Im Winter wird über frierende Obdachlose berichtet, in der Weihnachtszeit spenden wir für sie. Wird es wärmer, interessiert sich kaum noch jemand für ihr Schiksal. Um ihnen zu helfen, braucht es Vertrauen. Und das braucht Zeit.

Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, kämpfen mit Problemen. Das fängt ganz banal an: Bei Regen werden sie nass, bei Kälte frieren sie. Obdachlose sind dem Wetter ausgesetzt, teils schutzlos. Wenige haben das Glück, eine „Platte“ zu haben, einen Schlafplatz, an dem sie geduldet sind und etwa ein Parkhausdach ihnen ein Minimum an Schutz bietet.

Wer nachts ängstlich und fröstelnd durch Hamburgs Straßen läuft, freut sich zu Hause angekommen in die sichere und warme Stube zu treten.

Eine Wohnung bedeutet Privatsphäre und Sicherheit

Welch ein Privileg, die Tür hinter sich schließen zu können. Eine Wohnung oder auch schon ein WG-Zimmer bedeuten Privatssphäre. Menschen, die auf der Straße leben, sind völlig entblößt. Jeder Vorbeilaufende kann sehen, wie sie da sitzen, essen, trinken, sich waschen, die Zähne putzen oder schlafen.

Eine verschließbare Wohnung bedeutet auch Sicherheit und Schutz. Nicht nur vor den wertenden Blicken der Gesellschaft. Sondern auch vor Schikane. Vor Menschen, die vor den Augen von Bettlern Geldscheine verbrennen. Oder vor Menschen, die Frauen auf der Straße bedrängen, nach dem Motto: „Sex für ein Dach über dem Kopf“. All das passiert auf Hamburgs Straßen.

Am Rande der Gesellschaft

Obdachlose leben am Rande der Gesellschaft, sie sind abgehängt. In der Kälte des Winters ist das natürlich besonders schlimm aber nicht nur dann! Menschen auf der Straße leben dort, weil sie keine Wahl haben, weil sie Schicksalsschläge verkraften, Menschen verloren oder ihre Verwandten sie verstoßen haben. Sie haben einen großen Rucksack zu tragen, mit ihren Sachen und ihren Problemen, und das ständig.

Echte Hilfe für Obdachlose ist nicht saisonal

Sie brauchen Menschen, die ihnen auf Augenhöhe begegnen. Die ihnen die Hand reichen, das ganze Jahr über. Die Mitarbeiterin einer Anlaufstelle für Obdachlose auf St. Pauli, wo es Frühstück, Mittagessen und eine Kleiderkammer gibt, erklärt: In der Weihnachtszeit interessierten sich viele Menschen für Obdachlose, wir kriegen ganz viele Spenden. Auch die Journalisten seien besonders winters zu Gast und schrieben über die Menschen auf der Straße. Es gibt in Hamburg ein jährliches Weihnachtsdinner, wo sie ein Menü mit vielen Gängen serviert bekommen. Im Frühling, Sommer und Herbst ist kaum jemand für sie da.

Das Winternotprogramm endet in Hamburg am 31.März: Menschen, die auf der Straße leben, brauchen Aufmerksamkeit und Unterstützung. Das ganze Jahr über. Wenn man sich für ihre Probleme öffnet und zu verstehen versucht, was sie brauchen, der kann ihnen helfen. Hilfe für Obdachlose bedeutet, Vertrauen zu ihnen aufzubauen. Das braucht Zeit: Vier Jahreszeiten lang und länger, nicht nur saisonal im Winter.


Der Autor hat sich bereits mehrfach mit dem Thema auseinandergesetzt und auch für andere Medien darüber geschrieben. Daher weiß er aus erster Hand, welchen Schikanen Obdachlose ausgesetzt sind.

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Für Tobias Bug, Jahrgang 1993, kann ein Fußballspiel nur dann ein Erfolg werden, wenn er den linken Schuh zuerst anzieht. Seinen eher unsportlichen Bachelorabschluss hat er an der TU München in Wirtschafsingenieurwesen gemacht. Nicht nur den ersten akademischen Erfolg verbindet er mit der bayerischen Hauptstadt: Beim Oktoberfest wurde er unschuldig für drei Stunden in Haft genommen. Journalistisch hat Tobias unter anderem bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ im Politik- und im Wirtschaftsressort gearbeitet. Beim Reisen lässt er sich gerne die Geschichten anderer Menschen erzählen, in Norwegen hat er eineinhalb Jahre gelebt. Am glücklichsten ist er, wenn er schreibt oder am DJ-Pult House auflegt. (tob)

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