In Sankt Pauli wird auf Rollschuhen gedrängelt, geblockt und gerempelt: Roller Derby ist stellenweise brutal –und trotzdem ein reiner Frauensport. Zu Besuch bei den Blaue-Flecken-Sammlerinnen der Hamburg Harbor Girls.

Die Gegnerin erwischt Daniela Chmelik mit voller Wucht. Gerade stand sie noch breitbeinig auf ihren Rollschuhen auf dem Spielfeld, die Knie angewinkelt, die Arme auf die Oberschenkel gestützt. Jetzt taumelt sie, rudert mit den Armen. Fast hat Chmelik sich wieder gefangen, da kassiert sie von der anderen Seite einen Schulterstoß.

Daniela Chmelik kracht auf die Knieschoner, deren Plastik an vielen Stellen schon so zerschrammt ist, dass es eher grau als schwarz ist. Sie landet auf den Ellenbogenschonern und schlittert ein Stück über den Hallenboden. Ihre Gegenspielerin will sich durch die entstandene Lücke schlängeln, doch da hat sich Chmelik schon wieder aufgerappelt und rammt sie mit der Hüfte aus der Bahn.

In der Turnhalle an der Budapester Straße schenken sich die Spielerinnen an diesem Samstagabend keinen Punkt. Das liegt auch an der Sportart, die hier betrieben wird: Roller Derby, ein ruppiger Rollschuhsport aus den USA.

Heute steht das B-Team der Harbor Girls auf dem Platz. Die gesamte Winterpause lang haben die Frauen auf den Saisonauftakt hintrainiert; haben sich Spielzüge überlegt, das Wegrammen von Gegnern geübt und Runde um Runde an Schnelligkeit gewonnen. Ihre Gäste, die Hellveticats Luzern, sind an diesem Samstag aus der Schweiz angereist; das sind acht Stunden Fahrt, in denen die Gedanken ums Spiel kreisen. Beide Mannschaften wollen gewinnen, unbedingt.

Jeder der mattgrauen Kratzer an Danielas Knieschoner steht für diesen Willen, erzählt vom Hinfallen und Wiederaufstehen, vom Durchsetzen und Kämpfen, vom Durchhalten und Zähnezusammenbeißen. Die verkratzen Schoner, sie sind wie eine Analogie auf den Sport Roller Derby, der mehr Lebenseinstellung als Leibesertüchtigung ist.

Roller-Derby Spielerinnen warten
Zwei Harbor Girls warten auf der Bank auf ihren Einsatz. Foto: Tobias Zuttmann

Training in leeren Parkhäusern

Lange Zeit war Roller Derby in Deutschland ein Nischensport  – so speziell, dass es kaum Teams, wenige Fans und keine einheitlichen Regeln gab. Noch nicht einmal eine Halle für ihr Training hatten die Hamburgerinnen, als sie 2008 ihr Team gründeten.  „Roller Derby ist im Punk verwurzelt, das hat die etablierte Sportszene am Anfang ziemlich abgeschreckt“, sagt Daniela Chmelik. Die Hallenwarte befürchteten außerdem, dass die Rollschuhe Striemen auf dem Boden hinterlassen würden. Also übte das Team zunächst in leeren Parkhäusern und in einem ehemaligen Kaufhaus in Altona, im Sommer auch mal in Planten und Blomen.

Seit 2014 spielen die Frauen unter der Fahne des FC Sankt Pauli. Die von ihnen gegründete Roller-Derby-Abteilung im legendären Kiez-Verein ist mittlerweile auf über 100 Mitglieder angewachsen; Karten für die Spiele können Fans inzwischen im Internet bestellen.

Überall in Europa gewinnt Roller Derby an Fans. In Deutschland gibt es inzwischen 48 Teams, die seit Kurzem in einer eigenen Roller-Derby-Bundesliga aufeinandertreffen. Einmal schon wurde das A-Team der Harbor Girls Vizemeister, im vergangenen Jahr reichte es für Platz drei.

Drängeln, drücken, durchsetzen – um jeden Punkt

Auch beim Spiel des B-Teams in der Sporthalle an der Budapester Straße im Schatten des Sankt-Pauli-Stadions sind die Erwartungen der Fans hoch.

Auf dem von bunten Linien und Markierungen durchkreuzten Hallenboden haben Helferinnen vor dem Spiel mit gelbem Klebeband die ovale Rennbahn, den sogenannten „Track“ geklebt, auf der gegen den Uhrzeigersinn gefahren wird.

Die Spielerin, die innerhalb von zwei Minuten so viele Gegner wie möglich überholen muss, erkennt man am Stern auf dem Helm. Als sogenannte „Jammerin“ ist sie fürs Punkten zuständig. Ihre vier Teammitglieder – das „Pack“, englisch für Rudel – halten ihr als Blocker den Weg frei und versuchen wiederum, die gegnerische Jammerin am Punkten zu hindern.

Damit es dabei regelgerecht zugeht, umkreisen ständig fünf Schiedsrichter in zebraartig gestreiften Trikots das Spielgeschehen. Vom Rand aus kommentieren zwei Frauen in Rockabilly-Kleidern die Spielzüge, damit auch Neu-Begeisterte das in seinen Details komplexe Regelwerk nachvollziehen können. Über all dem liegen der säuerliche Geruch nach Putzmitteln, abgelegenen Turnmatten und altem Schweiß.

Hamburger Spielerin überholt Luzern
Ab durch die Mitte: Die Jammerin der Hamburg Harbor Girls versucht, die gegnerische Linie zu durchbrechen. Foto: Tobias Zuttmann

Anpfiff: neue Runde. Mit einem gezielten Hüftstoß räumt die Hamburger Jammerin „Big Bang“ eine Gegnerin um und drängt zwischen zwei Blockerinnen hindurch. Während die gegnerische Punktemacherin noch in der Abwehr festhängt, blinkt ihr Name rot auf der Leinwand neben dem Spielfeld auf. Jede Gegnerin, die sie ab jetzt überrundet, bringt einen Punkt. „Big Bang“ zieht ins Innere des Tracks und nimmt die Kurve so scharf, dass sie den linken Rollschuh heben muss, um nicht die Bahn zu schneiden.

Die Zuschauer springen von den Bänken auf, pfeifen und klatschen. Sie schwenken eine riesige rosafarbene Flagge, auf der ein Einhorn zu sehen ist und die schwarz-weiß-rote Fahne der Harbor-Girls hat, die jemand mit Panzertape an einem Besenstiel geklebt hat, an dem unten noch Borsten hängen. Die Rollschuhe surren über den Boden. „Big Bang“ rammt sich ein weiteres Mal durch das gegnerische Feld und deutet anschließend mit den Handkanten an ihre Hüfte – das Zeichen dafür, dass sie die Runde beendet und die Gegnerin so keine Punkte mehr holen kann.

Früher dauerte ein Match mehrere Tage

Zur Halbzeit führen die Hamburg Harbor Girls bereits 140 zu 40. Doch das Luzerner Team kommt mit mehr Biss aus der Pause zurück – ihren Vorsprung müssen die Hamburgerinnen jetzt erst einmal über die nächsten 30 Minuten halten.

Während seiner Anfangszeit in den 1930er Jahren dauerte ein Spiel statt einer Stunde, wie heute, oft mehrere Tage. Damals ähnelte der Sport langen Rollschuh-Marathons, bei denen das Team gewann, das am längsten auf dem Track durchhielt. Später entwickelte sich Roller Derby zu einer Art Wrestling weiter. In abgestimmten Choreographien crashten die Spielerinnen zusammen, rammten Gegnerinnen vom Track und rissen sich an den Haaren. Erst seit den 1990er Jahren ist Roller Derby tatsächlich Sport statt die Inszenierung – ein Sport mit Schweiß, Wutschreien, Tränen und vielen blau-grün-braunen Blutergüsse, die immer wieder unter Netzstrumpfhosen, Trikots und verrutschten Schonern hervorblitzen.

Verabschiedung vom Alltags-Ich

Spielerwechsel in Hamburg: Daniela Chmelik zieht die Haube  vom Helm und lässt sich auf die Ersatzbank plumpsen. Weil die zwei Minuten auf dem Track von den Spielerinnen alles fordern, werden sie nach einem Jam meist komplett ausgewechselt. Chmelik ringt mit offenem Mund nach Luft, ihre Haare kleben am Helm. Von ihrer Spielernummer 25, die sie sich vor dem Match auf den Arm gemalt hat, sind nur noch Schlieren zu sehen, das Gerangel und der Schweiß haben sie heruntergewaschen.

Auswechselspiel warten bei Roller-Derby
Durchatmen: Zwei Luzerner Spielerinnen verfolgen das Geschehen auf dem Track von der Auswechselbank aus. Foto: Tobias Zuttmann

Spielernummern sagen beim Roller Derby nichts aus – und dadurch eine Menge. Weil jede Spielerin sein darf, wer sie will, sind auch die Nummer und der Feldname frei gewählt. Schlüpft Daniela Chmelik in der Umkleide aus ihren Sneakern in die Rollschuhe, legt sie auch ihr Alltags-Ich ab. Sie wird von der freien Autorin Daniela zur blaue-Flecken-Sammlerin „Rüpel“. „Das ist so ein Wadenbeißer-Name, das fand ich originell“, sagt Daniela. Die gewählten Namen sollen die Spielerinnen stark machen, mutig klingen – und witzig. „Big Bang“ zum Beispiel ist auf dem Feld für ihre durchschlagenden Qualitäten als Jammerin bekannt, abseits des Tracks arbeitet sie als Physikerin.

Wiederentdeckt durch die feministische Punkbewegung

Nach seiner Hochphase in den 1960er Jahren geriet Roller Derby zunehmend in Vergessenheit. Erst in den 1990er Jahren entdeckte die feministische Punkbewegung den Sport für sich. Das sieht man dem Sport heute noch an: An einigen Helmen kleben Antifa-Sticker, manche Spielerinnen treten in Glitzerschminke oder Netzstrumpfhose auf. Und: Auf dem Track sind nur Frauen erlaubt. Männer feuern von der Bank aus an, schwenken Fahnen oder heizen die Stimmung als Cheerleader auf – mit Pompons und in knappen Höschen.

„Ich will nicht schlank sein, ich will stark sein.“

Auch wenn einige Vereine heute den Sport in den Vordergrund stellen: Geblieben ist der Gedanke, dass Frauen alles können.  Seit sie Roller Derby fährt, hat Daniela Chmelik ihre Prioritäten verlagert: „Ich will nicht schlank sein, ich will stark sein“, sagt sie. „Manchmal denke ich: Wenn mein Po noch ein bisschen dicker wär, dann hätte ich die Gegnerin gerade noch erwischt.“ Weil sie diese Werte miteinander teilen, ist die gegenseitige Wertschätzung zwischen den Sportlerinnen ist hoch. „In der Fußballmannschaft meines Vaters gibt es mehr Zickereien als bei uns.“

Ein klarer Sieg für das Hamburger Roller Derby Team

Der letzte Jam. An der Seitenlinie klemmt Daniela ihren Mundschutz in den Helmschlitz und hakt sich bei ihren Mitspielerinnen unter. Im Takt der heruntertickenden Sekunden stampfen sie mit den Rollschuhen auf den Hallenboden. Die Zuschauer auf den Rängen fallen ein, die Tribüne zittert. Jede heruntertickende Sekunde auf der Spieluhr ist wie ein Schlag, der durch die Halle geht. Dann ein langer Pfiff – Ende. Im Publikum explodieren Konfettikanonen explodieren, weiße Papierschnipsel kleben auf den Haaren der Zuschauer, der Tribüne, dem Track. Die Hamburger Spielerinnen umarmen sich, 268 zu 105 haben sie am Ende gewonnen. Applaus, abklatschen, Gruppenfoto, Umkleidekabine.

Zuschauer bei Roller Derby Spiel
Mit Konfetti, Fahnen und Bannern feiern die Zuschauer in der Sporthalle an der Budapester Straße die Spielerinnen und den Sport. Foto: Tobias Zuttmann

„Schade“, sagt Daniela Chmelik, zupft sich einen Konfetti-Schnipsel aus den Haaren und seufzt. „Es ist immer so ernüchternd, wenn man die Rollschuhe wieder auszieht und so ganz weltlich durch die Halle laufen muss.“ Aber in zwei Tagen ist ja schon wieder Training. Und Daniela wird wieder zu „Rüpel“ – der Blaue-Flecken-Königin und Blockerin mit den zerkratzten Knieschonern, an der kaum jemand vorbeikommt.

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Astrid Benölken, Jahrgang 1993, hat als Kind sogar die Erziehungsratgeber ihrer Eltern gelesen, wenn ihr die Lektüre ausging. Zu ihren Lieblingsbüchern zählen Klassiker von Goethe, aber auch neue Werke, wie die des Nobelpreisträgers Ishiguro. Für ihr Ressortjournalismus-Studium mit Schwerpunkt Kultur zog Astrid aus dem kleinen Ort Seppenrade im Münsterland ins bayerische Ansbach. Nach dem Studium reiste sie mit dem Rucksack durch Südamerika, Osteuropa und Indien. Als Journalistin hat sie schon für die „Westfälischen Nachrichten“, „Faz.net“, den „Bayerischen Rundfunk“ und die „Süddeutsche Zeitung“ gearbeitet – am liebsten zu Kulturthemen.

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