In Lucien Bourjeilys „Heaven Without People“, beim Filmfest für den Preis der Filmkritik nominiert, sitzt eine libanesische Familie beim Essen. Serviert werden Vorurteile, Sexismus, Rassismus und Korruption. Dabei geht es am Ende vor allem um die Suche nach Menschlichkeit. 

Ein reich gedeckter Tisch zu Ostern im libanesischen Beirut. Rund herum sitzen mehr oder weniger glückliche Familienmitglieder mehrerer Generationen, die sich endlich, nach zwei Jahren, beim Familienoberhaupt zusammengefunden haben. Die Gespräche drehen sich um Politik, Religion und Diskriminierung, anfangs ganz friedlich, doch als es plötzlich an der Tür klingelt, verändert sich die Stimmung. Der muslimische Vermieter, den Familienmutter Josephine (Samira Sarkis) sarkastisch „ISIS-Mitglied“ nennt, verlangt nach der monatlichen Miete. Doch wo ist auf einmal das Geld in ihrer Handtasche hin?

Und jetzt wird es kompliziert, weil das eigentlich auch die Ausgangslage schon ist: Die Familie am Tisch ist christlich, der Sohn ist mit einer Muslima zusammen, der Schwager drangsaliert seine Frau, das Dienstmädchen kommt aus Äthiopien und ist schwarz. In den Gesprächen der Familie geht es um Terror in Europa, die korrupte libanesische Regierung, um Fluchtgedanken und Patriotismus – und ums Geld. „Heaven Without People“ ist aber kein Lokaldrama, und das war auch nicht die Absicht von Regisseur und Autor Lucien Bourjeily: „Ich möchte nicht einfach nur eine Nachricht vermitteln, sondern Zuschauern die Frage stellen: Wie sehr findest du dich hier wieder?“

Der libanesische Regisseur Lucien Bourjeily spricht über die fatalen Folgen von Ignoranz. Foto: Shahrzad Rahbari
Der libanesische Regisseur Lucien Bourjeily spricht über die fatalen Folgen von Ignoranz. Foto: Shahrzad Rahbari

90 Minuten geht es in einer einzigen Wohnung dramatisch hin und her. Einem Zuhause, in der eine Familie zusammenfindet und sich doch eigentlich am wohlsten fühlen sollte. Die umherziehende Handkamera versetzt den Zuschauer mitten hinein.

Weltspiegel in vier Wänden

Hier werden nicht nur bunte Eier, liebevoll gefärbt, gepellt, sondern auch Familiengeheimnisse aufgedeckt, die der Einzelne vielleicht lieber unausgesprochen ließe. Der Bürgerkrieg liegt elf Jahre zurück, und noch immer lebt die Familie in einer veralteten Wohnung, in der man noch den Gasgenerator füllen muss.

Bourjeily nutzt das Familientreffen als Kristallisationspunkt, der enthüllen hilft, was in einer Gesellschaft zwischen Traditionalismus und Modernismus versteckt gehalten wird: „Jeder hat seine eigene Wahrheit in dieser Welt. Wie sollen wir diese verschiedenen Wahrheiten debattieren, wenn wir nicht über dasselbe sprechen?“ Solche Probleme hätten nicht nur die Libanesen, sagt der Regisseur. Braucht das äthiopische Dienstmädchen die große Geldsumme nicht am nötigsten? Ist sie nicht verdächtig? Und ist dieser Gedanke diskriminierend?

Der Film kommt ohne Musik aus. „Damit würde ich meinen Zuschauern Emotionen vermitteln, aber ich will eine authentische Aufnahme des Films und eine gewisse Nähe, die jeder individuell empfinden soll“, sagt Bourjeily.

Dialog, Sprache und Kultur im Vordergrund

Dialoge spielen die Hauptrolle in „Heaven Without People“, folgerichtig legte der Regisseur für die englische Untertitelung sogar selbst Hand an – und das ganze drei Monate lang. Schließlich sollen die Inhalte so wiedergegeben werden, dass sie in jeder Kultur verstanden werden.

Als Schauspieler suchte sich Bourjeily Menschen aus, die er kannte, vor allem von seiner Arbeit am Theater. Diverse Konversationen, die am Esstisch stattfinden, hat er selbst geführt, irgendwo, irgendwann. Es sei ihm darum gegangen, Menschen und Ideologien an einen Tisch zu setzen, idealerweise als Familie mit all ihren Fehlfunktionen: „Wir kehren unsere Probleme unter den Teppich und reden nicht darüber, bis sich alles anstaut und plötzlich ausartet“, sagt  Bourjeily, „was ich damit zeigen will ist, dass Ignoranz jeder Art die Probleme nicht aus der Welt schafft.“

„Heaven Without People“ wird am 02.10. um 19:00 Uhr im Studio und am 03.10. um 21:45 Uhr im Cinemaxx 2 gezeigt.

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Shahrzad Rahbari, Jahrgang 1994, vermisst seit ihrem ersten Tag in Hamburg Spätzle. Sie hat Dolmetschen und Übersetzen in Germersheim studiert, in der Nähe von Karlsruhe. Shahrzad spricht sechs Sprachen fließend – neben Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch auch Arabisch und Farsi. Für eine Reportage reiste sie durch das Heimatland ihrer Eltern, den historischen Iran, und porträtierte Einwohner und Orte. Ihre Begeisterung für das Schreiben entdeckte Shahrzad in ihrer Zeit bei dem HipHop-Magazin Rapspot, für das sie Album-Rezensionen schrieb und Rapper wie Talib Kweli und Tua interviewte. Auch in ihrer Freizeit hört sie am liebsten Rap. Ihr Traum: mit Kendrick Lamar die Straßen von Compton, einem Vorort von L.A., unsicher zu machen. Kürzel: sha