Die Illustrationen für diesen Artikel wurden von der HAW-Studentin Marlen Hacker angefertigt.

Mitmenschinnen und Mitmenschen, LeutInnen und Erwachs*innen: Gendern nervt? Keinen Bock mehr auf das Thema? Auf FINK.HAMBURG findet ihr Sternchen, neutrale Schreibweisen und auch nur die männliche Form. Wir sind uns einig, dass die Genderdebatte geführt werden muss – unterschiedliche Meinungen haben wir trotzdem.

Wir haben ein Sprachproblem. Die deutsche Sprache wird von der männlichen Form, dem generischen Maskulinum, dominiert. Menschen, die sich in die männlichen und weiblichen Stereotypen nicht einordnen, werden in unserer Gesellschaft und vor allem in unserer Sprache komplett ignoriert.

Dabei gibt es Möglichkeiten, alle Geschlechter sprachlich darzustellen – das Sternchen ist eine davon. Es steht für alle, die sich weder mit der männlichen noch mit der weiblichen Form angesprochen fühlen. Es soll zeigen, dass es sich bei Geschlechtern um soziale Konstruktionen handelt und nicht um unveränderliche biologische Wahrheiten.

Wir sprechen von den Teilnehmern, den Demonstranten, den Studenten. Dabei meinen wir aber nicht nur Männer – alle nehmen teil, demonstrieren und studieren. Nur die männliche Form zu nennen, stellt die Wirklichkeit nicht dar. Die Aussage wird unklar und oft stimmt sie einfach nicht.

Unsere Sprache muss sich anpassen

Der Bundesgerichtshof wies kürzlich die Klage der 80-jährigen Marlies Krämer ab, die sich als „Kontoinhaber“ nicht angesprochen fühlte. Die Begründung: Frauen werden „seit 2000 Jahren“ mitgemeint.

Blödsinn. Frauen werden erst mitgemeint, seitdem sie sich gleiche Rechte erkämpft haben. Davor waren Frauen schlicht ausgeschlossen. Wählen dürfen Frauen zum Beispiel erst seit knapp 100 Jahren, davor waren mit „Wähler“ tatsächlich nur Männer gemeint. Bis 1958 gab es auch keine eigenständige Kontoinhaberin, der Ehemann musste einer Kontoeröffnung zustimmen.

Andere Geschlechter werden nicht mitgemeint

Studien zeigen, dass beim generischen Maskulinum andere Geschlechter nicht mitgedacht, mitgemeint und mitgehört werden. Wenn man Menschen nach ihrem Lieblingsschauspieler fragt, nennen sie eher einen Mann, als wenn sie nach einem Schauspieler oder Schauspielerin gefragt werden.

Wenn man über Ärztinnen und Ärzte und Astronaut*innen spricht, trauen sich Mädchen eher, diese Berufe zu erlernen. Und wenn man statt Hebamme Geburtshelfer*innen sagt, können sich das auch Jungen als Beruf vorstellen.

Die Rechtslage hat sich verändert, unsere Sprache muss das auch tun. Wir haben die Macht, mit unserer Sprache neue Lebensrealitäten zu schaffen. Wenn wir alle Geschlechter sprachlich repräsentieren, werden sie auch in unserem Bewusstsein präsenter. Wir nehmen sie wahr, nehmen sie ernst und schließen nicht kategorisch Menschen aus.

„Wer die Sprache beherrscht, beherrscht auch das Denken der Menschen.“

– Kurt Tucholsky

Nicht zu gendern, ist diskriminierend

Frauen verdienen weniger, führen seltener Unternehmen und werden oft nur auf ihr Aussehen reduziert. Ihnen werden bestimmte Fähigkeiten, Tätigkeiten und Verhaltensweisen nicht zugetraut. Sie werden aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert – das ist Sexismus. Diese Ungleichheit zwischen den Geschlechtern entstand aber nicht einfach so, sie ist historisch gewachsen. Männer dominieren seit Jahrhunderten unsere Gesellschaft. Unsere vom generischen Maskulinum dominierte Sprache ist ein Teil dieses Systems.

Gendersensible Sprache nervt. Aber Sexismus nervt mehr. Und solange es in Deutschland keine Gleichberechtigung für alle Geschlechter gibt, müssen wir über dieses Thema sprechen. Wir müssen Ungleichheiten sichtbar machen. Und wir müssen Texte gendergerecht schreiben.

In unserer Redaktion gibt es unterschiedliche Meinungen zu der Frage, wie wir mit männlichen und weiblichen Sprachformen umgehen wollen: Journalisten oder Journalistinnen und Journalisten oder Journalist*innen? Wir haben uns deshalb darauf geeinigt, dass jede Redakteurin und jeder Redakteur selbst entscheiden darf, welche Form sie oder er in Texten verwendet.

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Pia Siber, Jahrgang 1992, hat schon einmal einem Huhn das Radfahren beigebracht. Geboren ist sie in Bremen, aufgewachsen aber auf dem Dorf. Ihre Schule ging pleite, aufs Abitur hat sie sich deshalb zu Hause vorbereitet. In Bremen hat sie Politikwissenschaft studiert, machte währenddessen PR für ein Wissenschaftskolleg und arbeitete für die „taz“, Radio Bremen und „Bento“. Ihr größtes Opfer: Nachdem sie einen Bulli ein halbes Jahr lang zum mobilen Heim ausgebaut hatte, entließ sie ihre Hündin Nala damit hinaus in die Welt – in menschlicher Begleitung. Jetzt wohnt sie in einer WG in Hamburgs Dorf: Altona. Vielleicht findet Pia hier endlich Zeit zum Akkordeonspielen oder zum Boxen. Priorität hat aber erstmal die Suche nach den besten Pommes der Stadt. Kürzel: ps

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