Die Illustrationen für diesen Artikel wurden von der HAW-Studentin Marlen Hacker angefertigt.

Mitmenschinnen und Mitmenschen, LeutInnen und Erwachs*innen: Gendern nervt? Keinen Bock mehr auf das Thema? Auf FINK.HAMBURG findet ihr Sternchen, neutrale Schreibweisen und auch nur die männliche Form. Wir sind uns einig, dass die Genderdebatte geführt werden muss – unterschiedliche Meinungen haben wir trotzdem.

Haben wir in Deutschland ein Sprachproblem? Oder haben wir ein Problem, weil das grammatische Geschlecht (Genus) leider viel zu häufig mit dem biologischen Geschlecht (Sexus) gleichgesetzt wird? Für den Umgang mit der Gender-Debatte in den deutschen Medien ist es wichtig, sich diesen Unterschied immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Im Deutschen gibt es drei Genera: Maskulinum, Femininum und Neutrum.
Deswegen sagen wir die Maus, das Schwein oder der Tiger – unabhängig davon, welches Geschlecht das Tier hat. Auch in Bezug auf Gegenstände wird ein Geschlecht verwendet: Der Computer, die Tischtennisplatte oder das Papier. Wer eine geschlechterneutrale Sprache also konsequent verwenden möchte, müsste demnach auch das Maus, das Tiger, das Computer und das Tischtennisplatte schreiben. Das widerum ist grammatikalisch nicht korrekt, weil die deutsche Sprache nun mal mehr als ein Genus hat.
Sprache ist natürlich kein starres Konstrukt, das sich nicht weiterentwickeln oder ändern kann. Allerdings beeinflussen momentan hauptsächlich die Leute, die die größte politische Macht haben, die Art, wie wir Sprache verwenden. Die Einführung der geschlechtsneutralen Sprache, wie sie gerade durchgeführt wird, erfolgt auch nicht organisch. Sie gleicht eher einer gewaltsamen Änderung, die unseren natürlichen Sprachfluss behindert.

 Der Fahrer kommt von fahren

Das generische Maskulinum bzw. männliche Wortbildungen, die alle Geschlechter einschließen, sorgen regelmäßig für Diskussionen. Der Fahrer, der Bäcker oder der Verkäufer werden schnell zu einem Problem. Häufig vergessen wir dabei, dass diese Begriffe ihren Ursprung nicht in der männlichen Vorherrschaft in diesen Bereichen haben, sondern ganz einfach von Verben abstammen. Der Fahrer kommt von fahren, der Bäcker kommt von backen und der Verkäufer stammt vom verkaufen. Durch die Endung „-er“ werden bestimmte Verben substantiviert. Wie der Journalist Ulrich Greiner in dem Beitrag „Droht uns die Sprachzensur?“ zu diesem Thema bereits feststellte, ist der Satz „Ich gehe zum Bäcker“ daher auch richtig, wenn der Bäcker eine Frau ist. Befürworter der gender-neutralen Sprache bestehen bei männlichen Wortbildungen auf die Endung „-in“, um Frauen in der Sprache sichtbarer zu machen. Auf die gleiche Weise werden Verben übrigens auch instrumentalisiert. Appelliert man hier wieder an die Konsequenz der gender-neutralen Sprache, müsste es beispielsweise auch StaubsaugerInnen,  AnspitzerInnen oder RollerInnen heißen.

Ein Backender ist nicht das Gleiche wie ein Bäcker

Viele Medien versuchen das generische Maskulinum zu umgehen, indem sie die beschreibende Form wählen, also beispielsweise Studierende statt Student schreiben. Hier wird es allerdings ungenau. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt der Linguist Peter Eisenberg die Schwierigkeiten, die die Verwendung von Partizipien statt Substantiven mit sich bringt. Denn grammatikalisch gesehen muss das Partizip nicht die gleiche Bedeutung wie das dazugehörige Substantiv haben. Ein Backender kann eine Person sein, die gerade backt, eigentlich aber Steuerberater ist. Der Bäcker beschreibt hingegen eine Tätigkeit, die sich auf einen Beruf bezieht.

JournalistInnen, Journalist_Innen oder Journalist*innen?

Zu gendern ist im Deutschen schwerer als in anderen Sprachen. „Unsere Sprache muss sich anpassen“ – fordern Befürworter des Genderns. Tatsächlich liest man immer häufiger von FahrradfahrerInnen, Journalist_Innen oder Demonstrant*innen.
Diese Formen sollen alle Geschlechter einschließen. In der Realität sind diese Alternativen im Sprachgebrauch hauptsächlich zweigeschlechtlich konnotiert. Sprache funktioniert nicht als Konstrukt, sondern wir verknüpfen bestimme Wörter mit bestimmten Bedeutungen. So sind die gender-neutralen Formen bei vielen Lesern mit dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht verknüpft. Aber wie stellen wir sicher, dass hier auch das dritte Geschlecht mitgemeint ist? Was ist mit Menschen, die sich keinem Geschlecht angehörig fühlen?

Die Möglichkeit, Texte geschlechtsneutral zu schreiben, besteht natürlich. Allerdings ist das Schreiben von Texten etwas ganz Anderes als das Lesen oder das Sprechen von Texten. Jeder, der einen gegenderten Text schon mal vorgelesen hat, stolpert über die geschlechtsneutralen Formen. Der Lesefluss wird gestört und die Sätze werden durch die verschiedenen Satzzeichen und Formen unübersichtlich. Wir können versuchen, dies zu umgehen und die männliche und weibliche Form ausschreiben, also die Journalistinnen und Journalisten. Allerdings funktioniert das nicht immer. Ein schönes Beispiel hierfür gibt Andreas Baumert in seinem Buch „Professionell texten“. Aus dem Wort „Arbeitnehmervertreter“ wird  schnell „Arbeitnehmervertreter und Arbeitnehmerinnenvertreterinnen“. Das ist weder schön anzusehen noch zu lesen.

Bitte keine Sternchen mehr!

Die Diskussion über geschlechterneutrale Sprache ist wichtig! Sie spiegelt den Wandel in unserer Gesellschaft wider. Allerdings ist der Ansatz falsch, da unüberlegte und überhastete Sprachreformen nicht zu mehr Emanzipation und Gleichberechtigung führen. Sie führen stattdessen dazu, dass wir orthographische Fehler und ungenaue Angaben als richtig ansehen. Solange es keine einheitliche und konsequente Form für eine gender-neutrale Sprache in Deutschland gibt, sollten wir keine halbfertigen Alternativen verwenden. Diese führen nur zu noch mehr Verwirrung und Vernachlässigung von Minderheiten. Das Problem wird somit nur verlagert. Wir müssen weiter über die Ungleichheiten in unserer Gesellschaft sprechen und alle Menschen in unseren Texten angemessen repräsentieren, nicht nur Frauen und Männer.

In unserer Redaktion gibt es unterschiedliche Meinungen zu der Frage, wie wir mit männlichen und weiblichen Sprachformen umgehen wollen: Journalisten oder Journalistinnen und Journalisten oder Journalist*innen? Wir haben uns deshalb darauf geeinigt, dass jede Redakteurin und jeder Redakteur selbst entscheiden darf, welche Form sie oder er in Texten verwendet.

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Nadine von Piechowski, Jahrgang 1992, studiert in dem Gebäude, in dem sie geboren wurde: die Finkenau 35, früher eine Geburtsklinik, heute die HAW Hamburg. Bislang hat sie nur nördlich der Elbe gelebt: In Kiel und Kopenhagen studierte sie Geschichte und Archäologie. Nadines ursprünglicher Plan: ein weiblicher Indiana Jones werden. Hut und Peitsche hat sie als Ausrüstung zum Abschluss schon geschenkt bekommen. Trotzdem will sie lieber in den Journalismus. Nadine absolvierte diverse Praktika, etwa in der Pressestelle des Bundes für Natur und Umweltschutz und bei „Radio Hamburg“ in der Redaktion. Beim Helms-Museum in Harburg lektorierte sie einen Ausstellungskatalog. Sie schreibt unter anderem für den Blog „Typisch Hamburch“. In ihrer Freizeit spielt sie Handball und versucht, mit ihrem bienenfreundlichen Balkon die Welt zu retten. Kürzel: nvp