Die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) bezeichnet sich selbst als „Tor zur Zukunft“. Doch ist sie das wirklich? Ein Besuch auf der Hauptversammlung der HHLA in den Hamburger Messehallen.

Hamburg-Altenwerder, strahlender Sonnenschein. Man fühlt sich unglaublich klein neben den großen Containern und gigantischen Kränen im Hamburger Hafen. Ringsherum nur Wasser, auf dem riesige Dampfer schippern. Plötzlich steht man auf einem der Kräne, die Dampfer erscheinen nun schon etwas kleiner – nichts für schwache Nerven und Höhenängste. Die Transporter auf dem Terminal muten an wie eine Miniatureisenbahn. Wie von Geisterhand gesteuert wuseln sie herum, selbstfahrend, und bringen bunte Container von den Lagerplätzen zu den Schiffen. Da ertönt eine Frauenstimme: „Hamburg ist das Tor zur Welt. Die HHLA ist das Tor zur Zukunft.“ Über der blonden Frau schwebt eine Drohne. Sie stapelt und transportiert Container.

Zurück in die Realität

Mit Lithium-Ionen-Batterien betrieben: Ein AGV.
Foto: HHLA / Nele Martensen

Setzt man die Virtual-Reality-Brille ab, ist man zurück in der Realität. Nur noch das blaue AGV (Automated Guided Vehicle) in der Messehalle erinnert an Altenwerder. Rechts davon stehen vorwiegend ältere Herren mit VR-Brillen und Kopfhörern. Sie schauen sich unbeholfen um, einer klammert sich ängstlich an den Tisch. Auf einem Flipchart steht: „Hafen in 3D“.

„Die virtuelle Tour über das Terminal Altenwerder ist eine gute Möglichkeit, unseren Aktionären zu zeigen, wie im Hafen gearbeitet wird. Viele möchten einmal dorthin – das klappt jedoch nur selten“, sagt Anette Krüger. Sie ist Pressesprecherin der HHLA, des Traditionsunternehmens, das im Hamburger Hafen ankommende und abgehende Waren verlädt und auch ihren Weitertransport ins Hinterland übernimmt.

Die Hauptversammlung

Auch der Veranstaltungssaal ist gigantisch. Auf den säuberlich aufgereihten Stuhlreihen könnten gut und gerne 2.000 Menschen Platz finden. Heute sind 670 Aktionäre und Gäste anwesend. Das Unternehmen gehört eben auch zu 70 Prozent der Freien und Hansestadt Hamburg. Auf der Bühne sitzen an drei langen Tischen wenige Frauen und viele Männer in dunklen Kostümen und Anzügen. Am vorderen sitzt mittig die blonde Frau, die eben noch in Altenwerder stand. Sie heißt Angela Titzrath und ist Vorstandsvorsitzende der HHLA.

Aufsichtsratsvorsitzender ist Rüdiger Grube. Der ehemalige Chef der Deutschen Bahn erklärt die Hauptversammlung für eröffnet. Auf dem Rednerpult vor ihm steht in Großbuchstaben der Wahlspruch: „HHLA – Das Tor zur Zukunft“. Doch ist das wirklich mehr als ein flotter Marketingslogan?

Die Vorstandsvorsitzende von HHLA: Angela Titzrath. Foto: HHLA / Nele Martensen

Die Vorstandsvorsitzende

Wenn man Angela Titzrath Glauben schenken möchte, ist es das. Selbstbewusst verkündet sie, dass das Unternehmen seit ihrem Amtsantritt im Oktober 2016 seine Marktposition behauptet habe. In einem hart umkämpften Umfeld seien die Umsatzzahlen verbessert worden, der Aktienkurs gestiegen. Auch deswegen die frohe Botschaft für die anwesenden Aktionäre: Es gibt höhere Dividenden – 67 Cent pro Aktie. „Die HHLA steht auf einem soliden Fundament.“ Dieser Satz fällt in der Rede Titzraths immer und immer wieder.

Die Erfolgsgeschichte?

Nach den einleitenden Worten nimmt die Vorsitzende die Anwesenden mit auf eine Reise durch die Geschichte des Unternehmens.

Vor 50 Jahren warf mit der „American Lancer“ das erste Vollcontainerschiff Anker in Hamburger Gewässern. Das Schiff wurde am Burchardkai abgefertigt. Titzrath werde häufig gefragt, wo die Stadt und ihr Hafen positioniert wären, wenn sich damals nicht einige mutige Politiker gegen die Zögerlichen durchgesetzt und den Hamburger Hafen unterstützt hätten. Ihre Antwort: Hamburg wäre vom Welthandel abgeschnitten.

Auch Titzraths Unternehmen hat großen Anteil an der Bedeutung Hamburgs für den Welthandel. Die HHLA gründete am Burchardkai ein Containerterminal und begann damit, „sicher, schnell und effizient“ Waren für seine Kunden umzuschlagen. Ohnehin stehe der Kunde im Mittelpunkt, die Dienstleistungen würden um ihn herum gebaut.

In der Tat entwickelte sich das Unternehmen enorm. Fertigte man bei der „American Lancer“ noch eine Ladung von 1.200 Standardcontainern ab, konnte die HHLA im März dieses Jahres das größte Schiff jemals in Hamburg abfertigen: Die „CMA CGM Antoine de Saint Exupery“ hat eine Kapazität von 20.776 Standardcontainern.

Das erste Vollcontainerschiff im Hamburger Hafen: Die „American Lancer“. Foto: HHLA

Blick durch das Tor zur Zukunft

Übrigens ist laut Titzrath die „modernste Terminaltechnologie“ der HHLA häufig Vorreiter für andere Branchen. Als im Jahr 2002 die ersten AGVs selbstfahrend Güter transportierten, war das autonome Fahren noch Zukunftsmusik. „Seit jeher sind wir wie ein Startup.“ Ein modernes Slotbuchungsverfahren am Hafen, neue Transporttechnologien – vor fünfzehn Jahren errichtete die HHLA das damals modernste Hafenterminal der Welt.

Vom „Knotenpunkt für den Warenumschlag“ in Hamburg, dem westlichsten Punkt der „neuen Seidenstraße“, expandiert der Dienstleister gen Osten. Neben dem Hafen in der Ukraine übernimmt die HHLA nun mit einem Hafen in der Nähe Tallinns nahezu den kompletten Güterumschlag Estlands – große Wachstumschancen inklusive.

Das Tochterunternehmen „Metrans“ der HHLA ist für den Weitertransport der Güter ins Hinterland zuständig. Foto: HHLA / Engel+Gielen

Nach einem kurzen Exkurs in die gute wirtschaftliche Entwicklung im ersten Amtsjahr Titzraths – der Umsatz stieg auf 1,22 Millionen Euro, das operative Ergebnis wurde um 6,1 Prozent und der Aktienkurs sogar um 60 Prozent gesteigert – blickt die Vorstandsvorsitzende noch in die Zukunft.

Mit einer viergliedrigen Strategie sollen in den nächsten fünf Jahren rund eine Milliarde Euro investiert werden, teils in das Containergeschäft und teils in den Bereich „Intermodal“. In diesem organisiert das Tochterunternehmen „Metrans“ den Weitertransport ins Hinterland auf der Schiene.

Titzrath beweist Optimismus, als sie auf die „für uns sehr wichtige Elbvertiefung“ zu sprechen kommt. Trotz des langen Disputs zwischen Umweltschützern auf der einen und der Stadt und Wirtschaft Hamburgs auf der anderen Seite sagt sie: „Ich gehe fest davon aus, dass bald begonnen wird, zu graben. Unsere Kunden erwarten das längst.“

Weniger optimistisch stimmen sie Faktoren, die ihr Unternehmen betreffen, die es aber nicht beeinflussen kann: protektionistische Tendenzen in der Weltpolitik, veränderte Wertschöpfungsketten, unstete Marktentwicklungen, kürzere Innovationszeiten. Aber kein Grund zur Panik – innovativ und zukunftsfähig arbeite die HHLA immer schon.

Die Stunde des Kritikers

Doch genug der Lobeshymnen. Im Anschluss an Titzraths Rede nimmt der Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, Peter Tschirner, seine Sendung wörtlich. Die HHLA habe in der Vergangenheit schon deutlich stärkere Entwicklungen hingelegt. Es sei nur ein Etappenziel erreicht – der Containertransport sei 2018 sogar zurückgegangen. Auch bewirkte die Umsatzsteigerung lediglich „einen Hauch an Verbesserung im Konzernergebnis“.

Zwar lobt der Redner Titzraths Arbeit. Der ersten Frau an der Spitze des zuvor 130 Jahre lang von männlichen Patriarchen geführten Traditionsunternehmens schlug zu Beginn viel Gegenwind entgegen. Tschirner kritisiert die ausgebliebene Dividendensteigerung Titzraths im vergangenen Jahr als schlechtes Zeichen an Aktionäre und den Markt, lobt jedoch die Steigerung in diesem Jahr.

Zu viel Fluktuation

Auch mit Rüdiger Grube persönlich ist er recht zufrieden, er lobt seine unaufgeregte Art – doch dann wird Tschirner deutlich: „Was ich nicht verstehe, ist die große Fluktuation im Aufsichtsrat. Dr. Wibke Mellwig hat heute gleichzeitig ihre Antritts- und Abschiedsrede gehalten.“ Mellwig wurde später gar nicht in den Aufsichtsrat gewählt. Grube falle die Aufgabe zu, an Konstanz für seinen Aufsichtsrat zu arbeiten. Das Gremium habe nämlich in jeder Sitzung eine neue Besetzung. „Wie soll man denn so arbeiten?“

Erfrischend kritisch, diese Rede – speziell nach Titzraths Vortrag durch die rosarote Brille. Zwar waren die Einschätzungen der Vorstandsvorsitzenden nicht so fernab der Realität wie der Blick durch die Virtual-Reality-Brille am Eingang, doch ließ Titzrath schon etwas Selbstkritik vermissen. Vieles läuft schon recht gut. Doch mit Schönreden wie beim Rückgang des Containertransports oder Ignorieren wie bei den Problemen im Aufsichtsrat öffnet sie nicht das Tor zur Zukunft.

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Für Tobias Bug, Jahrgang 1993, kann ein Fußballspiel nur dann ein Erfolg werden, wenn er den linken Schuh zuerst anzieht. Seinen eher unsportlichen Bachelorabschluss hat er an der TU München in Wirtschafsingenieurwesen gemacht. Nicht nur den ersten akademischen Erfolg verbindet er mit der bayerischen Hauptstadt: Beim Oktoberfest wurde er unschuldig für drei Stunden in Haft genommen. Journalistisch hat Tobias unter anderem bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ im Politik- und im Wirtschaftsressort gearbeitet. Beim Reisen lässt er sich gerne die Geschichten anderer Menschen erzählen, in Norwegen hat er eineinhalb Jahre gelebt. Am glücklichsten ist er, wenn er schreibt oder am DJ-Pult House auflegt. (tob)