Trotz Arbeitsverbot dreht der iranische Regisseur Jafar Panahi weiter Filme. Nun wurde er mit dem Douglas Sirk Preis ausgezeichnet. Sein Roadmovie „Drei Gesichter“ ist eine kurvenreiche und tragische Fahrt ins Dorf seiner Eltern.

Behnaz Jafari ist eine iranische Schauspielerin und sehr bekannt. Ihre Fans schicken ihr oft Nachrichten. Diesmal ist es eine junge Frau, die in einer Videobotschaft über das Display ihres Handys mit ihr spricht – darüber, dass sie die Schauspielschule nicht besuchen darf. Sie steht in einer Höhle, hinter ihr sieht man einen Galgen. Das unbekannte Mädchen schluchzt, legt das Seil um seinen Hals und verabschiedet sich. Die Handkamera fällt.

Behnaz Jafari bittet ihren Freund, den Regisseur Jafar Panahi, um Hilfe. Sie machen sich in einem PKW auf die Suche nach dem Mädchen. Auf einer schmalen Bergstraße begegnen sie Kühen, geraten in eine traditionelle Hochzeitsfeier und lernen, wie sich die Einheimischen über die Autohupe verständigen. Im sehr von Traditionen geprägten Heimatdorf angekommen, kennt jeder das Mädchen, aber keiner möchte über das Geschehene reden. Hat sie sich wirklich umgebracht? Die Suche findet heimlich statt. So auch die Dreharbeiten zum Spielfilm „Drei Gesichter“.

Ein hoffnungsvolles Plädoyer für Menschlichkeit

Der iranische Regisseur Jafar Panahi darf seit 2010 keine Filme mehr im Iran produzieren. Trotzdem macht er weiter, im Verborgenen und auf Umwegen. Meist geht es in seinen Filmen um die gesellschaftlichen und politischen Zustände in seinem Land. „Drei Gesichter“ wurde im Nordwesten des Irans gedreht, der Heimat seiner Eltern und Großeltern. Hier kennt ihn niemand. Deshalb ist es auch möglich, endlich wieder einmal im Freien zu drehen. Die Aufnahmen zu seinen letzten Filmen „Dies ist kein Film“ und „Taxi Teheran“ fanden ausschließlich in Innenräumen statt.

Die Organisation und die Darstellung der eigenen Arbeit erfolgte über soziale Netzwerke. Diese spielen im Iran eine besonders große Rolle für politische Aufrufe und den Austausch von Nachrichten. Das betrifft vor allem junge Menschen, deren Familien dogmatisch an traditionellen Werten festhalten. Von der Suche nach Freiheit erzählt auch Panahis neuer Film „Drei Gesichter“.

Drei Generationen, drei Gesichter

Der Titel spielt auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Filmindustrie an. Das junge Mädchen Marziyeh, das darum kämpft, Schauspielerin werden zu dürfen, steht für die Zukunft. Die berühmte und erfahrene Schauspielerin Behnaz Jafari, die für ihren starken Charakter geschätzt wird, stellt die Gegenwart dar. Das dritte Gesicht, die Vergangenheit, ist Shahrzad, eine Schauspielerin aus der vorrevolutionären Ära des Landes. Shahrzad ist der Künstlername der Schauspielerin Kobra Saeedi, die im Iran durch ihre Rolle in Masoud Kimiais Film Noir „Queysar“ (1969) sehr bekannt ist. In anderen Filmen trat sie als Tänzerin auf.

In „Drei Gesichter“ bleibt Shahrzad verborgen. Wenn sie in ihrem Haus zu den Liedern der iranischen Sängerin Ahdieh tanzt, die in der vorrevolutionären Ära im Kabarett gespielt wurden, sieht man nur ihre Schatten. Der Zuschauer hört die Musik aus der Ferne. Die Dorfbewohner bezeichnen Shahrzad als „verdorbene Tänzerin“ und beschuldigen sie, den „Schauspiel-Unsinn“ in die Köpfe junger Mädchen zu pflanzen. Nach der Islamischen Revolution im Jahre 1979 floh sie aus der Stadt aufs Land. Mit dem Regisseur Jafar Panahi möchte sie nicht sprechen. Auch er sei einer der „verräterischen Personen“ in der iranischen Filmindustrie.

Jafar Panahi möchte am Beispiel von Shahrzad zeigen, wie wertvoll die Künstler dieser Zeit waren und sind. Auch und weil sie sich nicht den religiösen Anweisungen des Regimes fügen. Heute ist Shahrzad Autorin sowie Dichterin und lebt in Isfahan. Im Iran ist nicht allen kritischen Künstlern ein Berufsverbot auferlegt worden. Beispielsweise führte der bekannte Dramatiker Saeed Rad seine Karriere fort, nachdem er nach der Revolution nach Kanada auswanderte und 2000 in den Iran zurückkehrte.

Zwischen Traditionalismus und Modernismus

Trotz der hauptsächlich weiblichen Hauptrollen, wird die Dominanz des Mannes durch verschiedene Motive in „Drei Gesichter“ betont. Marziyehs Bruder ist psychisch labil und verbietet ihr, zu studieren. Ihr Verlobter, den die junge Frau auch in ihrer Videobotschaft erwähnt, ist oft auf Reisen, doch seine Macht über sie ist trotz seiner Abwesenheit groß: Ohne seine Zustimmung dürfe sie das Dorf nicht verlassen.

Auch der bekannte Schauspieler Behrouz Vossoughi, der in vorrevolutionären Filmen für männliche Dominanz stand, taucht in „Drei Gesichter“ auf. Ein Dorfbewohner zeigt Behnaz ein Poster des jungen Vossoughis und fragt, ob sie ihn noch kenne. Später überreicht er ihr die Vorhaut seines Sohnes. Sie soll sie dort begraben, wo erfolgreiche Personen gelebt haben. Dann werde auch der Sohn erfolgreich sein. Ein verbreiteter Aberglaube in iranischen Dörfern.

Eine Geschichte über Mut und Hoffnung

Immer wieder führt die Geschichte zurück zum Schicksal der jungen Frau aus der Videobotschaft. Marziyeh steht für viele junge Menschen, die ihre Träume nicht leben dürfen. Im Traditionalismus gilt es als verpönt, künstlerischen Berufen nachzugehen. Regisseur Jafar Panahi und die Schauspielerin Behnaz Jafari spielen sich selbst. Ein starkes Zeichen. Ihre Botschaft: Steht zu dem, was ihr darstellt. Im Abspann sind die Namen aller beteiligten Personen zu lesen. Das war beispielsweise in „Taxi Teheran“ anders.

Jafar Panahi war Teil der Protestbewegung „Grünen Welle“ im Jahre 2009. Kurz darauf durfte er das Land nicht mehr verlassen. Mit „Drei Gesichter“ gewann der iranische Regisseur diverse Preise, wie beispielsweise eine Goldene Palme in der Kategorie „Bestes Drehbuch“ bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes sowie den Douglas Sirk Preis im Rahmen des Filmfest Hamburg. Seine Tochter Solmaz Panahi nahm die Preise an seiner Stelle entgegen.

Ab dem 26.12.18 wird „Drei Gesichter“ in den deutschen Kinos gezeigt.

Vorheriger Artikel„Eine realistische Sicht darauf, wie Menschen sein können“
Nächster ArtikelRoadmovie in Eselschritten
Shahrzad Rahbari, Jahrgang 1994, vermisst seit ihrem ersten Tag in Hamburg Spätzle. Sie hat Dolmetschen und Übersetzen in Germersheim studiert, in der Nähe von Karlsruhe. Shahrzad spricht sechs Sprachen fließend – neben Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch auch Arabisch und Farsi. Für eine Reportage reiste sie durch das Heimatland ihrer Eltern, den historischen Iran, und porträtierte Einwohner und Orte. Ihre Begeisterung für das Schreiben entdeckte Shahrzad in ihrer Zeit bei dem HipHop-Magazin Rapspot, für das sie Album-Rezensionen schrieb und Rapper wie Talib Kweli und Tua interviewte. Auch in ihrer Freizeit hört sie am liebsten Rap. Ihr Traum: mit Kendrick Lamar die Straßen von Compton, einem Vorort von L.A., unsicher zu machen. Kürzel: sha