Die richtigen Entbindungsgriffe erfordern viel Übung. Foto: Uli Deck/dpa
Die richtigen Entbindungsgriffe erfordern viel Übung. Foto: Uli Deck/dpa

Angehende Hebammen und Geburtspfleger müssen ab 2020 studieren, statt eine Ausbildung zu machen. Prof. Petra Weber und Kristin Maria Käuper von der HAW Hamburg erklären, ob dieser Schritt sinnvoll ist und wie so ein Studium aussehen könnte.

FINK.HAMBURG: Warum ist es wichtig, den Hebammenberuf zu akademisieren? 

Prof. Petra Weber

Petra-Weber-Hebamme

Petra Weber ist ausgebildete Krankenschwester und Pflegewissenschaftlerin. 1996 nahm sie die Professur für Pflegewissenschaft an der HAW an und baute dort den Studiengang Pflege auf. Sie leitet diesen seit 2007 und ist Prodekanin der Fakultät Wirtschaft und Soziales.

Petra Weber: Zum einen hat das einen formal-juristischen Hintergrund. Deutschland muss ab 2020 EU-Recht realisieren. Die Richtlinie besagt, dass nur noch Personen Hebamme oder Geburtspfleger werden können, die zwölf Jahre zur Schule gegangen sind. Die Bundesregierung muss den Beruf deshalb akademisieren. Im deutschen Hebammen- und Entbindungspfleger-Gesetz muss diese Richtlinie noch verankert werden.

Zum anderen gibt es hinreichende inhaltliche Gründe, die dafür sprechen: Der Aufgabenbereich einer Hebamme ist so komplex, dass er nach unserer Einschätzung ein Hochschulstudium erfordert. Hebammen und Entbindungspfleger können nach Abschluss ihres Studiums in unterschiedlichen Kontexten tätig werden: sowohl angestellt in Kliniken als auch freiberuflich in Geburtshäusern.

Es gibt jetzt schon einen Mangel an Hebammen. Ist es nicht falsch, die Zugangsvoraussetzungen für den Beruf zu verschärfen?

Kristin Maria Käuper: Ist es nicht sinnvoller, die Zugangsvoraussetzungen nach dem tatsächlichen Anforderungsprofil abzustimmen? Dieses ist für Hebammen äußerst komplex.

Brauchen wir eine Hebammenwissenschaft?

Das duale Ausbildungssystem in Deutschland hat schon einen guten Ruf. Werden Hebammen und Entbindungspfleger durch ein Studium besser qualifiziert als durch die Ausbildung?

Petra Weber: Da ist die Frage, was „besser“ bedeutet. Häufig wird der Beruf in der öffentlichen Wahrnehmung auf die Unterstützung beim Geburtsvorgang reduziert. Die Grundlage für das Handeln von Hebammen geht aber inzwischen deutlich darüber hinaus. Das betrifft auch Fragen wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wir können das parallel zur Entwicklung der Pflegewissenschaft betrachten: Auch die Hebammenkunde ist in ihrer Entwicklung an einen Punkt gekommen, an dem sie die Verantwortung für ihre Wissenschaft selbst übernehmen muss. Wir brauchen eine Hebammenwissenschaft. Und dafür muss sie an der Hochschule angesiedelt sein. Außerdem brauchen wir Menschen, die wissenschaftliche Erkenntnisse kritisch rezipieren können. Das setzt ein Studium voraus.

Kristin Maria Käuper 

Kristin-Kaeuper-Hebamme

Kristin Maria Käuper ist ausgebildete Hebamme und Gesundheitswissenschaftlerin. Seit 2012 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department Pflege tätig und entwickelt derzeit einen Bachelorstudiengang Hebammenkunde.

Kristin Maria Käuper: Eigentlich hätte die Akademisierung schon längst stattfinden müssen. Es ist auch schon lange gewollt, dass der gesamte Berufsstand mehr Verantwortung übernimmt. Zum Beispiel gibt es ja schon die Hinzuziehungspflicht einer Hebamme oder eines Entbindungspflegers bei einer Geburt. Ärztinnen und Ärzte müssen während einer Geburt eine Hebamme oder einen Entbindungspfleger dabei haben. Eine normal verlaufende Geburt dürfen Hebammen und Entbindungspfleger allein versorgen – also ohne Arzt oder eine Ärztin. Wer solche Verantwortung übernehmen soll, muss auch akademisch ausgebildet werden.

Hochwertige Arbeit entsprechend entlohnen

Steigt denn auch die Bezahlung bei steigender Qualifikation?

Petra Weber: Tarifrecht folgt der gesellschaftlichen Realität und geht ihr nicht voraus. Das heißt: Wir können die Frage, wie sich das Gehaltsgefüge durch die Akademisierung ändern wird, nicht im Vorfeld beantworten. Es gibt noch nicht viele Absolventinnen und Absolventen einer Hochschule, die den gesellschaftlichen Druck ausüben können, dass über Tarife verhandelt wird. Als Hochschule können wir versuchen, diesen Druck mit aufzubauen.

Kristin Maria Käuper: Erste Erfahrungen von Absolventinnen und Absolventen eines Studiengangs Hebammenkunde zeigen, dass sie schon in höhere Tarifstufen eingruppiert werden. Allerdings hoffe ich, dass angestellte Hebammen und Entbindungspfleger mit Hochschulabschluss noch besser bezahlt werden können. Die Ergebnisse von Tarifverhandlungen müssen zeigen, dass qualitativ hochwertige Arbeit auch entsprechend entlohnt wird.

Petra Weber: Eine andere Frage ist, in welchem Kontext die Hebammen und Entbindungspfleger tätig sind: Das Tarifrecht greift nur bei Angestellten einer Institution, nicht jedoch bei Freiberuflichkeit.

Kommt der Studiengang „Hebammenkunde“?

In Hamburg haben Grüne und SPD einen Antrag an den Senat gestellt, in dem sie einen dualen Studiengang „Hebammenkunde“ an der HAW Hamburg gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) vorschlagen. Wie könnte so ein Studiengang aussehen? Wann könnte er starten? 

Petra Weber: Wir führen erste Gespräche zur Vorbereitung eines Studiengangs Hebammenkunde mit dem UKE. Die HAW Hamburg hat schon Erfahrung mit der Konzeption von dualen Studiengängen, zum Beispiel mit dem dualen Studiengang Pflege, der ja auch eine klientennahe Qualifizierung darstellt. So müsste auch ein Studiengang Hebammenkunde aufgestellt sein, weil er nach EU-Recht sowohl Theorie als auch Praxis beinhalten müsste. Das UKE könnte sich mit der entsprechenden klinischen Expertise beteiligen. Theorie und Praxis sollten sehr eng miteinander verzahnt werden. Der Studiengang könnte 2020 starten. Wir sind aber noch in der Entwicklungsphase und es ist noch nichts beschlossen.

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Vivien Valentiner, Jahrgang 1993, hält es selten lange im Sitzen aus: Dann drückt nämlich ihr Extra-Rückenwirbel und die ihr ebenfalls angeborene Neugierde. „Irgendwas mit Medien“ wollte Vivien deswegen schon als Jugendliche machen. Nach ersten journalistischen Gehversuchen bei Lokalzeitungen hospitierte sie beim NDR und der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und saß im Bundesvorstand der Jugendpresse Deutschland. Vivien stammt aus Lübeck, in Lüneburg hat sie Wirtschaftspsychologie und Digitale Medien studiert. Mit ihrem Umzug nach Hamburg bleibt sie Hansestädten treu, probiert aber darüber hinaus gerne unterschiedliche Dinge aus: Sie hat schon Ballett und Rock’n‘Roll getanzt, Schlagzeug und Theater gespielt. Kürzel: viva

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