Sie versammeln sich nachts vor einem geschlossenen Geschäft in der Sternschanze. Wofür sie anstehen, wird innerhalb weniger Stunden weltweit ausverkauft sein: Turnschuhe. Ein Besuch bei den Sneakerheads.

Darauf bedacht, den Bürgersteig nicht zu blockieren, sitzen etwa dreißig Männer und Frauen vor einem geschlossenen Schuhgeschäft. Es ist elf Uhr nachts an einem Freitag im Frühjahr und die Temperaturen liegen im einstelligen Bereich. Eingewickelt in Decken und Schlafsäcken trotzen die Wartenden der Kälte. Ihre Schuhe, Jacken und Mützen zieren die Logos bekannter Sportmarken. Einige Passantinnen bleiben stehen. Eine von ihnen stellt die Frage, die vermutlich jedem durch den Kopf geht, der an diesem Abend in der Schanzenstraße unterwegs ist: „Was macht ihr hier?“

Bunte Turnschuhe in rotem Pappkarton

Es ploppt und ein Kronkorken fällt zu Boden, gesellt sich zu zahlreichen Zigarettenstummeln. Die Flasche Bier wird in der Armlehne eines Campingstuhls abgestellt. Einer der Wartenden zeigt ein Foto auf seinem Smartphone: Man sieht bunte Turnschuhe in einem roten Pappkarton. Für diese streng limitierten Trend-Treter campen manche Fans schon seit Mittwoch vor dem Laden in der Sternschanze. Der offizielle Verkauf startet am Samstag.

„Es kommen gefühlt tausend Leute, darunter auch Besoffene, die immer dasselbe fragen“, erzählt Sneakerhead Günay, der nicht mit Nachnamen genannt werden möchte. „Wenn wir sagen, dass wir für Turnschuhe anstehen, werden wir als bescheuert abgetan. Wenn wir sagen, dass wir einen WLAN-Hotspot anzapfen, wird verständnisvoll genickt und weitergelaufen.“

Ein Wartender zeigt die Turnschuhe der Begierde auf seinem Smartphone.
Für diesen Schuh verbrachten die Sneakerheads drei Nächte in der Kälte. Foto: Melina Deschke

Der Begriff Sneakerhead stammt aus den Vereinigten Staaten – genauso wie die meisten Sneaker. Laut Günay nutzen vor allem die Neuen in der Szene diesen Begriff. Sie fänden Anglizismen cool. Das sind Hypebeasts, wie er sie nennt, die jedem Trend hinterherrennen, ohne sich auszukennen. Viele von ihnen seien durch Influencer auf die Turnschuhe aufmerksam geworden.

Er sammele auch noch nicht lange, habe aber trotzdem schon etwa einhundert Paare. Günay gehe es nicht um die neuesten Instagram-Trends. Markenfetischismus spiele allerdings schon eine Rolle. „Ich kann mich an meine ersten Nikes erinnern, die mein Vater mir gekauft hat. Mir kommt auch nichts Anderes an den Fuß.“

Die Sneaker-Kultur entstand in den 1980er Jahren und ist eng verwoben mit Hip-Hop-Musik und Basketball. Musiker und Sportler waren schon Trendsetter, bevor es Instagram gab. Das wohl berühmteste Beispiel ist Michael Jordan: Air Jordans wurden 1984 exklusiv für ihn und später für die breite Masse hergestellt. Heute kollaborieren Turnschuhhersteller mit Kayne West, Rihanna oder den Berliner Verkehrsbetrieben. (Hey HVV, wäre das nicht was?)

Der Schuh, für den Günay an diesem Abend als Fünfter in der Schlange steht, wurde von Sean Wotherspoon entworfen. Mit mehr als 450.000 Instagram-Abonnenten ist er ein einflussreicher Sammler von Vintage-Schuhen und -Bekleidung.

Check-Zeiten und Camp-Outs gegen Chaos

Um seinen Platz in der Schlange zu behalten, hat Günay seinen Namen und seine Schuhgröße in eine Liste eingetragen. Solche Listen seien ungeschriebenes Gesetz in der Community. Damit solle verhindert werden, dass bei der Ladenöffnung das Chaos ausbricht.

Der Erste vor Ort entscheide zusammen mit dem Ladenbetreiber, welche Spielregeln für den Release gelten sollen. Entweder müssen die Sneakerfans zu bestimmten Check-Zeiten vor Ort sein, um nicht von der Liste gestrichen zu werden, oder sie dürfen bei einem Full-Camp-Out den Platz vor dem Laden gar nicht erst verlassen.

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Günay ist als @_size_eleven (seine Schuhgröße) auf Instagram. Er bezeichnet sich dort selbst als Infaulencer.

Ist der Schuh so begehrt, dass der Andrang vor dem Laden zu groß würde, wird im Vorfeld verlost, wer ein Paar kaufen darf. Bei sogenannten Online-Raffles, zum Beispiel auf Instagram, muss man den Schuh dafür reposten, also online weiter verbreiten. Günay macht das auch: „Da poste ich dann auch mehrmals das selbe Foto und verliere dadurch jedes Mal Follower – auch Freunde und Bekannte – aber ey, mir doch egal.“

Keine Camp-Outs in etepetete Stadtteilen

Nicht überall in Hamburg sind Camp-Outs gerne gesehen. „In etepetete Stadtteilen will man keine Ansammlungen“, sagt Günay. Später berichtet er von Auseinandersetzungen, zu denen es in der Sternschanze am Abend vor dem Release des Wotherspoon-Sneakers gekommen sein soll. Ob die Krawall-Suchenden aus dem Viertel kamen, ist nicht klar.

Während bei anderen Bekleidungsgeschäften im Viertel regelmäßig Scheiben beschmiert und eingeworfen werden, wirkt der Schuhladen, vor dem an diesem Abend Schlange gestanden wird, unversehrt. Das könnte an den schützenden Rollos liegen, die von einem Graffiti-Künstler bemalt wurden. Das Wandbild des in der Szene bekannten Paco Sanchez wurde bisher nicht angerührt.

Turnschuhe als Wertanlage

Wer nicht in der Nähe eines Ladens wohnt, dem bleibt das Campen vor dem Computer. Den betreffenden Schuh in einem Online-Shop zu ergattern, ist jedoch nicht leichter. Server stürzen zum Release regelmäßig ab, weil Leute aus der ganzen Welt auf die Seiten zugreifen, erzählt Günay. Ausgerüstet mit Smartphones würden auch viele Camper nebenbei versuchen, ein Paar der Turnschuhe online zu ergattern – auch ohne WLAN Hot-Spot.

Durch die hohe Nachfrage steigt der Wert der limitierten Treter über Nacht um das Vielfache. Einige Käufer treten deshalb nur als Zwischenhändler auf. Ist das Modell ein Deadstock – also ausverkauft, liegt ungetragen im Originalkarton und wurde nicht einmal anprobiert oder neu geschnürt – erzielt es den höchsten Preis.

Turnschuh-Fans sitzen in Schlafsäcken eingehüllt vor dem geschlossenen Geschäft.
Schlafende Sneakerheads schützen sich vor der Kälte. Foto: instagram.com/_size_eleven

In der Community wird der Weiterverkauf geduldet. „Wenn ich die Möglichkeit habe noch ein, zwei andere Paare zu kaufen, dann mache ich das natürlich, um meine eigene Sucht finanzieren zu können,“ sagt Günay. Allerdings gebe es Leute, die das ausschließlich machen – die nicht sammeln, sondern nur Geld verdienen wollen. Beim Weiterverkaufen spielt Vertrauen eine große Rolle. Mit sogenannten Legit-Checks bescheinigen sich Sneakerfans auf sozialen Plattformen gegenseitig ihre Zuverlässigkeit. Das Gefühl, für einen Turnschuh drei Tage lang angestanden zu haben, ist für Günay jedoch ein ganz anderes, als ihn jemandem für 300 Euro abgekauft zu haben.

An diesem Abend wollen die meisten Wartenden den bunten Turnschuh im roten Karton für sich selbst haben. Dafür müssen die Camper noch eine letzte Nacht auf der Straße verbringen. Sie haben ihre Schlafsäcke bis über den Kopf gezogen und schlafen angelehnt an die heruntergelassenen Rollos. Über sie wachen die Graffiti-Abbilder der verstorbenen Rapper und Basketballspieler Big Pun, Prodigy, Aaliyah, Nate Dogg, Drazen Petrovic und Anthony Mason ‒ Legenden der Szene. Nur noch elf Stunden, bis der Laden öffnet.

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Melina Deschke, geboren 1992, kommt aus dem Pott. In Hamburg hat sie sich schon 2013 verliebt, während einer Hospitanz bei der Gaming-Sendung „Reload“, die vom ARD-Digitalkanal „Einsplus“ ausgestrahlt wurde. Dort sammelte sie ihre ersten Erfahrungen im Videoschnitt. Bereits zuvor spielte sie bei einem Praktikum in der Redaktion von „Vorzocker“ beruflich Videospiele. In Düsseldorf studierte sie Kommunikationsdesign und fand heraus, dass sie lieber kommuniziert als designt. Für den Hochschulsender „Paradise Park“ berichtete sie von Kunst- und Kulturveranstaltungen. Im Falle einer Zombie-Apokalypse wird Melina zu den wenigen Überlebenden gehören: Für ihre Bachelorarbeit schaute sie mehr als 100 Zombie-Filme. Kürzel: meld