vor zehn Jahren. Dass Kleidungsstücke schlicht auf Müllhalden verbrannt werden, sollte wirklich die letzte Option sein.

Woher kommt deine Faszination für das Thema Nachhaltigkeit?

Ich liebe die Mode – diese glitzernde, glamouröse Welt. Aber sie hat eben große Schattenseiten. Seien es die Arbeitsbedingungen der Menschen und ihre Löhne, oder der Umgang mit den Tieren und der Natur. Zum Beispiel färben sich durch Chemikalien in China Flüsse wie der Baiyang River regelmäßig in genau den Farben, die im Westen gerade „in“ sind. Ich habe an der HAW Hamburg Multichannel Trade Management in Textile Business studiert. Im Studium haben wir über die Bedingungen in asiatischen Textilfabriken diskutiert und auch darüber, wie Agorawolle hergestellt wird. Heute möchte ich deshalb an der Kreation und Produktion von Kleidung mitbeteiligt sein, die nicht nur schön ist, sondern auch gut.

Wäre es bei deinem Konzept nicht noch nachhaltiger, die Kleidungsstücke mehr als einmal zu verleihen?

Das stimmt. In Hamburg zum Beispiel gibt es ja auch „Die Kleiderei“, die Designermode monatlich verleiht. Ein supertolles Konzept – allerdings ist die Zielgruppe hier sehr viel informierter, modeinteressierter und wohlhabender als durchschnittliche deutsche Kunden. Ich wollte gezielt auf die Unternehmen schauen, die heute Fast Fashion produzieren. Und auch auf die Kunden, die diese Mode kaufen.

Zurückgeschickte Kleidung soll also recycelt werden. Wie genau funktioniert das?

Zitat zu Fast Fashion von Sara LagodniRecycling beginnt eigentlich schon im Design. Und zwar damit, dass man überlegt, welches Material man verwendet. Eine Jeanshose beispielsweise lässt sich durch ihre Materialkomposition, die Mischung aus Baumwolle und Elastan, schwerer wiederverarbeiten. Ein naheliegender Weg ist da zum Beispiel Patchwork. Bei Monofasern wie Baumwolle wiederum gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder das Schreddern des Materials, oder man löst es heraus, um neue Garne daraus zu spinnen. Diese Garne lassen sich dann zu neuen Kleidungsstücken verarbeiten – so hat schon meine Oma ihre Strickpullover recycelt.

Wie genau hat deine Oma Strickpullover recycelt? Und wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen Recycling, Downcycling und Upcycling?

Genau genommen hat sie nicht nur re-, sondern auch upgecycelt. Recyceln bedeutet schlicht, dass man etwas im gleichen Kontext wiederverwendet – in diesem Fall das Garn des Strickpullovers. Beim Downcycling wird im Prozess die Qualität des Materials gemindert und dann etwas Brauchbares daraus geschaffen – zum Beispiel beim Schreddern von Baumwollkleidung. Upcycling wiederum macht etwas Hochwertigeres aus dem Ausgangsmaterial. Das passiert, wenn aus Stoffresten neue Kleidungsstücke angefertigt werden. Wichtig ist, dass man bei dem Thema kreativ wird – es darf Spaß machen!

Dein Konzept richtet sich an größere Modeunternehmen. Können die überhaupt jemals nachhaltig sein?

Grafik Fast Fashion McKinsey StudieWachstum und Nachhaltigkeit führen häufig zu einem Interessenskonflikt. Hat ein Unternehmen eine bestimmte Größe erreicht, fordern zum Beispiel Aktionäre stetiges Wachstum. Häufig kann das aber nur auf Kosten von Mensch und Umwelt passieren. Nachhaltiger zu wirtschaften geht derzeit noch mit einem Mehraufwand einher. Solange sich Unternehmer nicht in der Pflicht sehen und die nachhaltigen Werte teilen, wird kein Unternehmen umweltfreundlicher und sozialer. Hier hilft vor allem der Druck der Konsumenten. Einige wissen mittlerweile, dass ein T-Shirt für 9,99 Euro weder fair produziert noch nachhaltig sein kann. Konsumenten können mit ihrer Kaufentscheidung eine Menge ausrichten.

Ist der Masse nicht der Preis wichtiger?

Ich würde eher sagen, der Großteil der Konsumenten ist schlicht noch nicht ausreichend über die Folgen ihres Konsums informiert. Das soll aber auch kein Vorwurf sein. Viele wollen ja auch etwas anders machen, aber wissen nicht, wo sie anfangen sollen.

Was tun Modeunternehmen schon heute?

Zitat Fast Fashion von Sara LagodniEinige bekannte Modehäuser haben nach den Diskussionen der letzten Jahre bereits begonnen, eigene Ware zurückzunehmen und zu recyceln. So erhalten sie über kurz oder lang reichlich Ressourcen, auf die sie bei der Produktion zurückgreifen können. Momentan lohnt es sich für die Unternehmen finanziell noch nicht, die gesammelten Ressourcen zu recyceln. Das wird sich mit den steigenden Rohstoffpreisen jedoch auch bald ändern. Nachhaltiges Wirtschaften ist also für die Unternehmen aus finanzieller Sicht langfristig schlau. Von der Notwendigkeit ganz zu schweigen. Auch hinsichtlich Verpackungen und Versand experimentieren einige mit Plastikalternativen wie kompostierbaren Einkaufstüten.

Du hast deinen Master in der Tasche – wie geht es jetzt weiter?

Das Thema Nachhaltigkeit im Produktmanagement wird mich auch weiter beschäftigen. Aktuell bin ich auf der Suche nach einem Arbeitgeber, bei dem ich berufsbegleitend eine Doktorarbeit in dem Feld schreiben kann.

Mehr zum Thema: Wie schafft man es, dass sich Konsumenten dafür interessieren, unter welchen Bedingungen Kleidung hergestellt wird? Einen ersten Einstieg in das komplexe Themenfeld bietet zum Beispiel die Netflix-Doku „The True Cost“.

Sara Lagodni erhielt für ihre Masterarbeit mit dem Titel „Corporate Social Responsibility im Produktmanagement“ den Förderpreis der Wilhelm Lorch Stiftung. Dieser wird einmal im Jahr mit dem Ziel der Nachwuchsförderung in Wissenschaft und Forschung vergeben.

*Die Daten stammen aus der McKinsey-Studie „Style that’s sustainable: A new fast Fashion formula“.

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Jana Trietsch, Jahrgang 1992, weiß, warum Michel aus Lönneberga in Wirklichkeit Emil heißt. Die gebürtige Darmstädterin verbrachte im Rahmen ihres Medienkulturwissenschaften- und Psychologiestudiums zwei Semester im schwedischen Uppsala und kann seitdem die Bücher ihrer Kindheit in Originalsprache lesen. Nach dem Studium lernte Jana in der Lokalredaktion des „Darmstädter Echos“ ihre Heimat neu kennen. Es folgten PR-Praktika in Stockholm und Berlin im Mode- und Lifestylebereich, die Jana eine Redakteursstelle im Brand Marketing bei Zalando einbrachten. Nebenher schreibt sie als freie Autorin für „Mit Vergnügen“ und „Refinery29“ über Kultur, Mode und Millennials. Manchmal denkt sie dabei an ihren früheren Traum: eine wöchentliche Kolumne, geschrieben in einem roten Ferienhaus in Småland. jt